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Persönlichkeiten, die die Sozialbetreuung geprägt haben

Kommentar zum Fach Sozialbetreuung als Beruf

Erstellt am: 15.09.2026
Aktualisiert am: –

Kommentar: Die wichtigsten Vordenkerinnen und Vordenker der Sozialbetreuung – kurz erklärt und jeweils mit einem frei zugänglichen Online-Lesetipp zum Weiterlesen.

Erik Erikson

Erik H. Erikson (1902–1994) war ein deutsch-amerikanischer Entwicklungspsychologe. Bekannt wurde er durch seine Theorie der psychosozialen Entwicklung, die den gesamten Lebenslauf eines Menschen betrachtet („Die 8 Phasen der Persönlichkeitsentwicklung„). Entwicklung endet nicht mit der Kindheit, sondern Menschen müssen in jeder Lebensphase psychosoziale Entwicklungsaufgaben bewältigen. Dadurch lassen sich Verhalten, Identitätsentwicklung und Krisen besser verstehen und der jeweiligen Lebensphase zuordnen.

🔗 Online-Lesetipp: Autobiographic Notes on the Identity Crisis von Erik Erikson 🔗

Jean Piaget

Jean Piaget (1896–1980) war ein Schweizer Psychologe und Entwicklungsforscher. Er entwickelte eine einflussreiche Theorie darüber, wie sich Denken und Erkenntnis im Verlauf der kindlichen Entwicklung verändern. Für die Betreuung sind besonders seine Erkenntnisse zur kognitiven und sensomotorischen Entwicklung bedeutsam („Das kognitive Entwicklungsmodell„). Sie helfen dabei, Unterstützungs- und Lernangebote an den Entwicklungsstand eines Menschen anzupassen. Piagets Erkenntnisse beeinflussten später unter anderem Winfried Malls Konzept der sensomotorischen Lebensweisen.

🔗 Online-Lesetipp: Intellectual Evolution from Adolescence to Adulthood von Jean Piaget (1. Klick auf „Texte PDF“, 2. CAPTCHA bewältigen, 3. freien Text erhalten) 🔗

Ludwig von Bertalanffy

Ludwig von Bertalanffy (1901–1972) war ein österreichischer Biologe, Wissenschaftsphilosoph und Systemtheoretiker. Er wurde in Atzgersdorf bei Wien geboren und gilt als Begründer der Allgemeinen Systemtheorie. Seine Theorie ist eine wichtige Grundlage für systemisches Denken in der Betreuung. Der Mensch wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil verschiedener miteinander verbundener Systeme, zum Beispiel Familie, soziales Umfeld, Einrichtung und Gesellschaft.

🔗 Online-Lesetipp: On the history of Ludwig von Bertalanffy’s “General Systemology”, and on its relationship to cybernetics – part III: convergences and divergences, Bertalanffy Center for the Study of Systems Science 🔗

Georg Theunissen

Georg Theunissen (*1951) ist ein deutscher Heilpädagoge. Er hat zentrale Prinzipien moderner Behindertenarbeit theoretisch beschrieben, praktisch mitentwickelt und umgesetzt. Dazu gehören Enthospitalisierung, Sozialraumorientierung, Empowerment, Teilhabe, Selbstbestimmung. Gleichzeitig wandte er sich gegen rein verwahrende oder bevormundende Betreuungsformen, die er als „gefängnisartige Verwahrpsychiatrie“ und „Totale Institution“ beschreibt. Für bevormundende Betreuung verwendet Theunissen außerdem den Begriff „Paternalismus“.

🔗 Online-Lesetipp:Umgang mit schwerwiegendem herausforderndem Verhalten bei Erwachsenen mit komplexen Behinderungen – Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt in Baden-Württemberg“ von Georg Theunissen, S. 154ff, lebenshilfe.de 🔗

Erving Goffman

Erving Goffman (1922–1982) war ein kanadischer Soziologe, der später vor allem in den USA lehrte und forschte. Bekannt wurde er insbesondere durch seine Untersuchungen psychiatrischer Einrichtungen und sein 1961 erschienenes Werk Asylums (Asyle). Für die Betreuung ist Goffman vor allem wegen seines Begriffs der „Totalen Institution“ wichtig. Damit bezeichnete er Einrichtungen wie psychiatrische Anstalten oder Gefängnisse. Dort leben Menschen über längere Zeit von der Außenwelt getrennt, während nahezu alle Lebensbereiche von der Institution geregelt werden – zum Beispiel Wohnen, Essen, Arbeit, Freizeit und soziale Kontakte. Seine Kritik an solchen Strukturen beeinflusste die Entwicklung von Enthospitalisierung, Deinstitutionalisierung, Selbstbestimmung und personenzentrierter Betreuung. 

🔗 Online-Lesetipp: The Characteristics of Total Institutions von Erving Goffman, Informationssystem der Masaryk-Universität in Brünn/Tschechien 🔗

Stefan Doose

Stefan Doose ist ein deutscher Sozialpädagoge und Professor für Integration und Inklusion. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Persönliche Zukunftsplanung, unterstützte Beschäftigung und berufliche Teilhabe.

🔗 Online-Lesetipp: I want my dream! von Stefan Doose, bidok Universität Innsbruck (Klick auf den Titel unter „Dateien“) 🔗

Theodor Thesing

Theodor Thesing (1948-2015) war ein deutscher Sozialarbeiter. Er beschäftigte sich in seinen Veröffentlichungen mit Heilerziehungspflege, Behindertenpädagogik, pädagogischem Handeln und Wohnformen für Menschen mit geistiger Behinderung. In seinem Werk „Betreute Wohngruppen und Wohngemeinschaften für Menschen mit geistiger Behinderung“ beschreibt er grundlegende Leitideen und die praktische Gestaltung betreuter Wohnformen. Thesings Arbeiten behandeln zentrale Themen, die auch heute zum Kern sozialbetreuerischer Arbeit gehören: Selbstbestimmung, Normalisierung, pädagogische Beziehungsgestaltung, Wohnen, Alltagsbegleitung und die professionelle Rolle von Betreuungspersonen. Sein Buch über betreute Wohngruppen wurde für die Lehre sowie für die Planung und praktische Arbeit mit Menschen mit Behinderung geschrieben.

🔗 Online-Lesetipp: Die Lebensbedingungen behinderter Menschen in der Geschichte von Theodor Thesing 🔗

Christian Broda

Christian Broda (1916–1987) war ein österreichischer Justizminister. Er zählt zu den bedeutenden österreichischen Rechtsreformern des 20. Jahrhunderts. Seine Reformen veränderten die Rechte von benachteiligten Menschen, etwa im Familien-, Straf- und damaligen Sachwalterrecht. Sein Grundsatz „Helfen statt Strafen“ prägte den Gedanken der Resozialisierung im österreichischen Strafvollzug.

🔗 Online-Lesetipp: Strafrechtsreform — dritter Anlauf von Christian Broda 🔗

Niels Erik Bank-Mikkelsen

Niels Erik Bank-Mikkelsen (1919–1990) war ein dänischer Jurist und Sozialreformer. Als Leiter der dänischen Behindertenfürsorge setzte er sich maßgeblich für bessere Lebensbedingungen von Menschen mit intellektuellen Behinderungen ein. Er gilt als einer der Begründer des Normalisierungsprinzips.

🔗 Online-Lesetipp: The Adult Service – Changing Patterns in Residential Services for the Mentally Retarded 🔗

Bengt Nirje

Bengt Nirje (1924–2006) war ein schwedischer Sozialarbeiter. Er arbeitete das skandinavische Normalisierungsprinzip aus und verband es eng mit Menschenrechten und Selbstbestimmung.

🔗 Online-Lesetipp: The Normalization Principle And Its Human Management Implications von Bengt Nirje 🔗

Wolf Wolfensberger

Wolf Wolfensberger (1934–2011) war ein deutsch-amerikanischer Psychologe und Sonderpädagoge. Er brachte das skandinavische Normalisierungsprinzip nach Nordamerika und entwickelte es weiter. Mit seinem Konzept der Social Role Valorization wertete er soziale Rollen auf. Menschen mit Behinderungen sollen nicht als „ewige Kinder“ oder bloße Hilfeempfänger behandelt werden, sondern gesellschaftlich anerkannte Rollen und echte Teilhabe erhalten.

🔗 Online-Lesetipp: Social Role Valorization: A Proposed New Term for the Principle of Normalization von Wolf Wolfensberger 🔗

Walter Thimm

Walter Thimm (1936–2006) war ein deutscher Erziehungswissenschaftler, Soziologe und Behindertenpädagoge. Er machte das Normalisierungsprinzip im deutschsprachigen Raum bekannt und verankerte es fachlich. Er betrachtete Behinderung nicht nur als Eigenschaft eines Menschen, sondern beschäftigte sich mit ihren gesellschaftlichen Bedingungen.

🔗 Online-Lesetipp: Wege der Unterstützung für Familien behinderter Kinder von Walter Thimm 🔗

Erika Schuchardt

Erika Schuchardt (*1940) ist eine deutsche Bildungsforscherin. Sie wurde durch ihre Forschungen über Krisenverarbeitung bei Krankheit, Behinderung und anderen einschneidenden Lebensereignissen bekannt. Ihr 8-Phasen-Modell der Krisenverarbeitung zeigt, wie Menschen und ihre Angehörigen einschneidende Veränderungen verarbeiten können. Es hilft Fachkräften zu verstehen, warum in den einzelnen Phasen unterschiedliche Unterstützung notwendig sein kann.

🔗 Online-Lesetipp: Weiterbildung behinderter Mitbürger von Erika Schuchardt, Website von Erika Schuchardt 🔗

Andreas Fröhlich

Andreas Fröhlich ist ein deutscher Sonder- und Heilpädagoge. Er entwickelte ab den 1970er-Jahren die Grundlagen der Basalen Stimulation für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen. Seitdem werden Bewegung und basale Sinneserfahrungen gezielt in Betreuung, Förderung und Pflege einbezogen.

🔗 Online-Lesetipp: Zum Selbstverständnis des Konzeptes Basale Stimulation, Andreas Fröhlich, basale-stimulation.de 🔗

Winfried Mall

Winfried Mall ist ein deutsch-schweizerischer Diplom-Heilpädagoge. Er entwickelte das Konzept der Basalen Kommunikation. Sein Kommunikationsansatz ermöglicht es, mit Menschen in Kontakt zu treten, die keine Lautsprache oder üblichen Kommunikationszeichen verwenden. Dabei werden Körperbewegungen, Atmung, Körperspannung, Laute und andere Ausdrucksweisen als mögliche Signale verstanden und beantwortet.

🔗 Online-Lesetipp: Zum Selbstverständnis des Konzeptes Basale Stimulation, Andreas Fröhlich, basale-stimulation.de 🔗

Robert Perske

Robert Perske (1927–2016) war ein US-amerikanischer Theologe, Autor und Behindertenrechtsaktivist. Er setzte sich für die Rechte von Menschen mit intellektuellen Behinderungen ein. Mit seinem Konzept „Dignity of Risk“ – Würde des Risikos bzw. Recht auf Risiko – machte Perske deutlich, dass übermäßiger Schutz die Entwicklung, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe eines Menschen einschränken kann.

🔗 Online-Lesetipp: The Dignity of Risk and the Mentally Retarded von Robert Perske, blogs.uoregon.edu, University of Oregon 🔗

Charity Rowland

Charity Rowland (Geburtsjahr unbekannt) ist eine US-amerikanische Psychologin und Wissenschaftlerin. Sie entwickelte die Kommunikationsmatrix zur Einschätzung früher kommunikativer Fähigkeiten. Rowland versteht Kommunikation als eine Entwicklung in mehreren Stufen. Diese Entwicklung kann auch bei Menschen ohne Lautsprache systematisch eingeschätzt werden. In ihrem Fachartikel von 2011 beschreibt sie die Communication Matrix. Mit diesem Instrument können kommunikative Stärken von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen erfasst werden.

🔗 Online-Lesetipp: Die Kommunikationsmatrix – Ein Instrument zur Feststellung kommunikativer Kompetenzen von Charity Rowland 🔗

Irene Leber

Irene Leber (*1961) ist eine deutsche Sonderschullehrerin und Fachreferentin für Unterstützte Kommunikation. Sie entwickelte praxisorientierte Instrumente zur Einschätzung und Förderung kommunikativer Fähigkeiten. Für die Betreuung ist vor allem ihr Konzept „Kommunikation einschätzen und unterstützen“ wichtig. Es hilft Fachkräften festzustellen, auf welcher kommunikativen Entwicklungsstufe sich eine Person befindet und welche Formen der Unterstützung dazu passen.

🔗 Online-Lesetipp: Kommunikation einschätzen und unterstützen von Irene Leber, Uni Köln 🔗

So viele bedeutende Persönlichkeiten haben die Sozialbetreuung geprägt – Psychologinnen und Psychologen, Pädagoginnen und Pädagogen, Soziologinnen und Soziologen, Juristinnen und Juristen. Schade ist jedoch, dass es in der Sozialbetreuung selbst kaum bekannte Sozialbetreuerinnen und Sozialbetreuer gibt, die als fachliche Vorbilder und Role Models sichtbar sind. Die Seite fachsozialbetreuer.co.at will das ändern. Künftig werden im Ressort News sowie im Bereich Kommentarliteratur Sozialbetreuerinnen und Sozialbetreuer stärker sichtbar gemacht werden – mit ihren fachlichen Überlegungen, ihren Theorien, ihren Ideen zur Gestaltung von Betreuung und mit dem, was sie in der Praxis entwickelt, verändert oder erreicht haben.


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