News: Fachwissen für die Pflegeassistenz, Aktualisierung der Lehrinhalte
Erstellungsdatum: 03.09.2026
News: Im Jahr 2024 haben sich mit der Veröffentlichung der neuen ESC-Leitlinien die Empfehlungen zum Management der arteriellen Hypertonie verändert. Wurde bis dahin empfohlen, dass blutdrucksenkende Medikamente erst eingesetzt werden sollen, „wenn Lebensstiländerungen allein nicht mehr ausreichen“, entspricht dies heute nicht mehr der aktuellen Empfehlung.
Bisher gab die Pflegeassistenz im Rahmen ihrer berufsrechtlichen Informationspflicht Menschen mit Hypertonie folgende Information weiter: Zunächst sind Lebensstiländerungen wichtig. Medikamente werden von der Ärztin erst dann verschrieben, wenn diese Maßnahmen nicht mehr ausreichen, um den Blutdruck im Normbereich zu halten. Das war bislang auch das, was in der Ausbildung zur Pflegeassistenz vermittelt wurde. Mit August 2024 hat sich diese Empfehlung jedoch verändert.
Bestätigte Hypertonie ab 140/90 mmHg: Medikamente von Beginn an empfohlen
Lebensstilmaßnahmen haben natürlich auch weiterhin einen hohen Stellenwert in der Behandlung einer Hypertonie. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, Gewichtsreduktion bei Adipositas, eine gesunde und salzreduzierte Ernährung, Einschränkung des Alkoholkonsums und Rauchstopp. Doch diese Maßnahmen allein können das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse nicht in ausreichendem Maß verringern. Meta-Analysen randomisierter Studien haben gezeigt, dass dafür zusätzlich eine medikamentöse Senkung des Blutdrucks erforderlich ist. Die Patientengruppe mit bestätigter Hypertonie wird in der Leitlinie als hinreichend gefährdet eingestuft, um von einer medikamentösen Behandlung zu profitieren.[1]
Die neue Empfehlung, die die European Society of Cardiology (ESC) ausgesprochen hat, lautet daher: Die Patientinnen sollen nicht mehr wie bisher zunächst versuchen, den Blutdruck ausschließlich durch Lebensstiländerungen zu senken. Bei einer bestätigten Hypertonie mit einem Office Blutdruck ab 140/90 mmHg sollen Lebensstilmaßnahmen gleichzeitig mit einer medikamentösen Therapie eingeleitet werden. Je wirksamer der erhöhte Blutdruck gesenkt wird, desto stärker sinkt auch das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse.[1]
Ein Blutdruck unter 140/90 mmHg bleibt „erhöhter Blutdruck“
Bei einem Blutdruck von 120–139 mmHg systolisch bzw. 70–89 mmHg diastolisch spricht die ESC weiterhin von erhöhtem Blutdruck. Hier hängt die Entscheidung über eine medikamentöse Therapie vom individuellen kardiovaskulären Risiko ab. Bei entsprechend hohem Risiko und wiederholt gemessenen Werten von mindestens 130/80 mmHg kann eine medikamentöse Behandlung empfohlen werden, wenn nach etwa drei Monaten Lebensstilmaßnahmen keine ausreichende Verbesserung erreicht wurde.[1]
Kardiovaskulärer Nutzen vor bloßer Blutdrucksenkung
In den ESC-Mitgliedsländern sterben jährlich mehr als 3 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das entspricht etwa 355 Todesfällen pro Stunde. Damit zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen nach wie vor zu den führenden Todesursachen.[2] Trotz der bisherigen Bemühungen der Akteure im Gesundheitswesen und der medizinischen Fachgesellschaften scheint hoher Blutdruck in einigen europäischen Ländern weiterhin nur unzureichend kontrollierbar zu sein.[3]
Das offizielle Ziel der ESC lautet: „to reduce the burden of cardiovascular disease“ – also die Belastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verringern.[4] Vor diesem Hintergrund gewichtet die kardiologische Fachgesellschaft bei ihren aktuellen Empfehlungen stärker, ob eine Behandlung nachweislich dazu beiträgt, kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern, und nicht nur, ob dadurch der Blutdruck gesenkt wird. Mit den neuen evidenzbasierten Empfehlungen möchte die ESC dazu beitragen, Myokardinfarkte, Strokes, KHK und andere kardiovaskuläre Erkrankungen zu verhindern.[1]
Österreichisches Gesundheitsportal greift neue ESC-Therapieempfehlung auf
Die ESC formuliert ausdrücklich, dass ihre Leitlinien bei klinischen Entscheidungen voll berücksichtigt werden sollen, dass sie aber die individuelle Verantwortung der behandelnden Ärztinnen nicht ersetzen, die auch die konkrete Situation der einzelnen Patientin berücksichtigen müssen.[3] Trotzdem ist die Leitlinie neben der Nationalen Versorgungsleitlinie aus Deutschland [6] und der Leitlinie der European Society of Hypertension (ESH)[7] eine der wichtigsten europäischen Fachautoritäten für die Behandlung von Hypertonie. Auch Österreich ist über seine nationale kardiologische Fachgesellschaft (ÖKG) in der European Society of Cardiology (ESC) vertreten.[5] Auch das österreichische Gesundheitsportal, das vom Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz herausgegeben wird, empfiehlt bei Blutdruckwerten über 140/90 mmHg eine sofortige medikamentöse Behandlung und entspricht damit in diesem Punkt der ESC-Leitlinie 2024.[8]
Was bedeutet das für die Pflegeassistenz?
Die Pflegeassistenz sollte in ihrer fachlichen Information nicht mehr pauschal vermitteln, dass bei Hypertonie Lebensstiländerungen allein ausreichen. Gleichzeitig bedeutet ein einzelner erhöhter Blutdruckwert aber nicht automatisch, dass eine medikamentöse Behandlung notwendig ist. Die ESC spricht ausdrücklich von einer bestätigten Hypertonie, die auf einer standardisierten Office-Messung, also einer Blutdruckmessung in der Ordination, beruht.
Grundsätzlich ändert sich für die Pflegeassistenz nichts. Denn die Entscheidung über eine medikamentöse Therapie und deren Verordnung liegt nicht in ihrem Aufgabenbereich. Sehr wohl hat sie jedoch eine berufsrechtliche Informationspflicht, der sie im Rahmen ihrer fachlichen Tätigkeit nachkommen muss. Darüber hinaus gehört die Kommunikation zu ihren beruflichen Kompetenzen. Die Pflegeassistenz wird auch dafür ausgebildet, Patientinnen im Rahmen pflegerischer Maßnahmen fachlich angemessen zu informieren und relevante Informationen weiterzugeben.
Dazu gehören auch aktuelle fachliche Entwicklungen. Bei einer bestätigten Hypertonie sollte sie daher nicht mehr pauschal vermitteln, dass Lebensstiländerungen allein ausreichen. Besser ist es, die Patientin darüber zu informieren, dass aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass bei einer bestätigten Hypertonie ab 140/90 mmHg das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse wie einen Herzinfarkt durch Lebensstiländerungen allein nicht ausreichend gesenkt wird. Eine verständliche und fachlich aktuelle Information kann dabei helfen, die Adhärenz der Patientin gegenüber einer empfohlenen Behandlung zu fördern. Gleichzeitig bedeutet ein einzelner erhöhter Blutdruckwert keineswegs automatisch, dass eine medikamentöse Behandlung erforderlich ist. Die ESC spricht von einer bestätigten Hypertonie. Erhöhte Office-Blutdruckwerte müssen dabei durch weitere Messungen bestätigt werden; bevorzugt werden dafür Heimblutdruckmessungen oder eine ambulante 24-Stunden-Blutdruckmessung eingesetzt. Gerade hier ist die Fachexpertise der Pflegeassistenz gefragt, um Informationen differenziert, fachlich aktuell und im Rahmen der eigenen professionellen Verantwortung weiterzugeben.
Was ist eine Office-Messung?
Die Office-Messung (Praxis-Messung) gibt es, weil der Blutdruck in einer Arztpraxis unter möglichst standardisierten Bedingungen gemessen werden soll. So erhält man einen vergleichbaren Ausgangswert für die Diagnose und die Verlaufskontrolle. Weil der Blutdruck in der Ordination aber oft durch den Weißkitteleffekt anders sein kann als im Alltag, ergänzt man den Praxisblutdruck häufig durch Heimmessungen. Umgekehrt gibt es auch die maskierte Hypertonie: In der Ordination sind die Werte unauffällig, außerhalb jedoch erhöht.
Lebensstiländerungen bleiben trotzdem ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Bei lediglich erhöhtem Blutdruck stehen sie im Vordergrund der Behandlung. Auch bei Patientinnen mit bestätigter Hypertonie bedeutet der Beginn einer antihypertensiven Therapie nicht zwangsläufig, dass diese dauerhaft unverändert fortgeführt werden muss. Führen die Lebensstiländerungen zu einer deutlichen Blutdrucksenkung, kann die medikamentöse Therapie später gegebenenfalls reduziert bzw. unter ärztlicher Kontrolle angepasst werden.[1]
Quellen:
[1] European Society of Cardiology (ESC), European Heart Journal, McEvoy, J. W., McCarthy, C. P., Bruno, R. M., Brouwers, S., Canavan, M. D., Ceconi, C., Christodorescu, R. M., Daskalopoulou, S. S., Ferro, C. J., Gerdts, E. et al. (2024): 2024 ESC Guidelines for the management of elevated blood pressure and hypertension. https://academic.oup.com/eurheartj/article/45/38/3912/7741010 (Zugriff am 03.09.2026);
[2] European Society of Cardiology (ESC) (2026): Avoidable inequalities remain in cardiovascular disease burden and care. Press release, 19. Mai 2026. https://www.escardio.org/news/press/press-releases/avoidable-inequalities-remain-in-cardiovascular-disease-burden-and-care/ (Zugriff am 03.09.2026);
[3] European Society of Cardiology (ESC) (2024): Essential Messages from the 2024 ESC Guidelines for the Management of Elevated Blood Pressure and Hypertension. Sophia Antipolis: European Society of Cardiology. https://yjxzhi.files.cmp.optimizely.com/download/154ad256d04b11f0abd17a0f277af501 (Zugriff am 03.09.2026);
[4] European Society of Cardiology (ESC) (o. J.): https://www.escardio.org/ (Zugriff am 03.09.2026);
[5] Österreichische Kardiologische Gesellschaft (ÖKG) (o. J.): Das Leitbild der ÖKG. https://www.atcardio.at/gesellschaft/leitbild (Zugriff am 03.09.2026);
[6] Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (2023): Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie. Kurzfassung, Version 1.0. AWMF-Register-Nr. nvl-009. https://register.awmf.org/assets/guidelines/nvl-009k_S3_Hypertonie_2023-06.pdf, (Zugriff am 03.09.2026);
[7] European Society of Hypertension (ESH), European Journal of Internal Medicine, Kreutz, R., Brunström, M., Burnier, M., Grassi, G., Januszewicz, A., Muiesan, M. L., Tsioufis, K., de Pinho, R. M., Albini, F. L., Boivin, J.-M., Doumas, M., Nemcsik, J., Rodilla, E., Agabiti-Rosei, E., Algharably, E. A. E., Agnelli, G., Benetos, A., Hitij, J. B., Cífková, R. et al. (2024): Clinical practice guidelines for the management of arterial hypertension. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0953620524002383 (Zugriff am 03.09.2026);
[8] Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Öffentliches Gesundheitsportal Österreich (o. J.): Bluthochdruck: Therapie. https://www.gesundheit.gv.at/krankheiten/herz-kreislauf/bluthochdruck/hypertonie-therapie.html#medikamentoese-therapie-bei-bluthochdruck (Zugriff am 03.09.2026);
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