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WHO-Leitlinien: Paradigmenwechsel in der Psychiatrie

Die Leitlinien betonen die Abkehr von institutionalisierten Denkmustern und Praktiken, vom biomedizinischen Ansatz und vom Einsatz psychotroper Medikamente.

16.11.25

Freie Übersetzung des Artikels von Leah Harrys[1], publiziert am 12. April 2025 in madinamerica.com.

Am 25. März veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation ein 44-seitiges Dokument, Guidance on Mental Health Policy and Strategic Action Plans[2], das die laufende Arbeit globaler Aktivistinnen und Aktivisten widerspiegelt, die einen Paradigmenwechsel im Bereich der psychischen Gesundheit fordern. Die Veröffentlichung stellt die erste umfassende WHO-Leitlinie zur psychischen Gesundheit seit 20 Jahren dar und rückt die Menschenrechte ins Zentrum ihres Aufrufs zu grundlegenden Veränderungen in der weltweiten Politik der psychischen Gesundheit.

In den vergangenen 20 Jahren führte das Engagement von Menschen mit Behinderung und Psychiatrieerfahrung zur Verabschiedung der historischen Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Die Leitlinie erkennt zudem an, dass sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten neue Perspektiven herausgebildet haben, die einen „Wandel von einem primär biomedizinischen Fokus hin zu personenzentrierten, recovery-orientierten und menschenrechtsbasierten Ansätzen“ widerspiegeln.

Die WHO präsentierte ihre neue Leitlinie am 25. März in einer Online-Veranstaltung mit WHO-Vertretern, Gesundheitsministern, Menschen mit Erfahrungshintergrund und weiteren Fachleuten. Viele von ihnen wiesen auf die Diskrepanz zwischen der in der Leitlinie formulierten Vision und den tatsächlichen Gegebenheiten in vielen Teilen der Welt hin.

„Psychiatrische Gesundheitssysteme sind veraltet, unterfinanziert und nicht im Einklang mit evidenzbasierten Praktiken und menschenrechtlichen Standards“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in seiner Eröffnungsrede. „Infolgedessen leiden viele Menschen unter unzureichender Versorgung, Ausgrenzung und fehlendem Zugang zu der Unterstützung, die sie benötigen.“

Die Leitlinie hebt die Diskrepanz zwischen den erklärten Zielen vieler Länder, menschenrechtsbasierte Systeme der psychischen Gesundheit zu schaffen, und ihrem weit verbreiteten Versäumnis hervor, notwendige Reformen und Ressourcenumverteilungen tatsächlich umzusetzen. Michelle Funk, Leiterin der WHO-Einheit für Politik, Recht sowie Menschenrechte im Bereich der psychischen Gesundheit und des Substanzmissbrauchs und Mitautorin der Leitlinie, sagte vor den mehr als 2.000 Online-Teilnehmenden: „Heute stehen wir an einem entscheidenden Wendepunkt auf unserem Weg, psychiatrische Gesundheitssysteme weltweit zu transformieren. Dies ist nicht einfach eine weitere Veranstaltung. Es ist ein Aufruf zum Handeln.“

Ein ganzheitlicher Ansatz für Reformen in der psychischen Gesundheit, getragen von sozialer Gerechtigkeit

Die WHO-Leitlinie ist in fünf politische Bereiche gegliedert, die dringend Veränderungen erfordern: 1. Führung und Steuerung, 2. Organisation der Dienste, 3. Personalentwicklung, 4. Personenzentrierte Interventionen sowie die 5. Sozialen und strukturellen Determinanten psychischer Gesundheit. Sie enthält eine Vielzahl an politischen Handlungsempfehlungen, die an verschiedene Kontexte angepasst werden können, sowie Fallbeispiele und ein umfassendes Verzeichnis von Strategien.

Eines der übergeordneten Themen ist die „sicher geplante Deinstitutionalisierung“. „Anstatt Institutionen einfach zu schließen, bietet die Leitlinie einen Fahrplan für den Übergang zu starken gemeindenahen Versorgungssystemen“, erklärte Funk.

Die Leitlinie weist darauf hin, dass der bloße Übergang zu gemeindenahen Diensten nicht ausreicht. „Auch kleinere gemeindebasierte Dienste können diese Menschenrechtsverletzungen reproduzieren und zu Mini-Institutionen werden“, heißt es im Dokument. Daher wird betont, dass Systeme und Dienste darauf abzielen sollten, „institutionalisierte Denkmuster und Praktiken umfassend zu beseitigen“.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt darauf, Länder dabei zu unterstützen, Zwang und Missbrauch durch systemische Reformen abzubauen sowie die Rechts- und Entscheidungsfähigkeit von Betroffenen zu achten. „Das ist nicht nur ein Ziel, sondern ein tatsächlich umsetzbares“, betonte Funk. „Die Leitlinie schlägt konkrete Schritte vor, um Zwangspraktiken und unfreiwillige Behandlungen abzuschaffen und im Allgemeinen menschenrechtsbasierte Ansätze zu fördern.“

Zu den Strategien zählen finanzielle Anreize, etwa Versicherungsvergütungen, die Maßnahmen begünstigen, die ohne Zwang auskommen.

Funk hob zudem die Bedeutung der aktiven Einbindung von Menschen mit Erfahrungshintergrund in Entscheidungsprozesse hervor, um sicherzustellen, dass „Reformen an den realen Bedürfnissen orientiert sind“.

Die Leitlinie nennt Empfehlungen, wie die Repräsentation und Beteiligung direkt betroffener Personen gesteigert werden kann, etwa durch gemeinsame Standards, faire Honorierung, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und Führungspositionen in Ausbildung und Forschung.

Darüber hinaus plädiert die Leitlinie dafür, sich vom „historisch übermäßigen Vertrauen auf den biomedizinischen Ansatz und psychotrope Medikamente“ zu lösen. Ahmed Hankir, Psychiater und erfahrungsbasierter Experte, der die Diskussion moderierte, betonte, dass die WHO-Leitlinie nicht grundsätzlich gegen die Verschreibung psychiatrischer Medikamente sei. „Wogegen wir sind, ist die Verschreibung starker psychiatrischer Medikamente, wenn sie nicht notwendig sind, länger als notwendig oder in höheren Dosen als notwendig“, sagte er und verwies auf seine eigene „schlimme Erfahrung“ mit dem metabolischem Syndrom.

„Unsere Schwelle für die Verschreibung psychiatrischer Medikamente sollte nicht so niedrig sein“, sagte er. „Es gibt so viel, was wir tun können, bevor wir zum Rezeptblock greifen.“

Die Leitlinie betont auch sektorübergreifende Zusammenarbeit, um soziale Determinanten von Gesundheit zu verbessern: „Durch die Berücksichtigung breiterer sozialer und struktureller Faktoren – wie Armut, Wohnungsunsicherheit, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung – und durch Betonung multisektoraler Kooperationen fördert die Leitlinie einen ganzheitlichen Ansatz für Reformen der psychischen Gesundheit, der auf Gerechtigkeit und sozialer Teilhabe basiert.“

Alle Abschnitte enthalten Hinweise zu unterschiedlichen Gruppen wie „Kinder und Jugendliche, ältere Erwachsene, Frauen, Männer und genderdiverse Personen, die LGBTQI+-Gemeinschaft, behinderte Menschen, Migranten und Geflüchtete, Angehörige ethnischer Minderheiten, Indigene sowie Personen ohne Wohnung oder mit unsicherem Wohnraum“, da diese Gruppen aufgrund ihrer Lebenslagen besondere Aufmerksamkeit benötigen.

Ehrgeizige Ziele treffen auf harte Realitäten

Jarrod Clyne, stellvertretender Direktor der International Disability Alliance und selbst Erfahrungsträger, begann seine Rede beim WHO-Launch mit der Schilderung seiner dreimonatigen unfreiwilligen Unterbringung vor 25 Jahren: „Ich wurde sowohl körperlich als auch chemisch fixiert … Was mir passiert ist, ist bis heute gängige Praxis. Diese Erfahrung hat mir eines klar gemacht: Zwang in der Psychiatrie unterstützt nicht die Genesung. Er fügt dauerhaften Schaden zu.“

Clyne sagte, dass er „zu Tränen gerührt“ gewesen sei, als er die WHO-Leitlinie gelesen habe. „Sie spiegelt 20 Jahre Weiterentwicklung der Menschenrechte, der politischen Standards, der Evidenz und des Verständnisses menschlicher Vielfalt wider“, sagte er und nannte sie „den Beginn moralischer Wiedergutmachung, transformierter Dienste und einer besseren Zukunft“.

Er würdigte auch das World Network of Users and Survivors of Psychiatry (WNUSP) und die Bedeutung der Perspektiven direkt betroffener Menschen: „Ihre Beteiligung hilft uns, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.“

Die WHO bekräftigt ihr ehrgeiziges globales Ziel: Bis 2030 sollen 80 % aller Länder internationale Menschenrechts-Standards erfüllen.

Die USA werden jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dazugehören. Im Januar unterzeichnete Präsident Trump eine Anordnung zum Austritt der USA aus der WHO und zur Streichung der US-Finanzierung. Als bisher größter Geldgeber der WHO führt dieser Schritt laut Experten zu „immensen Belastungen für die globale Gemeinschaft“ und zu „erheblichen gesundheitlichen Folgen für die USA“.

Menschenrechtsverletzungen im Bereich der psychischen Gesundheit sind in den USA seit Jahrzehnten dokumentiert, doch die aktuelle Politik verschärft diese Lage. Trumps Vorhaben, wohnungslose Menschen in „psychiatrische Institutionen zu bringen, wo sie hingehören“, sowie die Schließung der Administration for Community Living und Kürzungen im HHS, die peer-geführte Dienste beendet haben, deuten auf eine Rückkehr zur Re-Institutionalisierung hin.

Leah Giorgini, Geschäftsführerin der International Society for Psychosocial and Social Approaches to Psychosis (ISPS-US), schrieb im Chat der WHO: „Wir erleben einen Anstieg von Zwangsmaßnahmen gegen Menschen mit Psychose-Diagnosen, vor allem jene, die obdachlos sind. Immer mehr Gesetze zielen auf diese Menschen ab und ermöglichen unfreiwillige Behandlungen. Das soziale Netz in den USA wird nicht berücksichtigt. Wir setzen uns für eine menschenrechtsbasierte Versorgung und einen Fokus auf soziale Determinanten ein.“

Reaktionen auf die WHO-Leitlinie

Die Veranstaltung endete mit einer offenen Diskussion, in der zahlreiche Teilnehmende aus aller Welt über ihre Forschung, Programme, Sorgen und Prioritäten berichteten.

Ein erstes Thema war die Rolle der Psychiatrie bei Menschenrechtsverletzungen. „Es braucht mehr Verantwortlichkeit. Und wir müssen uns vorbehaltlos entschuldigen“, sagte Hankir und verwies auf die Entschuldigung der American Psychiatric Association im Jahr 2021 für ihre Rolle in der Unterstützung strukturellen Rassismus.

Einige Teilnehmende äußerten Unbehagen darüber, dass die Leitlinie den Begriff „Stigma“ verwendet und Anti-Stigma-Kampagnen unterstützt, die nachweislich nicht wirksam sind und teilweise sogar schaden. Hankir sagte: „Ich würde sogar sagen, dass ‚Diskriminierung‘ ein Euphemismus ist. Menschen werden brutalisiert und entmenschlicht.“

Viele begrüßten jedoch den Fokus der WHO auf soziale Determinanten und soziale Gerechtigkeit. „In den Philippinen, wo Armut, Diskriminierung und Missbrauch weitverbreitet sind, ist eine konsequente Politik überfällig“, schrieb Archie Lawrence Geneta.

Andere forderten stärker kulturbezogene und dekolonisierende Ansätze sowie die Einbindung marginalisierter Nutzergruppen. „Wir müssen Kultur berücksichtigen … sie ist eng mit psychischer Gesundheit verbunden“, schrieb Sara Amhaz. Dekolonisierung bedeute auch, lokale und traditionelle Sichtweisen ernst zu nehmen.

Olivia Shaw-Lovell berichtete über ihre Forschung zu dekolonisierter psychischer Gesundheit für schwarze karibische Frauen, die Gewalt überlebt haben. „Ich hoffe, dass diese Politik von den realen Erfahrungen der Menschen getragen wird“, schrieb sie.

Jim E. Warne von der Oglala-Lakota-Nation bat WHO und internationale Gemeinschaft um Unterstützung für indigene Amerikaner. Sein Reservat habe die niedrigste Lebenserwartung und eine extrem hohe Suizidrate unter Jugendlichen. „Wir brauchen Hilfe von Ländern, die indigene Menschen wertschätzen.“

Eine Frage im Chat stellte die Umsetzung der Leitlinie angesichts weltweiter Krisen in Frage: „Wie soll man diese Leitlinie in einem Land wie Sudan umsetzen, wo grundlegende Menschenrechte fehlen?“

Eine Zeit für globale Solidarität

Belén González, Spaniens Beauftragte für psychische Gesundheit, sprach die globalen Realitäten offen an: „In einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, Autonomie, Menschenrechte, Gleichheit und Gerechtigkeit zu verteidigen und in der manche Kräfte hart erkämpfte Fortschritte rückgängig machen wollen, ist ein starkes und klares Dokument wie dieses wichtiger denn je.“

„In unserem Bereich müssen die Rechte an erster Stelle stehen“, sagte sie. „Evidenz allein schützt Menschen nicht vor Zwang oder schlechter Praxis. Ich sehe diese Leitlinie nicht nur als Werkzeug, sondern als moralischen Kompass.“

Die neue, zuversichtlich stimmende WHO-Leitlinie entsteht in einer Zeit multipler globaler Krisen, die nicht allein durch staatliche Maßnahmen gelöst werden können. Der Schutz von Menschenrechten wird auch Graswurzelbewegungen, internationale Solidarität und gegenseitige Unterstützung erfordern.

Menschenrechtsaktivistin Myra Kovary schrieb: „Grüße aus den USA, wo Zwangspsychiatrie zunimmt. Nach 45 Jahren Aktivismus bin ich erleichtert über diese neue WHO-Leitlinie. Ihre Umsetzung wird Wachsamkeit und Beteiligung aller erfordern, die Erfahrung mit solchen Praktiken haben. Nichts über uns ohne uns!“

Und obwohl die Leitlinie die bedeutenden Beiträge von Erfahrungsexpertinnen und -experten zu den Fortschritten der internationalen Menschenrechte im Bereich der psychischen Gesundheit anerkennt, waren die Bewegungen direkt betroffener Menschen viel zu lange voneinander isoliert. In seinen abschließenden Bemerkungen sprach Michael Njenga, Mitglied des Exekutivrats des African Disability Forum und Erfahrungsexperte aus Kenia, der maßgeblich an der Entwicklung der UN-BRK mitgewirkt hat, über die Bedeutung eines fortlaufenden Bündnisaufbaus zwischen verschiedenen Bewegungen: „Wir sprechen immer nur untereinander … Es ist gut, darüber nachzudenken, wie wir Allianzen mit anderen Bewegungen schaffen können.“

Weiterführende Informationen

Quellen:
[1] Original Artikel: New WHO Guidance Calls for Paradigm Shift in Mental Health Policy, madinamerica.com
[2] WHO: Guidance on Mental Health Policy and Strategic Action Plans


Bild: pixabay.com, @geralt