Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Grundzüge und Prinzipien der Akut- und Langzeitpflege inklusive Pflegetechnik (GKPF)
Erstellungsdatum: 12.03.2025
letzte Aktualisierung: 24.05.2026
Zu den Kompetenzen der Pflegeassistenz gehören das Blutzucker messen und das Spritzen von Insulin. Die Pflegeassistenz kennt die Normwerte, weiß, wann und wie diese ermittelt werden und kennt die modernen Formen der Therapien von Diabetes aussehen.
Das muss die Pflegeassistenz über Diabetes, Blutzucker messen und Insulin spritzen wissen:
➤ Die Normalwerte von Blutzucker definieren und interpretieren können.
➤ Normale und pathologische Nüchtern- und postprandiale Blutzuckerwerte unterscheiden können.
➤ Erhöhte Blutzuckerwerte erkennen und einordnen können (Prädiabetes, Diabetes).
➤ Die Blutzuckermessung korrekt durchführen können.
➤ Insulin richtig spritzen können.
➤ Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit Nadeln und Insulinpens beachten.
➤ Das Hormon Insulin und seine Funktion im Körper verstehen.
➤ Die Rolle von Insulin bei der Blutzuckerregulation erklären können.
➤ Den Zusammenhang zwischen Insulinmangel, Glucoseaufnahme und Zellstoffwechsel erläutern.
➤ Die Bedeutung von Insulin für Energiegewinnung und Stoffwechsel verstehen.
➤ Diabetes mellitus als Erkrankung verstehen und unterscheiden können.
➤ Symptome, Ursachen und Risikofaktoren von Diabetes erkennen.
➤ Komplikationen wie Ketoazidose oder diabetisches Koma identifizieren.
➤ Die Diagnostik von Diabetes nachvollziehen können.
➤ Mögliche Folgeerkrankungen von Diabetes kennen.
➤ Die rechtlichen Grundlagen zum Umgang mit Nadeln und Insulin kennen.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Pathologie: Was ist Diabetes? 💡🧩 🪢
Insulin spritzen
1. VORBEREITUNG
- Händehygiene: Gründliches Desinfizieren der Hände.
- Material bereitlegen: Insulinpen, Insulinampulle (falls nötig), Alkoholtupfer und ein geeigneter Abwurfbehälter (Sicherheitsbox) für gebrauchte Nadeln.
• Insulinspritzen sind nicht mehr im Einsatz (Nadelstichverordnung)
• Pen / Sicherheitsnadeln - Insulin kontrollieren: 6-R-Regel! Sicherstellen, dass die richtige Insulinsorte verwendet wird und das Medikament nicht abgelaufen ist. Mischinsulin durch sanftes Rollen oder Kippen der Ampulle gleichmäßig vermischen (das gilt für alle trüben Insuline).
- Dosierung prüfen: Die korrekte Dosierung gemäß ärztlicher Anordnung einstellen.
2. AUSWAHL DER INJEKTIONSSTELLE
- Geeignete Stellen sind der Bauch (2–3 cm vom Bauchnabel entfernt), die Oberschenkelaußenseite und die Oberschenkelvorderseite. Der Oberarm ist weniger gut geeignet, da hier ein höheres Risiko für eine Injektion in den Muskel besteht.
- Wichtig ist, die Injektionsstellen regelmäßig zu wechseln (Rotationsprinzip), um Lipohypertrophien (Gewebewucherungen) zu vermeiden.
Bilder:
Insulin Spritzkalender – focus-gesundheit.de
3. HAUTVORBEREITUNG
- Normalerweise reicht eine saubere Haut aus; bei besonderen hygienischen Anforderungen kann die Stelle mit einem Alkoholtupfer desinfiziert werden (den Alkohol vollständig trocknen lassen, um Brennen zu vermeiden).
4. INSULIN INJIZIEREN
- Den Pen richtig halten. FALSCH: Weit unten wie einen Stift, am vorderen Ende in der Nähe der Nadel: Das verunmöglicht, den Auslöser am oberen Ende des Pens zu drücken. RICHTIG: Es gibt mehrere Arten, den Pen richtig zu halten. Eine davon ist das Fassen des Pens im hinteren Drittel mit drei Fingern – der Daumen liegt auf einer Seite, Zeige- und Mittelfinger auf der anderen. Der Auslöser wird bei dieser Haltetechnik mit dem Zeigefinger ausgelöst.
- Die Haut an der Injektionsstelle leicht anheben (z. B. bei dünnen Patienten) und die Nadel im 90-Grad-Winkel einstechen. Bei sehr schlanken Patienten kann ein 45-Grad-Winkel sinnvoll sein.
- Den Insulinpen oder die Spritze langsam und gleichmäßig auslösen.
- Nach dem Injizieren die Nadel etwa 5–10 Sekunden in der Haut belassen, um sicherzustellen, dass das gesamte Insulin abgegeben wurde.
Anbei 4 Videos zum Thema Insulininjektion. In den Videos ist sehr schön zu erkennen, welche unterschiedlichen Haltetetechniken es gibt. Wenn du nur Zeit für ein einziges Video hast, dann sieh dir das letzte an (vom Asthmazentrum). Hier zeigt ein Junge, wie er sich sein Insulin spritzt – eines der besten Praxisvideos – besser als die Profi-Anleitungen.
Videos:
Insulininjektion mit dem Pen – Pflege Kanal
Insulininjektion mit dem Pen – ambulant bloggt
Wie spritzt man richtig Insulin – Catalin Nechita
Wie benutze ich einen Insulin-Pen? – Asthmazentrum
5. NACHSORGE
- Die Nadel vorsichtig entfernen und in einer Sicherheitsbox entsorgen.
- Händehygiene nach der Injektion erneut durchführen.
6. DOKUMENTATION
- Die verabreichte Insulindosis, die Uhrzeit und die Injektionsstelle in der Pflegedokumentation festhalten.
Blutzucker messen
1. VORBEREITUNG
- PatientIn informieren
- Beachten:
- ob die PatientIn nüchtern ist oder bereits gegessen hat
- wann zuletzt Insulin oder blutzuckersenkende Medikamente eingenommen wurden
- künstlicher Bluter?
- Sport? (beschleunigt die Insulinwirkung)
- Emesis, Diarrhoe?* (Blutzucker kann entgleisen, Zuckerverlust, Hypoglykämie)
- Kontrolle: richtiger Zeitpunkt laut Anordnung?
- Welche Grenzwerte wurden vom Arzt festgesetzt? Wann wird wie viel Insulin gespritzt?
- Hygiene beachten:
- Handschuhe tragen
- Material bereitlegen:
- Blutzuckermessgerät
- Teststreifen (geeignet für das Gerät)
- Stechhilfe / Sicherheitslanzette
- Tupfer (bei Bedarf)
- Alkoholtupfer (optional, je nach Hygienevorschrift)
- Sicherheitsbox / Kanülenabwurfbehälter
Früher lernte man, dass ein Alkoholtupfer beim Blutzuckermessen obligatorisch ist, nach dem heutigen Stand der Wissenschaft ist dies nur dann notwendig, wenn die Patientin vor einer Messung schmutzige Handarbeiten verrichtet hat (s. Thieme).
Bei künstlichen Blutern darf eine kapilläre Blutzuckermessung grundsätzlich durchgeführt werden, wenn sie angeordnet ist. Die PatientIn kann aber länger oder stärker nachbluten, weil diese Medikamente die Blutgerinnung hemmen. Antikoagulanzien beziehungsweise Thrombozytenaggregationshemmer werden eingesetzt, um Blutgerinnsel zu verhindern, erhöhen aber zugleich die Blutungsneigung. Wichtig ist daher: Nach dem Stich wird die Einstichstelle mit einem Tupfer länger nachgedrückt, bis die Blutung sicher aufgehört hat. Man darf die Stelle danach nicht unbeobachtet lassen.
2. AUSWAHL DER RICHTIGEN PUNKTIONSSTELLE
- Fingerbeere:
- Seitlich der Fingerbeere ist der Stich ideal, da dort die Durchblutung gut ist und die Entnahme weniger schmerzhaft ist als an der Fingerkuppe.
3. DURCHFÜHRUNG DER MESSUNG
Schritt 1: Vorbereitung der Stechhilfe und des Teststreifens
- Teststreifen korrekt in das Blutzuckermessgerät einlegen (Anweisungen des Herstellers beachten)
- Stechhilfe mit einer neuen sterilen Sicherheitslanzette bestücken und die Tiefe der Punktion anpassen (je nach Hautdicke des Patienten)
INFO: Warum du als Pflegekraft auf die Arbeit mit einer Sicherheitslanzette Wert legen solltest, kannst du unter „Nadelstichverordnung“ im Fach Recht für die Pflegeassistenz nachlesen.
Schritt 2: Vorbereitung der Haut
- Hände des Patienten reinigen: Mit Seife und warmem Wasser waschen, um Schmutz und Rückstände (z. B. Zucker von Lebensmitteln) zu entfernen. Danach gut trocknen. (Achtung: Kalte Hände können die Durchblutung beeinträchtigen. Deshalb Hände immer mit warmem Wasser waschen.)
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Vasodilatation oder Vasokonstriktion: Was passiert, wenn die Hände vor dem Blutzuckermessen mit kaltem Wasser gewaschen werden? 💡🧩 🪢
Schritt 3: Blutentnahme
- Desinfektion
- Wähle eine seitliche Stelle an der Fingerbeere.
- Mit der Stechhilfe einen kleinen Tropfen Blut erzeugen.
- Wichtig: Nicht zu fest quetschen, um das Blut herauszubekommen. Dies kann das Blut mit Gewebeflüssigkeit verdünnen und die Messung verfälschen.
Schritt 4: Messung
- Den Teststreifen an den Blutstropfen halten, sodass dieser von allein in den Teststreifen „gesaugt“ wird.
- Das Messgerät zeigt den Blutzuckerwert nach wenigen Sekunden an.
4. NACHBEREITUNG
- Patientenstelle reinigen: Blutreste mit einem sauberen Tupfer abtupfen, falls nötig.
- Gebrauchte Lanzette und Teststreifen ordnungsgemäß entsorgen (Sicherheitsbox!).
- Gerät und Zubehör nach Hygienestandards reinigen.
- Weiterleiten:
- < 70 mg/dl inklusive gesetzte Maßnahme (Kohlenhydrate geben)
- typische Symptome (Heißhunger, Zittern, Unruhe, Aggression, Schwindel, Emesis, Nausea, Bewusstsveränderungen in Verbindung mit Tachykardie)
- ≥ 250 mg/dl
- typische Symptome (Polydipsie, Polyurie, Müdigkeit, Schwindel, Zittern, Emesis, Nausea, azetonartiger Atemgeruch, Bewusstsveränderungen
- fehlerhaftes Gerät weiterleiten
- Messung verweigert
- Einstichstelle blutet stark nach
ZEITPUNKT DER MESSUNG
Nüchternblutzucker: Nach mindestens 8 Stunden Fasten (vor dem Frühstück).
Postprandialer Blutzucker: Etwa 2 Stunden nach einer Mahlzeit.
Bei Symptomen: Bei Verdacht auf Unterzuckerung (Hypoglykämie) oder Überzuckerung (Hyperglykämie) jederzeit.
Messprotokoll führen: Notiere die Blutzuckerwerte zusammen mit dem Messzeitpunkt und weiteren relevanten Informationen (z. B. vor/nach Mahlzeit, Insulindosis, besondere Umstände – Blutzuckerkurve)
FEHLERQUELLEN VERMEIDEN!
Verunreinigte Hände: Zuckerreste auf der Haut können die Werte verfälschen.
Zu wenig Blut: Eine unzureichende Blutmenge kann zu Fehlermeldungen führen.
Teststreifen richtig lagern: Streifen müssen trocken und bei Raumtemperatur gelagert werden.
Die Normalwerte
Die Blutzuckerwerte werden in mg/dl (Milligramm pro Deziliter) oder mmol/l (Millimol pro Liter) gemessen.
Umrechnungsfaktor:
- mg/dl ÷ 18 = mmol/l
- mmol/l × 18 = mg/dl
Nüchternblutzuckerwerte
Diese Normwerte richten sich nach der Plasma-Glucose nach 8 Stunden Fasten. Beim normalen Blutzuckermessen mit dem Fingerstich wird nicht direkt im Blutplasma, sondern im kapillären Vollblut gemessen. Viele moderne Blutzuckermessgeräte zeigen den Wert aber plasmaäquivalent an. Das bedeutet: Das Gerät misst zwar kapilläres Blut, rechnet den Wert aber so um, dass er ungefähr mit einem Laborwert aus Plasma vergleichbar ist.
Mit dem Blutzuckermessgerät gemessen:
• Normal: bis 100 mg/dl (ca. 5,6 mmol/l)[1]
• Erhöhtes Risiko (Prädiabetes): 101–125 mg/dl (ca. 5,6–6,9 mmol/l)[1]
• Diabetes: ≥ 126 mg/dl (7,0 mmol/l) an 2 Tagen[1]
• akute Hyperglykämie: > 250 mg/dl[2]
Eine erstmalige Diabetesdiagnose kann nicht allein durch eine häusliche Blutzuckermessung gestellt werden, sondern muss durch eine Laborbestimmung aus venösem Blut beziehungsweise venösem Plasma ärztlich gesichert werden.
Postprandiale Blutzuckerwerte
Blutzuckerwert nach dem Essen, 2 Stunden nach einer Mahlzeit, mit dem Blutzuckermessgerät gemessen:
- Normal: bis zu 140 mg/dl (7,8 mmol/l)[3]
- Erhöhtes Risiko (Prädiabetes): bis 199 mg/dl (11,0 mmol/l)[3]
- Diabetes: ≥ 200 mg/dl (11,1 mmol/l)[3]
Der ÖDG nennt den Therapie-/Zielwert bei Menschen mit Diabetes postprandial unter 180 mg/dl.[4]

Etwa 2 Stunden nach einer Mahlzeit sollte der Blutzuckerspiegel bei gesunden Menschen wieder auf einen normalen Bereich gesunken sein. Bei einem Blutzuckerwert ≤ 140 mg/dl arbeitet der Zuckerstoffwechsel normal. Die Pankreas produziert ausreichend Insulin und die Zellen reagieren adäquat; sprich, die Glucose aus der Nahrung wird effektiv reguliert. Werte über 140 mg/dl deuten auf eine gestörte Glucosetoleranz hin (Prädiabetes), und Werte über 200 mg/dl sprechen für Diabetes mellitus.
FACHAUSDRÜCKE DIE DIE PFLEGEASSISTENZ KENNEN UND NUTZEN SOLLTE
| Bezeichnung | Beschreibung |
|---|---|
| Fingerbeere | Fingerkuppe |
| kapillär | aus dem Kapillargefäß |
| Lanzette | Punktionsnadel |
| mg/dl | Milligramm pro Deziliter |
| mmol/l | Millimol pro Liter |
| Nüchternblutzucker | Blutzuckerwert nach mindestens 8 Stunden Fasten (vor dem Frühstück) |
| Plasma-Glucose | Glucose im Blutplasma |
| postprandial | nach dem Essen, nach einer Mahlzeit |
| Sicherheitslanzette | Sicherheits |
| Stechhilfe / Sicherheitslanzette | Blutentnahme-Nadel |
| subcutan | in das Unterhautfettgewebe |
| Tupfer | Wundkompresse |
| Vollblut | Gesamtblut |
Quellen:
[1] Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) (2019): Diabetes mellitus. Leitlinien für die Praxis. S. 10 Kurzfassung. Ausgabe 2019. Wien: Österreichische Diabetes Gesellschaft. Online verfügbar unter: https://www.oedg.at/pdf/OEDG_Pocket_Guide_2019-07.pdf (Zugriff: 25. Mai 2026)
[2] Hofer et al. (o.J.): Gemeinsames Positionspapier der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG), der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) und der Arbeitsgruppe für pädiatrische Endokrinologie und Diabetes Österreich (APEDÖ). S.3. Online verfügbar unter: https://www.oedg.at/pdf/1812-positionspapier.pdf (Zugriff: 25. Mai 2026).
[3] Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) (2019): Diabetes mellitus. Leitlinien für die Praxis. S. 20 Kurzfassung. Ausgabe 2019. Wien: Österreichische Diabetes Gesellschaft. Online verfügbar unter: https://www.oedg.at/pdf/OEDG_Pocket_Guide_2019-07.pdf (Zugriff: 25. Mai 2026)
[4] Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) (2022) Diabetes verstehen. Gesundheitsratgeber. 9. aktualisierte Auflage. S. 40; Zielwerte. Wien: MedMedia Verlag und Mediaservice Ges.m.b.H. Verfügbar unter: https://www.oedg.at/pdf/Ratgeber_Diabetes_2022_pub.pdf (Zugriff: 29. Mai 2026).
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