Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Grundzüge und Prinzipien der Akut- und Langzeitpflege inklusive Pflegetechnik (GKPF)
Erstellungsdatum: 12.03.2025
Letzte Aktualisierung: 25.05.2026
Zu den Kompetenzen der Pflegeassistenz gehören unter anderem das Messen des Blutzuckers und das Verabreichen von Insulin. Damit diese Tätigkeiten fachgerecht durchgeführt werden können, muss die Pflegeassistenz auch mit den unterschiedlichen Insulinarten und deren jeweiliger Wirkung umgehen können.
Das muss die Pflegeassistenz über Diabetes, Blutzucker messen und Insulin spritzen wissen:
➤ Die Normalwerte von Blutzucker definieren und interpretieren können.
➤ Normale und pathologische Nüchtern- und postprandiale Blutzuckerwerte unterscheiden können.
➤ Erhöhte Blutzuckerwerte erkennen und einordnen können (Prädiabetes, Diabetes).
➤ Die Blutzuckermessung korrekt durchführen können.
➤ Insulin richtig spritzen können.
➤ Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit Nadeln und Insulinpens beachten.
➤ Das Hormon Insulin und seine Funktion im Körper verstehen.
➤ Die Rolle von Insulin bei der Blutzuckerregulation erklären können.
➤ Den Zusammenhang zwischen Insulinmangel, Glucoseaufnahme und Zellstoffwechsel erläutern.
➤ Die Bedeutung von Insulin für Energiegewinnung und Stoffwechsel verstehen.
➤ Diabetes mellitus als Erkrankung verstehen und unterscheiden können.
➤ Symptome, Ursachen und Risikofaktoren von Diabetes erkennen.
➤ Komplikationen wie Ketoazidose oder diabetisches Koma identifizieren.
➤ Die Diagnostik von Diabetes nachvollziehen können.
➤ Mögliche Folgeerkrankungen von Diabetes kennen.
➤ Die rechtlichen Grundlagen zum Umgang mit Nadeln und Insulin kennen.
Insulin: Definition
Zellen benötigen Energie, um ihre Funktion zu erfüllen; Immunzellen zum Beispiel benötigen Energie, um gegen Krankheitserreger vorgehen zu können. Zucker und Sauerstoff sind die zwei Hauptenergiequellen des Körpers. Wenn kein Insulin vorhanden ist, kann Glucose nicht in die Zellen gelangen – die Körperzellen verhungern. Insulin wirkt wie ein „Schlüssel“, der die „Türen“ an den Zellmembranen öffnet, damit Glucose aus dem Blut in die Zellen aufgenommen werden kann. Ohne Insulin bleibt die Glucose im Blut, was zu einem Hyperglykämie führt.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Anatomie: „Was sind die Hauptaufgaben der Zelle?„💡🧩 🪢
• ist ein Hormon, Bauchspeicheldrüsenhormon
• Name leitet sich davon ab, dass es in den Langerhans-Inseln der Pankreas gebildet wird (Insel – Insulaner – Insulin)
• ist ein Protein, deshalb kann es nicht einfach oral eingenommen werden, es würde im Verdauungstrakt durch Enzyme in seine Bestandteile zerlegt werden
• kann nur subcutan injiziert werden.
• reguliert den Glucosestoffwechsel
• ist das einzige blutzuckersenkende Hormon im Körper
• wird v. a. bei Typ-1-Diabetes verwendet (sonst orale Diabetika)
• früher wurde Insulin aus Schweinen und Rindern gewonnen, heute haben sich zunehmend Humaninsuline durchgesetzt
🪢 🧩💡 In welche 3 Hauptgruppen werden Kohlenhydrate eingeteilt? 💡🧩 🪢
Wann muss ein Diabetiker Insulin zuführen?
• Typ-I-Diabetes
• Typ-II-Diabetes kann unter Umständen ausreichend durch eine Diät sowie oralen Antidiabetika erfolgreich therapiert werden
• wird Insulinproduktion jedoch unzureichend, muss auch Typ-II Insulin spritzen
• Um dem Diabetiker eine größere Freiheit im Lebensrhytmus zu ermöglichen, bevorzugt man heute immer mehr die funktionelle Insulintherapie
Funktionelle Insulintherapie (intensivierte Insulintherapie)
• flexibler
• beinhaltet in der Regel 4 bis 5 Injektionen täglich
• besteht aus einem Basisinsulin (langwirksam) zur Deckung des Grundbedarfs und einem Bolusinsulin (schnellwirksam) vor den Mahlzeiten
• Dosierung des Bolusinsulins wird an den aktuellen Blutzuckerwert und die geplanten Kohlenhydrate angepasst
• Patienten können essen, was und wann sie möchten, da Insulindosierung individuell abgestimmt
• um die richtige Menge Insulin zu spritzen ist es von Erfordernis, einerseits vorher den Blutzucker zu bestimmen andererseits die Nahrungseinfuhr zu berechnen. Die sportliche Leistung ist mit einzubeziehen (schnellerer Wirkeintritt).
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Nenne die Symptome, die sowohl bei Hyperglykämie als auch bei Hypoglykämie auftreten können💡🧩 🪢
Insulindosierung
Insulin wird nicht in Milligramm dosiert, sondern in Internationalen Einheiten. Diese Einheiten geben an, wie stark beziehungsweise wie viel Insulin wirksam ist.
• internationale Einheiten (IE)
• Es gibt heute nur mehr 1 ml Lösung = 100 IE
• Daraus folgt:
0,1 ml = 10 IE
0,2 ml = 20 IE
0,5 ml = 50 IE
1 ml = 100 IE
Wichtig: Die Pflegeassistenz rechnet im Alltag nicht frei mit Millilitern herum, sondern arbeitet mit Insulinpens oder Insulinspritzen, auf denen die Einheiten eingestellt oder abgelesen werden. Wenn also zum Beispiel 8 IE Insulin verordnet sind, werden 8 Einheiten eingestellt beziehungsweise aufgezogen.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Wann darfst du Insulin spritzen?💡🧩 🪢
Arten von Insulinen
• schnellwirksame Insuline (Bolusinsulin)
• Verzögerungsinsuline (Mischinsulin)
• Langwirksame Insuline (Depotinsulin)
• Normalinsuline (Alt-Insulin)
Schnellwirksame Insuline (Bolusinsulin)
• sofort wirkend (10 Minuten nach Injektion)
• stärkste Wirksamkeit nach 30 bis 90 Minuten
• gesamte Wirkung hält etwa 3 Stunden an
• klare, farblose Flüssigkeit
Verzögerungsinsuline (Mischinsulin)
• enthalten eine Kombination aus schnell- und langwirksamem Insulin
• Injektionen erfolgen meist 2 x tgl., morgens und abends, nach einem festen Schema
• Patienten, die diese Therapieform anwenden, müssen ihre Mahlzeiten strikt planen und eine gleichbleibende Menge an Kohlenhydraten essen, um Unterzuckerungen zu vermeiden
• Flüssigkeit milchig-trüb
Langwirksame Insuline (Depotinsulin)
• 1x täglich wird ein langwirksames Insulin gespritzt
• deckt den Grundbedarf (Basalbedarf) ab
• eignet sich häufig für Typ-2-Diabetiker, die noch eine ausreichende Insulinproduktion haben, oder als Ergänzung zu anderen Antidiabetika
• Flüssigkeit kann sowohl klar und farblos als auch milchig-trüb sein
Normalinsuline (Alt-Insulin, schnellwirksam)
• Wirkung nach 15 bis 30 Minuten
• deshalb 10 bis 20 Minuten vor dem Essen spritzen
• stärkste Wirksamkeit nach 2 Stunden
• Wirkdauer 4 bis 6 Stunden
• klare, farblose Flüssigkeit
Jede dieser Therapieformen erfordert eine Schulung und ein gutes Verständnis der Insulinwirkung, insbesondere für die funktionelle Insulintherapie, die regelmäßige Blutzuckermessungen und eine aktive Mitwirkung der Patienten voraussetzt.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: „Insulin spritzen: Wie gehst du vor?„💡🧩 🪢
Die Zeit bis zum Wirkeintritt hängt aber nicht nur von der Art des Insulins ab
• Ort der Injektion: am schnellsten Bauch, langsamster Wirkeintritt bei Injektion in den Oberschenkel
• Injektion in den Oberarm ist zu vermeiden – wird sonst intramuskulär gespritzt (dünne Fettschicht kann verfehlt werden – beschleunigt bzw. verstärkt die Wirkung des Insulins deutlich)
• Muskelarbeit: (z. B. beim Sport) Beschleunigung der Insulinwirkung
Spritz-Ess-Abstand (Bolus-Ess-Abstand)
Durch das Einhalten eines zeitlichen Abstands zwischen Insulingabe und Essen kann eine Hyperglykämie nach dem Essen (sog. „postprandiale“ Anstiege) verhindert werden. Wird ein Spritz-Ess-Abstand eingehalten, wirkt das Insulin bereits, wenn die Glukose aus der Nahrung ins Blut kommt. Dadurch kann der Glukosewert im Blut nicht so stark ansteigen. Als Richtwert kann man sagen, dass sich der Spritz-Ess-Abstand je nach gemessenem Blutzuckerwert verkürzt (<70 mg/dl nicht spritzen, nur essen!), der individuell sinnvolle Spritz-Ess-Abstand sollte aber mit dem Arzt abgeklärt werden.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Nenne die Symptome, die speziell bei Hyperglykämie auftreten💡🧩 🪢
Spritz-Essabstand zu groß, zu früh gespritzt
• Die Zeit zwischen Insulinspritze und Mahlzeit muss genau eingehalten werden. Wie groß der Spritz-Ess-Abstand definitiv sein muss, wird von der ÄrztIn festgelegt und im Insulin- beziehungsweise Therapieplan dokumentiert. Die Pflegeassistenz muss diese Vorgabe kennen und einhalten.
• Hinweise des Herstellers beachten
• Wenn die Insulinspritze gleichzeitig mit dem 1. Frühstück gesetzt wird und das Insulin einige Zeit braucht, um in die Blutbahn zu gelangen, kann der Blutzuckeranstieg nach dem Frühstück nicht abgefangen werden – Hyperglykämie (die u.U. den ganzen Tag anhält)
• Eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) tritt auf, wenn der Spritz-Essabstand zu groß ist: Das Insulin wurde bereits gespritzt und beginnt schon zu wirken, aber die Kohlenhydrate aus der Mahlzeit sind noch nicht ausreichend im Blut angekommen. Dadurch senkt das Insulin den Blutzucker, bevor neuer Zucker aus dem Darm aufgenommen wird.
Beispiel:
Eine Person spritzt sich vor dem Mittagessen Insulin. Danach wird sie abgelenkt und beginnt erst 45 Minuten später zu essen. Das Insulin wirkt in dieser Zeit bereits blutzuckersenkend. Da aber noch keine Kohlenhydrate aus der Mahlzeit aufgenommen wurden, kann der Blutzucker zu stark absinken. Es kommt zu einer Hypoglykämie.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Nenne die Symptome, die speziell bei Hypoglykämie auftreten?💡🧩 🪢
Weitere Beispiele für eine Hypoglykämie durch falsche Anwendung der Insulinspritze:
| Situation | Was passiert? Risiko für? |
|---|---|
| Zu früh gespritzt / Spritz-Ess-Abstand zu groß | Insulin wirkt schon, bevor Kohlenhydrate im Blut angekommen sind → Hypoglykämie |
| Zu viel Insulin gespritzt | Insulinmenge ist höher als für die gegessenen Kohlenhydrate nötig → Hypoglykämie |
| Zu wenig gegessen nach dem Spritzen | Insulin ist vorhanden, aber es kommt zu wenig Zucker nach → Hypoglykämie |
| Mahlzeit ausgelassen oder verspätet | Das Insulin wirkt weiter, aber es fehlt die geplante Zuckerzufuhr → Hypoglykämie |
| Mehr Bewegung als üblich ohne Anpassung der Insulin- oder Kohlenhydratzufuhr | Muskelzellen verbrauchen mehr Glukose → Hypoglykämie |
| Alkohol | Die Leber kann weniger gut Zucker ins Blut abgeben, besonders nachts – Hypoglykämie und nüchtern werden dauert länger, dadurch können Symptome einer Hypoglykämie mit Alkoholisierung verwechselt werden |
Lagerung von Insulin
• im Kühlschrank
• in Gebrauch befindliche Insulinflasche kann man bei Raumtemperatur aufbewahren, allerdings vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt
• 6-R-Regel! Verfallsdatum beachten
• Anbruchdatum auf die Ampulle schreiben
Insulin: Das muss die Pflege beachten
- Blutzucker regelmäßig kontrollieren (vor Insulingabe und je nach Schema)
- Spritz-Ess-Abstand einhalten (zu früh → Hypoglykämie, zu spät → Hyperglykämie)
- richtige Insulinart beachten (klar vs. trüb [Pen vor Gebrauch rollen], Wirkbeginn, Wirkdauer)
- Injektionsstellen wechseln (Hautveränderungen vermeiden)
- korrekte Injektionstechnik beachten (subkutan, nicht intramuskulär)
- Injektionsort berücksichtigen (Bauch → Wirkung schneller, Oberschenkel → Wirkung langsamer)
- Sport / Bewegung beachten (→ beschleunigt Insulinwirkung → Hypoglykämie-Risiko!)
- Ernährung beachten (Kohlenhydratmenge muss zur Insulindosis passen)
- 6-R-Regel, Verfallsdatum und Anbruchdatum beachten
- Dosierung in IE kontrollieren (Fehldosierung vermeiden, Gefahr: Blutzuckerentgleisung – Hypoglykämie bei Überdosierung, Hyperglykämie bei zu geringer Dosierung)
- Notfallmanagement kennen (Hypoglykämie sofort behandeln → schnelle Zuckerzufuhr!)
- Information der PatientInnen sicherstellen
- Bei hohem Blutzuckerwert über 250 mg/dl auf Sport verzichten![1]
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Welche Erste Hilfe Maßnahmen setzt du bei Hypoglykämie?💡🧩 🪢
FACHAUSDRÜCKE ZUM THEMA INSULIN, DIE DIE PFLEGEASSISTENZ KENNEN UND NUTZEN SOLLTE
fett = besonders wichtig
| Bezeichnung | Beschreibung |
|---|---|
| Bolusinsulin | schnellwirksmes Insulin |
| Depotinsulin | langwirksames Insulin |
| Glucose | Zucker |
| Hyperglykämie | erhöhter Blutzucker |
| Hypoklykämie | Unterzucker |
| Mischinsulin | Verzögerungsinsulin |
| Normalinsuline | Alt-Insulin, schnellwirksam |
| Pankreas | Bauchspeicheldrüse |
| Protein | Eiweiß |
| subcutan | ins Unterhautfettgewebe |
Quellen:
[1] Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) (2022): Diabetes verstehen. Gesundheitsratgeber. S. 44, 9. aktualisierte Auflage. Wien: MedMedia Verlag und Mediaservice Ges.m.b.H. Online verfügbar unter: https://www.oedg.at/pdf/Ratgeber_Diabetes_2022_pub.pdf (Zugriff: 25. Mai 2026).
Bildquellennachweis: pixabay, @Myriams-Fotos