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Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell

Kommentar, Verknüpfung von Pflege und Betreuung

Kommentar

Erstellt am: 24.06.2026

Kommentar: Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell von Cora van der Kooij ist DAS Modell schlechthin für FachsozialbetreuerInnen, die im Pflegebereich tätig sind. Van der Kooij greift zahlreiche Inhalte auf, die auch in der Fachsozialbetreuung vermittelt werden. Meiner Meinung nach sollte es ein fester Bestandteil der Ausbildung zur Sozialbetreuung sein.

Mäeutik: Das Bewusstmachen von intuitiven Abläufen

Mäeutik bezeichnet eine Form der Gesprächs- und Fragetechnik, die auf Sokrates zurückgeht. Durch gezielte Fragen wird das Gegenüber dazu angeregt, bereits vorhandene, aber noch unbewusste Erkenntnisse selbst zu entdecken und in Worte zu fassen. Genau dieses Grundprinzip überträgt die niederländische Pflegewissenschaftlerin Cora van der Kooij auf die Pflege: Sie versteht Mäeutik als einen Prozess des Bewusstwerdens. Bewusst gemacht werden soll dabei das intuitive Wissen, das in der Pflege von Menschen mit Demenz Anwendung findet. Van der Kooij möchte mit ihrem Modell eine Sprache für die Pflege schaffen, die PflegerInnen in die Lage versetzt, ihre oft intuitiv eingesetzten Fähigkeiten bewusster wahrzunehmen, zu reflektieren und professionell zu begründen.

Das Modell, das der Sozialbetreuung am nächsten ist

Im Wesentlichen entspricht die Haltung und Arbeitsweise dem der Sozialbetreuung: Das Modell berücksichtigt das Normalisierungsprinzip und richtet den Blick auf die Erfahrungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens in den unterschiedlichsten Rollen gesammelt hat. Der Beobachtung wird eine große Bedeutung beigemessen und die Dokumentation soll nicht vorrangig Defizite erfassen, sondern Ressourcen in den Mittelpunkt stellen. Sogar die Unterstützte Kommunikation in Form von Piktogrammen hat in diesem Modell einen festen Platz.

Betreuung, die ohnehin passiert, soll sichtbarer werden

Betreuung nimmt im mäeutischen Modell einen deutlich höheren Stellenwert ein als in anderen Pflegemodellen. Dies zeigt sich bereits in der Namensgebung – es wurde dezidiert „Pflege- und Betreuungsmodell“ benannt. Mit dieser Namensgebung wollte van der Kooij darauf aufmerksam machen, dass sie ihre Arbeit als ein Modell verstanden wissen will, das den Menschen nicht nur als Objekt pflegerischer Handlungen, sondern als Persönlichkeit mit einer eigenen Gefühlswelt sieht.

Erlebnisorientiertes Handeln als Schwerpunkt

Den Schwerpunkt legt das mäeutische Modell auf erlebnisorientiertem Handeln. Der Blick soll sich von einer rein defizit- und problemorientierten Pflege hin zu Beziehung und individueller Erfahrung verschieben. Pflege soll nicht nur danach fragen, ob eine pflegetechnische Maßnahme fachgerecht durchgeführt wurde, sondern auch, wie die PatientIn die jeweilige Situation erlebt, welche Bedürfnisse und Gefühle gerade im Vordergrund stehen und was in diesem Moment hilfreich ist.

Worte erzeugen Bilder, und Bilder erzeugen Handlungen

Die Verknüpfung von pflegemedizinischer und erlebnisorientierter Professionalität liegt van der Kooij am Herzen. Ihre Kritik richtet sich gegen Begriffe, die in der professionellen Pflege zwar üblich sind, jedoch bestimmte sprachliche Bilder erzeugen. Eine defizitorientierte Sprache lenkt den Blick immer in Richtung „Problem“ und beeinflusst damit auch das pflegerische Handeln. Das Festklammern an Begriffen wie „Pflegeproblem“ oder „Selbstpflegedefizit“ trägt nach van der Kooij nicht dazu bei, den Menschen in seiner individuellen Lebenswelt und mit seinen vorhandenen Möglichkeiten wahrzunehmen.

Wie soll ein defizitorientierter Blick einem Menschen helfen, der sich damit auseinandersetzen muss, dass seine Fähigkeiten zunehmend verloren gehen? Gerade in solchen Lebenssituationen erscheint es wichtiger, den Blick auf das zu richten, was weiterhin möglich ist. Das Wissen um noch vorhandene Fähigkeiten, Vorlieben und Wünsche kann dazu beitragen, die Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Selbstversorgung, Mobilität, Körperpflege oder ähnliche Alltagsbereiche unwichtig wären. Im Gegenteil: Sie kommen im mäeutischen Modell sehr wohl vor, aber eben anders gerahmt. Van der Kooij plädiert für das Loslassen der aktuellen Dokumentationslogik, wie sie in Österreich und Deutschland üblich ist und formuliert dafür eine alternative Begriffslogik: Statt ABEDLs spricht die mäeutische Dokumentation von „BSdL“, also „Bedürfnissen zur Sicherung der Lebensqualität“.

Die 8 Bausteine des mäeutischen Modells

Die zentralen Bestandteile des mäeutischen Modells bestehen im Grunde aus acht Bausteinen:

  1. Das Menschenbild mit Selbstkonzept, Identität, Lebensgeschichte, Verletzlichkeit und dem bedrohten oder zerbröckelnden Selbstbild.
  2. Das Verständnis von Krankheit und Gesundheit als subjektiv erlebter und biografisch einschneidender Prozess.
  3. Die Sichtweise auf Pflege als zwischenmenschlichen und ganzheitlichen Prozess.
  4. Die erlebensorientierte Pflege, die pflegemedizinische und erlebensorientierte Professionalität zusammenführt.
  5. Das Konzept des suchenden Reagierens mit den beiden Spannungsfeldern „Mitgehen oder Gegensteuern“ und „Appell oder Prothese“.
  6. Die Verhaltensbilder beziehungsweise Phasen des Demenzerlebens – bedrohtes, verirrtes, verborgenes und versunkenes Ich.
  7. Der mäeutische Pflegeprozess mit Ressourcenorientierung, Reflexion und Teamkommunikation.
  8. Die Methodik und Dokumentation, die bewusste Wahrnehmung und Dokumentation der intuitiven Abläufe

Charakteristisch ist, dass diese Bausteine nicht nebeneinanderstehen, sondern sich gegenseitig bedingen. Das Menschenbild prägt den Pflegeprozess. Der Pflegeprozess ist nicht loslösbar von der Dokumentation. Die Dokumentation wiederum erzeugt ein Denkmuster und damit Kultur. Auf diese Weise bildet das Modell eine geschlossene pflegekulturelle Architektur. 

Gute Pflege zeigt sich für van der Kooij daran, ob die PatientIn erreicht wird und ob sich Nähe, Sicherheit, Sinn, Freude oder Beruhigung herstellen lassen. Bis heute spricht man in der Pflege von „professioneller Distanz“. Cora van der Kooij wünscht sich, dass die Pflege der Zukunft von „professioneller Nähe“ spricht.


Beitragsbild: ©pixabay, @Vilkasss, weiterbearbeitet