Kommentar, Unterrichtsfach „Kultur- und Sozialgeschichte für die Fachsozialbetreuung“
18.03.2026
Kommentar: Die Pflege im Mittelalter war eng mit Religion verknüpft. Eine Trennung zwischen ärztlicher und pflegerischer Versorgung gab es nicht. Die Betreuung Kranker wurde von Klöstern, geistlichen Orden und heilkundigen Laien (zumeist Frauen) erbracht.
DAS WICHTIGSTE IN STICHWORTEN
Frühmittelalter (ca. 6. JH – ca. 11. JH. n. Chr.) und Hochmittelalter (ca. 11. JH – ca. 13. JH n. Chr.)
Ärzte: nur Männer, Frauen zur Ausbildung nicht zugelassen
Theorien: Humoralpathologie, Krankheit als Verunreinigung der Seele
Konzepte: weniger Hygiene als in der Antike, Diätetik, Isolation bzw. Quarantäne (Pest, Lepra)
Therapien: Fasten, Schröpfen, zur Ader lassen, pflanzliche Laxantien, Diuretika, Emetika, aber auch Beten und Buße (ins Heilige Land pilgern) als „reinigende“ Maßnahme
Pflege: die „Schwestern“ waren Nonnen, keine eigenständige professionelle Tätigkeit, klösterliche Einrichtungen und geistliche Ritterorden (Johanniter, Templer), Großteil im häuslichen Umfeld
Pflegerische Handlungen: Wundversorgung, waschen, Diätkontrolle
schuldgeprägtes Menschenbild: Behinderung und Krankheit als Prüfung bzw. Strafe
Erste Ansätze von Institutionalisierung: kirchlich-juristische Regelungen, „Regula Benedicti“ verpflichtete jedes Kloster zur Einrichtung eines eigenen Krankentrakts (Infirmarie)
Institutionen: Klöster, Pesthäuser, Siechhäuser (Isolation von Pest- und Leprakranken), Xenodochien (Aufnahme von Pilgern und Bedürftigen)
Organisationen: Kirchen, Klöster, geistliche Ritterorden
Beginen: erste emanzipatorisches Aufbegehren, wurden der Ketzerei bezichtigt und verboten
Bader: Körperpflege, Zähne ziehen, Aderlass, Ekzeme etc., Stand eines Handwerkers, später Wundarzt, Kirche lehnte „blutige Behandlungen“ ab
Hebammen: verfügten über pflanzenkundliches Wissen, ab dem Hochmittelalter zunehmend wachsende Verfolgung und Diskriminierung
WICHTIGE NAMEN
– Hildegard von Bingen
Das Mittelalter beginnt mit dem Untergang des antiken Roms. Mit Untergang des Weströmischen Reiches erstarkt die katholische Kirche und wird zur Staatsreligion ernannt. Damit einher ging das Verbot heidnischer Kulte. Als der letzte römische Kaiser abgesetzt wurde, saß bereits der erste Papst auf dem Heiligen Stuhl. Ab diesem Zeitpunkt werden alle religiösen Konzepte der Antike mitsamt dem Asklepioskult und der Verehrung der traditionellen Götter wie Jupiter, Mars, Venus und anderer verboten. Mit dem Übergang von antiken Glaubensvorstellungen zum Christentum veränderte sich alles – auch die Krankenpflege. War man bisher in den Asklepios-Tempel gegangen, um für Heilung zu beten, betete man nun in Kirchen zu einem Gott ohne Namen.
Die Kirche nahm von den Heiden und machte es sich zu eigen
Obwohl die Lehren der Antike von der christlichen Kirche als „Heidentum“ gekennzeichnet und weitgehend abgelehnt wurde, bildeten sie die Grundlage für das medizinische und pflegerische Verständnis des Mittelalters. Einerseits bezeichnete die Kirche die antiken Mediziner als Heiden, andererseits bedienten sie sich ihrer Lehren über viele Jahrhunderte hinweg. Die Medizin war geprägt von der Vier-Säfte-Lehre (Hippokrates)1) und der Elementelehre (Empedokles)2), zwei Lehren, die aus der griechischen Antike übernommen worden waren. Auch Praktiken aus der Volksmedizin fanden Einzug in die Medizin des Mittelalters. So wurde etwa die Signaturenlehre3) übernommen. Eine Lehre, die davon ausging, dass Aussehen oder Form von Pflanzen Hinweise auf ihre heilende Wirkung geben. Noch im Hochmittelalter wurden ihre Konzepte an Universitäten gelehrt. Zusätzlich wurde geschröpft, zur Ader gelassen, pflanzliche Laxantien zur Förderung der Darmentleerung eingesetzt (z. B. Rhabarberwurzel oder Sennesblätter), Diuretika zur Steigerung der Harnausscheidung verabreicht (z. B. Bärentraube oder Brennnessel) und Emetika zur Auslösung von Erbrechen verwendet (z. B. Brechwurzel). Auch Einläufe gehörten zu den gängigen Reinigungsverfahren. Es handelte sich dabei um Therapien, die – in modernisierter Form – bis heute zum pflegerischen Repertoire gehören.
Gesundheit durch seelische Reinigung
Im Mittelalter war das Menschenbild religiös geprägt: der Seele wurde die höchste Bedeutung zugemessen. Krankheit galt weniger eine körperliche Störung als eine Verunreinigung der Seele – in einem kranken Menschen verbarg sich etwas, das sein seelisches Gleichgewicht aus der Balance brachte. Pflegerische und medizinische Maßnahmen zielten daher in erster Linie auf seelische Reinigung und spirituelle Läuterung ab. Es wurde gebetet, Buße getan und Heilung durch göttliches Eingreifen erhofft. Hinzu kamen Methoden, die auf die Lehrer der Antike zurückgingen und im Laufe der Zeit weiterentwickelt wurden.
Erste Ansätze von Hygiene werden im Mittelalter zurückgedrängt
Hygiene, wie es sie in Ansätzen in der Antike gegeben hatte, spielte im Mittelalter keine Rolle mehr. Der Umstand, dass alles, was nicht christlich war, als heidnisch gekennzeichnet von der Kirche abgelehnt wurde, führte sogar so weit, dass selbst die regelmäßige Körperpflege kritisch betrachtet wurde. Die Bedeutung von Sauberkeit für die Gesundheit wurde übersehen. Dies führte zu einer völlig veränderten Weltanschauung: Während in der Antike körperliche Reinheit eng mit Wohlstand und Gesundheit verbunden war, rückte im Mittelalter die geistige und moralische Reinheit in den Vordergrund. Körperpflege galt als eitel und Krankheit nicht als Folge mangelnder Hygiene, sondern als Strafe Gottes. Hinzu kam der Zerfall urbaner Infrastrukturen nach dem Untergang des Römischen Reiches – Kanalsysteme, Badehäuser und Wasserleitungen verfielen oder wurden bewusst aufgegeben.
Die mangelhaften hygienischen Bedingungen begünstigten die Ausbreitung der Pest. Die sogenannte „Schwarze Pest“ (14. Jahrhundert) führte zu massiven Bevölkerungsverlusten in Europa und stellte die medizinische und pflegerische Versorgung vor enorme Herausforderungen. Pflegerische Maßnahmen bestanden vor allem in der Isolation Erkrankter sowie in religiösen Handlungen wie Gebet und Buße. Spezielle Einrichtungen wie Pesthäuser entstanden, um Infizierte von der übrigen Bevölkerung zu trennen und eine weitere Ausbreitung einzudämmen.
Die medizinische und pflegerische Praxis basierte nicht auf Evidenz sondern auf überlieferten Theorien und magischem Denken. Mit dem heutigen holistischen Menschenbild hatte dies nichts zu tun. Moderne Pflegemodelle berücksichtigen heute wieder psychosoziale, emotionale und spirituelle Dimensionen des Menschseins und erkennen an, dass diese einen entscheidenden Einfluss auf Gesundheit und Lebensqualität haben. Der Unterschied zum Menschenbild des Mittelalters ist, dass der heutige ganzheitliche Ansatz auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert.
Neben den klösterlichen Einrichtungen und den wenigen institutionellen Versorgungsformen fand der Großteil der Pflege im Mittelalter im häuslichen Umfeld statt. Diese Form der Laienpflege wurde überwiegend von Frauen getragen. Innerhalb der Familie übernahmen Mütter, Töchter und weibliche Angehörige die Versorgung Kranker, Alter und Sterbender. Sie kümmerten sich um Ernährung, Körperpflege, Wundversorgung und Begleitung im Alltag. Ihr Wissen basierte auf Erfahrung, Beobachtung und tradiertem Alltagswissen und wurde meist mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Die häusliche Pflege war damit ein zentraler Bestandteil der mittelalterlichen Gesundheitsversorgung, blieb jedoch gesellschaftlich wenig sichtbar und wurde nicht als eigenständige professionelle Tätigkeit anerkannt.
Das Kloster als Hospital
Pflege im Mittelalter war eng mit dem klösterlichen Leben verbunden. Gegen Ende des Frühmittelalters wurden kirchlich-juristische Regelungen geschaffen, die die Krankenfürsorge institutionalisierten. Die „Regula Benedicti“, die Mönchsregel des Benedikt von Nursia4), forderte von Ordensangehörigen Barmherzigkeit gegenüber Kranken und verpflichtete jedes Kloster zur Einrichtung eines eigenen Krankentrakts, der sogenannten Infirmarie. Diese Regelung wurde durch das Konzil von Aachen5) im Jahr 809 bestätigt. Letzteres legte fest, dass jedes Kloster und jedes Stift über ein Spital verfügen sollte.
Es entstanden Infirmarien, Siechenhäuser und Xenodochien. Siechenhäuser dienten der Isolierung und Versorgung von Menschen mit ansteckenden Krankheiten wie Lepra. Xenodochien waren Herbergen, die neben der Aufnahme von Pilgern und Bedürftigen auch medizinische Betreuung anboten. Diese Einrichtungen wurden häufig entlang von Pilgerwegen errichtet und boten Reisenden Schutz und Pflege. Neben den Klöstern engagierten sich auch geistliche Ritterorden wie die Johanniter, der Deutsche Orden oder die Templer in der Krankenversorgung. Sie gründeten Spitäler in Europa und im Heiligen Land (Jerusalem, Betlehem, Nazareth), in denen nicht nur verwundete Ritter, sondern auch Kranke, Arme und Pilger gepflegt wurden. Hintergrund dafür war, dass viele Menschen aus religiöser Verehrung ins Heilige Land reisten, um Buße zu tun. Anders als im muslimischen Glauben waren die christlichen Pilgerfahrten ins Heilige Land keine allgemeine Pflicht für alle, sondern eine besonders verdienstvolle Form der Frömmigkeit.
Die „Schwestern“ – die Urmütter der PflegerInnen
„Schwestern“ lebten als Nonnen in klösterlichen Gemeinschaften und verwirklichen ihren Glauben durch Gebet, Arbeit und den Dienst am Nächsten. Schon im Frühmittelalter spielten sie eine wichtige Rolle in der Versorgung von Kranken, Pilgern und Bedürftigen. Später arbeiteten die „sorores“ (lat. „Schwestern“) in Hospitälern oder Infirmarien innerhalb oder nahe den Klöstern. Diese Frauen begründeten eine Tradition weiblicher Fürsorgearbeit, die sich im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelte – von den benediktinischen Sorores über die Hospitaliterinnen bis zu den Barmherzigen Schwestern der Neuzeit. Die Bezeichnung „Schwester“ ist seither tief mit dem Ideal christlicher Pflege und tätiger Nächstenliebe verbunden und ist in Heimen und Spitälern noch immer zu hören.
Hebammen und Bader – verachtet und verdächtigt
Was die Kirche ablehnte, waren blutige Behandlungen. Das Konzil von Tours im Jahr 1163 untersagte Klerikern ausdrücklich chirurgische Operationen, da das Verursachen von Blutungen als unvereinbar mit dem geistlichen Amt angesehen wurde. Infolgedessen entstand der Beruf des Baders, der außerhalb der kirchlichen Strukturen operierte. Der Bader arbeitete in Badehäusern, vergleichbar mit den Thermen der Antike, und führte dort verschiedene medizinische Praktiken wie Aderlässe, Schröpfen, das Ziehen von Zähnen und die Behandlung von Wunden aus. Menschen besuchten das Badehaus, um sich der Körperpflege und der Kosmetik zu widmen, sich zu erfrischen und in einem geselligen Umfeld Kontakte zu knüpfen. Die Badehäuser entwickelten sich zu sozialen Treffpunkten, an denen gegessen, getrunken und Gespräche geführt wurden.
Der Kirche waren Badehäuser jedoch ein Dorn im Auge. Obwohl sie deren Existenz duldeten, ließen kirchliche Autoritäten keine Gelegenheit aus, um gegen sie zu predigen. Die Bäder galten als Orte der Unsittlichkeit. Priestern war es verboten, eine öffentliche Badestube aufzusuchen. Diese Haltung führte dazu, dass das Baden in der christlichen Lehre zunehmend als sündhaft betrachtet wurde. Einflussreiche Kirchenväter wie Augustinus erklärten, ein Bad pro Monat sei gerade noch mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren. Trotz dieser Kritik blieb das gemeinschaftliche Baden bis in die frühe Neuzeit hinein beliebt.
Bader genossen zwar nicht das Ansehen eines Arztes – im Gegenteil, sie wurden häufig als Angehörige eines „unehrlichen“ Berufsstandes betrachtet – dennoch waren sie für die ärmere Bevölkerung oft die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Beschwerden. Der Bader hatte den sozialen Stand eines Handwerkers. Später entwickelte sich daraus der Wundarzt, aus welchem sich wiederum der Beruf des Chirurgs entwickelte.
Neben den Badern übernahmen auch die Hebammen wichtige Aufgaben in der Bevölkerung. Frauen, die über pflanzenkundliches Wissen verfügten, gerieten jedoch zunehmend in den Verdacht der Hexerei. Der Wunsch der Kirche, dieses Wissen für sich nutzbar zu machen, führte ab dem Hochmittelalter zu wachsender Verfolgung und Diskriminierung. Diese Entwicklung kulminierte in der Frühen Neuzeit zu einem wahren Schlachtfest, bei dem Frauen als Hexen diffamiert und einer wahnhaften, kirchlich geprägten Justiz ausgeliefert wurden, welche sie folterte, vergewaltigte und bei lebendigem Leibe verbrannte.
Die wahre kulturelle Aneignung: Wie weibliches Wissen unsichtbar gemacht und als männliches Eigentum vereinnahmt wurde
„Wenn eine Frau alleine denkt, so denkt sie Böses.“
Malleus Maleficarum, 1487, Heinrich Kramer
Dem Schlachtfest voraus ging der „Hexenhammer“, ein kirchlich-juristisches Werk, das im Jahr 1487, also gegen Ende des Mittelalters, vom Prediger Heinrich Kramer verfasst wurde und maßgeblich zur Legitimation der Hexenverfolgung beitrug. Kramer stellte Frauen als dumm, promiskuitiv, betrügerisch, eifersüchtig und besonders anfällig für Zauberei dar und lieferte in seinem Pamphlet detaillierte Anleitungen für deren Verfolgung. In weiterer Folge wurden zwischen 60.000 bis 100.000 Frauen Opfer einer Justiz, die sie unter Folter zu falschen und dazu auch noch lächerlichen Geständnissen zwang und auf dem Scheiterhaufen hinrichtete. Auch Männer wurden als Hexer und Zauberer verurteilt, doch waren diese im Vergleich zu den Frauen in der Unterzahl. Diese systematische Vernichtung weiblichen Wissens hinterließ tiefe Spuren in der europäischen Geschichte.
Mit der Gründung erster Universitäten im Hochmittelalter (12. Jahrhundert) wurde die Medizin zunehmend akademisiert – und Frauen ausgeschlossen. Eine Gesellschaft, die seit nunmehr 1500 Jahren einer Religion angehörte, die Frauen systematisch unterdrückte und nicht davor zurückschreckte, sie zuerst als Märchenfiguren zu diffamieren, um sie im nächsten Schritt dafür bei lebendigem Leib zu verbrennen, hat natürlich kein Interesse daran, dass eine Frau womöglich das gleiche Ansehen genießen könnte wie ein Mann.
Obwohl Frauen in bestimmten Regionen und zu bestimmten Zeiten (etwa an der Schule von Salerno) Zugang zu medizinischer Bildung hatten, blieb ihnen in vielen Teilen Europas der Weg zur ärztlichen Profession verwehrt. Selbst wenn sie an Vorlesungen teilnehmen durften, war ihnen der Abschluss als Medizinerin nicht möglich. Stattdessen wurden sie auf pflegerische Tätigkeiten beschränkt. Diese strukturelle Benachteiligung führte dazu, dass das uralte medizinische Wissen von Frauen häufig übernommen, aber offiziell nicht als ihr Wissen anerkannt wurde. Ihre Beiträge zur Heilkunde wurden systematisch marginalisiert, ihre Expertise floss ohne entsprechende Würdigung in die männlich dominierte Medizin ein.
Beginen: Die erste Emanzipationsbewegung ging von „Pflegerinnen“ aus
Infolge dieser Entwicklungen beschlossen einige Frauen ab dem 12. Jahrhundert, sich in Beginengemeinschaften zu organisieren. Diese Gemeinschaften übernahmen seelsorgerische und krankenpflegerische Tätigkeiten. Anders als in anderen Ordensgemeinschaften genossen die Frauen viele Freiheiten, weshalb einige Historiker das Beginentum als die erste Emanzipationsbestrebung der Geschichte betrachten. Die Beginen widersetzten sich der Frauenfeindlichkeit vieler Kirchenväter des Mittelalters. Vermutlich genau aus diesem Grund wurden sie mit dem Konzil von Vienne 1311 verboten. Sie wurden einfach der Ketzerei bezichtigt und verurteilt.
Sozialgeschichtliche Hintergründe
Menschen im hohen Lebensalter sowie Menschen mit Behinderungen lebten im Mittelalter nicht außerhalb der Gesellschaft. Mit Inklusion hatte dies jedoch nichts zu tun, sondern vielmehr damit, dass die Gemeinschaft sich der sozialen Abhängigkeit in hohem Maße bewusst war und ihr gesamtes Leben darauf ausrichtete. Auch Menschen mit Behinderungen und Menschen im hohen Lebensalter leisteten ihren Beitrag und arbeiteten, soweit es möglich war, im Haushalt, im Handwerk oder in der Landwirtschaft mit[6]. Diese Einbindung erfolgte nicht aus einem Teilhabegedanken, sondern aus einer gemeinschaftlichen Notwendigkeit heraus.
Aus Sicht der Kirche galt Behinderung einerseits als göttliche Prüfung, Fügung oder Strafe, zugleich wurde sie jedoch als Anlass gesehen, Mitgefühl und Barmherzigkeit zu praktizieren. Das führte einerseits zu Formen der Fürsorge (Armenhäuser, Klöster), andererseits aber auch zu Stigmatisierung, moralischer Bewertung und sozialer Herabsetzung in der Bevölkerung.
Menschen, die nicht in ein soziales Netz eingebunden waren, blieb oft nichts anderes übrig als zu betteln[7]. Betteln wurde im frühen Mittelalter akzeptiert, vor allem dann, wenn jemand sichtbar arm, krank, alt oder behindert war. Christliche Almosenpraxis gehörte zur Sozialordnung, und die Armen galten lange als legitime Empfänger von Barmherzigkeit.
Im Spätmittelalter nahm die Kontrolle jedoch zu. Städte begannen stärker zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen zu unterscheiden[6]. Bettler konnten ab dieser Zeit zurückgewiesen, vertrieben oder bestraft werden, besonders wenn sie als fremd, arbeitsfähig oder betrügerisch galten. Der Beginn der Stigmatisierung setzte jedoch erst mit der Ersten Industriellen Revolution ein, als Arbeitsfähigkeit zum Maßstab gesellschaftlicher Teilhabe wurde.
Quellen:
- Vier-Säfte-Lehre, planet-wissen.de
- Elementelehre, fuernitz-apotheke.at
- Signaturenlehre, wikipedia
- Benedikt von Nursia, wikipedia
- Konzil von Aachen, wikipedia
- historicengland.org.uk, Disability in time and place
- werkstattgeschichte.de, Disability in the Middle Ages and Cultural History
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