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Formen von Behinderung

Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Behindertenarbeit


Erstellt am: 22.09.2025
Aktualisiert am: 15.06.2026

Definition „Behinderung“

Nach § 1 Bundesbehindertengesetz (BBG)[1] liegt eine Behinderung vor, wenn eine körperliche, kognitive, psychische oder Sinnesbeeinträchtigung länger als 6 Monate andauert und die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft wesentlich einschränkt. Das gilt ausdrücklich auch für innere Erkrankungen, wenn sie zu dauerhaften Funktionsbeeinträchtigungen führen.

Formen von Behinderung: Ăśberblick

Menschen mit…

• körperlicher Behinderung
• kognitiver Behinderung / Lernbehinderung
• psychischer Behinderung
• Sinnesbehinderung
• Behinderung durch innere Erkrankungen

Körperliche Behinderungen

Arten von körperlicher Behinderung

  1. Schädigungen des Zentralnervensystems (z.B. infantile Cerebralparese, Spina bifida, Querschnittlähmung)
  2. Schädigungen des Bewegungsapparates (Glasknochenkrankheit)
  3. Schädigung durch chronische Krankheiten (Diabetes, MS)

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Was ist das Zentrale Nervensystem?💡🧩 🪢

Bewegungsstörungen

Bewegungsstörungen sind in vielen Fällen auch Wahrnehmungsstörungen!

Beispiele:
• Cerebralparese (spastische Lähmungen)
• Muskeldystrophien
• Spina bifida (offener Rücken)
• Multiple Sklerose

Bewegung ist immer von Wahrnehmungsprozessen (z.B. Gleichgewicht, Körpergefühl, visuelle Orientierung) abhängig. Wenn die Bewegungssteuerung beeinträchtigt ist, sind meist auch sensorische Rückmeldungen verändert. Umgekehrt kann auch eine Wahrnehmungsstörung (z.B. Gleichgewichtsstörung) zu Bewegungsunsicherheit führen.

Tonusstörungen

Spastik ist eine Form der Tonusstörung.

Tonusstörungen sind Auffälligkeiten in der Muskelspannung (Muskeltonus). Der Muskeltonus ist der Grundspannungszustand der Muskulatur. Wenn dieser Spannungszustand gestört ist, spricht man von Tonusstörungen.

Man unterscheidet dabei zwei Hauptformen:
🔺 Hypertonus
đź”» Hypotonus

🔺 Hypertonus (erhöhter Muskeltonus)
Der Muskel ist zu stark angespannt, selbst in Ruhe.

Merkmale:

  • Muskeln fĂĽhlen sich hart oder steif an
  • Bewegungen wirken unnatĂĽrlich, verkrampft oder ruckartig
  • Häufige Begleiterscheinung: Spastik
  • Betroffene können ihre Bewegungen oft nur eingeschränkt oder unter groĂźer Anstrengung ausfĂĽhren

đź”» Hypotonus (verminderter Muskeltonus)
Der Muskel ist zu schlaff oder zu wenig angespannt.

Merkmale:

  • Bewegungen sind langsam, kraftlos oder unpräzise
  • Betroffene wirken oft „weich“ oder „kraftlos“ im Körper
  • Es fällt schwer, eine aufrechte Haltung zu halten

Die motorische Entwicklung

Menschen mit einer Körperbehinderung haben häufig Schwierigkeiten in ihrer motorischen Entwicklung. Sie hängt eng mit der Reifung des Zentralnervensystems zusammen. Jede Phase der motorischen Entwicklung baut auf der vorhergehenden auf und dient als Übungsfeld für die nächste. Dabei werden unter anderem Kraft, Muskeltonus und Gleichgewicht weiterentwickelt und verfeinert.

Die Motorik ermöglicht dem Menschen, aktiv mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten und sie zu erkunden. Für ein Kind bedeutet die fortschreitende Entwicklung seiner motorischen Fähigkeiten zugleich einen wichtigen Schritt hin zu wachsender Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

Meilensteine der motorischen Entwicklung

  • sich von der RĂĽckenlage auf den Bauch drehen, sich wälzen und rollen
  • auf dem Bauch kriechen und auf den Händen und Knien krabbeln
  • sich aufsetzen
  • aufstehen
  • freies Aufstehen und Gehen

Wechselwirkung zwischen Bewegungsstörung und Wahrnehmungsstörung

Bewegungsstörungen stehen in enger Wechselbeziehung zur Wahrnehmung, und dadurch auch mit dem Sozialverhalten, der Orientierung, der Sprache, dem Denken und der Emotionalität.

Ursachen für Körperbehinderungen

endogene Faktoren
Endogene Ursachen sind vor allem genetische Ursachen.

  • Genveränderungen (z.B. Spina bifida)
  • Chromosomenveränderungen (Trisomie mit Körperbehinderung).

exogene Faktoren

  • Geburt, z.B. Sauerstoffmangel, FrĂĽhgeburt
  • Krankheit, z.B. Infektionen, Multiple Sklerose, Diabetes
  • Unfälle, z.B.: Querschnittslähmung, Schädel-Hirn-Trauma
  • Umweltfaktoren, z.B. Vergiftungen, Mangelernährung, Alkohol während der Schwangerschaft

Menschen mit kognitiver Behinderung

Kognitive Behinderungen sind hinterlassene Spuren eines schädigenden Ereignisses, und keine Krankheit.

Rechtlich-diagnostische Abgrenzung
Eine kognitive Behinderung liegt vor, wenn eine Diagnose bis zum 18. Lebensjahr gestellt wurde. Zu einem späteren Zeitpunkt wird ĂĽber eine “erworbene Hirnschädigung” gesprochen (z.B. Schädel-Hirn-Trauma, Demenz). 

Eine kognitive Behinderung beschreibt nicht den Menschen, sondern nur eine Form der Funktionsbeeinträchtigung, die mit passender Unterstützung oft sehr gut kompensiert werden kann.

Definition „Kognition”:
Kognition ist die Summe aller Denk- und Wahrnehmungsvorgänge. Dazu zählen unter anderem Aufmerksamkeit, Erinnerung, Lernen, Planungsfähigkeit, Orientierung, Emotion.

Definition “Affektive Verhaltensäußerungen”:
Affekte beziehen sich auf Emotionen, Stimmungen und Gefühle, die Kognition auf geistige Vorgänge wie Wahrnehmen, Denken und Erinnern. Eine Affekthandlung ist eine kurzzeitige Einengung der Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit, die auf andere Menschen überraschend oder verstörend wirkt. Es ist nicht möglich, einen Affekt zu steuern.

Ursachen einer kognitiven Behinderung

endogene Faktoren

  • Erbkrankheiten
  • Chromosomen-Besonderheiten (z. B. Trisomie 21)

exogene Faktoren

  • Zerebrale Schädigungen (z. B. perinatale Hirnblutung)
  • Unfälle (z. B. Schädel-Hirn-Trauma)
  • Hirnschädigung durch EntzĂĽndungen (z. B. Meningitis oder Enzephalitis)
  • Hirnschädigung durch Vergiftungen (z. B. fetales Alkoholsyndrom – FAS)
  • Strahleneinwirkung (z. B. ionisierende Strahlenschäden in der Schwangerschaft)
  • Umweltbelastung (z. B. Bleivergiftung)
  • Sauerstoffmangel während der Geburt
  • Extreme FrĂĽhgeburt (z. B. zerebrale Schädigung durch unreifes Gehirn bei < 28 SSW)

Sauerstoffmangel während der Geburt (z. B. perinatale Hypoxie) und das Fetale Alkoholsyndrom gehören zu den häufigsten exogenen Faktoren, die eine kognitive Behinderung verursachen können. Genetische (endogene) Ursachen für eine kognitive Behinderung sind relativ selten.

Geistige Behinderung, Kognitive Beeinträchtigung, Lernbehinderung oder einfach nur “Menschen mit Behinderung”?

Viele Organisationen distanzieren sich von dem Begriff “geistige Behinderung”. In Österreich verwendet die Lebenshilfe bevorzugt „intellektuelle Behinderungen“,bei der Caritas wird von „Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung“ gesprochen. Selbstvertretungsorganisationen wie „People First“ lehnen die Bezeichnung „geistig behindert“ ab und sprechen von „Menschen mit Lernschwierigkeiten“.

Bedeutung in der Behindertenarbeit

Konzepte aus der Behindertenarbeit für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen sind unter anderem die Persönliche Zukunftsplanung, Empowerment-Strategien, Lebenswelt- und Sozialraumorientierung, Basale Stimulation und TEACCH.

Erworbene Hirnschädigungen, die NICHT zu den kognitiven Behinderungen gezählt werden

Frühkindlicher Autismus (Autismus-Spektrum-Störung)
ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die vor allem soziale Interaktion, Kommunikation und Verhalten betrifft – nicht zwingend die Intelligenz. Viele autistische Menschen haben normale oder ĂĽberdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten. 

Deprivationssyndrome wie Hospitalismus
entstehen durch Reizarmut, mangelnde emotionale und soziale Zuwendung/Isolation. Die Verhaltensweisen sind reaktiv und nicht notwendigerweise Ausdruck einer intellektuellen Beeinträchtigung. 

Demenz und Schädel-Hirn-Trauma
führen zu sekundären, erworbenen Hirnleistungsstörungen, die erst nach der normalen Entwicklung auftreten. Deshalb spricht man hier von einer erworbenen Hirnschädigung, nicht von einer kognitiven Behinderung.

Menschen mit Lernbehinderung

Eine Lernbehinderung ist eine andauernde und deutliche Beeinträchtigung der Lern- und Leistungsfähigkeit, die sich schon in der Kindheit zeigt und alle schulischen Lernbereiche betreffen kann. Sie unterscheidet sich von einer vorübergehenden Lernschwäche dadurch, dass sie langfristig besteht, pädagogisch nicht allein durch Nachhilfe oder Übung ausgleichbar ist und mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten verbunden sein kann.

Eine Lernbehinderung bedeutet nicht automatisch eine kognitive Behinderung. Der Intelligenzquotient liegt meist im Grenzbereich zwischen 70 und 85 – also unter dem Durchschnitt, aber oberhalb der Schwelle einer kognitiven Behinderung. Entscheidend ist die Auswirkung auf schulisches Lernen und Alltagsbewältigung.

Bedeutung fĂĽr die Behindertenbetreuung

In Österreich werden Kinder und Jugendliche mit Lernbehinderung nach wie vor häufig in Sonderschulen gefördert. Ziel ist, individuelle Lernwege zu gestalten, Erfolge zu ermöglichen und Selbstvertrauen aufzubauen. In der Sozialbetreuung liegt der Fokus darauf, auch im Erwachsenenalter durch begleitete Arbeit, angepasste Lernformen und soziale Teilhabe individuelle Entwicklung zu fördern.

Menschen mit psychischer Behinderung

Eine psychische Behinderung liegt vor, wenn eine psychische Erkrankung dazu führt, dass eine Person langfristig (länger als 6 Monate) oder dauerhaft und wesentlich in ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt ist (§ 1 BBG[1]).

Das bedeutet: Nicht jede psychische Erkrankung ist automatisch eine Behinderung – sie wird erst dann als solche bezeichnet, wenn die Auswirkungen langfristig bestehen und die betroffene Person wesentliche Lebensbereiche nicht mehr ohne Unterstützung bewältigen kann.

UnterstĂĽtzung und Teilhabe

Menschen mit psychischer Behinderung erhalten in Ă–sterreich UnterstĂĽtzung z. B. durch:

  • Sozialpsychiatrische Dienste
  • Tagesstrukturen und Beschäftigungsangebote
  • betreutes oder begleitetes Wohnen
  • Arbeitsassistenz oder Persönliche Assistenz
  • Psychotherapie und medizinische Behandlung

Ziel der Behindertenarbeit

Im Mittelpunkt steht die Wiederherstellung von Stabilität, Selbstbestimmung und Teilhabe aber auch die Wiederherstellung der Gesundheit. Psychische Behinderung bedeutet nicht, dass jemand „nicht gesund werden kann“. In der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen steht der Recovery-Ansatz im Mittelpunkt.

Psychische Auffälligkeiten sind keine psychische Erkrankung

Der Begriff psychische Auffälligkeiten bezeichnet emotionale Reaktionen, die vom kulturell oder gesellschaftlich erwarteten Verhalten abweichen. Sie weisen auf eine mögliche seelische Belastung hin. Eine psychische Auffälligkeit ist keine kognitive Behinderung und keine psychische Erkrankung.

Menschen mit Sinnesbehinderung

Von einer Sinnesbehinderung spricht man, wenn eine oder mehrere der Sinnesfunktionen – also Hören, Sehen, Riechen, Schmecken oder Fühlen – dauerhaft und erheblich eingeschränkt sind und diese Einschränkung die Teilhabe am Alltag wesentlich beeinträchtigt.

Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem zwei groĂźe Gruppen:

  1. Sehbehinderung / Blindheit
    – wenn das Sehvermögen auch mit Brille oder anderen Hilfsmitteln deutlich vermindert ist.
    – in Österreich gilt jemand als sehbehindert, wenn die Sehschärfe auf dem besseren Auge trotz Korrektur nicht mehr als 30 % beträgt,
    und als blind, wenn sie unter 5 % liegt oder kein Lichtempfinden vorhanden ist.
  2. Hörbehinderung / Gehörlosigkeit
    – wenn das Hörvermögen so stark eingeschränkt ist, dass Sprache ohne Hörhilfen nicht mehr verstanden werden kann.
    – eine Hörbehinderung liegt vor, wenn der Hörverlust über 40 Dezibel (dB) auf dem besseren Ohr beträgt;
    bei Gehörlosigkeit liegt der Hörverlust meist über 90 dB.

Andere Sinnesbeeinträchtigungen – des Geruchs-, Geschmacks- oder Tastsinns – kommen seltener vor und werden meist nur dann als Sinnesbehinderung bezeichnet, wenn sie erheblich und dauerhaft das Leben, die Orientierung oder Kommunikation beeinträchtigen.

Eine Sinnesbehinderung kann angeboren, frühkindlich oder im Laufe des Lebens erworben sein. Entscheidend ist, wie stark sie die Wahrnehmung, Kommunikation, Orientierung und Selbstständigkeit beeinflusst.

Ziel professioneller Unterstützung ist immer, durch Hilfsmittel, Barrierefreiheit, Kommunikationstechniken und soziale Teilhabe ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Bedeutung in der Behindertenarbeit

In der Behindertenarbeit steht bei Menschen mit Sinnesbehinderung die Förderung von Wahrnehmung, Kommunikation, Orientierung und Selbstständigkeit im Mittelpunkt. Fachkräfte unterstützen Betroffene dabei, Barrieren abzubauen, Hilfsmittel effektiv zu nutzen und soziale Teilhabe zu ermöglichen.

Zu den wichtigsten Aufgaben der Behindertenarbeit gehören das Erlernen und Anwenden von Kommunikationsformen wie Gebärdensprache, taktile Gebärdensprachen oder Brailleschrift, die Begleitung bei der Nutzung technischer Hilfsmittel (z. B. Hörgeräte, Bildschirmleseprogramme, Vibrationssysteme), sowie die Förderung von Orientierung und Mobilität im Alltag.

Konzepte aus der Sozialbetreuung für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen sind unter anderem die kommunikationsorientierte Begleitung, Orientierungstraining, Sozialraumorientierung, Unterstützte Kommunikation.

Menschen mit einer Behinderung durch innere Erkrankungen

Als Behinderung durch innere Erkrankungen gelten alle chronischen oder dauerhaften Krankheiten innerer Organe oder Stoffwechselsysteme, die die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wesentlich beeinträchtigen. Es handelt sich also nicht um akute Krankheiten, sondern um langfristige gesundheitliche Einschränkungen, die zu körperlicher, psychischer oder sozialer Beeinträchtigung führen können.

Beispiele für innere Erkrankungen, die als Behinderung anerkannt werden können

• Herz- und Kreislauferkrankungen, z.B. Herzinsuffizienz, angeborene oder erworbene Herzfehler
• Lungen- und Atemwegserkrankungen, z.B. chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Asthma bronchiale (schwere oder therapieresistente Form)
• Stoffwechsel- und Hormonerkrankungen, z.B. Diabetes mellitus
• Neurologische oder internistische Erkrankungen mit innerem Bezug, z.B. Epilepsie, Multiple Sklerose (MS), Morbus Parkinson
• Erkrankungen des Blutes und Immunsystems, z.B. Leukämien, HIV/AIDS, Autoimmunerkrankungen wie Lupus erythematodes oder rheumatoide Arthritis
• Erkrankungen des Verdauungstraktes, z.B. Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Leberzirrhose
• Nieren- und Harnwegserkrankungen, z.B. Chronische Niereninsuffizienz (Dialysepflicht), Blasenerkrankungen mit Inkontinenz oder Katheterabhängigkeit

Bedeutung in der Behindertenarbeit

Auch wenn „Behinderung durch innere Erkrankung“ nicht der klassische Schwerpunkt der Behindertenarbeit ist, gehört sie zum breiten Spektrum der sozialbetreuerischen Praxis. Immer mehr Menschen leben mit chronischen Erkrankungen, und damit wächst auch die Bedeutung dieses Aufgabenfeldes – vor allem im Hinblick auf Teilhabe, Inklusion und psychosoziale Unterstützung.

Zu den Konzepten der Sozialbetreuung gehören neben den herkömmlichen Maßnahmen auch Gesundheitskompetenz und Psychoedukation, psychosoziale Stabilisierung und Case Management / Hilfeplanung.

Quellen:
[1] Bundesbehindertengesetz, § 1, Ziel“, RIS


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