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Kompetenz d. Sozialbetreuung: Basale Kommunikation

Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Behindertenarbeit

30.04.2026

Das Konzept Basale Kommunikation

Entwickler der Basalen Kommunikation: Winfried Mall
Inspiration: Weiterentwicklung des Konzepts der Basalen Stimulation nach Andreas D. Fröhlich mit Elementen aus der Funktionellen Entspannung nach Marianne Fuchs

Basale Kommunikation ist eine Art des Kommunikationsaufbaus auf somatischer Ebene. Sie wird bei Menschen ohne intentionale Kommunikation eingesetzt. Es handelt sich um eine voraussetzungslose, körperorientierte und körpernahe Begegnung. Die ausführende Person achtet dabei auf jede Bewegung und jeden Laut der Hauptperson und antwortet auf diese mit Zurückspiegeln (mit Bewegungen oder Lauten).

Basale Kommunikation eignet sich für Menschen…

  • mit schwerer kognitiver Behinderung
  • im ausgeprägten Autismus-Spektrum mit nonverbaler Kommunikationsweise
  • im Wachkoma
  • mit Demenz

Das Ziel der Basalen Kommunikation
Basale Kommunikation wirkt direkt auf das Nervensystem des Menschen. Es beeinflusst Herzschlag, Atmung und Muskeltonus. Durch die Resonanz mit dem Gegenüber kann der Mensch Sicherheit, Orientierung und Zugehörigkeit erleben und sich regulieren.

Die Verhaltensweisen des betroffenen Menschen werden durch das eigene Verhalten aufgegriffen, gespiegelt oder variiert. Es können zur Anregung von Kommunikation auch ähnliche oder andere Verhaltensweisen angeboten werden (ähnlich der Kommunikation in den ersten Lebensmonaten des Säuglings).

Basale Kommunikation ist ein ausdrücklich sozialpädagogischer Ansatz, und kein therapeutischer. Er kann kann von Personen mit sozialpädagogischer und pflegerischer Ausbildung bzw. von Eltern oder Angehörigen durchgeführt werden.

Ausdrucksmittel

Die Entwicklung eines Menschen finden immer in Resonanz zu seiner Umwelt statt. Dazu gehören auch körperliche/biologische Rhythmen. Andere Menschen nehmen einen enormen Einfluss auf die Entwicklung des Einzelnen.

„Innerhalb synchroner Episoden der Interaktion synchronisieren sich auch Prozesse im Inneren des Körpers. Menschliche Gehirne scheinen wie dafür gemacht, miteinander zu interagieren, und schwingen sich buchstäblich aufeinander ein.“
Steffens 2003

🔗 Externer Link: Mehr über Resonanz und Synchronisation von Jan Steffens: „Soziale Isolation, Einsamkeit und psychische Entwicklung„, Zeitschrift „Menschen“, Online-Artikel aus Heft 3/2023 – Fachthema, zeitschriftmenschen.at 🔗

Atemrhythmus

Im Atemrhythmus drückt sich mein momentaner emotionaler Zustand aus, meine Grundstimmung, meine Selbstregulation, meine Stressverarbeitung, meine Wahrnehmung, mein Lebensgefühl, sogar meine Persönlichkeit (individuelle körperlich-psychische Muster)[1].

ℹ️ Mehr Infos zum Thema (Kommentar): Atmung ist nicht nur Gasaustausch ℹ️

Lautäußerung

Lautäußerungen stehen in engem Zusammenhang mit der Atmung (Töne, Brummen, Lautieren, Sprechen).

Berührung

Berührung ist eine der frühesten und grundlegendsten Formen von Beziehung. Besonders in frühen Entwicklungsphasen werden über wiederkehrende, verlässliche Berührungserfahrungen grundlegende Muster von Regulation aufgebaut.

Bewegung

Bewegung ist eng mit biologischen Rhythmen verbunden. Atmung, Herzschlag und Muskelaktivität stehen in ständigem Wechselspiel mit Bewegung. Bewegung ist auch eine grundlegende Form von Beziehung. Schon früh in der Entwicklung entstehen über gemeinsame Bewegungen erste Abstimmungsprozesse: getragen werden, gewiegt werden, gemeinsam gehen, Tempo aufnehmen oder abbremsen. Bewegung ist also nicht nur Fortbewegung, sondern auch ein Medium der Kommunikation und Regulation. Über sie werden Beziehungen gestaltet, Spannungszustände beeinflusst und innere Zustände nach außen sichtbar. In gelingender Interaktion kann sich Bewegung regulierend auswirken: ein gleichmäßiger Gang, ein ruhiges Schaukeln oder synchrones Tun können stabilisieren und beruhigen. Umgekehrt können hektische, unvorhersehbare Bewegungen zu Anspannung und Desorganisation führen. Wenn sprachliche Kommunikation eingeschränkt ist oder nicht mehr erreicht, kann Bewegung ein direkter Zugang sein, um in Kontakt zu treten und Entwicklung zu ermöglichen.

Durchführung

• die Durchführung dauert rund 10–20 Minuten
• Störungen fernhalten
• regelmäßig wiederholen (1–2 am Tag)

VORBEREITUNG
– ruhigen, reizarmen (möglichst dunklen) Raum wählen

DURCHFÜHRUNG[2]

Sprache
– wenig Sprache einsetzen, leise und ruhig sprechen
– aktuelles Geschehen ansprechen: was ich tue, was ich fühle
– nicht ablenken lassen
– gegenseitiges spüren als wichtigster Faktor
– keinen Blickkontakt erzwingen (wenn, dann mit einem Lächeln beantworten)

Atmung
– sich in den Atemrhythmus hineinfühlen und mitatmen
– auf Veränderungen im Rhythmus achten
– kein verkrampftes Atmen
– hörbares ausatmen (auch brummen, summen, singen)

Selbst entspannt bleiben
– es ist gut, so wie es ist

Spiegeln
– Ausdruck der Hauptperson spiegeln (Ausatmung, Töne, Geräusche, Bewegungen), je nach Reaktion kurz oder lang
– über die Stelle streichen, von der aus die Bewegung ausgeht (Bauch, Rücken, Arme, Beine, Kopf)

Bewegung
– Hauptperson an den Schultern oder am Oberkörper berühren und mit ihr bewegen
– unterschiedliche Bewegungsmöglichkeiten anbieten (vor-zurück, im Kreis,…)
– mit den Bewegungsimpulsen der Hauptperson spielen: mit allen Gelenken (Finger, Hand, Ellbogen, Knie,…), Grenzen spüren lassen, Erweiterungen versuchen, Widerstand respektieren

Abwehr
– Abwehrreaktionen wahrnehmen, sich zurücknehmen
– Abwehrsignale und Signale für Wohlgefallen sammeln

Abschluss
– die Sitzung in einer möglichst ruhig-gelösten Situation beenden und sich behutsam zurückziehen
– bei Abwehr nur kurz weitermachen, um Setting selbstbestimmt enden zu lassen

NACHBEREITUNG
– dokumentieren

Was bedeutet voraussetzungslose Kommunikation?

Der Begriff „voraussetzungslose Kommunikation“ bei Winfried Mall ist bewusst radikal formuliert.

Er meint damit: Kommunikation braucht keine Voraussetzungen auf Seiten des Gegenübers.

Das bedeutet:
• Ein Mensch muss nicht sprechen können,
• nicht verstehen im kognitiven Sinn,
• keine Symbole benutzen können,
• und keine „erkennbare Absicht“ zeigen,
um als Kommunikationspartner ernst genommen zu werden.

Quellen:
[1] Soroka et al., 2025 – „Humans have nasal respiratory fingerprints“, Current Biology – A Cell Press Journal, cell.com
[2] Begegnung mit Silvio, basale-kommunikation.ch

Weiterführende Literatur
Winfried Mall, Menschen mit umfassender Beeinträchtigung Gehör verschaffen | Teilhabe 3/2019, Jg. 58, S. 124 – 128, winfried-mall.ch


Beitragsbild: ©pixabay.com, @Pexels