Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach „Kultur- und Sozialgeschichte für die Fachsozialbetreuung“
Erstellt am: 19.03.2026
Aktualisiert am: 20.10.2026
Aufbereiteter Lehrinhalt / Sozialbetreuung: Agrarrevolution, Epidemien, Institutionalisierung, „Das Jahrhundert der Irrenanstalten“ und Florence Nightingale mit dem ersten Pflegemodell der Moderne.
DAS WICHTIGSTE IN STICHPUNKTEN
begann im 18. Jahrhundert in Großbritannien (um 1760)
spielte sich zeitgleich mit der Französischen Revolution in Frankreich ab
in Großbritannien ging die Erste Industrielle Revolution zeitlich in das Viktorianische Zeitalter (1837–1901) über – die Industrialisierung setzte sich während der gesamten viktorianischen Epoche fort
breitete sich im 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika aus
= Beginn der Moderne
der Moderne voraus ging die Aufklärung (= frühe Neuzeit)
tiefgreifender Wandel von einer agrarischen zu einer industriellen Gesellschaft (Agrarrevolution → weniger Arbeitskräfte nötig)
Technische Innovationen: wichtigste Erfindung Dampfmaschine
Entstehung neuer Klassen:
– Bürgertum (Bourgeoisie) → Fabrikbesitzer
– Bauern → Arbeiterklasse (Proletariat)
Krimkrieg: mitausgelöst durch wirtschaftliche und strategische Interessen der industrialisierten Staaten, Machtkonkurrenz
URSACHEN DER INDUSTRIALISIERUNG
– Kapital → angesammelt durch Kolonialismus und Handel, investiert in Fabriken und Maschinen
– Bevölkerungswachstum → mehr Arbeitskräfte und steigende Nachfrage
– Verfügbarkeit von Ressourcen → Kohle und Eisen
FOLGEN DER INDUSTRIALISIERUNG
– Technischer Fortschritt
– Landflucht → Menschen ziehen in Städte
– Urbanisierung → Städte wachsen schnell
– „Die soziale Frage“
– Kinderarbeit und schlechte Lebensbedingungen
– lange Arbeitszeiten (12–16 Stunden täglich)
– gefährliche Arbeitsplätze
– Wohnungsnot → enge, unhygienische Wohnungen (Cholera, Typhus, Tuberkulose)
– langfristig mehr Produkte und mehr Wohlstand
– Wirtschaftswachstum
WICHTIGE NAMEN
– Henry Dunant
– Theodor Fliedner
– Friederike Fliedner
– Caroline Fliedner
– Louis Braille
– Elizabeth Fry
Die Erste Industrielle Revolution
Die Industrielle Revolution begann um 1760 in Großbritannien. Sie verlief teilweise zeitgleich mit der Französischen Revolution (1789–1799) in Frankreich. Im Laufe des 19. Jahrhunderts breitete sich die Industrialisierung auf weitere Teile Europas und Nordamerikas aus. Auch in den deutschen Staaten und im österreichischen Kaiserreich gewann die Industrialisierung zunehmend an Bedeutung.
Die Erste Industrielle Revolution veränderte die Gesellschaft grundlegend: Aus einer Agrargesellschaft wurde zunehmend eine Industriegesellschaft. Durch den zunehmenden Einsatz neuer Maschinen wurden in der Landwirtschaft immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Viele Menschen verloren dadurch ihre bisherige Lebensgrundlage. Gleichzeitig schufen die neuen Maschinen Arbeitsplätze in Städten wie London und Manchester. Immer mehr Menschen verließen deshalb ihre Dörfer, um dort Arbeit und bessere Lebensbedingungen zu finden.
Schlechte hygienische Bedingungen
Die schnelle Urbanisierung führte zu dicht besiedelten Städten mit schlechten hygienischen Bedingungen. Enge Wohnverhältnisse, mangelhafte Abwasserentsorgung und schlechte Ernährung erhöhten die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Cholera und Typhus. Dadurch zeigte sich, dass die öffentliche Gesundheitsversorgung mit dem schnellen Wachstum der Städte nicht mehr mithalten konnte[12].
Verbreitung von Cholera und Typhus
Die schlechte Abwasserentsorgung war der Auslöser für Typhus und Cholera[12]. Kanalsysteme waren kaum besser entwickelt als im Mittelalter. Abwässer wurden oft einfach in offene Rinnen auf der Straße oder in nahegelegene Flüsse geleitet[13]. Viele Haushalte nutzten Plumpsklos (Latrinen) im Hinterhof. Deren Inhalt wurde in Senkgruben gesammelt. Oft sickerte dieser ins Grundwasser[14]. Die Brunnen lagen wiederum oft in der Nähe der Senkgruben[16].
Verbreitung von Tuberkulose
Die Mangelernährung erhöhte das Risiko, an Tuberkulose zu erkranken. Die Ernährung in der Zeit der Ersten Industriellen Revolution war stark von Armut geprägt. Hauptnahrungsmittel waren einfache, günstige Produkte wie
- Kartoffeln[18]
- Getreidebrei[19]
- Suppen[19]
- Eintöpfe[19]
- Brot (oft von schlechter Qualität)[20]
Zum Kochen blieb keine Zeit. Viele Arbeiterinnen ernährten sich einseitig und unregelmäßig. Obst und Gemüse konnten sie sich nur selten leisten. Oft wurden verdorbene[21] oder gestreckte[21] Lebensmittel gegessen. Mehl wurde beispielsweise mit Gips oder Kreide gestreckt.
Auch Deutschland und Österreich waren betroffen
Die Missstände beschränkten sich nicht nur auf Großbritannien, sondern breiteten sich unter anderem auch auf Deutschland und Österreich aus. In Deutschland setzte die Industrielle Revolution etwa um 1830 ein und wurde gewissermaßen durch die Hamburger Cholera von 1831 eingeleitet[17]. Für Österreich werden für den Zeitraum vom Beginn der Industrialisierung um 1830 bis 1873 insgesamt sieben Choleraepidemien angeführt. Die erste nachweislich dokumentierte Choleraepidemie brach – wie in Hamburg – im Jahr 1831 in Wien aus[15].
Choleraepidemien in den Städten der österreichischen Alpenländer der 1830er Jahre
| Bundesland (heute) | Betroffene Städte und Orte | Zeitraum |
|---|---|---|
| Wien | Wien | 1831/32, 1836 |
| Niederösterreich | Baden, Bruck an der Leitha, Gloggnitz, Pulkau, Herzogenburg, Horn, Korneuburg, Krems, Langenlois, Marchegg, Mistelbach, Mödling, Neunkirchen, Schwechat, Wiener Neustadt, Retz | 1831/32 |
| Niederösterreich | Hollabrunn, Marchegg, Neunkirchen | 1836 |
| Oberösterreich | Steyr, Wels | 1831 |
| Oberösterreich | Schärding | 1832 |
| Steiermark | Mürzzuschlag, Mariazell | 1832 |
| Steiermark | Mürzzuschlag | 1836 |
| Steiermark | Graz (wenige Todesfälle) | 1832 |
| Burgenland | Mattersburg | 1831/32, 1836 |
Mehr Bedarf an Pflegeeinrichtungen
Die zunehmende Zahl an Epidemien führte dazu, dass unzählige Menschen auf öffentliche oder karitative Einrichtungen angewiesen waren[22]. Einzelne Choleraausbrüche in Großbritannien forderten 32.000, 52.000 oder sogar 62.000 Todesfälle[23]. Der Bedarf an Pflegeeinrichtungen mit guten Hygiene- und Organisationsstandards stieg – und damit auch die Nachfrage nach ausgebildeten Pflegekräften[24]. Pflege wurde zunehmend als professionelle und systematisierte Aufgabe verstanden[25].
Henry Dunant gründet das Rote Kreuz
Der Schweizer Geschäftsmann und Humanist Henry Dunant wurde durch seine Erlebnisse während des Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskriegs zu einer der prägenden Persönlichkeiten der internationalen humanitären Hilfe. Seine Bemühungen führten 1863 zur Gründung des Vorläufers des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). 1901 erhielt er den ersten Friedensnobelpreis.[26]
Die soziale Frage
Institutionalisierung
Aus sozialgeschichtlicher Sicht ist die Erste Industrielle Revolution eng mit der „sozialen Frage“ verbunden[27]. Im Zuge der Ersten Industriellen Revolution verstärkte sich die gesellschaftliche Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung und älteren Menschen[28]. Bis dahin waren viele Betroffene noch in familiäre und gemeinschaftliche Strukturen eingebunden[29]. Als jedoch Arbeits- und Leistungsfähigkeit in den Mittelpunkt rückten, veränderten sich die gesellschaftlichen Werte grundlegend[30]. Menschen, die den Anforderungen der Industrialisierung nicht entsprechen konnten, wurden zunehmend als unproduktiv wahrgenommen. Es gab aber auch Gegenbeispiele: Der Historiker Daniel Blackie zeigt, dass zwischen 1780 und 1880 im britischen Kohlebergbau auch zahlreiche Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen arbeiteten.[31]
Dennoch wuchs die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung und Menschen höheren Alters. Viele lebten in Armut.[27] Aus diesen Entwicklungen heraus bildeten sich Gegenbewegungen[3]. Mit dem wachsenden Bewusstsein für den Unterstützungsbedarf dieser Menschen entstanden wichtige Vorformen von Sozialarbeit und Sonderpädagogik[36]. Auch die Psychiatrie entwickelte sich weiter. Es entstanden zahlreiche Institutionen für Menschen mit Behinderung.
Schulen für Menschen mit Behinderung
Es entwickelten sich Schulen für Menschen mit Behinderung[32]. Die ersten Einrichtungen beschränkten sich auf Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigung[33]. Menschen mit Sinnesbeeinträchtigung wurden früher als andere Gruppen für „bildungsfähig“ gehalten. Deshalb hatten sie im 19. Jahrhundert eine gewisse Sonderstellung[34]. Menschen mit Sehbehinderung galten als „die edlen Behinderten“, da man ihnen eine besondere musikalische Begabung zuschrieb[35]. Diese Schulen waren noch keine Inklusion im heutigen Sinn, aber ein wichtiger Schritt hin zu Bildung und beruflicher Förderung.
Louis Braille
Eine wichtige Persönlichkeit dieser Zeit war Louis Braille: Er entwickelte 1825 die Brailleschrift, das Schriftsystem für blinde Menschen[6].
Anstalten für Menschen mit kognitiven und psychischen Behinderungen
Parallel dazu entstanden weitere Einrichtungen. Im Jahr 1808 wurde in England die gesetzliche Grundlage für öffentlich finanzierte psychiatrische Anstalten geschaffen. Ab 1845 waren die Grafschaften zur Errichtung solcher Einrichtungen verpflichtet. Im späten 19. Jahrhundert entstanden mehrere große Heime und Anstalten für Menschen mit geistigen Behinderungen[37] und Epilepsie[38].
Kinderheime
Auch die institutionelle Betreuung verwaister Kinder entwickelte sich weiter: 1813 wurde das East London Orphan Asylum gegründet, 1827 das Infant Orphan Asylum für jüngere Kinder[44].
Österreich: Der „Haupt-Verein für Kinder-Bewahranstalten“
In Wien wurde 1831 der „Haupt-Verein für Kinder-Bewahranstalten“ gegründet. Solche Einrichtungen dienten der Beaufsichtigung und Versorgung kleiner Kinder arbeitender oder armer Familien und gehören zur Frühgeschichte institutioneller Kinderbetreuung[8].
Erste Resozialisierungsarbeit
Elizabeth Fry
Elizabeth Fry reformierte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Frauenvollzug in Großbritannien. Sie setzte sich dafür ein, Gefangene nicht nur zu verwahren, sondern auch moralisch zu stabilisieren, zu bilden und wieder einzugliedern.[39]
Theodor und Friederike Fliedner
Theodor Fliedner war ein evangelischer Pfarrer und Sozialreformer aus Deutschland. Als Pfarrer in Kaiserswerth bei Düsseldorf erlebte er Armut und Krankheit unmittelbar. Um seiner Gemeinde zu helfen, reiste er 1823/24 nach England und informierte sich dort über die neuesten Formen organisierter Armen-, Gefangenen- und Krankenfürsorge.[1]
Zurück in Kaiserswerth begann Fliedner, auf die soziale Not seiner Zeit praktisch zu antworten. Eines seiner ersten Projekte war die Gründung der Rheinisch-Westfälischen Gefängnisgesellschaft, die sich für menschenwürdigere Unterbringung von Gefangenen einsetzte. Einige Jahre danach gründete er mit seiner Frau Friederike ein Asyl für strafentlassene Frauen.[1]
Friederike, Theodor Fliedners erste Frau, hatte bereits zuvor als Erzieherin in einer Rettungsanstalt für Mädchen gearbeitet. Beim Aufbau des Asyls übernahm sie wichtige organisatorische Aufgaben. Sie sammelte Spenden, kümmerte sich um die Buchführung und war für die Einstellung weiterer Vorsteherinnen zuständig.[41] Außerdem engagierte sie sich für die religiöse Betreuung der Frauen und unterstützte die Suche nach Arbeitsplätzen für die Entlassenen[42].
Frauen sollten nach der Haft nicht allein gelassen werden, sondern Schutz, Unterkunft, christliche Begleitung und die Möglichkeit eines Neubeginns erhalten. Damit leitete Theodor Fliedner eine frühe Form der Resozialisierungsarbeit ein.[40]
Österreich und Deutschland: Das Jahrhundert der „Irrenanstalten“
In Österreich[46] und Deutschland[45] war das 19. Jahrhundert das Jahrhundert der „Irrenanstalten“. Die Psychiatrie war zu dieser Zeit noch stark erzieherisch und disziplinierend geprägt. In der frühen Anstaltspsychiatrie wurden die Begriffe „Heilung“ und „Erziehung“ synonym verwendet[7].
Der Narrenturm in Wien wurde bereits 1784 unter Kaiser Joseph II. (1741–1790) errichtet[50]. Er gilt als erste europäische Anstalt, die eigens zur Behandlung und Unterbringung psychisch erkrankter Menschen gebaut wurde[51]. Danach entstanden unter anderem die Irrenanstalt Hall in Tirol (1830)[47], die k. k. Irren-Heil- und Pflegeanstalt am Brünnlfeld in Wien (1853)[48] und die Landesirrenanstalt Niedernhart in Linz (1867)[49].
Pflege in der Ersten Industriellen Revolution
Hygiene als Gegenstand staatlicher Gesundheitspolitik
Der deutsche Arzt und Hochschullehrer Johann Peter Frank entwickelte ab 1779 mit seinem „System einer vollständigen medicinischen Polizey“ einen umfassenden Ansatz zur öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Heute gilt er damit als der Begründer der öffentlichen Hygiene.[52]
Die medizinische Versorgung wurde zu dieser Zeit noch von vier Berufsgruppen übernommen:
- akademisch ausgebildete Ärzte[53]
- handwerklich geschulte Wundärzte[53]
- Hebammen[53]
- Apotheker[53]
Die Medicinische Policey sollte verbindliche Regeln für medizinisches Personal und die Bevölkerung festlegen und deren Einhaltung sicherstellen[53]. Dazu gehörte beispielsweise die Empfehlung, bei einem Krankheitsausbruch in der Region keine Kirchen zu besuchen[54]. Solche Vorschriften stießen jedoch auf Widerstand, da sie mit bestehenden Traditionen in Konflikt standen. Dennoch wurden die Maßnahmen nach und nach übernommen[55].
Das Wiener Allgemeine Krankenhaus wurde im Jahr 1784 von Kaiser Joseph II. eröffnet[51]. Im Jahr 1795 wurde Johann Peter Frank zum Direktor ernannt[52]. Er setzte dort die Grundsätze seiner „Medicinischen Polizey“ um[52]. Dazu gehörten unter anderem:
- Hygiene: Verbesserung der Sauberkeit, Belüftung und Beleuchtung der Krankensäle[52]
- Quarantäne als Infektionsschutz: Absonderung von Menschen mit ansteckenden Krankheiten und Meldung bestimmter Erkrankungen an die Behörden[52]
- Krankenhausorganisation: Einführung verbindlicher Hausordnungen und regelmäßiger ärztlicher Besprechungen[52]
- Psychiatrische Versorgung: Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen im sogenannten Narrenturm[52]
Krankenpflege als systematisch organisierte Versorgung
Die zunehmende Standardisierung der Krankenpflege war keine Entwicklung, die sich ausschließlich auf die Zeit der Französischen Revolution beschränkte (die sich zeitgleich mit der Ersten Industriellen Revolution in Großbritannien abspielte). Vielmehr war sie Teil eines umfassenden Wandels. In dieser Zeit wurde zunehmend beschrieben, welche Tätigkeiten zum Aufgabenbereich von Krankenwärtern gehörten[56].
Dazu zählten unter anderem:
- Körperpflege und Unterstützung bei alltäglichen Verrichtungen[56]
- Verabreichung von Nahrung und Versorgung mit Getränken[56]
- Reinigung von Krankenzimmern, Betten und Kleidung[56]
- Unterstützung bei ärztlich angeordneten Maßnahmen[56]
- Beobachtung und Beaufsichtigung kranker Menschen[56]
Diese Tätigkeiten gab es bereits lange vor der Industriellen Revolution. Neu war der Versuch, sie systematischer zu beschreiben und im Unterricht zu vermitteln.
🔗 Lesetipp: Österreichische Nationalbibliothek, Google Books, Franz Anton May (1784): Unterricht für Krankenwärter zum Gebrauche öffentlicher Vorlesungen 🔗
Theodor und Caroline Fliedner
Theodor Fliedner ist heute nicht nur für seine Bemühungen in Sachen Resozialisierung eine wichtige Persönlichkeit. Er ist auch für die Geschichte der Pflege von Bedeutung. Ein entscheidender Schritt folgte 1836 mit der Gründung der weltweit ersten Diakonissenanstalt in Kaiserswerth[40]. Diese Gründung war auch für Österreich von Bedeutung.
Diakonissen sind Frauen, die sich in evangelischen Gemeinschaften dem Dienst am Nächsten widmen. In der Diakonissenanstalt wurden unverheiratete Frauen erstmals in Krankenpflege ausgebildet.[57] Vor Fliedner gab es keine vergleichbar systematische, institutionell organisierte Ausbildung von Frauen in der Krankenpflege. Auch Florence Nightingale verbrachte mehrere Monate in Kaiserswerth, um sich in der Diakonissenanstalt weiterzubilden.[58]
Theodor Fliedners erste Frau, Friederike Fliedner, gilt als Mitbegründerin der Diakonissenanstalt in Kaiserswerth[43]. Nach dem Tod von Friederike im Jahr 1842 heiratete Theodor Fliedner 1843 Caroline Bertheau. Caroline hatte zuvor bereits als Oberaufseherin der weiblichen chirurgischen Station des Allgemeinen Krankenhauses in Hamburg gearbeitet. In Kaiserswerth übernahm sie als zweite Vorsteherin die Leitung der Diakonissenschwestern. Sie war für deren Betreuung, die Einhaltung der Hausordnungen und wichtige organisatorische Entscheidungen verantwortlich. Unter Carolines Leitung entwickelte sich die Diakonissen-Anstalt zu einem großen sozialen Werk mit Einrichtungen für Krankenpflege, Armenfürsorge, Kindererziehung und Bildung. Die Zahl der Diakonissen stieg von 47 auf 638. Auch nach Theodor Fliedners Tod blieb Caroline Vorsteherin und trug wesentlich zur Festigung der Einrichtungen bei[40].
Diakonische Arbeit in Österreich
Auch für Österreich ist die Geschichte von Theodor Fliedner bedeutsam. Die diakonische Arbeit wurde hier zwar erst später institutionell gefestigt, doch das geschah ausdrücklich nach deutschem Vorbild. In Gallneukirchen wurden 1877 die ersten beiden Diakonissen eingesegnet, und 1884 wurde das dortige Diakonissenmutterhaus in den Kaiserswerther Verband aufgenommen.[59] Von Gallneukirchen aus waren Diakonissen später in Wien, Niederösterreich, der Steiermark, Salzburg und Tirol tätig[2]. Sie arbeiteten in der häuslichen Pflege sowie in Waisen- und Krankenhäusern.
Pflege in der Zeit des Krimkriegs
DAS WICHTIGSTE IN STICHPUNKTEN:
1853–1856
MERKMAL DES KRIMKRIEGS:
– Übergang zu moderneren Kriegsformen, Nutzung von Eisenbahn, Dampfschiffen und Telegrafie
AUSLÖSER:
– Russisches Reich gegen Osmanisches Reich (heutige Türkei)
URSACHEN:
– Streit um den Schutz christlicher heiliger Stätten im Heiligen Land (heilige Stätten in Palästina, Jerusalem und Betlehem)
– im Hintergrund ging es jedoch um den Einfluss Russlands auf den Südosten Europas
BETEILIGTE MÄCHTE:
diese vier Mächte bildeten die gegen Russland kämpfende Allianz:
– Osmanisches Reich (heutige Türkei)
– Großbritannien
– Frankreich
– später Sardinien
ABLAUF:
– Großbritannien und Frankreich wollten verhindern, dass Russland zu stark wird, Krimkrieg war daher auch ein Kampf um die politische Ordnung Europas
– Belagerung von Sewastopol auf der Halbinsel Krim
– Russland verlor wichtige Schlachten, vor allem in Sewastopol
– der Krieg endete mit dem Frieden von Paris 1856
– Russland erlitt einen politischen Rückschlag, sein Einfluss wurde eingeschränkt
WICHTIGE NAMEN:
– Florence Nightingale
Der Krimkrieg gilt als Wendepunkt in der Entwicklung der modernen Krankenpflege
Die Zustände in den Lazaretten des Krimkriegs waren erschütternd. Verwundete und kranke Soldaten lagen dicht gedrängt in überfüllten Stationen. Oft fehlten ausreichende Pflege, saubere Wäsche und angemessene Ernährung. Hinzu kamen schlechte Belüftung, verschmutzte Räume und unzureichende sanitäre Einrichtungen, wodurch sich Krankheiten rasch ausbreiten konnten.[60]
Florence Nightingale entwickelt das erste Pflegemodell der modernen Pflege
Florence Nightingale (12. Mai 1820 in Florenz, † 13. August 1910 in London) war die erste britische Krankenschwester, die nachweislich auf wissenschaftlicher Basis pflegte[61]. Heute gilt sie als Mutter der professionellen Pflege[64]. Der Internationale Tag der Pflege, der jährlich am 12. Mai begangen wird, ehrt ihr Vermächtnis[65].
Florence Nightingale benannte 9 Punkte als Einflussfaktoren für die Genesung:
- frische Luft[62]
- sauberes Wasser[62]
- Sauberkeit[62]
- Licht (direktes Sonnenlicht)[62]
- Wärme[62]
- Ruhe[62]
- passende Ernährung[62]
- Dokumentation[62]
- Evaluation[62]
Heute gilt die Nightingalesche Umwelttheorie als erstes Pflegemodell der modernen Pflege.[63]
Florence Nightingale wurde 1854 gemeinsam mit 38 weiteren Krankenschwestern in das britische Militärlazarett nach Scutari (heute Istanbul) entsandt[66]. Die Zustände dort waren katastrophal: mangelnde Hygiene, kaum medizinisches Material, hohe Sterblichkeitsraten. Nightingale sorgte für eine grundlegende Reorganisation des Lazaretts[67]. Dank der Umsetzung ihrer „9 Einflussfaktoren“ sank die Sterblichkeitsrate innerhalb kurzer Zeit drastisch[68]. In den Nächten ging sie mit einer Lampe in der Hand durch die langen Flure und Zelte, um nach den Verwundeten zu sehen – still, fürsorglich, aufmerksam. Von den britischen Soldaten erhielt sie deshalb den Beinamen „Lady with the Lamp“.[67]
Florence Nightingale gehörte zu den ersten, die ihre pflegerischen Beobachtungen systematisch dokumentierten. Dadurch wurde sie zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Pflegegeschichte[61]. Ihre Erkenntnisse trugen dazu bei, Pflege als professionelle Aufgabe zu verstehen[69]. Und das in einer Zeit, in der es für Frauen alles andere als selbstverständlich war, mit fachlichen Beiträgen öffentlich Gehör zu finden[70].
Quellen:
[1] Diakonie Deutschland, Theodor Fliedner
[2] Diaonie Österreich, Die Geschichte der Diakonie in Österreich
[3] Parlament UK, 1842 Report on the Sanitary Condition of the Labouring Population of Great Britain
[4] Parlament, UK, Lunatics, 1845
[5] Encyclopedia Britannica, Treatment of Mental Disorders
[6] RNIB, See Differently, Braille through the years: past, present and future
[7] Bundeszentrale für politische Bildung, Krankheit als Werturteil
[8] wien.gv.at, Haupt-Verein für Kinder-Bewahranstalten
[9] wien.gv.at, Narrenturm
[10] Royal College of Nursing, Nightingale’s legacy
[11] National Army Museum, Florence Nightingale: The Lady with the Lamp
[12] Journal of Public Health: ‘Public health and English local government: historical perspectives on the impact of returning home’, Gorsky, Lock & Hogarth (2014)
[13] London Museum: How Bazalgette built London’s first Super-Sewer
[14] Taylor & Francis (britischer Wissenschaftsverlag): Cholera as a “sanitary test” of British cities
[15] Universität in České Budějovice (Budweis, Tschechien): Choleraepidemien in den Städten der österreichischen Alpenländer in den 1830er Jahren
[16] The Dictionary of Victorian London, Lee Jackson: Sanitary Ramblings: Being Sketches and Illustrations of Bethnal Green.
[17] Freie und Hansestadt Hamburg, Barghorn: Der Tod aus dem Wasser: Cholera 1892 (Abschnitt zur Choleraepidemie 1831)
[18] Oxford University, Griffin: Diets, Hunger and Living Standards During the British Industrial Revolution
[19] Oxford University, Sbaraini: Everyday Giving: Food, Emotions and Community in England, 1760–1850
[20] Project Gutenberg, Accum: A Treatise on Adulterations of Food, and Culinary Poisons.
[21| Projekt Gutenberg, Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England
[22] UK Parliament: Cholera in Sunderland
[23] Britisches Nationalarchiv: Health and the Poor Law
[24] UK Parliament: Cholera Morbus—Precautionary Measures
[25] Denkmal- und Kulturerbebehörde Englands: Women and Healthcare
[26] International Committee of the Red Cross (ICRC): Founding and early years of the ICRC
[27] Bundeszentrale für politische Bildung, Kroll: Sozialgeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts
[28] Denkmal- und Kulturerbebehörde Englands: The Changing Face of the Workhouse: ‘Asylums in everything but…’
[29] Denkmal- und Kulturerbebehörde Englands: Disability in the Medieval English Community
[30] Bundeszentrale für politische Bildung, Jürgens und Voß: Gesellschaftliche Arbeitsteilung als Leistung der Person
[31] Oxford University, Blackie, D.: Disability and Work During the Industrial Revolution in Britain
[32] Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (BMFWF): Frühe Geschichte: Die „Entdeckung“ der Bildsamkeit behinderter Menschen
[33] Wissenschaftsverlag SAGE Publishing, Winzer, M. A.: A Tale Often Told: The Early Progression of Special Education
[34] Cambridge University, Borsay, A.: Disability and Education in Historical Perspective
[35] Portugiesische Informations- und Dokumentationsplattform zum Thema Sehbehinderung, Haüy, V.: Essai sur l’éducation des aveugles
[36] Bundeszentrale für politische Bildung, Waldschmidt, A.: Forschung zum Thema Behinderung
[37] The Open University (GB) Milton Keynes: Timeline of Learning Disability History
[38] Bodelschwinghsche, diakonische Stiftungen Bethel: Geschichte
[39] London Museum: Elizabeth Fry: Pioneering Prison Reformer
[40] Uni Siegen, Irle, K.: Leben und Werk Caroline Fliedners geb. Bertheau, der zweiten Vorsteherin der Diakonissen-Anstalt Kaiserswerth
[41] Portal Rheinische Geschichte, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Küntzel, A.: Friederike Fliedner
[42] Heinrich-Heine-Universität, Frauen-Kultur-Archiv (Alt), Neuhaus-Koch, A.: Friederike-Fliedner-Weg. In: Frauengeschichte in Düsseldorfer Straßennamen
[43] Diakonie Deutschland, Friedrich, N.: Friederike Fliedner
[44] Denkmal- und Kulturerbebehörde Englands: Snaresbrook Crown Court (former Wanstead Infant Orphan Asylum)
[45] LVR-Klinikum Düsseldorf: Gründung und Anfangsjahre. 1876 bis 1893
[46] Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP): Geschichte (Abschnitt „Der Beginn psychiatrischer Identität in Österreich“)
[47] Tirol Kliniken: Geschichte des Landeskrankenhauses Hall
[48] Universität Wien: Das alte Allgemeine Krankenhaus (Altes AKH)
[49] Land Oberösterreich (o. J.): 1867
[50] Naturhistorisches Museum Wien: Neuaufstellung der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM Wien im Narrenturm
[51] Universität Wien (o. J.): Geschichte des Campus (Abschnitt „Der Narrenturm“)
[52] Universität Wien: 650 plus – Geschichte der Universität Wien – Johann Peter Frank, Prof. Dr. phil., Dr. med.
[53] DIRENO – Digitales Repositorium Niederösterreich, Scheutz, M.: Niederösterreich im 18. Jahrhundert – Institutionelles und kommerzielles Gesundheitswesen. Medizinkulturen und Medikalisierung. (PDF)
[54] Ungarische Nationalbibliothek Budapest, Lang L., Kovács, J.: Medicinische Policey in den habsburgischen Ländern der Sattelzeit: Ein Beitrag zu einer Kulturgeschichte der Verwaltung von Gesundheit und Krankheit
[55] National Academic Digital Library of Ethiopia, Porter, D.: Health, Civilization and the State: A History of Public Health from Ancient to Modern Times
[56] Österreichische Nationalbibliothek, Google Books, May, F. A. (1784): Unterricht für Krankenwärter zum Gebrauche öffentlicher Vorlesungen
[57] Kaiserswerther Diakonie: Unsere Geschichte – Wie alles begann
[58] Fliedner Kulturstiftung, Büttner, A.: I have never known a happy time, except at Rome and that fortnight at Kaiserswerth. Florence Nightingales Beziehungen zu Kaiserswerth.
[59] Diakonie Österreich: Die Geschichte der Diakonie in Österreich
[60] National Library of Medicine (USA), Fee & Garofalo: Florence Nightingale and the Crimean War
[61] National Library of Medicine (USA), Stolley, J. M., Buckwalter, K. C. und Garand, L.: The Evolution of Nursing Research
[62] wikipedia, Nightingale’s environmental theory
[63] American Nurses Association (2023): What Is Nursing Theory?
[64] National Library of Medicine (USA), Karimi, H. & Masoudi Alavi, N. (2015): Florence Nightingale: The Mother of Nursing
[65] Weltgesundheitsorganisation, Regionalbüro für Europa (2024): Internationaler Tag der Pflege
[66] Britisches Nationalarchiv: Florence Nightingale: Why do we remember her?
[67] National Army Museum: Florence Nightingale: The Lady with the Lamp
[68] wikisource, Dictionary of National Biography: Nightingale, Florence
[69] Florence Nightingale Museum, London: Florence Nightingale
[70| National Library of Medicine (USA), Selanders, L. C.: Florence Nightingale: The Evolution and Social Impact of Feminist Values in Nursing
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