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Gesundheitspädagogik

Unterrichtsfach: Grundprinzipien der Pflegewissenschaft


Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit – sie umfasst körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Auf dieser Seite erhältst du einen Einblick in Themen der Gesundheitspädagogik. Sie ist das Verbindungsstück zwischen der Ausbildung zur Pflegeassistenz und jener zur Fachsozialbetreuung.

16.09.2025


Auf dieser Seite erfährst du, was unter Pathogenese und Salutogenese verstanden wird, wie die moderne Gesundheitspädagogik zwischen beiden Denkmodellen wechselt und warum genau diese Doppelkompetenz für Sozialbetreuer*innen so wichtig ist. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Medizin historisch vor allem pathogenetisch gearbeitet hat – also mit Fokus auf Krankheit, Risiken und Prävention – sich im 21. Jahrhundert aber zunehmend für salutogenetische, ressourcenorientierte und ganzheitliche Perspektiven öffnet. Modelle wie die Salutogenese nach Antonovsky, das Dahlgren-und-Whitehead-Modell der Gesundheitsdeterminanten oder das mehrdimensionale Gesundheitsverständnis nach Ewles & Simnett zeigen, dass Gesundheit heute als Zusammenspiel körperlicher, psychischer, sozialer, spiritueller und gesellschaftlicher Faktoren verstanden wird. Gesundheitsförderung, Empowerment, Patientenedukation und Gesundheitspädagogik rücken Ressourcen, Selbstwirksamkeit, Motivation und gesunde Lebenswelten in den Mittelpunkt und ergänzen die klassische, risikoorientierte Prävention.

Sozialbetreuer*innen in der Behinderten- und Altenarbeit bewegen sich bewusst zwischen zwei Welten: Sie sind einerseits im pathogenetischen Ansatz der Pflegeassistenz geschult (z. B. Prävention, medizinische Grundlagen, Stress- und Krankheitsmodelle nach Selye) und andererseits im salutogenetischen Ansatz der Sozialbetreuung (z. B. Kohärenzgefühl, Gesundheitsförderung, Verhaltensänderung, Ressourcenarbeit, Beziehungsgestaltung). Professionelles Handeln bedeutet für sie, je nach Situation flexibel zu entscheiden, wann ein eher medizinisch-pathogenetischer Blick (z. B. bei Risiko, Diagnose, Akutsituation) notwendig ist und wann ein salutogenetisch-gesundheitspädagogischer Zugang (z. B. Motivation, Empowerment, Lebensweltarbeit, Alltagsgestaltung) im Vordergrund stehen soll. Sozialbetreuung wird so zu einer Schnittstelle zwischen beiden Paradigmen: Sie versteht Krankheit, ohne sich darauf zu reduzieren, und begleitet Menschen dabei, ihre Gesundheit aktiv, selbstbestimmt und im eigenen Tempo mitzugestalten.

Pathogenese

Die Medizin arbeitet traditionell seit der Epoche der naturwissenschaftlich geprägten Moderne (19. Jahrhundert) mit dem pathogenetischen Ansatz. Die moderne Medizin möchte sich heute jedoch nicht mehr ausschließlich pathogenetisch ausrichten. Sie bezieht zunehmend auch präventive, ressourcenorientierte und ganzheitliche Perspektiven (Salutogenese) in ihre Arbeit mit ein. Die Sozialbetreuung mit der Spezialisierung Behinderten- und Altenarbeit ist durch ihre Ausbildung sowohl im pathogenetischen (Pflegeassistenz) als auch im salutogenetischen Ansatz (Sozialbetreuung) geschult und daher in der Lage, je nach Situation flexibel zwischen diesen beiden Paradigmen zu wechseln.

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Pathogenese💡🧩 🪢

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Pathogenetisches Modell💡🧩 🪢

Prävention: Ein Element des pathogenetischen Modells

Heute arbeitet die Medizin nicht mehr ausschließlich mit Prävention (Pathogenetisches Modell), sondern bezieht zunehmend auch Konzepte der Gesundheitsförderung (Salutogenetisches Modell) in ihr Vorgehen ein. Organisationen wie etwa die WHO arbeiten verstärkt mit den Ansätzen der Salutogenese und dem biopsychosozialen Modell. Das zeigt, dass Medizinerinnen*, die in rein pathogenetischen Ansätzen denken, eine rückständige Arbeits- und Denkweise (nämlich jene aus dem 19. Jahrhundert) besitzen.

Wer die Empfehlungen der WHO[1] liest, erkennt, dass wir uns im 21. Jahrhundert in einer Phase befinden, in der das pathogenetische Paradigma zunehmend mit dem salutogenetischen Ansatz verschmilzt. Diese Entwicklung führt bei vielen Beteiligten zu Verunsicherung – sowohl bei Medizinern als auch bei Patienten. Es wird noch einige Zeit dauern, bis beide Perspektiven gleichwertig in der medizinischen Wissenschaft verankert sind und in der Praxis selbstverständlich nebeneinander angewendet werden.

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Prävention💡🧩 🪢

Die Präventionsstufen nach Caplan

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Die Präventionsstufen nach Caplan: Primäre, sekundäre und tertiäre Prävention💡🧩 🪢

Zur Prävention gehören unter anderem auch die Maßnahmen der Umweltmedizin und der Arbeitsmedizin.

Umweltmedizin: Definition

Umweltmedizin ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit den Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Gesundheit beschäftigt.

präventive Umweltmedizin: Prävention von Krankheiten, die durch Umweltfaktoren wie z.B. Luftverschmutzung oder Wasserbelastung entstehen
klinische Umweltmedizin: Diagnose und Behandlung von Patienten, die Symptome aufweisen, welche mit Umweltbelastungen in Verbindung gebracht werden (z.B. Chemikalien, Schwermetalle, Schimmelpilze)

Arbeitsmedizin: Definition

Die Arbeitsmedizin ist ein präventives medizinisches Fachgebiet. Ziel der Arbeitsmedizin:
• schädliche Einflüsse aus dem Arbeitsleben vermeiden
• Gesundheitsschäden frühzeitig erkennen
• berufliche Wiedereingliederung nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit unterstützen

Salutogenese

Die Medizin des 21. Jahrhunderts beginnt damit, das salutogenetische Modell in das pathogenetische zu integrieren. Sie erkennt zunehmend, dass es nicht mehr wie im 19. Jahrhundert ein entweder-oder, sondern ein sowohl-als-auch ist. Sie fragt nicht nur nach den Wirkfaktoren von Krankheit, sondern richtet den Blick ebenso auf die Ressourcen, die Gesundheit stärken. Dieses doppelte Verständnis schafft ein umfassendes Bild menschlicher Gesundheit, das biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenführt. Durch die stärkere Berücksichtigung salutogener Prinzipien gewinnt Gesundheitsförderung an Relevanz. Die moderne Medizin orientiert sich stärker an individuellen Fähigkeiten, Potenzialen und sozialen Kontexten.

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Pflegeprozess – Salutogenese 💡🧩 🪢

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Persönliche Einflussfaktoren auf die Gesundheit nach dem Modell der Salutogenese. 💡🧩 🪢

Gesundheitsförderung als salutogenetisches Gegenmodell zur Prävention

Zur Gesundheitsförderung zählen alle Maßnahmen, die zur Erhaltung der Gesundheit beitragen. Geundheitsförderung beschäftigt sich mit Ressourcen und fördert diese (= ressourcenorientierte Denkweise). Die Gesundheitsförderung ist eng verbunden mit dem Modell der Salutogenese.

Ziele der Gesundheitsförderung
• Gesundheit erhalten, wiedererlangen, verbessern
• Ressourcen entwickeln / stärken
• Selbstwirksamkeit stärken
• Bedingungen für eine gesunde Lebenswelt schaffen

Patientenedukation

• Schulung von Patienten bezüglich ihrer Erkrankung (Information, Beratung, Anleitung)
• Teil der Gesundheitsförderung in der Pflege

Die Patientenedukation soll Patientinnen* befähigen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen. Ziel ist es, ihnen das notwendige Wissen und die entsprechenden Fähigkeiten zu vermitteln, damit sie ihre Gesundheit aktiv mitgestalten können. Es ist ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsförderung in der Pflege.

ACHTUNG!
Pflege darf bei der Patientenedukation:

  • erklären, übersetzen, anleiten, motivieren, begleiten, stärken

Die Grenzen der Pflege in Bezug auf Patientenedukation

  • Diagnosen stellen
  • Therapien eigenmächtig verändern
  • ärztliche Aufklärung ersetzen

Der Begriff „Settings“
Lebenswelten wie Schulen, Betriebe, Krankenhäuser, Kommunen, Wohngruppen – soziale Systeme, in denen soziale Konzepte wie z.B. Gesundheitsförderung ansetzt.

Der Unterschied zwischen Prävention und Gesundheitsförderung

PräventionGesundheitsförderung
Modell:PathogeneseSalutogenese
Denkweise:risikoorientiertressourcenorientiert
Konzentration auf:KrankheitenGesundheit
Fokus auf:Risiken reduzierenErhalt und Verbesserung 
Zugehörige Modelle / Konzepte:Wirkfaktoren (z.B. Erreger, Risikofaktoren)
Symptome
Diagnosen
Impfungen / Vorsorgeuntersuchungen
Kohärenzgefühl
Empowerment
Resilienz
Ottawa-Charta-Modell

Die WHO-Definition von Gesundheit

Die WHO schreibt ausdrücklich, Gesundheit sei nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen, sondern ein Zustand physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens. Damit geht sie über die rein pathogene Sicht hinaus und formuliert Gesundheit positiv und ganzheitlich.

Die WHO arbeitet in beiden Logiken:

  • pathogen: wenn es um Erreger, Ausbrüche, Krankheitsbekämpfung geht.
  • salutogen: wenn es um Lebensbedingungen, Ressourcen, Prävention, Wohlbefinden, Empowerment geht.

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Pflegeprozess – Die Definition von Gesundheit laut WHO 💡🧩 🪢

Die Ottawa-Charta

Die Ottawa-Charta ist ein Grundsatzpapier der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Gesundheitsförderung aus dem Jahr 1986 (erste internationale Konferenz zur Gesundheitsförderung in Ottawa, Kanada). Sie beschreibt, was Menschen brauchen, um gesund leben zu können, und wie Gesellschaft, Politik und Fachkräfte Gesundheit aktiv fördern sollen.

1. Voraussetzungen für Gesundheit (Präambel der Ottawa-Charta)

Die Charta nennt Bedingungen, die für Gesundheit grundlegend sind, zum Beispiel:

  • Frieden
  • Wohnraum
  • Bildung
  • Nahrung
  • Einkommen
  • ein stabiles Ökosystem
  • soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit

Ohne diese Bedingungen sind Gesundheitschancen ungleich verteilt.

2. Drei Grundstrategien der Gesundheitsförderung

Die Ottawa-Charta beschreibt drei zentrale Strategien:

  1. Anwaltschaft (Advocacy)
    Einsatz für gesundheitsförderliche Lebensbedingungen, z. B. gegen Armut, Ausgrenzung, Diskriminierung.
  2. Befähigung (Enablement)
    Menschen stärken, damit sie ihre Gesundheit selbstbestimmt gestalten können, z. B. durch Information, Bildung, Partizipation.
  3. Vermittlung (Mediation)
    Zwischen verschiedenen Interessen (Politik, Wirtschaft, Betroffene, Fachkräfte) vermitteln, um gemeinsame Lösungen für Gesundheit zu finden.

3. Fünf Handlungsfelder der Ottawa-Charta

Die Charta benennt fünf Bereiche, in denen Gesundheitsförderung konkret ansetzen soll:

  1. Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik
    Politik in allen Bereichen (Arbeit, Wohnen, Bildung, Verkehr usw.) soll Gesundheit mitdenken.
  2. Schaffung gesundheitsförderlicher Lebenswelten
    Lebens- und Arbeitsumfelder so gestalten, dass sie körperliche und psychische Gesundheit unterstützen (z. B. Wohnqualität, Arbeitsbedingungen, soziale Unterstützung).
  3. Stärkung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen (Community Action)
    Menschen in Gemeinden, Stadtteilen, Einrichtungen aktiv beteiligen, damit sie selbst an der Gestaltung ihrer Lebensbedingungen mitwirken.
  4. Entwicklung persönlicher Kompetenzen
    Gesundheitsbezogene Bildungsangebote, Förderung von Selbstwirksamkeit, Bewältigungsstrategien, Lebenskompetenzen.
  5. Neuorientierung der Gesundheitsdienste
    Gesundheitsdienste sollen nicht nur behandeln, sondern auch präventiv und gesundheitsfördernd arbeiten, interdisziplinär und gemeinsam mit den Betroffenen.

Gesundheit als positiver Ansatz

Handlungsfähigkeit: Alltag bewältigen, persönliche Ziele verfolgen
Leistungsfähigkeit: körperliche und psychische
Wohlbefinden: subjektives Empfinden, Einklang mit sich selbst

Gesundheitspädagogik

Die Gesundheitspädagogik versteht Gesundheit als einen positiven, entwicklungsorientierten Ansatz, der weit über die Abwesenheit von Krankheit hinausgeht. Sie richtet den Blick auf die Fähigkeiten, Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten von Menschen in ihrem Alltag. Sie ist ein interdisziplinäres Arbeitsfeld, das sich auf die Gesundheitsförderung, Entwicklung und Stärkung von Ressourcen konzentriert. Gesundheitspädagogik wird unter anderem eingesetzt in:

  • Rehabilitationskliniken zur Unterstützung beim Umgang mit chronischen Erkrankungen
  • Gesundheitszentren zur Patientinnenbildung
  • Präventions- und Beratungsstellen
  • Städten und Gemeinden zur Erwachsenenbildung
  • Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
  • Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen
  • Alten- und Pflegeheimen
  • sozialpsychiatrischen Einrichtungen

In nahezu allen gesundheitspädagogischen Ansätzen bildet die Salutogenese nach Antonovsky das Fundament, weil sie den Blick auf gesundheitsstärkende Faktoren richtet. Dennoch stützt sich die Gesundheitspädagogik nicht einzig auf die Salutogenese, sondern integriert auch Elemente des pathogenetischen Modells. Die Salutogenese ist also ein wichtiger, aber keineswegs der alleinige Bezugsrahmen der Gesundheitspädagogik.

Formen der Gesundheitspädagogik

• Gesundheitsförderung
• Gesundheitserziehung
• Gesundheitsbildung
• Gesundheitsaufklärung (Public Health)

Gesundheitsförderung

siehe Gesundheitsförderung als salutogenetisches Gegenmodell zur Prävention.

Empowerment: Ein Kernkonzept der Gesundheitsförderung

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Empowerment💡🧩 🪢

Der Zusammenhang von Motivation und Gesundheit

Motivation ist ein sehr wichtiger Teil des Kohärenzgefühls. Wenn ein Mensch keinen Sinn in seinem Leben sieht, fühlt sich alles schnell schwer und belastend an. Dann erlebt er neue Aufgaben nicht als Herausforderung, sondern als zusätzliche Last. Es entwickelt sich in Kindheit und Jugend und ist mit ca. 30 Jahren relativ stabil.

Das Kohärenzgefühl kann sich jedoch auch nach dem 30 Lebensjahr noch verändern, wenn die Person Erfahrungen macht wie:
• sinnerfüllte Rollen
• gelingende Bewältigungserlebnisse
• langandauernde Belastung (z. B. Trauma)
• positive Beziehungs- und Hilfeerfahrungen
• Therapie
• Recovery-Prozesse
• Empowerment

Motivation beeinflusst auch das Gesundheitsverhalten: nur motivierte Menschen ändern ihren Lebensstil, nehmen Prävention wahr und achten auf ihre Gesundheit.

Gesundheitserziehung

Gesundheitserziehung ist ein pädagogischer Prozess, bei dem Kinder und Jugendlichen Wissen, Einstellungen und Fertigkeiten vermittelt werden, die sie dazu befähigen soll, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen und sich gesundheitsbewusst zu verhalten.

Gesundheitsbildung

Gesundheitsbildung ist der Gesundheitsförderungsansatz in der Erwachsenenbildung.

Gesundheitsaufklärung

Gesundheitsaufklärung ist ein Teilbereich von „Public Health“. Es ist die Vermittlung von Informationen über Gesundheit, Krankheit, Prävention und gesundheitsrelevantes Verhalten, mit dem Ziel, Menschen in die Lage zu versetzen, Entscheidungen zu treffen, die ihrer Gesundheit förderlich sind. Sie richtet sich an die breite Öffentlichkeit und nutzt Medien, Kampagnen oder Informationsmaterialien, um Wissen zu verbreiten – zum Beispiel über Impfungen, Ernährung, Bewegung, Suchtprävention oder Hygienemaßnahmen.

Public Health

„Public Health ist ein soziales und politisches Modell, das durch Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention und andere gesundheitsbezogene Interventionen auf Verbesserung von Gesundheit, Lebensverlängerung und Erhöhung der Lebensqualität von ganzen Bevölkerungen abzielt.“
Definition WHO, 1998

Gesundheitsfördernde Kräfte (nach dem Dahlgren and Whitehead Modell der Gesundheitsdeterminanten)

Das Dahlgren and Whitehead Modell der Gesundheitsdeterminanten ist jenes Modell, auf dessen Grundlage das Gesundheitssystem in England arbeitet. Offizielle Berichte der Regierung in England nutzen explizit das Dahlgren-und-Whitehead-Modell der Gesundheitsdeterminanten als Bezugsrahmen, um die sozialen und strukturellen Einflussfaktoren auf Gesundheit zu beschreiben. Public Health in UK hat das salutogenetische Modell offiziell aufgenommen und in den bislang vorherrschenden pathogenetischen Ansatz inkludiert. Dadurch wird sichtbar, dass Gesundheit nicht mehr nur als Abwesenheit von Krankheit verstanden wird, sondern als Ergebnis eines Zusammenspiels von Risikofaktoren und gesundheitsfördernden Kräften. Dennoch bleibt in der klinischen Medizin in England der pathogenetisch-biomedizinische Ansatz weiterhin zentral, und es ist zu erwarten, dass es noch mehrere Jahrzehnte dauern wird, bis die Salutogenese als grundlegendes Gesundheitsmodell fest in der medizinischen Praxis verankert ist.

Gesundheitsfördernde Kräfte (nach dem Dahlgren and Whitehead Modell der Gesundheitsdeterminanten)

• biologische Charakteristik (z.B. ein funktionierende Immunsystem)
• individuelle Einflussfaktoren (z.B. nicht rauchen, wenig Alkohol, Sport,…)
• soziale Einflussfaktoren (z.B. förderliche Beziehungen, wirken sich positiv auf die Psyche aus)
• Lebens- und Arbeitsbedingungen (Zugang und Chancen in Bezug auf Arbeit, Wohnraum, Bildung, Sozialleistungen, Lebensmittel- und Wasserqualität, physische Arbeitsumgebung,…)
• sozioökonomische, kulturelle und Umweltfaktoren (faires Einkommen, faire Besteuerung, Verfügbarkeit von Arbeit, soziale Arbeitsumgebung…)

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Pflegeprozess – Gesundheitsförderung und Prävention 💡🧩 🪢

Die Einflussfaktoren auf die Gesundheit nach Dahlgren und Whitehead

Dahlgren-Whitehead-Modell („The Dahlgren and Whitehead Model of Health Determinants“, 1991):
• biologische Charakteristik (Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Genetik,…)
• individuelle Einflussfaktoren (Rauchen, Alkoholkonsum, Sport,…)
• soziale Einflussfaktoren (Familie, Freunde, Bekannte, Psyche)
• Lebens- und Arbeitsbedingungen (Zugang und Chancen in Bezug auf Arbeit, Wohnraum, Bildung, Sozialleistungen, Lebensmittel- und Wasserqualität, physische Arbeitsumgebung,…)
• sozioökonomische, kulturelle und Umweltfaktoren (Einkommen, Besteuerung, Verfügbarkeit von Arbeit, soziale Arbeitsumgebung…)

Die Psyche wird in diesem Modell den sozialen Faktoren zugeordnet, da sie in der systemischen Denkweise immer im Zusammenhang mit Beziehungen, sozialen Kontexten und dem Erleben innerhalb eines Systems verstanden wird und somit untrennbar mit dem sozialen Umfeld verbunden ist.

Physische Einflussfaktoren lt. Dahlgren-Whitehead-Modell

• Lebens- und Arbeitsbedingungen (Zugang zu Arbeit, Wohnraum, Bildung, Sozialleistungen, Chancengleichheit, Umweltfaktoren wie Reizüberflutung, Lebensmittel- und Wasserqualität, Umweltverschmutzung,…)
• biologische Einflussfaktoren (Alter, Geschlecht, Genetik,…)
• individuelle Einflussfaktoren (Rauchen, Alkohol, Sport, Ernährung,…)

Soziale Einflussfaktoren lt. Dahlgren-Whitehead-Modell

• soziale Einflussfaktoren (Familie, Freunde, Bekannte, Psyche)
• sozioökonomische und kulturelle Faktoren (Einkommen, Besteuerung, Verfügbarkeit von Arbeit, kulturelle Werte, gesellschaftliche Strukturen, soziale Arbeitsumgebung…)

Die Gesundheit ist subjektiv

Das Verständnis von Gesundheit ist abhängig vom persönlichen, subjektiven Erleben und daher individuell verschieden.

Das Kontinuumsmodell: Ein Denkansatz aus dem Modell der Salutogenese

Das Kontinuumsmodell gehört zum Modell der Salutogenese nach Aaron Antonovsky. Nach diesem Modell sind Gesundheit und Krankheit keine Gegensätze, sondern Endpunkte eines Kontinuums. Jeder Mensch ist mehr oder weniger gesund oder krank.

Vergleich: Nach dem pathogenetischen Modell ist der Mensch entweder gesund oder krank.

kontinuum
Bild 1
dichotomie
Bild 2

Gesundheit als mehrdimensionaler Begriff: Ein Modell aus der Gesundheitspädagogik

Gesundheitspädagoginnen*, Public-Health-Fachkräfte, Sozialpädagogen* und -betreuer* nutzen das Modell von Ewles und Simnett, um Programme zu entwickeln, die mehrere Gesundheitsdimensionen gleichzeitig berücksichtigen (Bewegung, Emotionen, soziale Netze, Sinnfragen usw.).

Nach Ewles und Simnett (vgl. Ewles, Simnett 2007, S.22f.) wird Gesundheit als mehrdimensionaler Begriff verstanden. Sie beschreiben Gesundheit als Zusammenspiel mehrerer Dimensionen:

  1. Physische Gesundheit: beinhaltet alle Funktionen des menschlichen Körpers.
  2. Mentale Gesundheit: hiermit ist die Fähigkeit von funktionierenden Gedankengängen gemeint.
  3. Emotionale Gesundheit: die Fähigkeit unterschiedliche Gefühle (Freude, Angst, Trauer, Ärger) zu unterscheiden und diese auch entsprechend ausdrücken zu können.
  4. Soziale Gesundheit: die Fähigkeit soziale Kontakte zu knüpfen und Beziehungen aufzubauen und diese auch erhalten zu können. Sie bezieht aber auch auf den Einfluss von Organisationen (Schulen, staatliche Einrichtungen, Arbeitsplatz) als unmittelbare Lebenswelt auf den Menschen.
  5. Spirituelle Gesundheit: diese Dimension kann mit Religion und spirituellen Gedanken in Verbindung gebracht werden. Sie kann aber auch persönliche Entwicklung, Entfaltung und innerer Frieden bedeuten.
  6. Gesellschaftliche Gesundheit: sie wird von der Umgebung jedes einzelnen beeinflusst. Menschen können aber auch nur dann „gesellschaftlich“ gesund sein, wenn die Umgebung „gesund“ ist. In einer „kranken“ Gesellschaft kann man was diese Dimension betrifft, nicht gesund bleiben.

Der Begriff „Physische Gesundheit“

Sowohl in der Pathogenese als auch in der Salutogenese wird unter der physischen Gesundheit die körperliche Gesundheit verstanden, also die Funktionsweise des Körpers, genetische Voraussetzungen und Lebensstilfaktoren.

Der Begriff „Seelische Gesundheit“

Seele = Psyche

Die Salutogenese nach Aaron Antonovsky definiert Gesundheit – einschließlich seelischer Gesundheit – über das Kohärenzgefühl. Ein stärkerer Kohärenzsinn ist mit besseren mentalen Gesundheitsindikatoren, Lebensqualität und Resilienz verbunden. 

Seelische Gesundheit findet sich in der Fähigkeit, das Leben als:
• verstehbar…
• handhabbar…
• und sinnvoll……
zu erleben (= Kohärenzgefühl).

Dabei spielen die Gefühle, der Glaube, stabile Beziehungen und Werte eine Rolle.

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Kohärenzgefühl💡🧩 🪢

Der Begriff „Geistige Gesundheit“ in der Pathogenese und in der Salutogenese

In der Pathogenese wird geistige Gesundheit überwiegend im Sinne von psychischer Gesundheit verstanden. Dabei steht die Funktionsfähigkeit des Denkens, Fühlens und Handelns im Vordergrund.

In der Salutogenese wird geistige Gesundheit stärker als kognitive Gesundheit verstanden. Im Fokus stehen, Zusammenhänge zu erkennen, Entscheidungen zu treffen, Informationen zu verarbeiten. (Körper – Geist – Seele)

Emotionen: Definition

Emotionen sind komplexe psychische und körperliche Reaktionen, die durch innere oder äußere Reize ausgelöst werden (z.B. Herzklopfen, Mimik, Gestik). Sie dienen der:
• Kommunikation
• Interaktion
• Regulation

Emotionen dienen der Kommunikation, Interaktion und Regulation

Der Ausdruck von Emotionen ist ein Bestandteil der Sozialisation und wird im Laufe des Lebens erlernt. Durch diesen Prozess entwickeln wir die Fähigkeit, Gefühle nicht nur wahrzunehmen, sondern sie auch situationsgerecht auszudrücken und zu regulieren.

Emotionen tragen auch zum Stressabbau bei. Indem wir Gefühle ausdrücken (z.B. Wut, Ärger, …) , bauen wir innere Spannungen ab und schaffen so Entlastung für Körper und Psyche.

Durch Social Media geht der Sinn von Emotionen verloren

Heute erleben wir jedoch, dass natürliche Emotionen in den sozialen Medien häufig vorschnell pathologisiert und auf eine rein biomedizinische Ebene reduziert werden („Ich habe eine Depression“ statt „Ich bin traurig“ oder „Ich fühle mich hoffnungslos“). Gefühle wie Traurigkeit, Angst oder Ärger, die eigentlich normale Reaktionen auf Belastungen oder schwierige Lebensumstände sind, werden als Diagnose benannt, und damit zu vorschnell zur Störung oder Krankheit gemacht. Dadurch gerät der eigentliche Sinn von Emotionen – nämlich Orientierung, Ausdruck und Regulation – in den Hintergrund.

Persönlichkeitsmerkmale, die die Gesundheit beeinflussen

Persönlichkeitsmerkmale, die die Gesundheit beeinflussen, zeigen sich vor allem in Lebensstil und Verhalten. Es umfasst alles, was ein Mensch selbst steuern, gestalten oder verändern kann.

  • Nikotin
  • Alkohol
  • subjektives Wohlbefinden
  • Gefühlsregulation
  • Selbstwirksamkeit
  • Motivation
  • Kohärenzgefühl (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit)
  • Resilienz
  • eigene Ziele verfolgen können
  • Gesundheitsbewusstsein
  • Leistungsfähigkeit (körperlich und psychisch)
  • Handlungsfähigkeit
  • Fähigkeit, soziale Beziehungen aufzubauen und zu erhalten
  • Glaube / Werte / Sinnorientierung
  • Umgang mit Stress
  • Selbstzweifel
  • mangelndes Selbstwertgefühl
  • Perfektionismus
  • innere Konflikte
  • Grübeln
  • Sorgen
  • Schuld- und Schamgefühle

Verhaltensänderung als Prozess nach Konrad Lorenz

Viele gesundheitliche Chancen sind unmittelbar mit dem alltäglichen Verhalten verbunden. Daher kommt der Förderung von Verhaltensänderungen in der Gesundheitspädagogik eine zentrale Bedeutung zu. Ziel ist es dabei nicht, Menschen zu belehren, sondern ihre Selbstwirksamkeit zu stärken, indem sie erkennen, welchen Einfluss sie selbst auf ihre Gesundheit haben und wie kleine, realistische Schritte nachhaltige Veränderungen und mehr Gesundheit ermöglichen. Damit dies gelingt, werden Ressourcen in den Vordergrund gestellt, positive Erfahrungen genutzt und Veränderungen eng an die Lebenswelt der Menschen angepasst.

Der österreichische Verhaltensforscher Konrad Lorenz lieferte wichtige Grundlagen dafür, wie Verhalten entsteht und verändert werden kann. Seine Forschung zu sensiblen Entwicklungsphasen und zur Wechselwirkung zwischen biologischer Anlage und Umwelt zeigt, dass Verhaltensmuster nicht starr sind, sondern sich durch Erfahrungen und äußere Bedingungen formen und modifizieren lassen. Diese Erkenntnisse sind für die Gesundheitspädagogik bedeutsam, weil sie erklären, warum bestimmte gesundheitsrelevante Gewohnheiten früh entstehen, wie sie stabil bleiben und unter welchen Bedingungen Veränderungen möglich werden.

Das folgende Zitat wird in der Gesundheitspädagogik im Kontext von Lernen, Kommunikation und Verhaltensentwicklung verwendet und steht inhaltlich im Einklang mit Lorenz’ Forschung über die Prozesse, die zwischen Reiz und Verhalten liegen. Es wird in der Pädagogik, Psychologie und Verhaltensforschung häufig zitiert und mit seinem Namen verbunden, weil es seinen Grundgedanken entspricht:

Gesagt ist noch nicht gehört;
gehört ist noch nicht verstanden;
verstanden ist noch nicht einverstanden;
einverstanden ist noch nicht angewandt;
angewandt ist noch nicht beibehalten.

Diese Aussage beschreibt, dass eine Verhaltensänderung nicht in einem einzigen Schritt passiert, sondern in mehreren aufeinanderfolgenden Phasen verläuft.

Verhaltensprävention versus Verhältnisprävention

  • Verhaltensprävention: Veränderung individueller Verhaltensweisen (z. B. Rauchen aufgeben).
  • Verhältnisprävention: Veränderung der Umweltbedingungen (z. B. saubere Luft, Arbeitsschutz)

Definition Stress nach Selye

„Unspezifische Reaktion auf Anforderung“

„Unspezifisch“, weil nicht der konkrete Stressor (z. B. Hitze, Kälte, Lärm, Gift, Infektion) die Art der Reaktion bestimmt,
sondern der Körper ein allgemeines, gleichartiges Stressprogramm abspult.

Hans Selye war ein österreichisch-kanadischer Endokrinologe, der heute als „Vater der Stressforschung“ gilt. Er prägte bereits in den 1930er-Jahren den Begriff „Stress“ in der Medizin.

Die Theorien von Hans Selye werden den pathogenetischen Modell zugeordnet. Der Fokus von Selye liegt darauf, wie Stress krank macht – also auf den Mechanismen der Entstehung von Krankheit. Die Salutogenese hingegen (Antonovsky) richtet den Blick auf den Erhalt der Gesundheit, Widerstandskräfte und Kohärenzgefühl.

Die zwei Arten von Stress nach Selye

Selye verstand Stress nicht ausschließlich als etwas Schädliches, sondern unterschied später zwischen:

  • Eustress (positiver, aktivierender Stress)
  • Distress (negativer, überfordernder Stress)

Damit legte er die Grundlage für die moderne Stressforschung und beeinflusste bis heute Psychologie, Medizin, Sozialwissenschaften und Gesundheitsförderung.

Die drei Stressphasen nach Selye

Selye entwickelte das Allgemeine Adaptationssyndrom (AAS/GAS), ein Modell mit drei Phasen:

1. Alarmreaktion
2. Widerstandsphase
3. Erschöpfungsphase

1. Alarmreaktion (Schock- und Gegenschockphase)

Der Körper erkennt eine Bedrohung und aktiviert unmittelbar den Sympathikus. Sofort werden dadurch Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. In der Folge erhöht sich der Herzschlag, die Atmung wird schneller, die Muskeln spannen sich an und zusätzliche Energie wird mobilisiert. Dies ist die typische „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ (Fight-or-Flight). Manche Personen fallen jedoch auch in einen Zustand der Erstarrung.

2. Widerstandsphase (Adaptations- oder Anpassungsphase)

Wenn der Stressor weiter besteht, versucht der Körper, sich anzupassen.
→ Der Organismus bleibt aktiviert, aber auf einem kontrollierten Niveau (Cortisol stabilisiert das System).
→ Der Mensch kann weiter funktionieren, aber nur so lange, wie die Belastung nicht zu stark oder zu lang andauert.
In dieser Phase zeigt sich, ob ein Mensch über ausreichende Ressourcen verfügt – körperlich, psychisch, sozial.

3. Erschöpfungsphase

Wenn der Stress zu lange anhält und die Ressourcen aufgebraucht sind, bricht das Anpassungssystem zusammen.
→ Müdigkeit, Immunschwäche, emotionale Erschöpfung, psychosomatische Beschwerden und Krankheiten können entstehen.
→ Typische Folgen: Burnout, Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Magenprobleme, Schlafstörungen, u. a.

Zentrale Aussage Selyes:
Stress ist unvermeidbar – entscheidend ist, wie lange er anhält und wie gut wir ihn ausgleichen können.

Das AAS/GAS wurde zur Grundlage für die Burnout-Forschung. Vor Selye glaubte man, nur „schlechter Stress“ mache krank. Er zeigte: Auch positiver Stress kostet Energie und kann bei Dauerbelastung schaden.

Stressoren aus pathogenetischer und salutogenetischer Sicht

Stressoren sind stressauslösende Faktoren. Das pathogenetische Modell und das salutogenetische Modell unterscheiden dabei verschiedene Arten von Stressoren.

Stressoren nach Aaron Antonovsky (Salutogenese):
• Soziale / psychosoziale Stressoren (z.B. Leistungsstressoren, psychische Stressoren)
• Physikalische Stressoren (z.B. Lärm)
• Biologische / Biophysische Stressoren

Biologische Stressoren
Biologische Stressoren entstehen durch den Einfluss von lebenden Organismen oder deren Bestandteilen auf den menschlichen Körper. Dazu gehören Krankheitserreger wie Viren, Bakterien, Pilze und Parasiten, aber auch Allergene oder körperfremde Eiweiße. Sie aktivieren das Immunsystem, können Entzündungen, Infektionen oder allergische Reaktionen auslösen und dadurch körperlichen wie psychischen Stress verursachen.

Soziale / psychosoziale Stressoren
Soziale Stressoren betreffen zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Bedingungen. Konflikte, Isolation, Angst, Schmerzen, Zukunftsunsicherheit, Schulden, aber auch belastende Ereignisse wie Krieg, Katastrophen oder Diskriminierung können starken sozialen Stress auslösen. Leistungsstressoren entstehen vor allem im Zusammenhang mit Arbeit, Schule oder anderen Anforderungen. Dazu gehören Leistungs- und Zeitdruck, Unter- oder Überforderung, Prüfungen, Konflikte am Arbeitsplatz wie Mobbing, aber auch Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzwechsel, Armut oder eintönige Tätigkeiten.

Andere Ansätze

Ein rein pathogenetischer Blick auf Stressoren findet sich im klassischen biomedizinischen / Risikofaktorenmodell von Gesundheit und Krankheit. Es verstand Stressoren als lineare Krankheitsursachen, ohne salutogenetische Dimension. Dieses Modell ist ohne klaren „Erfinder“ oder „Vertreter“, aber von der Schulmedizin des 19. Jahrhunderts geprägt und später von zahlreichen Forschenden kritisiert worden.

Ein weiterer rein pathogenetischer Ansatz auf Stressoren kommt von dem österreich-ungarisch-kanadischen Biochemiker Hans Selye:

Stressoren nach Selye:
• physikalische Stressoren
• chemische Stressoren
• biologische Stressoren

Selye verstand unter Stressoren alle Reize, die eine unspezifische Stressreaktion auslösen. In der heutigen Literatur werden diese Reize häufig in physikalische, chemische und biologische Stressoren eingeteilt; psychische und soziale Aspekte wurden in späteren Stresstheorien hervorgehoben.

Chemische / biophysiologische Stressoren
Chemische Stressoren (z.b. Amphetamine) werden vor allem in naturwissenschaftlich-medizinischen oder arbeitspsychologischen Modellen genannt. Ein Beispiel ist das biologische Stressmodell nach Hans Selye (Allgemeines Adaptationssyndrom), ein Strukturierungsraster aus dem biologischen bzw. physiologischen Stressmodell von Selye, das später in arbeitsmedizinischen Kontexten (z. B. Umwelt- oder Toxikologie) übernommen wurde.

Physikalische / Physische Stressoren wirken direkt auf den Körper, zum Beispiel durch Lärm, Hitze, Kälte, Licht, Schlafmangel, Reizüberflutung, Platzmangel, Umweltverschmutzung oder körperliche Überlastung.

Psychische Stressoren
Psychische Stressoren entstehen vor allem durch innere Vorgänge und Bewertungen. Dazu zählen Grübeln, überhöhte Ansprüche an sich selbst, Perfektionismus, Selbstzweifel, mangelndes Selbstwertgefühl, Schuld- und Schamgefühle, ungelöste innere Konflikte, traumatische Erinnerungen, dauernde Sorgen oder die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen.

Stressreaktionen

Das folgende Modell der Stressreaktionen stammt nicht von einer einzelnen Person. Es ist ein kombiniertes Stressreaktionsmodell, das auf drei Forscherpersönlichkeiten beruht. In dieser Form wird es heute in Gesundheitspädagogik verwendet.

  • Hans Selye – physiologische und somatische Stressreaktionen
  • Walter Cannon – akute körperliche Alarmreaktion
  • Richard Lazarus – psychische und kognitive Stressreaktionen

Der Körper reagiert je nach Art des Stressors mit spezifischen Stressreaktionen:

Physiologische Stressreaktion
Kloß im Hals, trockener Mund, flaues Gefühl im Magen, Zittern, gesteigerte Herztätigkeit, Schwitzen, Atembeschwerden, Schwächegefühl, Muskelverspannungen. Bluthochdruck, Spannungskopfschmerzen, geringe Belastbarkeit, Verdauungsstörungen, Harndrang.

Somatische Stressreaktion
Langzeit-Stress kann das Immunsystem schwächen. Das erhöht die Krankheitsanfälligkeit.

Psychische Stressreaktion
Nervosität, Denkblockaden, Konzentrationsschwäche, Konfusion, Gefühlsschwankungen, Gedächtnisstörungen, Kreativitätsmangel, Gereiztheit, Unzufriedenheit, Antriebslosigkeit, Angst, depressive Verstimmung, Hoffnungslosigkeit, Schlafstörungen, Erschöpfungsgefühl. Eine Langzeitfolge von Stress ist Burnout.

Der Wandel von Compliance zu Adherence: Ein sichtbares Zeichen für die Wirksamkeit salutogenetischen Denkens in der Medizin

Compliance: ein veralteter Begriff für Therapietreue. Einhaltung ärztlicher Anweisungen durch den Patienten.
Adherence (deutsch: Adhärenz): hat den Begriff Compliance abgelöst. Aktive Zusammenarbeit von Patient und Fachpersonal bei Therapieentscheidungen. Gemeinsame Entscheidungsfindung und Zielvereinbarung. Ziel: Verhaltensänderung.

Im pathogenetischen Denken steht Krankheit im Vordergrund, und der Patient soll vor allem Anweisungen befolgen – genau das beschreibt „Compliance“: Die Ärztin* gibt vor – der Patient* gehorcht. Aus salutogener Sicht reicht das aber nicht, weil Gesundheit nicht nur durch das Befolgen von Anordnungen entsteht, sondern durch das aktive Mitgestalten des eigenen Lebens.

Antonovsky betont mit seinem Konzept des Kohärenzgefühls (Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit), dass Menschen Gesundheit eher erhalten oder wiedergewinnen, wenn sie ihre Situation verstehen, sie als bewältigbar erleben und einen Sinn darin sehen. Genau hier setzt Adhärenz an: Patient und Fachperson entscheiden gemeinsam, Therapieziele werden ausgehandelt, Informationen werden so vermittelt, dass sie verständlich sind, und die Behandlung wird an Ressourcen, Lebenswelt und Werte der Person angepasst. Dadurch wird der Patient nicht mehr als „Befehls­empfänger“, sondern als kompetente, handlungsfähige Person gesehen, die Verantwortung mitträgt. Die Verschiebung von Compliance zu Adhärenz spiegelt damit den Wechsel von einem überwiegend pathogenetischen hin zu einem salutogenetischen, ressourcen- und beteiligungsorientierten Gesundheitsverständnis.

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Kohärenzgefühl💡🧩 🪢

Quellen:
[1] WHO – Leitfaden psychische Gesundheit, vom 25.03.2025

Weiterführende Literatur:
• Neue Empfehlungen der WHO: Guidance on mental health policy and strategic action plans
Neue WHO-Leitlinien fordern Paradigmenwechsel in der mentalen Gesundheitspolitik


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