Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Behindertenarbeit
Erstellt am: 30.04.2026
Aktualisiert am: 28.06.2026
Somatische Wahrnehmung – sensomotorische Wahrnehmung: Der Unterschied
Die somatische Wahrnehmung ist die Körperwahrnehmung: z.B. durch Berührung, Druck, Temperatur, Schmerz, Muskelspannung und die Lage von
Die sensomotorische Wahrnehmung beschreibt die Wechselwirkung von Wahrnehmung und Bewegung. Bewegung erzeugt dabei neue Sinneseindrücke, die Wahrnehmung steuert Bewegungen.
Der Unterschied liegt vor allem darin, worauf der Begriff den Schwerpunkt legt:
| Somatische Wahrnehmung | Sensomotorische Wahrnehmung |
|---|---|
| Wahrnehmung des eigenen Körpers | Wechselwirkung von Wahrnehmung und Bewegung |
| Reize über Haut, Muskeln, Gelenke und Körperinneres | Sinnesrückmeldungen steuern Bewegungen, und Bewegung erzeugt neue Wahrnehmung |
| z. B. Druck, Wärme, Kälte, Schmerz, Muskelspannung, Lage einzelner Körperteile | z. B. nach einem Gegenstand greifen, Gleichgewicht halten, sich drehen, einen Taster gezielt drücken, Wahrnehmen und Beantworten von Berührung, Nähe und Bewegung eines Gegenübers |
| „Wie fühlt sich mein Körper an?“ | „Wie bewege ich mich aufgrund dessen, was ich wahrnehme?“ |
Ein einfaches Beispiel:
Wenn eine Person eine Hand berührt bekommt und daraufhin den Kopf dreht oder die Hand bewegt, ist das zunächst somatische Wahrnehmung. Das Wahrnehmen der Berührung und die darauf folgende gezielte Bewegung bilden zusammen einen sensomotorischen Vorgang.
Basale Stimulation
Basale Stimulation ist ein ursprünglich sonderpädagogisches Konzept, das Kontakt und Kommunikation über wahrnehmungsfördernde (sensomotorische) Bewegungsangebote ermöglicht, welche die somatische Wahrnehmung (Körperwahrnehmung) anregen. Es handelt sich um einen „somatischen Dialog“, also um einen Versuch, durch Berührungen, Rhythmus, Stimme und Bewegung Kontakt zu Menschen mit schweren Einschränkungen (oder beeinträchtigten Wahrnehmung) aufzunehmen und ihnen dadurch einen Zugang zu ihrer Umgebung zu ermöglichen. Es handelt sich um kein therapeutisches Konzept und wird sowohl von der Sozialbetreuung als auch von der Pflege ausgeführt.
Entwicklung: Sonderpädagoge und heilpädagogischer Psychologe Andreas D. Fröhlich
Weiterentwicklungen, Bereich Sozialbetreuung: Basale Kommunikation
Weiterentwicklungen, Bereich Pflege: z.B. Atemstimulierende Einreibung
Ganzheitliche Förderung der Sinneskanäle
Der Mensch kommuniziert nicht nur über Sprache. Wenn sich ein Mensch in einem sensomotorischen Zustand befindet (z.B. Wachkoma) oder seine Lebensweise überwiegend sensomotorisch geprägt ist (z.B. Schwerstmehrfachbehinderug, Demenz), kann über andere Sinneskanäle Kontakt aufgenommen werden.
In der basalen Stimulation gibt es unterschiedliche Arten der Sinnesanregung, die allein oder in Kombination angewendet werden können:
• taktil-haptische Stimulation: Spür- und Tastsinn über Berührungen anregen
• visuelle Stimulation: visuelle Wahrnehmung durch Umgebungsgestaltung, Kleider, Bilder, Lichter, Farben anregen
• akustisch-auditive Stimulation: Hörsinn über Stimme, Klang oder Musik anregen
• olfaktorische Stimulation: Geruchssinn über Düfte wecken
• gustatorische Stimulation: Geschmackssinn über Geschmacksstoffe anregen
• vibratorische Stimulation: Körpertiefe und -fülle durch Vibration erfahrbar machen (führt zu mehr Stabilität)
• somatische Stimulation: somatische Warhnehmung z.B. durch (Initial-)Berührung, Waschungen, Atemstimulierende Einreibung anregen
• vestibuläre Stimulation: Gleichgewichtssinn durch Positionierungen anregen
Das Ziel der Basalen Stimulation
kommt darauf an, ob es im pflegerischen oder im sozialpädagogischen Kontext angewendet wird.
- im pflegerischen Kontext Stressreduzierung / Wohlbefinden / Schlafförderung
- im sozialpädagogischen Kontext Kontakt aufnehmen / Kommunikation
- in beiden Fällen fördert sie die Wahrnehmung
Praktische Beispiele für die Umsetzung
In der Sozialbetreuung wird vorwiegend mit der Basalen Kommunikation gearbeitet, in der Pflege mit Maßnahmen wie z.B. ASE oder Beruhigende Waschung.
Weitere Möglichkeiten
- Somatisch (Haut/Berührung): Frottieren nach dem Waschen, eincremen, Haare kämmen
- Vestibulär (Gleichgewicht): Schaukeln
- Vibratorisch (Schwingungen): Vibrationskissen oder das Spüren von Musik
- Olfaktorisch/Gustatorisch (Geruch/Geschmack): Einsatz von Düften (z. B. Kaffee, Gewürze) oder das Kosten verschiedener Geschmacksrichtungen (süß, sauer).
- Auditiv/Visuell: Einsatz von Lichtquellen (Lichtprojekoren gibt es auch in klein und sind sehr günstig), bewusste Alltagsgeräusche (Papierknistern)
Basale Kommunikation
Entwickler der Basalen Kommunikation: Winfried Mall
Weiterentwicklung des Konzepts der Basalen Stimulation nach Andreas D. Fröhlich
Basale Kommunikation ist eine Weiterentwickllung der Basalen Stimulation. Es handelt sich – wie auch die Basale Stimulation – um ein sonderpädagogisches Konzept, das durch wahrnehmungsfördernde (sensomotorische) Bewegungsangebote die Körperwahrnehmung (somatische Wahrnehmung) anregt und dadurch Kommunikation fördert. Der Unterschied ist, dass diese Form der Basalen Stimulation in erster Linie bei Menschen ohne intentionale Kommunikation bzw. mit sensomotorischer Lebenweise eingesetzt wird und der Fokus auf Kommunikation liegt (und nicht auf Beruhigung oder Schlafförderung wie bei pflegerischen Handlungen). Winfried Mall bezeichnet die Basale Kommunikation als eine „voraussetzungslose und körpernahe Begegnung“. Es handelt sich um eine Praxis, die speziell von der Fachsozialbetreuung durchgeführt wird.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Was sind Sensomotorische Lebenweisen?💡🧩 🪢
Praktische Umsetzung
Beobachten & spiegeln: Die ausführende Person achtet auf jede Bewegung, jeden Atemzug und jeden Laut der Hauptperson und antwortet auf diese mit Zurückspiegeln (mit Bewegungen oder Lauten) und Variieren. Wichtig ist, Abwehrreaktionen und Wohlgefallen wahrzunehmen und sich dementsprechend zu verhalten (zurücknehmen, weiter ausführen, variieren)
Basale Kommunikation eignet sich für Menschen…
- Menschen mit intentionaler Kommunikation ( keinen Zugang zu unserer Welt, Worte, Gestik und Mimik haben keinen erkennbaren Bedeutungsgehalt)
- mit schwerer kognitiver Behinderung
- im ausgeprägten Autismus-Spektrum mit nonverbaler Kommunikationsweise
- im Wachkoma
- mit Demenz
Hintergrund
– Basale Kommunikation wirkt direkt auf das Nervensystem des Menschen. Es beeinflusst Herzschlag, Atmung und Muskeltonus. Durch die Resonanz mit dem Gegenüber kann der Mensch Sicherheit und Zugehörigkeit erleben und sich regulieren.
– Die Verhaltensweisen des betroffenen Menschen werden durch das eigene Verhalten aufgegriffen, gespiegelt oder variiert. Es können zur Anregung von Kommunikation auch ähnliche oder andere Verhaltensweisen angeboten werden (ähnlich der Kommunikation in den ersten Lebensmonaten des Säuglings).
– Basale Kommunikation ist ein ausdrücklich sozialpädagogischer Ansatz, und kein therapeutischer. Er kann kann von Personen mit sozialpädagogischer und pflegerischer Ausbildung bzw. von Eltern oder Angehörigen durchgeführt werden.
Ausdrucksmittel
Die Entwicklung eines Menschen finden immer in Resonanz zu seiner Umwelt statt. Dazu gehören auch körperliche/biologische Rhythmen. Andere Menschen nehmen einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Einzelnen.
„Innerhalb synchroner Episoden der Interaktion synchronisieren sich auch Prozesse im Inneren des Körpers. Menschliche Gehirne scheinen wie dafür gemacht, miteinander zu interagieren, und schwingen sich buchstäblich aufeinander ein.“
Steffens 2003
🔗 Externer Link: Mehr über Resonanz und Synchronisation von Jan Steffens: „Soziale Isolation, Einsamkeit und psychische Entwicklung„, Zeitschrift „Menschen“, Online-Artikel aus Heft 3/2023 – Fachthema, zeitschriftmenschen.at 🔗
Atemrhythmus
Im Atemrhythmus drückt sich mein momentaner emotionaler Zustand aus, meine Grundstimmung, meine Selbstregulation, meine Stressverarbeitung, meine Wahrnehmung, mein Lebensgefühl, sogar meine Persönlichkeit (individuelle körperlich-psychische Muster)[1].
ℹ️ Mehr Infos zum Thema (Kommentar): Atmung ist nicht nur Gasaustausch ℹ️
Lautäußerung
Lautäußerungen stehen in engem Zusammenhang mit der Atmung (Töne, Brummen, Lautieren, Sprechen).
Berührung
Berührung ist eine der frühesten und grundlegendsten Formen von Beziehung. Besonders in frühen Entwicklungsphasen werden über wiederkehrende, verlässliche Berührungserfahrungen grundlegende Muster von Regulation aufgebaut.
Bewegung
Bewegung ist eng mit biologischen Rhythmen verbunden. Atmung, Herzschlag und Muskelaktivität stehen in ständigem Wechselspiel mit Bewegung. Bewegung ist auch eine grundlegende Form von Beziehung. Schon früh in der Entwicklung entstehen über gemeinsame Bewegungen erste Abstimmungsprozesse: getragen werden, gewiegt werden, gemeinsam gehen, Tempo aufnehmen oder abbremsen. Bewegung ist also nicht nur Fortbewegung, sondern auch ein Medium der Kommunikation und Regulation. Über sie werden Beziehungen gestaltet, Spannungszustände beeinflusst und innere Zustände nach außen sichtbar. In gelingender Interaktion kann sich Bewegung regulierend auswirken: ein gleichmäßiger Gang, ein ruhiges Schaukeln oder synchrones Tun können stabilisieren und beruhigen. Umgekehrt können hektische, unvorhersehbare Bewegungen zu Anspannung und Desorganisation führen. Wenn sprachliche Kommunikation eingeschränkt ist oder nicht mehr erreicht, kann Bewegung ein direkter Zugang sein, um in Kontakt zu treten und Entwicklung zu ermöglichen.
Durchführung
• die Durchführung dauert rund 10–20 Minuten
• Störungen fernhalten
• regelmäßig wiederholen (1–2 am Tag)
VORBEREITUNG
– ruhigen, reizarmen (möglichst dunklen) Raum wählen
DURCHFÜHRUNG[2]
Sprache
– wenig Sprache einsetzen, leise und ruhig sprechen
– aktuelles Geschehen ansprechen: was ich tue, was ich fühle
– nicht ablenken lassen
– gegenseitiges spüren als wichtigster Faktor
– keinen Blickkontakt erzwingen (wenn, dann mit einem Lächeln beantworten)
Atmung
– sich in den Atemrhythmus hineinfühlen und mitatmen
– auf Veränderungen im Rhythmus achten
– kein verkrampftes Atmen
– hörbares ausatmen (auch brummen, summen, singen)
Selbst entspannt bleiben
– es ist gut, so wie es ist
Spiegeln
– Ausdruck der Hauptperson spiegeln (Ausatmung, Töne, Geräusche, Bewegungen), je nach Reaktion kurz oder lang
– über die Stelle streichen, von der aus die Bewegung ausgeht (Bauch, Rücken, Arme, Beine, Kopf)
Bewegung
– Hauptperson an den Schultern oder am Oberkörper berühren und mit ihr bewegen
– unterschiedliche Bewegungsmöglichkeiten anbieten (vor-zurück, im Kreis,…)
– mit den Bewegungsimpulsen der Hauptperson spielen: mit allen Gelenken (Finger, Hand, Ellbogen, Knie,…), Grenzen spüren lassen, Erweiterungen versuchen, Widerstand respektieren
Abwehr
– Abwehrreaktionen wahrnehmen, sich zurücknehmen
– Abwehrsignale und Signale für Wohlgefallen sammeln
Abschluss
– die Sitzung in einer möglichst ruhig-gelösten Situation beenden und sich behutsam zurückziehen
– bei Abwehr nur kurz weitermachen, um Setting selbstbestimmt enden zu lassen
NACHBEREITUNG
– dokumentieren
Was bedeutet voraussetzungslose Kommunikation?
Der Begriff „voraussetzungslose Kommunikation“ bei Winfried Mall ist bewusst radikal formuliert.
Er meint damit: Kommunikation braucht keine Voraussetzungen auf Seiten des Gegenübers.
Das bedeutet:
• Ein Mensch muss nicht sprechen können,
• nicht verstehen im kognitiven Sinn,
• keine Symbole benutzen können,
• und keine „erkennbare Absicht“ zeigen,
um als Kommunikationspartner ernst genommen zu werden.
Quellen:
[1] Soroka et al., 2025 – „Humans have nasal respiratory fingerprints“, Current Biology – A Cell Press Journal, cell.com
[2] Begegnung mit Silvio, basale-kommunikation.ch
Weiterführende Literatur
Winfried Mall, Menschen mit umfassender Beeinträchtigung Gehör verschaffen | Teilhabe 3/2019, Jg. 58, S. 124 – 128, winfried-mall.ch
Beitragsbild: ©pixabay.com, @Pexels