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Kompetenz der Pflegeassistenz: Essen verabreichen

Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Grundzüge und Prinzipien der Akut- und Langzeitpflege inklusive Pflegetechnik


Datum Erstellung: 10.10.24
Letzte Aktualisierung: 29.05.26

Viele Patienten in der Pflege benötigen Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme. Die Pflegeassistenz muss in der Lage sein, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass diese ihre Mahlzeiten sicher einnehmen können. Die Pflegeassistenz muss Schluckstörungen erkennen, die richtige Positionierung während der Mahlzeiten wählen und die Nahrungskonsistenz anpassen, um Aspirationsgefahren zu vermeiden. Auch für die Fachsozialbetreuung ist dieses Thema relevant, denn sie arbeitet oft mit schwerstmehrfachbehinderten Menschen, die beim Essen auf Unterstützung angewiesen sind. Die Diplom-Sozialbetreuung wiederum übernimmt eine noch umfassendere Rolle, da sie auch für die Anleitung und Schulung von Pflege- und Betreuungspersonal verantwortlich sind. Sie muss ein hohes Maß an Sicherheit und Qualität in der Betreuung gewährleisten, und da gehört auch das Verabreichen des Essens dazu. Oft sind sie zudem in die Planung und Überwachung der Ernährungskonzepte involviert.

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Das muss die Pflegeassistenz über die Nahrungsaufnahme wissen:
➤ Sie wissen, was Dysphagie bedeutet.
➤ Sie kennen die Gefahren/Folgen einer Dysphagie.
➤ Sie können die Anzeichen einer Dysphagie nennen.
➤ Sie können umfassend Auskunft geben über die Aspirationsprophylaxe.
➤ Sie beschreiben die Hilfestellungen bei Störungen der Nahrungsaufnahme.
➤ Sie beschreiben die Unterstützung beim Essen und Trinken.
➤ Sie beschreiben das Essenreichen bei Schluckstörungen.
➤ Sie kennen Gründe, die die Nahrungsaufnahme beeinträchtigen.

Definition Pflegeintervention

Eine Pflegeintervention ist eine Maßnahme, die von einer Pflegekraft durchgeführt wird, um einer pflegebedürftigen Person dabei zu helfen, ihre individuellen Bedürfnisse zu erfüllen.

Jede Pflegeintervention besteht aus vier wesentlichen Bestandteilen, die sie strukturiert, effektiv und nachvollziehbar macht.

Intakte Nahrungsaufnahme

Der Schluckakt wird in vier Phasen unterteilt:

  1. präorale Phase (willentlich initiierbar): kauen
  2. orale Phase (willkürlich initiierbar): schlucken
  3. pharyngeale Phase (automatisch ablaufend): Verschluss der Atemwege
  4. ösophageale Phase (automatisch ablaufend): Transport des Bissens in peristaltischen Wellen durch den Ösophagus.

Eine intakte Nahrungsaufnahme ist dadurch gekennzeichnet, dass alle vier Phasen des Schluckakts problemlos und koordiniert ablaufen. Der Betroffene kann die Nahrung normal kauen, schlucken und sie gelangt sicher in den Magen.

Unterstützung beim Essen und Trinken – Handlungsschema

Die Gestaltung eines optimalen Essens mit einem Patienten:

Essen eingeben bei intakter Nahrungsaufnahme: Die wichtigsten Punkte

• muss ein Patient nüchtern bleiben? (Informationen einholen)
• Hilfsbedürftigkeit erfragen (Dokumentation, Kollegen)
• Dysphagie?
• sauberer Essplatz
• Händehygiene, hygienische Arbeitskleidung (evtl. Wechsel)
• evtl. Zahnprothese richten
• in Essposition bringen (aufrechte Sitzposition, Oberkörper hoch – durch Handtuch vor Rutschen schützen, Unterstützung im Rücken)
• Medikamenteneinnahme vor dem Essen (nicht, während man isst)
• Überprüfung der Übereinstimmung der verordneten Diät und der gelieferten Kost
• keine pflegerische Handlung während des Essens (z.B. Körperpflege oder Inkontinenzversorgung des Zimmernachbars)
• Unterstützung beim Essen, nur soweit wie nötig (z.B.: Patient soll den Löffel selbst halten, Hand des Patienten führen)
• zwischendurch Getränke anbieten
• Ess- und Trinkhilfen anbieten
• Wie viel wurde gegessen? (Diabetiker)
• erst 30 Minuten nach dem Essen wieder bequem positionieren oder ins Bett bringen (z.B. Prophylaxe bei Dysphagie)
• DOKUMENTATION
• zusätzlich melden, wenn der Patient Beschwerden hat oder Veränderungen aufgetreten sind

Besonders wichtig beim Essen ist die Oberkörperhochpositionierung. Sie dient der Aspirationsprophylaxe, unterstützt die Verdauung, reduziert das Risiko des Verschluckens und beugt Erbrechen vor.

Gestörte Nahrungsaufnahme

Während bei einer intakten Nahrungsaufnahme alle vier Phasen des Schluckakts problemlos und koordiniert ablaufen, treten bei Dysphagie Störungen in zumindest einer Phase des Schluckakts auf. Die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich und können Krankheiten des Verdauungsapparates, körperliche Behinderungen, kognitive Einschränkungen/psychische Beeinträchtigungen, seelische Belastungen, Sodbrennen oder Schmerzen umfassen.

Präorale Phase: Schwierigkeiten beim Kauen
Orale Phase: Probleme bei der Einleitung des Schluckreflexes
Pharyngeale Phase: Fehlender Verschluss der Atemwege (👉 Aspiration)
Ösophageale Phase: verminderte peristaltische Bewegung, Verengungen (Tumore),…

Auch andere Erkrankungen können bei der Nahrungsaufnahme stören.

Hilfsmittel bei gestörter Nahrungsaufnahme
Besteck mit verdickten Griffen – z.B. Parkinson
rutschfeste Unterlagen – z.B. Schlaganfallpatienten
Trinkbecher mit Deckeln oder Strohhalmen – z.B. Dysphagie
Besteck mit gebogenen Griffen – z.B. Arthritis

• bei Lähmung: Beim Essen verabreichen darauf Rücksicht nehmen, dass man sich bei unterschiedlichen Lähmungen auch unterschiedlich nähert (entweder von der gesunden oder von der betroffenen Seite).

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Von welcher Seite näherst du dich bei Neglect? Von welcher bei Pusher-Symptomatik?💡🧩 🪢

Schluckstörungen (Dysphagie)

Dysphagie = ein gestörter Schluckvorgang.

Bei Dysphagie ist die pharyngeale Phase am häufigsten betroffen, da hier der komplexe (unwillentliche) Reflexmechanismus des Schluckens stattfindet. Störungen in dieser Phase können schwerwiegende Folgen haben, da die Koordination von Atmung und Schlucken von großer Bedeutung ist, um das Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeiten in die Atemwege zu verhindern.

Gründe für Dysphagie
• Schlaganfall, Parkinson, MS
• Entzündung im Bereich von Mund, Rachen oder Speiseröhre (👉 oft mit Schmerzen verbunden)
• Tumore der Speiseröhre (mechanische Schluckprobleme, oft mit Schmerzen verbunden) 👉 oft Tracheostoma
• Vergrößerung der Schilddrüse (mechanische Schluckprobleme, Engegefühl oder „Kloß im Hals“)

Die vier Gefahren bei Dysphagie:
1. Aspiration & Stumme Aspiration: zeigt keine oder wenige Symptome, eine feucht klingende, gurgelnde Stimme, ein abnormer Hustenreflex [übermäßig oder fehlend] gemeinsam mit verminderter Kehlkopfhebung sowie eine Stimmverschlechterung können auf eine Stumme Aspiration hindeuten.
2. Aspirationspneumonie: Die Stumme Aspiration bleibt zunächst unbemerkt und löst eine Pneumonie aus.
3. chronische Bronchitis: oft durch stumme Aspiration ausgelöst
4. Penetration: Eindringen von Nahrung in die oberen Atemwege, dringt nicht – wie bei der Aspiration – bis in die Luftröhre oder die tieferen Atemwege ein

Folgen / Anzeichen einer Dysphagie:
Zusätzlich zu den vier Gefahren bringt die Dysphagie weitere mögliche Folgen mit sich. Viele davon sind sichtbar und können als Hinweise auf eine Dysphagie betrachtet werden. Sie sollten daher dokumentiert / gemeldet werden:
• Gewichtsabnahme / Unterernährung
• Dehydration (👉 Schwindel, Müdigkeit und Nierenprobleme)
• Erstickungsanfälle (👉 bis zur Zyanose)
• Angst vor dem Verschlucken (👉 psychische Belastung, sozialer Rückzug)
• Ausspucken von Nahrung
• willentliche Auslösung des Schluckens ist erschwert (wird als anstrengend und unnatürlich empfunden)
• Husten nach dem Schlucken
• Nahrungsreste im Mund
• Gefühl eines Kloßes im Hals
• abnormer Würgereflex (übermäßig oder fehlend)
• bei Tracheostoma: nasses Tracheostoma

zu Dehydration:
Dysphagie betrifft nicht nur feste Nahrung, sondern auch Flüssigkeiten. Menschen mit Schluckstörungen trinken aus Angst vor dem Verschlucken häufig zu wenig. Dehydration kann Schwindel, Müdigkeit und Nierenprobleme verursachen.

Aspirationsprophylaxe

Dysphagie 👉 Aspiration!

Aspiration = Eindringen von Fremdkörpern (Flüssigkeiten, Speisen, Speichel, Erbrochenes) in die Atemwege. Aspirationsprophylaxe beschreibt alle Maßnahmen, die einer Aspiration bestmöglich vorbeugen.

Die vier Gefahren einer Aspiration:
• Atemnot
• Verletzung der Atemwege
• Aspirationspneumonie
• Bronchitis

Risikofaktoren, die eine Aspiration begünstigen:
• Dysphagie
• unzureichend gekaute Nahrung, zu hastiges Essen, Schlucken von zu großen Bissen
• reduzierte Zungenbeweglichkeit, z.B. durch Mundtrockenheit, fehlende Sensitivität im Mund (Schlaganfall, Parkinson, Demenz, MS, Neuropathien,…)
• Singultus
• Nahrungsaufnahme im Liegen
• Bewusstseinsstörung / Verwirrtheit
• ausgeprägte körperliche Schwäche
• häufiges Erbrechen
• lange Nahrungskarenz (z.b. bei PEG-Sonde)

Aspirationsprophylaxe:
• Zahnprotese tragen
• Mundpflege
• Anfeuchten der Mundschleimhaut
• Trockene und krümelnde Speisen meiden
• halbfeste Speisen reichen
• Ruhe bei der Nahrungsaufnahme
• Oberkörper aufrecht positionieren, Kopf nach vorne gebeugt
• sitzende Position mindestens 30 Minuten nach dem Essen aufrechterhalten
• Schluckreflex vor jeder Nahrungsaufnahme überprüfen (ein kleiner Schluck Wasser kann gereicht werden, um zu beobachten, ob der Patient schlucken kann)
• nicht alleine essen lassen
• Tabletten auflösen
• Material zum Absaugen bereithalten
• nach dem Essen Mundpflege – Mundhöhle kontrollieren
• Schlucktraining (Logopäde)
• diagnostische Abklärung
• bei stark bewusstseinsgetrübten Patientinnen nichts oral eingeben, Ernährung erfolgt dann zumeist über eine enterale Sonde (PEG-Sonde)

Essen eingeben bei Dysphagie – Handlungsschema

Bevor dem Patienten Nahrung angeboten wird, vergewissern, dass der Patient schlucken kann. Bei Fehlen des Schluck- und Hustenreflexes (Überprüfen) muss wegen der Aspirationsgefahr jede orale Nahrungszufuhr unterbleiben. Nur erfahrene oder angeleitete Personen sollen Essen eingeben!

Achtung! Milch und Süßes verursachen einen zähen Schleim!

Der Unterschied zwischen der Essenseingabe bei einer Person mit intakter Nahrungsaufnahme und einer Person mit Schluckstörung (z.B. nach Schlaganfall):

• Konsistenz anpassen: halbfeste Nahrung bevorzugen (Püree, Gemüse, Faschiertes), da der Patient sich bei flüssiger Kost leichter verschluckt
• keine kohlensäurehaltigen Getränke
Bolusgabe anpassen: Nur wenig Nahrung auf Löffel, ev. Gabel anbieten, größerer Bolus bei abgeschwächtem Reflex
Sensorischer Input: leichtere Auslösung des Schluckreflexes bei deutlich kalten, warmen oder sauren Speisen
Beim Schlucken muss der Mund geschlossen sein: evtl. mit der Hand den Unterkiefer vorsichtig gegen den Oberkiefer drücken
Schlucken anregen: evtl. mit der Hand vom Kinn abwärts den Hals entlang streichen, um den Schluckakt anzuregen
• Kontrolle nach jedem Schluck: nach jedem Schluck mit Wasser nachschschlucken lassen, bestenfalls nach jedem Schluck Stimme kontrollieren

Beobachtungen, die an den gehobenen Dienst weitergeleitet werden müssen

Sofort melden bei:

  • Atemnot oder Würgen
  • gurgelnde/nasse Stimme nach dem Schlucken
  • Essen bleibt im Mund („Backentaschen“)
  • Speichel läuft aus dem Mund
  • Schmerzen beim Schlucken
  • Verweigerung von Essen/Trinken
  • deutlicher Gewichtsverlust
  • Anzeichen von Dehydration (wenig Urin)
  • Fieber

Weiter beobachten, dokumentieren bei

  • Husten / Verschlucken
  • verminderte Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme
  • Gewichtsverlust
  • Anzeichen von Dehydration (trockener Mund)
  • Veränderungen des Schluckverhaltens

Maßnahmen bei Erbrechen nach dem Essen

• liegende, wache Patientin in Oberkörperhochpositionierung bringen
• liegende, bewusstseinseingeschränkte Patientin in die stabile Seitenlage bringen
• Nierenschale

Nach dem Erbrechen:
• Sorgfältige Mundpflege durchführen
• Ursachen erkennen und nach Möglichkeit behandeln lassen (Arzt)

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Hilfestellung beim Erbrechen: Wie hilfst du einer Person, die erbricht?💡🧩 🪢

BegriffBeschreibung
AspirationFremdkörper gelangen in die Atemwege
Aspirationspneumonieaspirationsindizierte Lungenentzündung
BolusBissen
DysphagieSchluckstörung
PEG-Sondekünstliche enterale Ernährung
PenetrationEindringen von Nahrung in die oberen Atemwege
PflegeinterventionPflegemaßnahme
PneumonieLungenentzündung
SingultusSchluckauf
Tracheostomachirurgisch geschaffene, künstliche Öffnung in der Luftröhre zur Sicherstellung der Atmung

VIEL GLÜCK BEI DER PRÜFUNG! 🍀


Bild: pixabay, @congerdesign