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Breathomics: Der Atemgeruch verrät die Erkrankung

Kommentar, Fach „Grundzüge und Prinzipien der Akut- und Langzeitpflege inklusive Pflegetechnik (GKPF)“, Thema „Atmung beobachten“

28.01.2026

Atem ist mehr als Luft: Er trägt Moleküle aus Stoffwechsel, Entzündung und Verdauung nach außen. Manchmal entsteht daraus ein Geruch, der Fachpersonen aufmerksam werden lässt. Für die Pflegeassistenz ist das kein „Diagnosewerkzeug“, aber ein wertvoller Beobachtungsbefund, der dokumentiert werden sollte.

Von Hippokrates bis „Breathomics“: Riechen als Teil der klinischen Beobachtung

Schon in der Antike galt der Geruch von Körperausscheidungen als Hinweis auf Krankheit. In der medizinischen Tradition wird beschrieben, dass Hippokrates im 5. Jh. v. Chr. Beobachtungen am Atemgeruch in die Beurteilung von Patienten einbezog. In späteren Jahrhunderten blieb das Riechen Teil der körperlichen Untersuchung, auch wenn es zur Diagnose allein nicht ausreichte.

In der Moderne verschob sich der Fokus zunehmend auf Messbares: Linus Pauling zeigte Anfang der 1970er Jahre, dass die Atemluft zahlreiche flüchtige Substanzen enthält, die mit analytischen Methoden nachweisbar sind[1]. Damit begann eine Entwicklung, die heute als Atemanalyse beziehungsweise „Breathomics“ bekannt ist[5].

Parallel dazu gibt es bis heute beeindruckende Beispiele aus der „biologischen Sensorik“: Studien zeigen, dass trainierte Hunde bestimmte Krankheitsmuster in Atemproben erkennen können, etwa bei Lungenkrebs[2]. Das stützt die Idee, dass Erkrankungen charakteristische Geruchssignaturen hinterlassen können. Für den Pflege- und Betreuungsalltag bedeutet das vor allem eines: Wahrnehmungen sind ernst zu nehmen, aber immer in den Gesamtkontext einzuordnen.

Ein auffällig unangenehmer Atemgeruch ist meist ein Krankheitszeichen

Ein auffälliger Atemgeruch kann viele Ursachen haben, von harmloser Mundtrockenheit bis zu schweren Stoffwechselentgleisungen. Entscheidend ist, dass Geruch allein niemals eine Diagnose beweist, aber einen klinischen Verdacht stärken kann – wenn er zu den Symptomen und zu der Situation passt.

Die folgenden Geruchsqualitäten werden in der Praxis häufig als auffällig beschrieben und sollten als Beobachtungsbefund ernst genommen werden:

  • Ein Azetongeruch, der an Nagellackentferner erinnert, kann bei schwerer Stoffwechselentgleisung im Rahmen einer diabetischen Ketoazidose auftreten[3]. In diesem Kontext ist das ein Warnsignal, besonders wenn zusätzlich tiefe, angestrengte Atmung, Übelkeit, Bauchschmerzen oder Bewusstseinseintrübung vorkommen.
  • Ein Ammoniak- oder „urinartiger“ Geruch kann im Zusammenhang mit erhöhten Ammoniakwerten vorkommen, unter anderem bei fortgeschrittener Lebererkrankung; hier zählt vor allem das Gesamtbild (neurologische Veränderungen, Müdigkeit, Ikterus, Blutungszeichen)[6].
  • Ein erdiger, muffig-süßlicher Geruch, der mitunter als „Foetor hepaticus“ beschrieben wird, gilt als Zeichen schwerer Leberfunktionsstörung und tritt typischerweise in fortgeschrittenen Stadien auf[7].
  • Ein Eitergeruch kann bei bakteriellen Infektionen vorkommen, vor allem wenn eitriges Sekret vorhanden ist[8].
  • Ein fischiger, teils stechender Geruch, der als „Foetor uraemicus“ beschrieben wird, wird mit Urämie im Rahmen schwerer Niereninsuffizienz in Verbindung gebracht[9].
  • Ein säuerlicher oder bitterer Geruch kann bei Sodbrennen, Reflux oder gelegentlich auch bei Gastritis vorkommen. Magenursachen sind dabei jedoch insgesamt seltener als viele vermuten[11].

Pflegeassistenz in der Praxis: Wann anwenden, wie dokumentieren, wie kommunizieren

Für die Pflegeassistenz ist der Atemgeruch ein Beobachtungsbefund, der in eine strukturierte Einschätzung einfließt. Der Tätigkeitsbereich der Pflegeassistenz umfasst ausdrücklich die Beobachtung des Gesundheitszustands sowie Information, Kommunikation und Begleitung[4]. Daraus ergibt sich die professionelle Aufgabe, Auffälligkeiten wahrzunehmen, zu beschreiben, zu dokumentieren und im Team weiterzuleiten.

Praktisch bewährt sich eine sachliche, überprüfbare Sprache. Eine hilfreiche Dokumentation benennt Zeitpunkt, Intensität, Geruchsqualität, Begleitsymptome und Kontext, zum Beispiel Mundpflege, Nahrung, Alkohol, Fasten, Erbrechen, Fieber, Sekret, Medikation oder bekannte Diagnosen. Ebenso wichtig ist, festzuhalten, an wen die Information weitergegeben und welche Maßnahmen veranlasst wurden, etwa zusätzliche Vitalzeichenkontrolle oder Rücksprache mit DGKP/Ärztin bzw. Arzt.

Die Information direkt an Patienten weiterzugeben erfordert Fingerspitzengefühl. Eine Pflegeassistenz sollte keine Diagnose formulieren, weil Geruch immer nur ein Hinweis ist. Gleichzeitig darf sie beobachtete Veränderungen ansprechen, wenn es dem Wohl der Person dient. In der Praxis ist eine Formulierung sinnvoll, die bei der Beobachtung bleibt, zum Beispiel: „Mir ist ein auffälliger Atemgeruch aufgefallen, und ich möchte das zur Sicherheit im Team weitergeben.“ Danach kann die Person ermutigt werden, Beschwerden zu schildern, und es kann angeboten werden, ärztliche oder pflegerische Abklärung zu organisieren. Wenn die Person fragt, „was das ist“, sind allgemeine Informationen möglich, aber individualisierte medizinische Einschätzungen sollten den zuständigen Fachpersonen überlassen werden.

Besonders wichtig ist ein klares Vorgehen bei Warnzeichen. Ein deutlich azetonartiger Atemgeruch mit reduzierter Allgemeinverfassung, starker Atemarbeit, Verwirrtheit oder Erbrechen ist nicht „nur Mundgeruch“, sondern ein akuter Notfall! Bei stark faulig-eitrigem Geruch mit Fieber, Atemnot oder eitrigem Auswurf zählt ebenfalls eine schnelle Reaktion – in diesem Fall die schnelle Weitergabe an den Gehobenen Dienst.

Atemgeruch kann ein wertvoller Hinweis sein, wenn er professionell als Beobachtungsbefund behandelt wird. Die Pflegeassistenz stärkt mit ihrer Beobachtungsgabe die Patientensicherheit, indem sie wahrnimmt, beschreibt, dokumentiert und eskaliert, ohne zu diagnostizieren.

Quellen:
[1] Smelling the Disease: Diagnostic Potential of Breath Analysis, National Library of Medicine
[2] Sniffer dogs can identify lung cancer patients from breath and urine samples, National Library of Medicine
[3] Was passiert bei einer Überzuckerung? Diabetesinformationsportal
[4] Tätigkeitsbereich der Pflegeassistenz, RIS
[5] Human Breathomics Database
[6] Breath and blood ammonia in liver cirrhosis, National Library of Medicine
[7] Foetor hepaticus, DocCheck Flexikon
[8] Lungenabszess, MSD Manuals
[9] Foetor uraemicus, Wikipedia
[10]
[11] Magenschleimhautentzündung, Netdoktor


Beitragsbild: ©pixabay.com, @Ennaej