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Pflege in der Zeit des Wiener Kongresses

Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach „Kultur- und Sozialgeschichte fĂŒr die Fachsozialbetreuung“

24.03.2026

WIENER KONGRESS – DAS WICHTIGSTE IN STICHPUNKTEN
1814 bis 1815, Hofburg
Übergang zur Moderne (ab ca. 1880), konkret: Restauration und VormĂ€rz (ca. 1815–1848)
Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen
Österreich, Preußen, Russland und Großbritannien verhandelten ĂŒber Grenzen, Einflusszonen und BĂŒndnisse
Ziel: politische StabilitÀt wiederherstellen, Monarchien sichern, territoriale Konflikte lösen
Österreich: Kaiser Franz I, letzter Kaiser des Hl. Röm. Reiches

PFLEGE – DAS WICHTIGSTE IN STICHPUNKTE
Ärzte: akademisch ausgebildet, erste AnsĂ€tze einer systematischeren Organisation von Medizin im staatlichen Kontext (v. a. MilitĂ€rmedizin)
Humoralpathologie (Hippokrates): wirkt weiterhin nach (Vier-SÀfte-Lehre), zunehmend durch naturwissenschaftliche AnsÀtze hinterfragt
Theorien: Naturwissenschaftliche ErklÀrungen (z. B. Pathologie, Anatomie)
Konzepte: Zentralisierung und staatliche Organisation, Standardisierung, MilitĂ€rmedizin als wichtiger Motor fĂŒr strukturelle Entwicklungen
Therapien: Aderlass, Schröpfen (nachwirkender Einfluss der Humoralpathologie), DiÀten, einfache chirurgische Eingriffe; Versorgung von Verwundeten (z. B. Wundreinigung, Amputationen); kaum wirksame medikamentöse Therapien im heutigen Sinn
Pflege: Beginn staatlicher Einflussnahme, Harmonisierung von Verwaltungsstrukturen, Verbreitung von Best Practices, erste AnsÀtze professioneller Pflegepraktiken
Menschenbild: eher noch religiös geprĂ€gtes, karitatives VerstĂ€ndnis, langsamer Übergang zu einem weltlichen Blick auf Versorgung
Institutionen: MilitÀrlazarette
Organisationen: MilitÀr als wichtiger TrÀger organisierter Versorgung; beginnende staatliche Verwaltung sozialer Einrichtungen
Bader: Noch tĂ€tig, jedoch im Bedeutungsverlust; einfache medizinische und pflegerische TĂ€tigkeiten (z. B. Aderlass, Schröpfen, Wundversorgung), durch akademisch ausgebildete Ärzte und Chirurgen verdrĂ€ngt
Hebammen: erste AnsÀtze staatlicher Regulierung (z. B. Vorschriften); weiterhin praxis- und erfahrungsbasiertes Wissen, zunehmend unter medizinischer Aufsicht stehende TÀtigkeit
WICHTIGE NAMEN
– RenĂ© Laennec – Erfinder des Stethoskops
– Xavier Bichat – moderne anatomisch-pathologische Denkweise
– Ignaz Semmelweis – Hygiene (HĂ€ndedesinfektion)

Pflege in der Zeit des Wiener Kongresses

Der Wiener Kongress verĂ€nderte nicht nur Grenzen und MachtverhĂ€ltnisse, sondern auch die Rahmenbedingungen fĂŒr soziale Versorgung und Pflege. Nach den Kriegen Napoleons mussten Millionen von Verwundeten und Kranken versorgt werden. Das fĂŒhrte zu Reformen der MilitĂ€r- und Krankenpflege. Triage-Systeme wurden eingefĂŒhrt. Staaten begannen damit, die MilitĂ€rlazarette zu systematisieren, was die pflegerische und medizinische Versorgung zunehmend strukturierter machte.

Die Neuordnung Europas, die im Rahmen des Wiener Kongresses beschlossen wurde, sah vor, Staaten zu zentralisieren. Die politische Macht wurde stĂ€rker beim Staat gebĂŒndelt, anstatt auf viele lokale, feudale oder kirchliche Akteure verteilt zu sein. Das „Zentrum“ war dabei die staatliche Regierung, also der Monarch (Österreich: Kaiser Franz I) sowie die zentralen Behörden und Ministerien (z. B. in Wien und Berlin). Dadurch nahm die staatliche Kontrolle ĂŒber soziale Einrichtungen zu. StĂ€dtische SpitĂ€ler wurden unter staatliche Aufsicht gestellt und gemeinsame Standards fĂŒr Hygiene eingefĂŒhrt. Einrichtungen, die nach wie vor unter kirchlicher TrĂ€gerschaft standen, mussten sich ebenfalls an diese Standards halten. Obwohl die Kirche weiterhin in vielen Bereichen eine tragende Rolle behielt, verlor sie zunehmend ihre dominierende Stellung in der Pflege. Die Verantwortung verlagerte sich schrittweise den Staat, wodurch einheitlichere Rahmenbedingungen geschaffen und die Professionalisierung der Pflege weiter vorangetrieben wurden.

Durch den Wiener Kongress wurde der Austausch von Wissen und Verwaltungserfahrungen zwischen den europĂ€ischen MĂ€chten vorangetrieben. Das fĂŒhrte zur Harmonisierung von MilitĂ€r- und Verwaltungsstrukturen und zur Verbreitung von Best Practices fĂŒr die Versorgung Verwundeter und Kranker. Es entwickelten sich professionelle Pflegepraktiken. In den folgenden Jahrzehnten sollte sich auch die Ausbildung von PflegekrĂ€ften institutionalisieren.

Theodor Billroth

Der österreichische Chirurg Theodor Billroth setzte sich im 19. Jahrhundert fĂŒr die Etablierung einer professionellen Ausbildung fĂŒr PflegekrĂ€fte ein und bot dazu eine dreijĂ€hrige Ausbildung auf der chirurgischen Abteilung des AKH an. Er war Professor an der UniversitĂ€t Wien und leitete die chirurgische Klinik im AKH.

Billroth war ein Vertreter einer medizinischen Elite, die die Pflege als unentbehrliche ErgĂ€nzung zur Ă€rztlichen Kunst verstand – jedoch unter dem klaren Vorrang Ă€rztlicher AutoritĂ€t. Er sprach sich fĂŒr strukturierte und fachlich fundierte Pflegeausbildung aus. In Wien förderte er die Zusammenarbeit mit den Barmherzigen Schwestern, die unter klar geregelten Bedingungen in den von ihm geleiteten Kliniken tĂ€tig waren. Seine hohen Anforderungen an Hygiene, Disziplin und fachliche ZuverlĂ€ssigkeit fĂŒhrten dazu, dass sich die Pflege zunehmend von rein karitativer TĂ€tigkeit hin zu einer fachlich anspruchsvollen Aufgabe entwickelte.

Die Pflege wurde durch seine chirurgischen Neuerungen mit neuen Anforderungen konfrontiert – etwa in der Wundversorgung, im Umgang mit Infektionen und in der postoperativen Betreuung.

Im Allgemeinen Krankenhaus in Wien wurden ab 1882 unter Billroths Leitung erstmals Barmherzige Schwestern systematisch in einem festen Rahmen praktisch ausgebildet, und zwar ĂŒber einen Zeitraum von drei Jahren. Diese Ausbildung war eng an die klinische Praxis der von ihm geleiteten chirurgischen Abteilung gebunden. Die Ausbildung war jedoch kirchlich organisiert und stand ausschließlich Ordensschwestern offen.

Trotz seiner WertschĂ€tzung fĂŒr gut ausgebildete PflegekrĂ€fte blieb sein PflegeverstĂ€ndnis aber im Rahmen der Zeit stark patriarchalisch und autoritĂ€r geprĂ€gt: Krankenschwestern sollten effizient, gehorsam und loyal handeln – immer unter Ă€rztlicher Leitung. Eine eigenstĂ€ndige Pflegewissenschaft oder professionelle Autonomie war aus seiner Sicht nicht vorgesehen.

Die wichtigsten BeschlĂŒsse des Wiener Kongresses bzw. der politischen Ordnung danach:
Heilige Allianz
BĂŒndnis zwischen Russland, Österreich und Preußen zur Sicherung der bestehenden monarchischen Ordnung und zur BekĂ€mpfung revolutionĂ€rer Bewegungen.
StÀrkung der Monarchien
Ziel, die Macht der Könige und Kaiser nach den Napoleonischen Kriegen wieder zu festigen
LegitimitĂ€t der „rechtmĂ€ĂŸigen“ Könige (v. a. Russland)
Prinzip, dass die „alten“ Herrscherfamilien wieder eingesetzt werden sollten (z. B. nach Absetzung durch Napoleon)
Neuordnung Europas
Neue Grenzziehungen und MachtverhĂ€ltnisse, um ein Gleichgewicht zwischen den GroßmĂ€chten herzustellen
Deutscher Bund statt Heiliges Römisches Reich
Lockerer Staatenbund aus vielen deutschen Einzelstaaten als Nachfolgeordnung des 1806 aufgelösten Heiligen Römischen Reiches

Quellen:


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