Zum Inhalt springen
Startseite » Akut- & Langzeitpflege / Pflegetechnik für die Pflegeassistenz » Kompetenz der Pflegeassistenz: Kontrakturprophylaxe

Kompetenz der Pflegeassistenz: Kontrakturprophylaxe

Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfächer: Grundzüge und Prinzipien der Akut- und Langzeitpflege inklusive Pflegetechnik & Bewegungslehre


Die Pflegeassistenz erhält durch gezielte Bewegungsförderung und Lagerungstechniken die Beweglichkeit der Patientinnen und Patienten. Die Kontrakturprophylaxe ist dabei ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Ihre pflegerischen Maßnahmen helfen Patientinnen, ihre Mobilität zu erhalten und schmerzhafte Bewegungseinschränkungen zu vermeiden. Auch für die Fachsozialbetreuung ist ein fundiertes Wissen über das Risiko von Kontrakturen von großer Bedeutung. Sie begleiten Menschen mit psychischen, körperlichen oder geistigen Einschränkungen und fördern aktiv deren Mobilität, um das Risiko zu verringern. Die Diplom-Sozialbetreuung wiederum übernimmt eine koordinierende Funktion. Sie besitzt die Kompetenzen der interdisziplinären Planung, zu der auch die Kontrakturprophylaxe gehört.


15.05.2026

INFO: DIESES THEMA IST BESONDERS RELEVANT FÜR DIE KOMMISSIONELLE ABSCHLUSSPRÜFUNG!

Das muss die Pflegeassistenz wissen:
➤ Die Faktoren kennen, die die ABEDL „Sich bewegen“ beeinflussen.
➤ Die physiologischen Bewegungsmuster und ihre Veränderungen kennen.
➤ Umfassend Auskunft über Kontrakturprophylaxe geben.

Definition Kontraktur

lat. contrahere – zusammenziehen
Eine Kontraktur ist eine Bewegungseinschränkung eines Gelenks durch Verkürzung von Muskeln, Sehnen, Bändern und Versteifung der Gelenkkapseln. In vielen Fällen ist eine Kontraktur irreversibel.

Symptome einer Kontraktur

• Fehlstellung der betroffenen Extremitäten
• Zwangshaltung (Überbelastung, Unterbelastung)
• schmerzhafte Bewegungseinschränkung
• unharmonischer Bewegungsablauf
• verkürzte Sehnen und Bänder

Kontrakturen reduzieren die Lebensqualität von Personen erheblich!!!

Formen der Kontraktur

Es gibt verschiedene Formen der Kontraktur:

  • Streckkontraktur: vollständige Beugung nicht möglich.
  • Beugekontraktur: vollständige Streckung im Gelenk nicht möglich.
  • Spitzfußstellung: Ist eine Streckkontraktur. Entsteht durch das Eigengewicht des Fußes und den Auflagedruck der Bettdecke.
  • Adduktionskontraktur: Das Gelenk ist in Richtung Körpermitte (nach Innen) gezogen und kann nicht mehr seitlich abgespreizt werden.
  • Abduktionskontraktur: Das Gelenk abduziert vom Körper weg (nach Außen) und kann nicht mehr an den Körper herangeführt werden.

Die häufigste Kontraktur ist der Spitzfuß.

Ursachen für Kontrakturen

• Immobilität und Bettlägerigkeit
• Pflege- und Behandlungsfehler (z.B nicht fachgerecht positioniert bzw. mobilisiert)
• als Folge von Lähmungen (neurogene Kontrakturen)
• durch Schonhaltung (z.B. chronische Schmerzen)
• als Folge von Gelenkdeformation (z.B. bei Arthrose, Arthritis, Gicht, Rheuma)
• angeborene Fehlbildungen (körperliche Behinderungen)
• im Rahmen psychischer Erkrankungen (durch Muskelanspannung oder langanhaltende Fehlhaltungen, z.B. Katatonie, schizophrene Psychosen, Angststörungen, somatoforme Schmerzstörungen wie chronische Schonhaltung, demenzielle Erkrankungen)
• als Folge großflächiger Narben (z.B. schwere Verbrennungen)

Die häufigste Entstehungsursache von Kontrakturen ist die Immobilität (langzeitige Bettlägrigkeit, ständiges Sitzen im gleichen Stuhl, kurze kleinschrittige Fortbewegung mit dem Rollator oder mit dem Stock).

Fallbeispiel:

Vor 6 Monaten erlitt der 72-jährige Herr K. bei einem Stolpern im Garten eine Humerusfraktur. Aufgrund seines Alters, eines reduzierten AZ und einer bestehenden chronischen Lungenerkrankung wurde auf eine operative Versorgung des Arms verzichtet. Stattdessen wurde die Fraktur mit einer längeren Immobilisierung durch eine Armschlinge behandelt, was zwar zur Ausheilung des Bruchs führte, Herrn K. jedoch insgesamt stark schwächte. Trotz physiotherapeutischer Übungen konnte er seine Beweglichkeit nicht vollständig wiedererlangen. Vor 3 Wochen wurde er auf eigenen Wunsch aus der Rehabilitation entlassen und wird nun zu Hause von seiner Tochter betreut. Er zeigt keine Anzeichen von Atemproblemen, Dekubitus oder Thrombosen, hat einen guten Appetit, trinkt ausreichend und schläft gut. Dennoch klagt Herr K. seit einigen Tagen über Schmerzen, wenn er seine Arme oder den Oberkörper bewegt. Auch kurzes Aufsetzen im Bett fällt ihm zunehmend schwer. Dieser veränderte Zustand lässt sich durch die langanhaltende Immobilität zu Hause ohne professionelle Betreuung erklären, was zu einer Entwicklung von Gelenkversteifungen in den betroffenen Extremitäten und im Rumpf geführt hat, unabhängig von der verheiltenden Armfraktur.

Ohne sofortige Maßnahmen zur Abhilfe könnten sich bei Herrn K. weitere ernsthafte Einschränkungen entwickeln:
• Fähigkeit, die Körperlage im Bett selbstständig zu verändern, könnte völlig verloren gehen (z.B.: Heben der Hand zum Gesicht)
• Abspreizen der Hand (z.B.: beim Waschen)
• Schmerzen beim Positionieren (Maßnahmen zur Dekubitus- und Pneumonieprophylaxe!)
• erschwerte Nutzung eines Rollstuhls (Erhalt der Selbstständigkeit)

Kontrakturen als Folge psychischer Erkrankungen
• Bei Depressionen, wenn Betroffene über längere Zeit stark antriebslos sind, viel im Bett oder in Schonhaltungen verharren und dadurch die Gelenke nicht mehr ausreichend bewegt werden.
• Bei schweren Psychosen oder katatonen Zuständen, wenn Menschen in starren Körperhaltungen verharren (z. B. über Stunden oder Tage in derselben Position bleiben).
• Bei Angststörungen oder Traumafolgestörungen, wenn Betroffene aus Unsicherheit oder Rückzug körperlich inaktiv werden.

Kontrakturprophylaxe

Das Ziel der Kontrakturprophylaxe:
• Gelenkbeweglichkeit fördern (Durchbewegen der Gelenke)
• Bewegungseinschränkungen verhindern (möglichst frühzeitige Mobilisation)
• Körperwahrnehmung fördern (z.B. Gehen auf bzw. Greifen von unterschiedlichen Oberflächen)
• weitere Muskelverkürzungen vermeiden (regelmäßige Positionswechsel)

Die Physiotherapie führt Bewegungsübungen mit den PatientInnen durch. In vielen Fällen können sie die Beweglichkeit und Funktionalität der Gelenke verbessern, in einigen Fällen sogar wiederherstellen. Eine Extremität mit weit fortgeschrittener Kontraktur ist jedoch idR nicht vollständig wiederherstellbar.

Wie jede Prophylaxe macht auch die Kontrakturprophylaxe nur Sinn, wenn sie regelmäßig ausgeführt wird!!!

Kontrakturprophylaktische Maßnahmen

Bestandteile der Kontrakturprophylaxe sind:
• Risikoerkennung
• Maßnahmenplanung
• Durchführung
• Evaluation

Schwerpunkt: allgemeine Mobilitätsförderung

Aktive Maßnahmen: Eigenständigkeit und Eigenaktivität fördern (ggf. mit Hilfsmitteln), ressourcenorientierte Unterstützung
Passive Maßnahmen: Positionswechsel, Körperwahrnehmung fördern (z.B. Basale Stimulation)

Die zwei Säulen der Kontrakturprophylaxe:
Bewegungsübungen und Positionierung

Maßnahmen zur Kontrakturprophylaxe
• Gehen ist die beste Kontrakturprophylaxe. Gehhilfen sinnvoll einsetzen!
• Positionierung mit oder ohne Hilfsmittel
• Seitliche Stabilisation mit Lagerungshilfen

Bewegungsübungen, die auch von der Pflegeassistenz übernommen werden können:

  • Aktive Übungen: Betroffene führen Bewegungsübungen nach Anleitung einer PhysiotherapeutIn selbstständig durch. z.B. Übergang von der Rückenlage in den Vierfüßlerstand
  • Aktiv assistierte Übungen: Betroffene führen die Übungen selbst durch, die PflegeassistentIn greift unterstützend ein, z.B. die Schwere der Extremität wird abgenommen
  • Passive Übungen: werden vollständig von der Pflegeassistenz ausgeführt, z.B. Zehen oder Finger sanft durchbewegen

Die Durchführung von Bewegungsübungen:

  • Bewegungsfreiraum schaffen
  • Für Sicherheit sorgen (Blasenverweilkatheter, Infusionen, Drainagen,…)
  • Information
  • Anregung zur aktiven Mitarbeit
  • Einschätzung Kreislaufsituation, Schmerzen, Allgemeinzustand,…
  • Bei Bettlägrigen: möglichst flache Position, damit ein volles Bewegungsausmaß erreicht werden kann, leichte Oberkörperhochlagerung ist möglich
  • langsam, rhythmisch und unter leichtem Zug (verhindert ein Reiben der Gelenkflächen) durchführen
  • Bewegungen erfolgen generell von distal nach proximal (vom Körperende in Richtung Körpermitte)
  • nicht in die Gelenke fassen
  • Bewegungen immer nur bis zur Schmerzschwelle ausführen
  • Bewegungen mindestens drei- bis fünfmal durchführen (außer bei Schmerz)
  • für einen Trainingseffekt sind zehn Wiederholungen notwendig
  • zwei- bis dreimal pro Tag durchführen

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Was ist der Unterschied zwischen Schmerzschwelle und Schmerztoleranz?💡🧩 🪢

Mobilisation – „in Bewegung setzen, beweglich machen“
• Maßnahmen zur körperlichen Aktivierung
• auch Aktivierung der sozialen Kontakte
• „Wer rastet, der rostet“
• in der Beweglichkeit eingeschränkte Menschen sollten so oft und so intensiv wie möglich mobilisiert werden

Mobilisation – Wirkung
• Förderung des allgemeinen Wohlbefindens
• Förderung der Kräfte und Ressourcen
• Stärkung des Bewegungsapparates
• Stimulierung des Bewegungsapparates
• Stärkung des Herz- Kreislaufsystems
• Vertiefung der Atmung
• Anregung von Stoffwechsel und Verdauung

Der Spitzfuß

Der Spitzfuß ist eine Kontraktur im oberen Sprunggelenk in Streckstellung (= Streckkontraktur). Er entsteht meistens bei bettlägerigen P/B. Die Spitzfußentwicklung steht immer in Verbindung mit langfristiger Rückenlage. Schon das Gewicht der Decke kann den Fuß in Plantarflexion bringen!

Beim Spitzfuß spricht man von Plantarflexion, um die Bewegungen des Sprunggelenks und des Fußes zu beschreiben. Plantarflexion = zur Fußsohle.

Spitzfuß Symptome
• Fuß und Zehen zeigen nach unten (Plantarflexion), das Bein wirkt „zu lang“
• Betroffene berühren den Boden nur mit den Zehenspitzen
• Kein Abrollen über die gesamte Fußsohle möglich
• erheblich eingeschränkte Mobilität

Spitzfuß: Gefährdete Personengruppen

  • lang andauernde Fehlhaltung des Fußes bei Immobilität
  • langzeitige Rückenlage, Pflegefehler
  • Personen mit Lähmungen des Beines

Spitzfußprophylaxe komm58g

Pflegerische Maßnahmen bei Spitzfuß

die beste Spitzfußprophylaxe: das Sitzen bei Tisch (auf einem Stuhl, Trittbretter beim Rollstuhl belasten die Füße nicht gleichzeitig)
• Wenn die betroffene Person mehrmals täglich auf ihren Füßen steht, ist die Spitzfußprophylaxe gewährleistet
• Füße beim Waschen aufstellen, Fersen nicht hochheben, nicht in die Gelenke greifen
• Zehen und Fußsohlen mit Spürinformation versorgen (z.B. Abrollen der Fußsohlen über eine Massagerolle, regelmäßig barfuß auf unterschiedlichen Untergründen laufen, z.B. Sand, Gras oder Kies)
• aktive Bewegungsübungen des Fußes:
– Fuß so weit es möglich ist in Richtung Schienbein drücken, Ferse nach vorne ziehen

Video: Spitzfußprophylaxe, Kubivent GmbH, youtube

Spitzfuß als Folge einer Hemiplegie vermeiden!
Der Spitzfuß kann eine Folge- bzw. Sekundärerkrankung einer Hemiplegie (vollständige Lähmung einer Körperhälfte, z.b. nach einem Schlaganfall). Die Hauptursachen für einen Spitzfuß bei Hemiplegie sind:

  • Spastizität: Ein erhöhter Muskeltonus in den Wadenmuskeln, der den Fuß in der Spitzfußposition hält.
  • Schwäche der Gegenspieler: Die Muskeln, die den Fuß nach oben ziehen (Dorsalflexoren), sind geschwächt oder gelähmt.
  • Bewegungseinschränkungen und Kontrakturen: Durch eine reduzierte Bewegung des betroffenen Beins können sich Sehnen und Muskeln verkürzen.
  • Unzureichende Rehabilitation: Wenn nach einer Hemiplegie keine rechtzeitige physiotherapeutische Behandlung erfolgt, erhöht sich das Risiko für die Entwicklung eines Spitzfußes.

Die Behandlung zielt darauf ab, die Beweglichkeit des Fußes zu verbessern, die Spastik zu reduzieren und einer dauerhaften Fehlstellung vorzubeugen. Dazu gehören Physiotherapie, Orthesen, Botox-Injektionen zur Muskelentspannung und in schweren Fällen operative Eingriffe.

Pflegerische Maßnahmen bei Hemiplegie
– Zehen und Fußsohlen regelmäßig mit Spürinformation versorgen
– beim Waschen Füße aufstellen, nicht Fersen hochheben
– keine Kissen, Keile, Bettbretter o.ä. gegen die Fußsohlen legen
– die beste Spitzfußprophylaxe ist das Sitzen bei Tisch auf dem Stuhl
– Trittbretter beim Rollstuhl belasten die Füße nicht gleichzeitig

Die Kontrakturprophylaxe umfasst gezielte Maßnahmen zur Förderung der Beweglichkeit und zur Verhinderung von Gelenkversteifungen. Ein frühzeitiges Mobilisieren und das regelmäßige Durchbewegen der Gelenke erhält die Gelenkbeweglichkeit. Bewegung und unterstützende Positionierungstechniken spielen hier eine zentrale Rolle.

Bild: https://pixabay.com, @pexels