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Schmerz: Ein komplexes biopsychosoziales Phänomen

Aufbereiteter Lehrinhalt, Fach Pathologie


10.04.2026

Aufbereiteter Lehrinhalt: Das Thema Schmerz gehört nicht primär zur Pathologie, sondern ist ein Symptom bzw. Leitsymptom vieler Erkrankungen. Dennoch besteht ein enger Zusammenhang zur Pathologie und wird daher in der Pathophysiologie erklärt.

Schmerz ist ein biopsychosoziales Phänomen

Schmerz ist ein biopsychosoziales Phänomen. Schmerz entsteht nicht allein durch körperliche Prozesse, sondern durch das Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Auf biologischer Ebene entsteht Schmerz durch Gewebeschädigung, Entzündungen und die Aktivierung von Nozizeptoren. Auf psychologischer Ebene beeinflussen Faktoren wie Angst, Stress, Aufmerksamkeit und frühere Erfahrungen die Schmerzwahrnehmung. Auf sozialer Ebene spielen das Umfeld und kulturelle Einflüsse eine wichtige Rolle.

Schmerz = Körper + Psyche + Umfeld

DEFINITION

unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung, die ein Warnsignal für tatsächliche oder drohende Gewebeschädigung ist (International Association for the Study of Pain)

FUNKTION VON SCHMERZ

  • ein Signal für eine Schädigung von Gewebe
  • erfüllen eine Warn‑ und Schutzfunktion
  • lenken die Aufmerksamkeit auf Gefahr
  • lösen Anpassung des Verhaltens aus (z.B.: Schonung)

ARTEN VON SCHMERZ 

  • nach Dauer: akuter oder chronischer Schmerz
  • nach Mechanismus: nozizeptiver (z. B. entzündlicher, somatischer oder viszeraler) oder neuropathischer Schmerz (Schädigung bzw. Erkrankung des Nervensystems) 

AKUTER SCHMERZ

  • plötzlich beginnend
  • zeitlich begrenzt
  • in engem Zusammenhang mit einer aktuellen Gewebereizung oder ‑schädigung (z. B. Verletzung)

CHRONISCHER SCHMERZ

  • persistierend oder rezidivierend
  • > 3 Monate
  • häufig wird chronischer Schmerz zum dominierenden klinischen Problem mit eigenem Behandlungsbedarf (= neuropathischer Schmerz)
  • eigenständiges Krankheitsbild: chronische Schmerzkrankheit

UNTERSCHIED AKUTER SCHMERZ – CHRONISCHER SCHMERZ

  • Akuter Schmerz steht meist im direkten Bezug zu einer akuten Ursache (z. B. Wundschmerz) und wirkt als Warnsignal. Chronischer Schmerz nicht.
  • Chronischer Schmerz hält länger als 3 Monate an. Akuter Schmerz nicht.

KÖRPERLICHE REAKTIONEN AUF SCHMERZ

  • Schonhaltung
  • Unruhe
  • vegetative Reaktionen: Schwitzen, Tachykardie
  • Funktionsbeeinträchtigungen
  • Funktionsverlust (functio laesa)

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Wie heißen die 5 Entzündungszeichen?💡🧩 🪢

DIE PATHOPHYSIOLOGIE VON SCHMERZ

Entstehung

Störung (mechanische od. chemische Reize, Kälte, Hitze, Entzündungen) → aktiviert Nozizeptoren → Freisetzung von Entzündungs‑ und Schmerzbotenstoffen (z.B. Serotonin, Histamin und Prostaglandine)

Relevante Schmerzformen

  • Nozizeptiver Schmerz: durch Gewebeschädigung oder Entzündung
  • Somatischer Schmerz: gut lokalisierbarer Schmerz
  • Viszeraler Schmerz: diffuser Schmerz, oft krampfartig in den Organen
  • Neuropathischer Schmerz: Schädigung oder Erkrankung der Nerven

Belastungsschmerz versus Ruheschmerz

  • oft nozizeptive Schmerzen
  • Belastungsschmerz: bewegungs‑ oder aktivitätsausgelöster Schmerz
  • Ruheschmerz: Schmerz in Ruhe, kann Hinweis auf schwerere Durchblutungsstörung (z. B. Ischämie) sein
  • Unterscheidung ist klinisch bedeutsam, weil beide Formen unterschiedliche funktionelle Konsequenzen und Therapieziele haben können, z.B. PAVK – Belastungsschmerz im Frühstadium, Ruheschmerz im fortgeschrittenen Stadium

Infektion, Entzündung und Schmerz

  • Schmerz („dolor“) gehört zu den klassischen lokalen Entzündungszeichen
  • Warnsignal bei entzündlichen oder infektiösen Prozessen
  • akutes Schmerzgeschehen

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Wie heißen die 5 Entzündungszeichen?💡🧩 🪢

Die Haut – Reizaufnahme und Weiterleitung

  • Die Haut nimmt unter anderem über Nozizeptoren Reize wie Druck, Berührung, Wärme, Kälte und Schmerz wahr
  • leitet die Signale über Nervenfasern an Gehirn und Rückenmark weiter (afferent)
  • Im Gegensatz zur Haut sind Nägel schmerzfrei – keine Nerven

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Was sind afferente und was efferente Nerven?💡🧩 🪢

Schmerzunempfindlichkeit

  • kann auf eine Erkrankung hinweisen, z.b. bei Diabetes‑bedingter Neuropathie (reduziertes Schmerz- und Temperaturempfinden)
  • in seltenen Fällen angeboren (Analgesie)
  • erhöht das Risiko unbemerkter Verletzungen und verändert die Interpretation von Schmerzberichten

🫏 Eselsbrücke: Analgetika (Schmerzmittel) – Analgesie – Schmerzfreiheit (durch Medikamente), Schmerzunempfindlichkeit (Erkrankung) 🫏

DIAGNOSTIK / SCHMERZEINSCHÄTZUNG

Die Einstufung der Schmerzintensität erfolgt durch den Patienten

  • durch Schmerzskalen 
  • Schmerz kann nicht beobachtet oder gemessen werden

Ausnahme: Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit – spezielle Beobachtungsskalen

Beobachtungsmerkmale, die auf Schmerzen hinweisen

  • bei Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit wichtig
    • Veränderungen der Mimik
    • Lautäußerungen
    • Körpersprache
    • Schonhaltung
    • Schutz‑ bzw. Abwehrbewegungen
    • Unruhe
    • reduzierte Mobilität
    • reduzierte Funktionsfähigkeit 

Schmerzskalen

Für die Arbeit mit den Schmerzskalen ist gute Kommunikationsfähigkeit wichtig. 

Schmerzskalen für Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit

  • BESD (z.B. Demenzpatienten)
  • ECPA (eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit – z.B. Menschen mit Behinderung)

SCHMERZTHERAPIE

Analgetika

  • Schmerzstillende Medikamente („analgetische Wirkung“, „P/B wird analgetisch behandelt“)
  • Wirkung:
    • am Ort der Schmerzentstehung – also „peripher“ (nicht-opioide Analgetika)
    • im Gehirn und Rückenmark – also „zentral“ (Opioide) 
  • Einsatz zentral wirkender Analgetika sollte auf 14‑Tage beschränkt werden (Risiko Abhängigkeit)

Gruppen von Analgetika

  • WHO-Stufenschema: stufenweiser Ansatz zur medikamentösen Schmerztherapie
  • 3 Stufen:
    • Stufe 1nicht‑opioide Analgetika, bei leichten bis mäßigen Schmerzen (z.B. Paracetamol, NSAR und ASS)
    • Stufe 2 – schwache Opioide, bei mittelstarken Schmerzen (z.B. Tramadol, Codein)
    • Stufe 3starke Opioide, bei starken, oft tumorbedingten Schmerzen (z.B. Morphin, Oxycodon, Fentanyl)

Eine individuelle Anpassung ist notwendig, weil es bei Schmerz viele Unterscheidungsmerkmale gibt:

  • Schmerzarten (z. B. nozizeptiv vs. neuropathisch)
  • Schmerzcharakter (z. B. stechend, brennend, dumpf)
  • die individuelle Schmerzgrenze
  • Komorbiditäten (z. B. Diabetes mellitus mit diabetischer Neuropathie, Magen-Darm-Erkrankungen)
  • Nebenwirkungsrisiken (z. B. Magenblutungen bei NSAR, Atemdepression oder Obstipation bei Opioiden)
  • funktionelle Ziele (z. B. Mobilität verbessern, Schmerzfreiheit beim Essen oder Schlafen erreichen)

PFLEGE UND SCHMERZMANAGEMENT

  • die Pflege:
    • dokumentiert Schmerzen, Schmerzcharakter, subjektive Schmerzerfahrung und Verlauf
    • evaluiert Maßnahmen
    • beobachtet Nebenwirkungen 

Die 6-R-Regel beachten!

  1. richtiger Patient
  2. richtiges Medikament
  3. richtige Dosis
  4. richtige Zeit
  5. richtiger Applikationsweg
  6. richtige Dokumentation

Schmerzmanagement im Zusammenhang mit Paracetamol, NSAR und ASS

  • Nicht-opioide Analgetika
  • relevantes Nebenwirkungs- und Risikoprofil: vor allem Magen, Nieren, Leber beobachten:
    • Magen (Stuhlbeobachtung: Blut im Stuhl, Meläna, außerdem Auftreten von Übelkeit, Schmerzen im Abdomen)
    • Nieren (Harnbeobachtung: Veränderungen von Menge, Klarheit und Beimengungen – Oligurie, konzentrierter oder trüber Urin, Makrohämaturie)
    • Leber (Harnbeobachtung: bierbrauner bis dunkelbrauner Urin → Bilirubinurie)
    • Blutungsneigung (bei ASS, Haut- und Schleimhautbeobachtung: Hämatome, Zahnfleischbluten, Nasenbluten)
  • bei längerfristiger Anwendung von Analgetika: regelmäßige Kontrolle von Leber- und Nierenwerten
  • nicht nüchtern einnehmen: nüchterne Einnahme begünstigt Magen-Darm-Beschwerden

Schmerzlinderung vor dem Essen – aber wie?

  • Konflikt: Schmerzmittel nicht nüchtern einnehmen – sollen aber z.B. vor dem Frühstück zur Schmerzlinderung gegeben werden
  • Lösung:
    • zuerst Magenschutz einnehmen (z. B. Protonenpumpenhemmer PPI)
    • einen Bissen Brot oder Joghurt
  • gegeben werden zumeist nicht‑opioide Analgetika (z. B. Paracetamol oder NSAR), bei starken Schmerzen auch kurz wirksame Opioide

Opioide

  • besonders relevantes Nebenwirkungs‑ und Risikoprofil, Beobachtung von:
    • Sedierung
    • Obstipation
    • Atemdepression (Notfall!)
  • deshalb idR nur kurzzeitiger Einsatz
  • für chronische, nicht‑tumorbedingte Schmerzen gilt eine eigene Leitlinie zur engmaschigen Überwachung bei längerfristiger Anwendung

Bei der Opioidtherapie muss besonderes Augenmerk auf die Darmfunktion gelegt werden:

  • sehr häufig opioidinduzierte Obstipation
  • Obstipationsprophylaxe: Laxanzien, Flüssigkeit (Achtung bei Nieren- und Herzinsuffizienz!), Bewegung 

Dokumentation: Regelmäßige Schmerzerfassung

  • Element des Schmerzmanagements und Grundlage einer wirksamen Schmerztherapie
  • dokumentiert: Ausgangslage, Verlauf, Wirkung, Nebenwirkungen – daraus leitet sich ggf. die Notwendigkeit von Therapieanpassungen ab
  • daraus kann eine visuelle Darstellung (Schmerzkurve) abgeleitet werden
  • Basis von Therapieanpassung (z.B. Nebenwirkungen)
  • Qualitätssicherung und rechtliche Absicherung

Auch Positionierung und Mobilisation sind schmerzrelevant

  • Regelmäßige Positionierung und Mobilisation wirken direkt auf Gewebe, Gelenke und Nerven
  • Immobilität → Schmerzverstärkung bei chronischen Schmerzen – Mobilisation
  • Schonhaltung → Schmerzverstärkung
  • zu lange in einer Position → Schmerzverstärkung
  • Bewegung kann akute Schmerzen verstärken (z. B. bei Ischämie, Entzündung), chronische Schmerzen aber verbessern

Schmerzreduktion bei pflegerischen Maßnahmen

Schon das Spannen der Haut, das Stabilisieren der Vene sowie der seitliche Stich an der Fingebeere können schmerzbezogene Belastungen reduzieren. 

Persönliche Dokumentation: Schmerztagebuch

  • für Schmerzpatienten (chronischer Schmerz)
  • erfasst die subjektive Schmerzintensität zu vorgesehenen Zeitpunkten und zu schmerzverstärkenden oder schmerzlindernden Aktivitäten (z.B. Einnahme von Schmerzmitteln)
BegriffBedeutung
akutplötzlich
AnalgetikaSchmerzmittel (Medikamente), Schmerzunempfindlichkeit (Erkrankung)
AtemdepressionAtemdämpfung
BESDSchmerz Beobachtungsskala Demenz
BilirubinurieBilirubin im Urin
chronischlanganhaltend
Codeinschwaches Opioid
Diabetes mellitusZuckerkrankheit
DiagnostikUntersuchung
diffusungenau begrenzt
DolorSchmerz
ECPASchmerz Beobachtungsskala Menschen mit Behinderung
epidermalhautbezogen
Evaluation / evaluiertBewertung / bewertet
Fentanylstarkes Opioid
HistaminGewebshormon
InterventionMaßnahme
IschämieSauerstoffmangel (Hypoxie) aufgrund verminderter oder fehlender Durchblutung
KomorbiditätenBegleiterkrankungen
AnalgesieSchmerzfreiheit, auch Schmerzunempfindlichkeit (Erkrankung)
lokalörtlich
LaxanzienAbführmittel
LeitlinieHandlungsempfehlung
LeitsymptomHauptsymptom
mechanischdurch Krafteinwirkung
MelänaTeerstuhl
MimikGesichtsausdruck
Morphinstarkes Opioid
Makrohämaturiesichtbares Blut im Urin (Gegensatz: okkultes Blut = nicht sichtbar)
NeuropathieNervenschädigung
neuropathischnervenbedingt
NeuronNervenzelle im Gehirn, Rückenmark und in den peripheren Nerven
nozizeptivschmerzreizbedingt
NozizeptorenSchmerzrezeptoren
NSARnichtsteroidale Antirheumatika
ObstipationVerstopfung
ObstipationsprophylaxeVerstopfungsvorbeugung
Oligurieverminderte Urinmenge
opioidinduziertdurch Opioide verursacht
Opioidezentralwirksame Schmerzmittel
Oxycodonstarkes Opioid
P/BPatient/Bewohner
PAVKperiphere arterielle Verschlusskrankheit
Paracetamolnicht-opioides Analgetikum
persistierendanhaltend
PleuraBrustfell
pleuritischdas Brustfell betreffend
ProstaglandineEntzündungsbotenstoffe
ProtonenpumpenhemmerMagensäureblocker
rezidivierendwiederkehrend
RisikoprofilGefahrenmuster
SedierungBeruhigung
sensorischdie Sinne betreffend
sensorische NeuronenSinnesnervenzellen
SerotoninBotenstoff
somatischden Körper betreffend
subjektivpersönlich
subjektive Schmerzerfahrungpersönliches Schmerzerleben
TachykardieHerzrasen
Tramadolschwaches Opioid
VASvisuelle Analogskala
vegetativunwillkürlich gesteuert
viszeraldie Eingeweide betreffend
WHO-Stufenschemadreistufiges Schmerzmodell

Bild: ©pixabay, @kiri856