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Kompetenz der Sozialbetreuung: Unterstützte Kommunikation

Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Behindertenarbeit


12.03.2026

Aufbereiteter Lehrinhalt: Grundlagen, Ziele, Formen und Einsatzbereiche der Unterstützten Kommunikation sowie ihre Bedeutung für pädagogische Arbeit, Förderdiagnostik und personenzentrierte Unterstützung.

Das muss die FSB-BA/BB über Unterstützte Kommunikation wissen:
➤ Die Bedeutung und die Formen der Kommunikation
➤ Die Entwicklung der Kommunikation
➤ Definition „Unterstützte Kommunikation“
➤ Formen der Unterstützten Kommunikation
➤ Kommunikationshilfen und -mittel
➤ Aspekte bei der Auswahl des geeigneten UK-Mittels
➤ Die Bedeutung und Anwendung des Modelling
➤ Den Unterschied zwischen ICH-Buch, ÜBER-MICH-Buch und LEBENSbuch: Eignung, Inhalte, Gestaltung
➤ Das pädagogische Diagnostikverfahren von Irene Leber (Stufen!)
➤ Anwendung pädagogischer Diagnostik

Die Bedeutung von Kommunikation

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Die Bedeutung der Kommunikation💡🧩 🪢

Formen der Kommunikation

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Die Formen der Kommunikation 💡🧩 🪢

Die Entwicklungsstufen der Kommunikation im Detail

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Humanwissenschaft: Kommunikation Entwicklungsstufen in der Heil- und Sonderpädagogik💡🧩 🪢

Die deutsche Sonderschullehrerin Irene Leber hat die international anerkannte Grundidee der „stufenweisen Kommunikationsentwicklung“ (Rowland, 2011) aus der Entwicklungspsychologie übernommen und unter dem Titel „Kommunikation einschätzen und unterstützen“ Diagnostikmaterial für Personen mit UK-Bedarf entwickelt. Bekannt sind von ihr ein Diagnostik-Poster und ein Begleitheft. Da diese Materialien sehr anschaulich und praxisnah sind, arbeiten heute viele Pädagogen (v.a. Heil- und Sonderpädagogik, Sozialpädagogik, Geragogik, Demenzpädagogik) aus dem deutschsprachigen Raum damit.

Kommunikation entwickelt sich nicht in klar abgegrenzten, großen Sprüngen, sondern verläuft kontinuierlich und fließend, wobei einzelne Entwicklungsbereiche ineinander übergehen. Für die pädagogische Förderdiagnostik ist es dennoch sinnvoll, bestimmte Entwicklungsphasen zu unterscheiden, um Orientierung zu gewinnen. Diese Phasen lassen sich wiederum in kleinere Zwischenschritte untergliedern, die eine differenzierte Beobachtung, Einschätzung und gezielte Unterstützung ermöglichen. Die hier genannten Stufen dienen als Diagnoseinstrument und helfen dabei, zu beantworten, wo die Person aktuell steht. Ohne diese Differenzierung würde man wichtige Unterschiede übersehen.

1. A. Nichtintentionale Kommunikation: ICH
2. B. Präintentionale Kommunikation: ICH und DU
3. C1. Intentionale Kommunikation: ICH, DU und die DINGE
4. C2. Intentionale Kommunikation: aktive Kommunikation
5. D1. Symbolische Kommunikation: ICH, DU, die DINGE und ein SYMBOL
6. D2. Symbolische Kommunikation: aktive Kommunikation
7. E1. Explosion des Vokabulars
8. E2. Explosion des Vokabulars: aktive Kommunikation

A. Nichtintentionale Kommunikation: ICH

• Empfindungen (Wohlsein / Unwohlsein) werden durch angeborene Verhaltensweisen gezeigt (z.B. weinen, schreien).
• Die Äußerungen sind unbeabsichtigt, verfolgen kein Ziel.

B. Präintentionale Kommunikation: ICH und DU

• Reagiert auf den eigenen Namen, hält angebotenen Blickkontakt, soziales Lächeln. Verfolgt Menschen mit dem Blick. Verhält sich anders, wenn eine Person in der Nähe ist. Versucht, auf sich aufmerksam zu machen.

C1. Intentionale Kommunikation: ICH, DU und die DINGE

• Objektpermanenz: erkennt, dass Objekte auch außerhalb ihrer Wahrnehmung weiter bestehen. Umwelt wird mit dem Mund erkundet. Greift Dinge.
• Triangulärer Blick: Richtet in einer Kommunikationssituation ihren Blick abwechselnd auf drei Bezugspunkte: sich selbst, eine andere Person und einen Gegenstand. Fordert andere zu Handlungen auf, indem sie z.B. ein Objekt zeigt.
• Die Äußerungen sind beabsichtigt, verfolgen ein Ziel.

C2. Intentionale Kommunikation: aktive Kommunikation

• Zeigt Abneigung und Protest und beginnt damit, Dinge zu kommentieren (auf etwas Interessantes hinzuweisen).

D1. Symbolische Kommunikation: ICH, DU, die DINGE und ein SYMBOL

• Quadrangulärer Blick: in einer Kommunikationssituation werden vier Bezugspunkte miteinander verknüpft. Weiß, dass sie über Symbole, die für Dinge stehen, kommunizieren kann.
• Zeigt mit dem Finger auf Bilder, die für Dinge stehen. Kann Piktogramme verstehen.
• voll entwickelte Objektpermanenz: erkennt Personen und Dinge und vermisst diese, wenn sie nicht da sind.
• ab dieser Phase ist die Person bereit, Gebärden zu lernen und mit Sprachausgabegeräten zu kommunizieren.

D2. Symbolische Kommunikation: aktive Kommunikation

Die Person kann diese und weitere Dinge in Form eines Symbols / Piktogramms bzw. in Form einer Gebärde ausdrücken:
• fordert verschiedene Handlungen
• fordert verschiedene nicht sichtbare Gegenstände
• weist auf etwas Interessantes hin (kommentiert)
• stimmt situationsbezogen zu oder lehnt ab
• zeigt Protest (auch situationsunabhängig)

E1. Explosion des Vokabulars

• Versteht, dass Begriffe unabhängig von Raum und Zeit durch Worte, Gebärden, Dinge oder grafische Symbole repräsentiert werden können.
• Kommunikation beginnt, sich explosionsartig zu entwickeln.
• Berichtet von Erlebtem, stellt Fragen und entwickelt eigene Zeichen, wenn nicht genügend Vokabular zur Verfügung steht.
• Erkennt Tagesabläufe.
• Bilderbücher werden interessant, auch Details eines Bildes werden kommentiert.

E2. Explosion des Vokabulars: aktive Kommunikation

• Sucht aktiv nach neuem Vokabular.
• Das Vokabular für Gesprächsführung, Floskeln, Grundbedürfnisse, Personen, Tiere, Tätigkeiten, Orte, Eigenschaften, Feste, Zeitbegriffe, soziale Beziehungen, Fragen, aktuelle Themen explodiert.

🔗 Externer Link: Unterstützung für die pädagogische Förderdiagnostik: Der Diagnosebogen von Irene Leber. 🔗

Die 12 Wortschatzmodule

Die 12 Wortschatzmodule bilden eine Grundlage für den systematischen Aufbau von Kommunikationsmöglichkeiten in der Unterstützten Kommunikation. Sie können auch in der pädagogischen Förderdiagnostik eingesetzt werden.

  1. Erstes Steuern von Interaktionen
  2. Sich selbst, andere Personen und Besitzverhältnisse bezeichnen
  3. Widersprechen und Protes ausdrücken
  4. Zeitliche Aspekte einer Aktivität steuern
  5. Um eine Handlung bitten oder eine Handlung steuern
  6. Eine Handlung kommentieren oder beschreiben
  7. Gegenstände bemerken und darum bitten
  8. Positionen bestimmen oder bezeichnen
  9. Um eine Information bitten
  10. Befindlichkeiten oder Gefühle ausdrücken
  11. Spezifische Tätigkeiten bezeichnen oder steuern
  12. Erweiterte Zeitkonzepte ausdrücken

Unterstützte Kommunikation: Definition

Unterstützte Kommunikation (UK) hilft Menschen ohne Lautsprache zu kommunizieren. Dafür stehen unterschiedliche Hilfsmittel zur Verfügung. UK wird immer dann eingesetzt, wenn Lautsprache eingeschränkt oder nicht vorhanden ist.

Grundprinzipien der Unterstützten Kommunikation

  • Recht auf Bildung
  • Recht auf Arbeit
  • Recht auf selbstbestimmtes Wohnen
  • Recht auf Kommunikation
  • Recht auf gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe
  • Recht auf freie Meinungsäußerung, Meinungsfreiheit
  • Auch Menschen mit Behinderung haben ein Informationsrecht (und das nicht nur als PatientInnen, s. UN-BRK)
  • Der Auftrag der Sozialbetreuung ist es, die Selbstbestimmung zu fördern[1]

Kommunikation ist ein Menschenrecht!

🎬 Video: Pressekonferenz: Menschen ohne Lautsprache haben ein Recht auf Kommunikation – Österreichischer Behindertenrat 🎬

Kommunikationsbedürfnisse von Menschen mit Behinderung

Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich mitzuteilen, verstanden zu werden und mit anderen in Beziehung zu treten. Wenn die Lautsprache eingeschränkt ist, entstehen bei der Kommunikation Barrieren. Diese Barrieren sollen durch Unterstützte Kommunikation abgebaut werden.

Die Kommunikationsbedürfnisse von Menschen mit Behinderung unterscheiden sich grundsätzlich nicht von denen anderer Menschen. Auch sie möchten:

  • Bedürfnisse und Wünsche ausdrücken
  • Gefühle mitteilen
  • Entscheidungen treffen
  • Fragen stellen
  • Informationen erhalten
  • soziale Beziehungen gestalten
  • an Gesprächen und Aktivitäten teilnehmen

Bedeutung der UK für die pädagogische Arbeit

In der pädagogischen Praxis ist es wichtig, Kommunikationsbedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Fachpersonen beobachten deshalb:

  • wie eine Person kommuniziert
  • welche Ausdrucksformen sie nutzt
  • in welchen Situationen Kommunikation gelingt oder schwierig ist

Auf dieser Grundlage können passende Kommunikationsformen oder Methoden der Unterstützten Kommunikation eingesetzt werden, um Verständigung zu erleichtern und Teilhabe zu ermöglichen.

Einsatzbereiche

Unterstützte Kommunikation wird häufig genutzt von Menschen mit:

  • geistiger Behinderung
  • Cerebralparese
  • Sprachentwicklungsstörungen
  • neurologischen Erkrankungen

Unterstützte Kommunikation kann – mit Einschränkungen – auch für autistische Menschen ein wichtiges Werkzeug sein, wird jedoch bei nonverbalen Menschen mit Autismus nicht grundsätzlich immer eingesetzt.

Ziel der Unterstützten Kommunikation

Das Ziel ist, dass Menschen:

  • Wünsche und Bedürfnisse äußern können
  • Entscheidungen treffen können
  • am sozialen Leben teilnehmen können
  • verstanden werden

Formen der Unterstützten Kommunikation

Körpereigene Kommunikation
Nicht-technische Hilfsmittel
Technische Hilfsmittel

UK-Kommunikationsmittel

Körpereigene Kommunikationsmittel

  • Gebärden
  • Ja-/Nein-Signale
  • Mimik
  • Gestik
  • Blickrichtung
  • zeigen
  • vokalisieren (lautieren)
  • Atmung
  • Muskelspannung

Nicht-technische Kommunikationsmittel

Technische Kommunikationsmittel

Pädagogische Förderdiagnostik Unterstützte Kommunikation

Die pädagogische Förderdiagnostik UK ist dafür da, die kommunikativen Voraussetzungen, den aktuellen Entwicklungsstand und den Unterstützungsbedarf einer Person systematisch einzuschätzen, damit daraus passende UK-Maßnahmen geplant werden können.

Beispiel: Einschätzen und Unterstützen, Irene Leber, 2012

Das Dokument ist kein Testbogen, sondern ein Instrument zur pädagogischen Förderdiagnostik und Förderplanung in der Unterstützten Kommunikation. Es hilft beim Einschätzen und beim konkreten Planen von Unterstützung im Alltag.

Ein diagnostischer Bogen ist in der Regel nach den Kommunikationsentwicklungsstufen aufgebaut. In den einzelnen Bereichen wird jeweils erhoben, was die Person versteht, wie sie sich äußert und welche kommunikativen Funktionen schon vorhanden sind, zum Beispiel Aufmerksamkeit fordern, protestieren, kommentieren, Gegenstände verlangen oder Fragen stellen.

Die pädagogische Förderdiagnostik ist in der Praxis nützlich, um
1. den Ist-Stand zu erfassen,
2. Förderziele abzuleiten,
3. geeignete Kommunikationsformen auszuwählen – etwa Laute, Wörter, Gebärden, Fotos, Bildsymbole oder Sprachausgabegeräte – und
4. die Umsetzung im Alltag im Team zu planen. Auf der letzten Seite gibt es dazu ausdrücklich einen „Situationskreis“ zur Umsetzung der UK-Intervention im Alltag sowie eine Tabelle mit „Was ist zu tun? Wer tut es? Bis wann?“.

Mögliche Ursachen für eine Sprachstörung

  • muskuläre Beeinträchtigungen
  • Fehlbildungen im Hals-Nasen-Rachenraum, Beeinträchtigungen der Zunge, der Lippen, des Kehlkopfes und/oder der Lunge
  • Störungen der zentralen Steuerung der Sprechorgane (z.B. Infantile CP)
  • Fehlentwicklungen im Bereich der Hörorgane bzw. Störungen bei der Verarbeitung der vermittelten Reize über das Gehirn
  • Schwerste Hör- oder Sehstörungen
  • Kognitive Einschränkungen, die das Erlernen unseres komplexen Sprachregelsystems erschweren

Es ist zu unterscheiden, ob die fehlende Lautsprache von Geburt an besteht oder erst im Laufe des Lebens entstanden ist. Die Unterscheidung zeigt, ob Sprache nie entstanden ist oder verloren gegangen ist – und genau davon hängt ab, wie man pädagogisch denkt und arbeitet.

Aspekte bei der Auswahl des geeigneten UK-Mittels

Das richtige Ausdrucksmittel zu finden, setzt eine gute Kenntnis des betroffenen Menschen voraus.

Die Wahl der UK-Form ist von der Fähigkeit der Gedankenoperationen abhängig. Die Sozialpädagogik arbeitet dabei mit den kognitiven Entwicklungsstufen nach Jean Piaget (s. „Humanwissenschaft“):

  1. Sensomotorische Begabungsebene
  2. Präoperationale, spontane Ebene
  3. Konkret-operationale Begabungsebene
  4. Formal-operationale Begabungsebene

Sensomotorische Begabungsebene

Bedürfnisse, Gefühle und Wirklichkeit werden unmittelbar im Hier und Jetzt erfahren. Bewegung, Sehen, Hören, Tasten, Schmecken, Riechen. Handlungen erfolgen ohne Absicht. (bei Kindern zwischen 0-2 Jahren)

Geeignete Kommunikationshilfen: Gegenstände, Körpersprache, Töne

Präoperationale, spontane Begabungsebene

Sich erinnern, Entwicklung eines Verständnisses von Vergangenheit und Zukunft. Handlungen sind bereits mit ersten Zielen verknüpft. Fähigkeit, Sprache zu verstehen und/oder zu sprechen, ist in Ansätzen vorhanden. Bildsymbole können erkannt und gedeutet werden. Erfahrungen führen zu konkreten Erkenntnissen (z.B. „Jacke anziehen“ heißt „hinausgehen“) und Zusammenhängen (z.B. Sonnenaufgang = Morgen). (bei Kindern zwischen 2-7 Jahren)

Geeignete Kommunikationsmittel: Bilder, Fotos, Zeichnungen

Fähigkeiten zu konkret-operationalen Gedankenoperationen

Logisch denken, aber nur in Bezug auf konkrete Dinge. Situationen durchdenken und planen. Zeitgefühl: Ablesen der Uhr. Mathematische Zusammenhänge, z.B. im Umgang mit Geld, werden verstanden. Lesen und Schreiben sind möglich. (bei Kindern zwischen 7-11 Jahren)

Geeignete Kommunikationshilfen sind: Schrift, Bilder, Fotos, Computer

Fähigkeiten zu formal-operationalen Gedankenoperationen

Abstraktes und hypothetisches Denken wird möglich. (bei Kindern ab ca. 11-12 Jahren)

Geeignete Kommunikationshilfen sind: Schrift, Bliss-Symbole, Bilder, Fotos, Computer

Weitere Aspekte und Bedingungen, die beim Einsatz von UK beachtet werden sollten

  • Welche Umgebung?
  • Welche Kommunikation zum aktuellen Zeitpunkt?
  • Wer vermittelt das technische Hilfsmittel?
  • Austausch mit wem?
  • Kommunikationssystem ausbaufähig?
  • Werden die Äußerungen von den anderen verstanden?

Modelling

Bedeutung
Unter Modelling versteht man in der Unterstützten Kommunikation eine Methode, bei der die Kommunikationspartner selbst das Kommunikationssystem aktiv verwenden, um Sprache vorzuleben. Es ist eine Methode, die es ermöglicht, im Alltag Erfahrungen mit Sprache zu sammeln.

Anwendung
Bei der normalen Sprachentwicklung liegt der Fokus auf dem Miteinander zwischen den Kommunikationspartnern – der kompetentere Partner fungiert dabei als Sprachvorbild. In der UK wird dieses Vorgehen mit Modelling bezeichnet (engl.: modeling, oder auch aided language input). Der Kommunikationspartner versprachlicht das Verhalten des UK-Nutzers und nutzt dabei UK. Das UK-Mittel wird vom Kommunikationspartner aber auch genutzt, um die eigenen Gedanken zu versprachlichen. Die besten Momente für die Erweiterung der Kompetenzen im Rahmen des UK-Modellings sind meist die spontanen Momente des Alltags, deshalb muss das UK-Mittel auch jederzeit zur Verfügung stehen.

Um mit dem Modelling-Konzept arbeiten zu können, muss dem UK-Nutzer von Anfang an ein umfangreiches Vokabular zur Verfügung gestellt werden. Dies ist die Voraussetzung, um Modelling immer und überall, in jeder Alltagssituation anbieten zu können. Das ist auch das größte Unterscheidungsmerkmal im Vergleich zu anderen Methoden des UK-Trainings.

Um im Tagesgeschehen die Bedienung des UK-Mittels aus den Augen zu verlieren, lohnt es sich, in einem ersten Schritt ein Zielvokabular festzulegen und intensiv mit diesen Fokuswörtern zu arbeiten.

Das ICH-Buch, das ÜBER-MICH-Buch und das LEBENSBUCH

Das ICH-Buch ist ein persönliches Buch über einen Menschen, in dem wichtige Informationen so aufbereitet werden, dass die Hauptperson es zur Kommunikation verwenden kann. Das Buch wird gemeinsam mit der Hauptperson gestaltet. In der sozialpädagogischen Praxis wird das ICH-Buch vom ÜBER-MICH-Buch und vom LEBENSBUCH abgegrenzt. Dort wird das ICH-BUCH zu den UK-Kommunikationsmittel gezählt. Die sprachliche Unterscheidung ist derzeit noch nicht allgemein anerkannt. Deshalb finden sich im Internet auch Beispiele für Biografiearbeit mit Menschen, bei denen mit einem ICH-Buch gearbeitet wird, das nicht als UK-Mittel eingeordnet wird.

Das ÜBER-MICH-Buch ist ein Informationsbuch für Betreuungspersonen, das persönliche Informationen über eine Person enthält. Von einem LEBENSBUCH wird dann gesprochen, wenn der Schwerpunkt stärker auf Biografiearbeit liegt. Inhaltlich können sich die drei Formen überschneiden.

Das ICH-BUCH

Ziele

  • mit anderen Personen austauschen
  • unkomplizierte Informationsquelle, wird von anderen Personen nur dann genutzt, wenn es die Hauptperson herzeigen möchte
  • z.B. eine andere Person stellt eine Frage, die Hauptperson zeigt den Eintrag in ihrem ICH-Buch
  • hilft dabei, Kommunikationsstrategien zu entwickeln

In der Sozialbetreuung unterstützt das ICH-Buch:

  • personenzentriertes Arbeiten
  • Biografiearbeit auf Basis von UK
  • die Schaffung einer unkomplizierten Informationsquelle (wenn die Person gefragt wird und sie das ICH-Buch zeigt)
  • Förderung der Selbstbestimmung
  • Beziehungsarbeit

ICH-BUCH: NICHT-Ziele

  • dient nicht der Dokumentation, sondern der Kommunikation und der Beziehungsarbeit
  • ist kein Hilfsmittel für Betreuende, sondern in erster Linie ein UK-Hilfsmittel für die Hauptperson – diese entscheidet darüber, wem sie es zeigt

ICH-BUCH Inhalt

  • wird in der ersten Person und aus der Perspektive des Besitzers formuliert
  • leichte Sprache, keine Fachbegriffe (außer wenn die Hauptperson den Begriff persönlich selbst verwendet)
  • ressourcenorientiert und stärkenfokussiert formulieren 
  • an die individuellen Fähigkeiten angepasst
  • Datenschutz einhalten (Adressen, Nachnamen, Telefonnummern,…)
  • mit einer Einverständniserklärung dürfen die Kontaktdaten (Tel., Name) der Bezugsperson enthalten sein
  • die Hauptperson ist BesitzerIn des ICH-Buchs – sie entscheidet, wann und wer das Buch sehen darf
  • Das Buch soll handlich sein und immer griffbereit, damit die Person es möglichst selbständig benutzen kann
  • Inhalte:
    • wichtige Themen aus dem Leben der Hauptperson, über die sie sich austauschen möchte
    • Fotos
    • Bilder oder Symbole
    • kurze Texte
    • Zeichnungen
    • Erinnerungsstücke

Material

  • Zeichnungen
  • Fotos
  • Symbole
  • Karten
  • Bilder aus Katalogen
  • Gebärdenbilder
  • buntes Papier
  • Klarsichthüllen
  • Mappe
  • Ordner
  • Kleber
  • Schere
  • be-greifbare Materialien

Die letzten Seiten

In der Praxis hat es sich bewährt, die vorletzte Seite dafür zu verwenden, um die Vorstellungen zur Verwendung des Buchs und die Art des Umgangs mit der Person zu formulieren.

Beispiele:
– Gehe immer davon aus, dass ich alles, was du in meiner Anwesenheit über mich redest, verstehe!
– Sprich immer mit mir und nicht über mich!
– Sage mir immer genau, was als nächstes (mit mir) passiert!
– Beziehe mich überall mit ein und lass mich nicht daneben stehen!
– Gestatte mir, dass ich mich manchmal ärgere, wenn ich mich unverstanden fühle!

Die allerletzte Seite enthält oft:
– die Personen, die am ICH-Buch mitgearbeitet haben
– einen Satz, in dem nochmal festgehalten wird, dass die Inhalte mit der/m BuchbesitzerIn abgesprochen sind und sie/er damit einverstanden ist
– einen Satz, der ausdrückt, dass Veränderungen im Buch nur mit dem Einverständnis der Hauptperson vorgenommen werden dürfen
– einen Satz, der darauf hinweist, dass die Person selbst jederzeit Wünsche zur Änderung und Umgestaltung äußern darf

Beispiel Strukturierung des ICH-Buchs

Thema Beispiele Material 
Wer bin ich Ich bin…(Name u. Geburtsdatum) Großes Foto 
Was ich besonders gut kann Ich kann gut singen… Ich kann nicht so gut hören, aber sehr gut sehen…(kompensatorische Stärken betonen) Symbole, Fotos, Gebärden  
Wie du dich mit mir unterhalten kannst Ich spreche mit den Händen… Du kannst mich auch fragen… Stelle mir Ja und Nein fragen…und achte auf meine Kopfbewegung… Lass mir etwas Zeit…  Symbole, Fotos, Gebärden  
Meine Familie und Freunde Personen, Haustiere Fotos 
Wo  ich mich gerne aufhalte Lieblingsorte, Zimmer, Räume Symbole, Bilder, Fotos 
Das schmeckt mir… Ich mag gerne Bevorzugte Speisen, Getränke Symbole, Bilder, Fotos 
Das schmeckt mir gar nicht Ich mag überhaupt nicht… Das vertrage ich schlecht od. gar nicht (Allergien)… Symbole, Bilder, Fotos 
Alles was mir Spaß macht Ich mache gerne… Ich höre , sehe…gerne… Symbole, Bilder, Fotos 
Alles was mich nervt STOP! Das mag ich gar nicht… Symbole, Bilder, Fotos 
Achtung! Das musst du über mich wissen Ich brauche deine Unterstützung beim…Essen, Laufen, Hilfsmittel, Medikamente, … Symbole, Bilder, Fotos 
Mein Wochenplan Wiederkehrende Abläufe Symbole, Bilder, Fotos 

🔗 Externer Link: Vorlage, Beispiel der Gestaltung eines ICH-Buchs, Karin Birchler, Download, PDF 🔗
🔗 Externer Link: Pädagogische Förderdiagnostik: ICH-Buch Diagnosebogen, Karin Birchler 🔗

Pädagogische Diagnostik anwenden

🪢 🧩💡Pädagogische Förderdiagnostik: Aufbereiteter Lehrinhalt💡🧩 🪢

Unterstützte Kommunikation trägt dazu bei, Barrieren in der Verständigung abzubauen und Menschen Teilhabe, Selbstbestimmung und soziale Beziehungen zu ermöglichen. Für die Sozialbetreuung bedeutet dies, kommunikative Ausdrucksformen wahrzunehmen, passende Unterstützungsformen zu finden und die Kommunikation mit diesen Hilfsmitteln aktiv zu fördern.

Quellen:
[1] RIS: Vereinbarung gem. Art. 15a B-VG zwischen Bund und Ländern über Sozialbetreuungsberufe, Anlage 1, Punkt 3.1 (Aufgaben von Fach-Sozialbetreuer:innen)

Weiterführende Literatur:
uk-couch.de
metacom-symbole.de
die-uk-kiste.de


Bild: ©pixabay, @Alexandra_Koch, weiterbearbeitet