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WHO: Leitfaden psychische Gesundheit

Leitfaden zu Politik und strategischen Aktionsplänen im Bereich psychische Gesundheit

16.11.25

Inoffizielle und unvollständige Übersetzung der neuen WHO-Leitlinien zur psychischen Gesundheit, publiziert am 25. März 2025 auf der offiziellen Website der WHO. Das vollständige Original-Papier kann hier nachgelesen werden (in englischer Sprache.)

Glossar

Biomedizinisches Modell

Das biomedizinische Modell betrachtet psychische Gesundheitsprobleme als primär durch neurobiologische Faktoren verursacht. Bei diesem Ansatz liegt der Schwerpunkt auf Diagnose, Medikation und Symptomreduktion; soziale und strukturelle Faktoren, die die psychische Gesundheit beeinflussen, sowie individuelle Bedürfnisse und Rechte auf gesellschaftliche Teilhabe werden dabei häufig vernachlässigt.

Gemeindenahe Versorgung in der psychischen Gesundheit

Gemeindenahe Versorgung der psychischen Gesundheit umfasst sowohl spezialisierte als auch nicht-spezialisierte Angebote und ermöglicht Menschen, in ihren eigenen Gemeinschaften zu leben und dort Unterstützung zu erhalten – statt in institutionellen Einrichtungen wie psychiatrischen Krankenhäusern oder Heimen. Sie fördert Gleichberechtigung und gesellschaftliche Inklusion.
Gemeindenahe Versorgung besteht aus einem Netzwerk miteinander verbundener Angebote, darunter: in allgemeine Gesundheitsversorgung integrierte psychische Gesundheitsdienste; Gemeinde-Zentren für psychische Gesundheit; aufsuchende Dienste, die Unterstützung zu Hause oder im öffentlichen Raum bieten; sowie Zugang zu sozialen Unterstützungsangeboten.
Es gibt kein universelles Modell für die Organisation dieser Dienste. Dennoch kann jedes Land Schritte setzen, um gemeindenahe Versorgung auszubauen und das Recht auf Leben in der Gemeinschaft zu verwirklichen.

Deinstitutionalisierung

Deinstitutionalisierung bedeutet, Menschen von institutionellen Einrichtungen zurück in ihre Gemeinschaften zu verlegen und institutionelle Betten zu schließen, um weitere Einweisungen zu verhindern. Erfolgreiche Deinstitutionalisierung erfordert umfassende gemeindenahe Unterstützungsstrukturen, ausreichende finanzielle und organisatorische Investitionen sowie einen Wandel in Denkmustern und Praktiken, der die Rechte der Menschen auf gesellschaftliche Teilhabe, Freiheit und Autonomie anerkennt.

Behinderung

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) entsteht Behinderung aus dem Zusammenspiel zwischen individuellen Beeinträchtigungen oder Gesundheitszuständen und gesellschaftlichen Barrieren, die die volle und gleichberechtigte Teilhabe einschränken.
Artikel 1 der CRPD definiert „Menschen mit Behinderungen“ als Personen mit langfristigen körperlichen, psychischen, intellektuellen oder sensorischen Beeinträchtigungen, die in Wechselwirkung mit Barrieren ihre gleichberechtigte Teilhabe behindern.
Dies spiegelt das soziale Modell von Behinderung wider, das gesellschaftliche Barrieren als Auslöser von Behinderung betrachtet, sowie das menschenrechtsbasierte Modell, das das Recht auf Beseitigung dieser Barrieren betont.

Gruppen, die Diskriminierung erfahren

Dies bezieht sich auf Gruppen von Menschen innerhalb eines bestimmten kulturellen, historischen oder gesellschaftlichen Kontextes, die aufgrund ungleicher Machtverhältnisse von Diskriminierung oder Ausgrenzung betroffen sind oder bedroht werden. Diskriminierung kann erfolgen aufgrund von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Migrations- oder Flüchtlingsstatus, ethnischer Zugehörigkeit, Indigenität, Wohnungslosigkeit, Sprache, Religion, politischer oder anderer Meinung, Bildung, Einkommen, Wohnort oder anderem Status.
Diskriminierung aus solchen Gründen ist nach internationalem Menschenrechtsrecht verboten.

Menschenrechtsbasierter Ansatz

Dieser Ansatz basiert auf internationalem Menschenrechtsrecht und verfolgt das Ziel, Menschenrechte zu fördern und zu schützen. Im Bereich der psychischen Gesundheit bedeutet dies, rechtliche und politische Rahmenbedingungen zu schaffen, die den staatlichen Verpflichtungen unter internationalem Recht entsprechen.
Er unterstützt staatliche und nichtstaatliche Akteure dabei, Ungleichheiten und Diskriminierung zu erkennen, zu analysieren und zu beseitigen und marginalisierte Gruppen zu erreichen. Außerdem ermöglicht er Beschwerdemöglichkeiten und Rechenschaftspflichten, wenn nötig.

Rechtsfähigkeit

Die CRPD definiert Rechtsfähigkeit als „…die Fähigkeit, sowohl Träger von Rechten als auch Handelnder im Recht zu sein.“
Rechtsfähigkeit bedeutet, dass Menschen Anspruch auf vollen Rechtsschutz haben und als handelnde Personen anerkannt sind, die rechtliche Beziehungen eingehen, ändern oder beenden können.
Rechtsfähigkeit ist ein unveräußerliches Recht und unterscheidet sich von „Einwilligungsfähigkeit“ (mentaler Fähigkeit). Unabhängig davon, wie jemandes Entscheidungsfähigkeit eingeschätzt wird, behält die Person nach CRPD das Recht, ihre Rechtsfähigkeit auszuüben.

LGBTIQ+

LGBTIQ+ ist ein Akronym für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queer fragende Personen. Das „+“ steht für weitere vielfältige sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und -ausdrücke sowie Körpermerkmale.
Das Akronym stammt aus westlichen Kontexten und wird im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Menschenrechte häufig verwendet, deckt jedoch nicht die gesamte globale Vielfalt ab.

Erfahrungsexpertise / gelebte Erfahrung

Dies bezieht sich auf persönliche Erfahrungen mit psychischen Gesundheitsdiensten, mit psychischen Gesundheitsproblemen oder mit Lebenslagen wie Armut. Es beschreibt, wie jemand eine Situation erlebt und versteht.

Psychosoziale Unterstützung und Unterstützung für psychische Gesundheit (MHPSS)

Ein Sammelbegriff für jegliche lokale oder externe Unterstützung, die das psychosoziale Wohlbefinden schützt oder fördert oder psychische Gesundheitsprobleme verhindert bzw. behandelt.

Verfahrensbezogene Vorkehrungen

Dies bezeichnet notwendige Anpassungen im Kontext des Zugangs zum Rechtssystem, um gleichberechtigte Teilhabe für Menschen mit Behinderungen und andere Gruppen sicherzustellen. Anders als „angemessene Vorkehrungen“ sind sie nicht durch das Kriterium der unverhältnismäßigen Belastung begrenzt.

Personenzentrierte Versorgung

Dieser Ansatz orientiert sich an den individuellen Vorlieben, Bedürfnissen, Werten, Stärken und Lebensumständen von Menschen. Er verlangt, dass Personen aktiv an Entscheidungen über ihre Behandlung beteiligt sind. Ziel ist es, vertrauensvolle Beziehungen, Würde, Respekt und Autonomie zu fördern sowie soziale und strukturelle Faktoren zu berücksichtigen.

Psychiatrische und soziale Institutionen

Institutionen sind Lebensumgebungen, in denen Menschen von der Gemeinschaft getrennt werden, isoliert leben und wenig Kontrolle über ihr Leben und Entscheidungen haben. Sie stellen oft institutionelle Interessen über individuelle Bedürfnisse.
Dazu zählen psychiatrische Krankenhäuser, Heime und andere Einrichtungen, sofern sie Einschränkungen, Routinen und mangelnde Autonomie aufweisen. Nicht dazu gehören gemeindenahe psychiatrische Dienste in Allgemeinkrankenhäusern, sofern Rechte und Autonomie gewahrt bleiben.

Psychosoziale Behinderung

In dieser Leitlinie entspricht psychosoziale Behinderung der CRPD-Definition von Behinderung. Sie verweist auf Barrieren wie Diskriminierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung, die im Zusammenspiel mit psychischen Gesundheitsproblemen gesellschaftliche Teilhabe einschränken.
Der Begriff betont ein soziales und nicht primär medizinisches Verständnis psychischer und emotionaler Erfahrungen.

Angemessene Vorkehrungen

Die CRPD definiert angemessene Vorkehrungen als notwendige und geeignete Anpassungen, die keine unverhältnismäßige Belastung darstellen und Menschen mit Behinderungen ermöglichen, ihre Rechte gleichberechtigt auszuüben.

Recovery / Genesungsorientierung

Der Recovery-Ansatz unterstützt Menschen dabei, Kontrolle über ihr Leben wiederzuerlangen oder zu behalten. Recovery ist individuell verschieden und kann Sinnfindung, Selbstbestimmung, Stärkung des Selbstwerts, Heilung von Trauma sowie Hoffnung für die Zukunft umfassen.
Der Ansatz betrachtet Menschen ganzheitlich und strebt nicht allein die Abwesenheit von Symptomen an.

Stellvertretende Entscheidungsfindung

Dies bezeichnet Systeme, in denen jemandem die Rechtsfähigkeit entzogen wird und eine andere Person Entscheidungen im Sinne des vermeintlichen „besten Interesses“ trifft – statt gemäß dem eigenen Willen und den eigenen Präferenzen der betroffenen Person.

Unterstützte Entscheidungsfindung

Die CRPD beschreibt unterstützte Entscheidungsfindung als Systeme, die verschiedene Unterstützungsformen bereitstellen, damit Personen ihre Rechtsfähigkeit ausüben und Entscheidungen mit Unterstützung treffen können.
Die Rechtsfähigkeit wird dabei nicht entzogen. Unterstützer*innen dürfen nicht ohne Zustimmung der Person bestimmt werden, und die Unterstützung muss dem Willen und den Präferenzen der Person entsprechen.

Kurzfassung (Executive Summary)

Reform der Politik zur psychischen Gesundheit ist dringend notwendig

Psychische Gesundheit ist zu einer globalen Priorität geworden und wird als Einflussfaktor für alle Lebensbereiche erkannt – von emotionalem und sozialem Wohlbefinden über körperliche Gesundheit, Beziehungen und Teilhabe am Gemeinschaftsleben bis hin zu einem sinnhaften und erfüllten Leben. Sie ist ein wesentliches Gut, das geschützt und gestärkt werden muss, damit Menschen und Gemeinschaften gedeihen können. Um dies zu erreichen, müssen Regierungen solide politische Strategien und Ansätze entwickeln, um den psychischen Gesundheitsbedarf ihrer Bevölkerung zu decken und psychisches Wohlbefinden kontinuierlich zu fördern.

Dementsprechend wächst die Bewegung hin zu politischen Ansätzen, die auf Menschenrechten basieren, personenzentriert sind und an Recovery orientiert arbeiten – im Einklang mit internationalen menschenrechtlichen Verpflichtungen, wie der UN-Behindertenrechtskonvention und dem WHO-Aktionsplan für psychische Gesundheit 2013–2030. Diese Ansätze betonen den Abbau von Stigmatisierung und Diskriminierung sowie die Achtung von Autonomie, Würde und Rechten. Ebenso betonen sie die Notwendigkeit, psychische Gesundheit als zentralen Bestandteil der universellen Gesundheitsversorgung zu verankern und weltweit einen gerechten Zugang zu umfassenden und hochwertigen Angeboten zu gewährleisten – unabhängig von sozialem Status oder geografischer Lage.

Trotz dieser internationalen Verpflichtungen fehlen in vielen Ländern weiterhin politische Maßnahmen und Pläne, die vollständig mit menschenrechtlichen Standards übereinstimmen oder die breiteren gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf psychische Gesundheit berücksichtigen. Alle Länder, die den WHO-Aktionsplan 2013–2030 unterzeichnet haben, verpflichten sich zur Entwicklung, Aktualisierung und Umsetzung nationaler Politiken und Strategien – mit dem globalen Ziel, dass bis 2030 mindestens 80 % der Länder diese Standards erfüllen.

Ein umfassender Rahmen für Reformen

Dieser Leitfaden zu Politik und strategischen Aktionsplänen im Bereich psychische Gesundheit wurde entwickelt, um Länder bei der Reform ihrer Politik und der Aktualisierung strategischer Pläne zu unterstützen, wobei Menschenrechte sowie soziale und strukturelle Determinanten psychischer Gesundheit im Mittelpunkt stehen.

Er gründet auf internationalen Menschenrechtsrahmen, insbesondere der UN-Behindertenrechtskonvention, und fordert psychische Gesundheitssysteme, die Rechtsfähigkeit, nicht-zwangsbasierte Praxis, Beteiligung und Inklusion in der Gemeinschaft fördern. Ziel ist es, sicherzustellen, dass alle Menschen mit Würde, Respekt und auf gleichberechtigter Grundlage behandelt werden.

Durch die Berücksichtigung sozialer und struktureller Determinanten – wie Armut, Wohnungsunsicherheit, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung – sowie durch die Betonung sektorübergreifender Zusammenarbeit, fördert der Leitfaden einen ganzheitlichen Ansatz für Reformen, der Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit stärkt.

Der Leitfaden dient politischen Entscheidungsträgern, Planenden sowie Organisationen der Zivilgesellschaft und Betroffenenvertretungen als wertvolle Ressource. Er hilft, psychische Gesundheitssysteme, Reformprozesse und zentrale Herausforderungen besser zu verstehen, um menschenrechtsbasierte Politik und strategische Maßnahmen erfolgreich zu entwickeln und umzusetzen.

Aufbau des Leitfadens

Der Leitfaden beschreibt wichtige politische Bereiche für Reformen und zeigt zentrale Schritte auf, die Länder bei der Entwicklung, Umsetzung, Bewertung und Überwachung ihrer politischen Strategien im Bereich psychische Gesundheit durchlaufen sollten. Er besteht aus fünf Modulen

Modul 1 – Einführung, Zweck und Nutzung des Leitfadens

Es behandelt Herausforderungen in der Politik zur psychischen Gesundheit und die Notwendigkeit von Reformen im Einklang mit dem internationalen Menschenrechtsrahmen.

Modul 2 – Schlüsselbereiche für Reformen, Richtlinien, Strategien und Maßnahmen

In Modul 2 werden fünf zentrale Politikbereiche beschrieben, ergänzt durch Richtlinien, Strategien und Maßnahmen, die Länder je nach ihrem Kontext priorisieren und anpassen können.

Zentrale Politikbereiche

Für jeden Bereich gibt es ein „Maßnahmen-Menü“, das Reformprozesse strukturiert und Länder bei der Priorisierung unterstützt.

Am Ende jedes Politikbereichs werden besondere Überlegungen für verschiedene Gruppen hervorgehoben, darunter:
Kinder und Jugendliche, ältere Menschen, Frauen, Männer und genderdiverse Menschen, LGBTIQ+-Personen, Menschen mit Behinderungen, Migrant*innen, Geflüchtete, rassifizierte Gruppen, Indigene und wohnungslose Menschen.
Diese Gruppen benötigen mitunter spezifischere Unterstützung als die Allgemeinbevölkerung.

Politikbereich 1 – Führung, Steuerung und strukturelle Rahmenbedingungen

Dieser Bereich behandelt die Stärkung von Führungs- und Governance-Strukturen, um Nachhaltigkeit, Rechenschaftspflicht und wirksame Umsetzung von Reformen zu gewährleisten.

Politische Richtlinien:

  • Koordination, Führung und Rechenschaft
  • Finanzierung und Budget
  • Informationssysteme und Forschung
  • Menschen mit Erfahrungsexpertise, Zivilgesellschaft und Gemeinschaften
  • menschenrechtsbasierte Gesetzesreform

Politikbereich 2 – Organisation und Entwicklung von Versorgungssystemen

Dieser Bereich umfasst die Entwicklung umfassender gemeindenaher Dienste, die personenzentriert und recovery-orientiert sind sowie den Übergang von institutioneller Versorgung zu Angeboten in der Gemeinschaft.

Politische Richtlinien:

  • koordinierte, menschenrechtsbasierte gemeindenahe Versorgung auf allen Ebenen
  • integrierte Mechanismen zur Berücksichtigung sozialer und struktureller Faktoren
  • Partnerschaften für Inklusion, soziale Teilhabe und Rechte
  • Deinstitutionalisierung

Politikbereich 3 – Personal und Fachkräfteentwicklung

Hier geht es um den Aufbau einer vielfältigen, kompetenten und resilienten Fachkräftebasis.

Politische Richtlinien:

  • multidisziplinäre Teams, Aufgabenverteilung, Schulung und Unterstützung
  • Personalgewinnung, -bindung und Wohlbefinden
  • kompetenzbasierte Curricula für psychische Gesundheit

Politikbereich 4 – Personenzentrierte, recovery-orientierte und menschenrechtsbasierte Angebote

Dieser Bereich umfasst diagnostische Prozesse, Behandlungs- und Unterstützungsformen, die umfassend, wahlmöglich und individuell angepasst sind.

Politische Richtlinien:

  • Einschätzung des Unterstützungsbedarfs durch interdisziplinäre Teams
  • körperliche Gesundheit, Lebensstil, psychologische, soziale und wirtschaftliche Interventionen
  • Einsatz psychotroper Medikamente

Politikbereich 5 – Beiträge des Sektors zur Bewältigung sozialer und struktureller Einflussfaktoren

Dieser Bereich behandelt die Ausweitung der Rolle des Sektors psychischer Gesundheit auf gesellschaftliche Bedingungen, die psychisches Wohlbefinden prägen.

Politische Richtlinien:

  • verbesserte Bildungsarbeit und veränderte Denkmuster zur Förderung psychischer Gesundheit
  • gemeinsame Maßnahmen zu sozialen und strukturellen Determinanten

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Modul 3. Prozess zur Entwicklung, Umsetzung und Bewertung von Politiken und strategischen Aktionsplänen zur psychischen Gesundheit

Dieses Modul beschreibt zentrale Prinzipien sowie neun voneinander getrennte, nicht-lineare Schritte.

1. Durchführung eines hochrangigen politischen Dialogs.
Bringe hochrangige Akteur*innen aus wichtigen Sektoren und der Zivilgesellschaft zusammen, um Engagement und Verpflichtung für Reformen im Bereich der psychischen Gesundheit zu schaffen.

2. Einrichtung eines beratenden Multi-Stakeholder-Gremiums.
Dieses Gremium ist wichtig, um die Entwicklung und Umsetzung der Politik und des strategischen Aktionsplans zu überwachen – unter Einbeziehung aller relevanten Sektoren und Akteur*innen, einschließlich Menschen mit eigener Erfahrung.

3. Aufbau von Verständnis und neuen Denkweisen.
Es ist zentral, Stigma, Diskriminierung und Widerstand gegen menschenrechtsbasierte Ansätze bereits zu Beginn der Politikentwicklung anzugehen.

4. Überprüfung internationaler menschenrechtlicher Verpflichtungen und Zusagen.
Ein Verständnis der internationalen Menschenrechtsrahmen – einschließlich der UN-Behindertenrechtskonvention – ist wesentlich, um die Politikentwicklung zu informieren.

5. Situationsanalyse durchführen.
Bewerte den aktuellen Kontext der psychischen Gesundheit, identifiziere Lücken, Prioritäten und Herausforderungen, um die Entwicklung der Politik und des strategischen Aktionsplans zu unterstützen.

6. Erarbeitung der Politik zur psychischen Gesundheit.
Entwickle die Politik zur psychischen Gesundheit, einschließlich zentraler Handlungsbereiche und politischer Leitlinien, basierend auf der Situationsanalyse und unter Einbeziehung aller relevanten Akteur*innen.

7. Erarbeitung des strategischen Aktionsplans zur psychischen Gesundheit.
Entwickle einen strategischen Aktionsplan mit klar definierten Strategien, Zeitrahmen, Zielen, Indikatoren, konkreten Maßnahmen, Ergebnissen und Kosten, um die Politik wirksam umzusetzen.

8. Umsetzung der Politik und des strategischen Aktionsplans.
Eine gut geplante und nachhaltige Umsetzung erfordert Bewusstseinsbildung, Verbreitung und Kommunikation; schrittweise und ausgeweitete Implementierungsprozesse; Fundraising; sowie ein realistisches Arbeitsprogramm.

9. Überwachung und Bewertung.
Richte Mechanismen ein, um kontinuierlich den Fortschritt nachzuverfolgen, Herausforderungen zu identifizieren und Anpassungen vorzunehmen, um eine erfolgreiche Umsetzung sicherzustellen.

Checklisten unterstützen zudem die Bewertung bestehender und neu entwickelter Politiken und strategischer Aktionspläne.

Modul 4. Länderszenarien

Dieses Modul enthält drei Fallbeispiele aus verschiedenen Ländern, um die unterschiedlichen Ansätze zu illustrieren, die Länder bei der Reform ihrer Politik zur psychischen Gesundheit wählen können – einschließlich der Art und Weise, wie politische Leitlinien, Strategien und Maßnahmen an spezifische lokale Kontexte angepasst werden können.

Modul 5. Umfassendes Verzeichnis von Politikbereichen, Leitlinien, Strategien und Maßnahmen im Bereich psychische Gesundheit

Dieses Modul bietet ein Schnellzugriffs-Verzeichnis zu den Inhalten aus Modul 2, um eine einfache Navigation zu ermöglichen.

Ein Weg zur Umsetzung

Diese Guidance bietet einen umfassenden Bauplan und Rahmen für die Entwicklung nationaler Politiken und strategischer Aktionspläne zur psychischen Gesundheit und ihre Ausrichtung an internationalen Menschenrechtsstandards. Sie beschreibt zentrale Reformbereiche einschließlich politischer Leitlinien sowie zugehöriger Strategien und Maßnahmen, die anpassbar sind und entsprechend der Kontexte der einzelnen Länder priorisiert werden können.

Sie befürwortet außerdem einen menschenrechtsbasierten, personenzentrierten und recovery-orientierten Ansatz und berücksichtigt soziale und strukturelle Determinanten der psychischen Gesundheit. Durch Förderung multisektoraler Zusammenarbeit bietet die Guidance einen Weg zu gerechten, inklusiven Systemen der psychischen Gesundheit, die Autonomie und Würde respektieren.

Die Länder werden aufgefordert, diese Guidance umzusetzen, um ihre Politiken zur psychischen Gesundheit zu reformieren, damit diese nachhaltig, evidenzbasiert und menschenrechtsgeleitet sind.

1. Neue Richtungen für Reformen der Politik zur psychischen Gesundheit

S.1

Psychische Gesundheit ist zentral für alle Lebensbereiche – sie beeinflusst emotionales und soziales Wohlbefinden, körperliche Gesundheit, Elternschaft und Familienleben, Beziehungen, Arbeit und Teilhabe am Gemeinschaftsleben sowie ein bedeutungsvolles und erfülltes Leben. Sie ist ein wichtiger Wert, der geschützt und gestärkt werden muss, damit Menschen und Gemeinschaften gedeihen können.

Angesichts dieser Bedeutung wird zunehmend gefordert, psychische Gesundheit als wesentlichen Bestandteil der universellen Gesundheitsversorgung (UHC) zu verankern. Der Ausbau von gemeindenahen Diensten und Unterstützungsangeboten ist entscheidend, um den wachsenden Bedarf zu decken.

Psychische Gesundheit rückte weltweit in den Fokus, als die COVID-19-Pandemie massive Aufmerksamkeit erzeugte. Die Menschen erfuhren aus erster Hand, wie Isolation, fehlende soziale Netzwerke, finanzielle Unsicherheit, Einkommensverlust, häusliche Gewalt und Burn-out bei Gesundheitsfachkräften die psychische Gesundheit beeinträchtigen können. Menschen in psychiatrischen Einrichtungen und Pflegeeinrichtungen waren besonders betroffen – durch extreme Isolation und erhöhte Sterblichkeit aufgrund der schnellen Ausbreitung des Virus.

In den letzten fünfzehn Jahren haben sich neue Perspektiven entwickelt: weg von einem primär biomedizinischen Fokus hin zu personenzentrierten, recovery-orientierten und menschenrechtsbasierten Ansätzen. Obwohl es Diskussion und Fortschritte gab, ist vieles noch nicht umgesetzt. Zwei Faktoren treiben diesen Wandel voran:

  1. Die Anerkennung, dass vielfältige Denk- und Erfahrungsweisen Teil menschlicher Vielfalt sind und es kein einziges „normales“ Sein gibt.
  2. Ein wachsender Fokus auf Empowerment, Rechtsfähigkeit und Unterstützung statt Zwang.

Dieser Wandel mindert nicht die Bedeutung von Behandlung und Gesundheitsversorgung, stellt jedoch etablierte Praktiken infrage, die Menschenrechte und Inklusion untergraben.

Seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention haben zahlreiche politische Erklärungen diesen Wandel vorangetrieben. Die Weltgesundheitsversammlung verabschiedete 2013 den umfassenden Aktionsplan zur psychischen Gesundheit und verlängerte ihn 2021 bis 2030. Der UN-Menschenrechtsrat veröffentlichte seit 2016 mehrere Resolutionen zu psychischer Gesundheit und Menschenrechten. 2023 folgte eine Resolution der UN-Generalversammlung, die Staaten erneut zu Reformen aufrief.

Parallel dazu entwickelte die WHO verschiedene QualityRights-Werkzeuge zur Bekämpfung von Stigma und zur Unterstützung menschenrechtsbasierter Praxis.

S.2

Trotz der zunehmenden Anerkennung der Bedeutung der psychischen Gesundheit und des Übergangs hin zu personenzentrierten, recovery-orientierten und menschenrechtsbasierten Ansätzen besteht weiterhin eine erhebliche Lücke bei Investitionen in psychische Gesundheit sowie in der Art und Qualität der angebotenen Dienste vor Ort. Viele Länder verfügen nach wie vor nicht über die notwendigen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, um diese Veränderungen zu unterstützen.

Die öffentlichen Ausgaben für psychische Gesundheit sind kritisch niedrig; der globale Median liegt bei nur 2 % der staatlichen Gesundheitsbudgets, wobei ein Großteil dieser Mittel weiterhin auf große Einrichtungen entfällt, die mit Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht werden. Anstatt lediglich die Mittel zu erhöhen, müssen Regierungen Ressourcen umschichten – hin zu gemeindenahen, personenzentrierten Diensten, die sowohl akute Krisen- als auch langfristige Unterstützung bieten, flankiert von anderen Initiativen und Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung. Diese Umschichtung ist nicht nur wesentlich, um Menschenrechte zu schützen, sondern auch, um die universelle Gesundheitsversorgung (UHC) voranzubringen, indem sichergestellt wird, dass Dienste zur psychischen Gesundheit ein grundlegender Bestandteil einer umfassenden Gesundheitsversorgung sind. Die Erreichung dieses Ziels erfordert eine starke, koordinierte Anstrengung im gesamten Bereich der psychischen Gesundheit.

Viele Faktoren beeinflussen die psychische Gesundheit auf verschiedenen Ebenen. Auf individueller Ebene gehören dazu Stigma und Diskriminierung, Gewalt, Mobbing, Armut, Geschlecht (beispielsweise Ungleichheit und schädliche Geschlechternormen), eingeschränkter Zugang zur Gesundheitsversorgung, unzureichender Wohnraum sowie begrenzte Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten. Auf Familienebene können Herausforderungen finanzielle Unsicherheit, belastete Beziehungen und fehlender Zugang zu Unterstützung umfassen. Auf Gemeindeebene sind Menschen von der Verfügbarkeit gemeinschaftlicher Ressourcen und vom allgemeinen sozialen Zusammenhalt betroffen.

Auf gesellschaftlicher Ebene spielen Faktoren wie kulturelle Normen, wirtschaftliche Instabilität und soziale Ungleichheiten sowie die beispiellose Kombination globaler Krisen und Erschütterungen – einschließlich Klimawandel, Konflikten, der COVID-19-Pandemie sowie langwierigen Krisen und Notlagen – eine bedeutende Rolle. Globale Krisen verschärfen Risiken wie steigende Armut und zunehmende Ernährungsunsicherheit, die die psychische Gesundheit erheblich beeinträchtigen, insbesondere in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen. Diese vielfältigen Einflüsse machen die Notwendigkeit einer vielschichtigen Antwort deutlich, die alle staatlichen Sektoren einbezieht, nicht nur den Gesundheitssektor.

Erhebliche Veränderungen in nationalen Politiken und strategischen Aktionsplänen sind notwendig, um diese sozialen und strukturellen Determinanten umfassend zu adressieren, im Einklang mit der UN-Behindertenrechtskonvention zu handeln und eine ganzheitliche, personenzentrierte Versorgung innerhalb des Rahmens einer universellen Versorgung im Bereich psychische Gesundheit sicherzustellen.“

Internationaler menschenrechtlicher Rahmen

Politik spielt eine entscheidende Rolle bei der Wahrung der Menschenrechte und beim Abbau von Diskriminierung im Bereich der psychischen Gesundheit. Trotz dieser Bedeutung fehlt in Ländern aller Einkommensniveaus vielen Menschen weiterhin der Zugang zu gemeindenahen Unterstützungsangeboten im Bereich psychische Gesundheit, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen und ihre Rechte, Würde und Autonomie respektieren. Schlechte Qualität der Dienste, entmenschlichende Behandlung und steigende Raten von unfreiwilligen Krankenhauseinweisungen und Behandlungen sind weit verbreitete Probleme. Isolation und Zwangsmaßnahmen werden häufig eingesetzt, um Menschen zur Kooperation zu zwingen, und viele Personen sind in psychiatrischen Krankenhäusern oder sozialen Betreuungseinrichtungen unter erschütternden Bedingungen untergebracht – oft über lange Zeiträume oder sogar für ihr gesamtes Leben. Andere bleiben zwar in der Gemeinschaft, sind aber zuhause eingeschlossen, teilweise sogar mit Fesseln. Diese weitreichenden Verletzungen und die daraus resultenden Traumata haben langfristige Auswirkungen auf Individuen, Familien, Gemeinschaften und zukünftige Generationen.

S3

Psychische Gesundheit ist eine grundlegende menschenrechtliche Frage und wesentlich für die Verwirklichung des Rechts auf Gesundheit. Internationale Menschenrechtsstandards erkennen die dringende Notwendigkeit umfassender Reformen im Bereich der psychischen Gesundheit an. Aufbauend auf der Internationalen Charta der Menschenrechte¹ betont die UN-Behindertenrechtskonvention die Notwendigkeit, Menschenrechtsverletzungen gegenüber Menschen mit Behinderungen (einschließlich Menschen mit psychosozialen Beeinträchtigungen und psychischen Gesundheitsbedingungen) zu beenden und fordert ein Umdenken in Bezug auf Politiken, Gesetze, Dienste und Praktiken, um ihre Rechte wirksam zu fördern und zu schützen – auch im Bereich der psychischen Gesundheit.

Die UN-Behindertenrechtskonvention verbietet jede Form der diskriminierenden Behandlung aufgrund einer Behinderung und definiert Behinderungen – einschließlich psychosozialer Beeinträchtigungen – als Ergebnis der Wechselwirkung zwischen individuellen Beeinträchtigungen und gesellschaftlichen Barrieren, die ihre volle Teilhabe auf Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen behindern. Diese Barrieren werden als Diskriminierung anerkannt, und die Konvention verpflichtet Staaten rechtlich verbindlich, diese Barrieren durch politische, rechtliche und andere Maßnahmen zu beseitigen, um gleiche Rechte und Chancen in allen Lebensbereichen sicherzustellen (15). Die UN-Behindertenrechtskonvention stellt außerdem schädliche Praktiken in Systemen der psychischen Gesundheit infrage, die rechtliche Handlungsfähigkeit untergraben und Zwangsmaßnahmen zulassen. Sie befürwortet ein „Unterstützungsparadigma“, das Staaten verpflichtet, Politiken zur psychischen Gesundheit so zu reformieren, dass sie Personsein, Autonomie, volle Teilhabe und gesellschaftliche Inklusion fördern (31).

Wie zuvor hervorgehoben, verstärken aktuelle Resolutionen des UN-Menschenrechtsrats diesen menschenrechtsbasierten Ansatz im Bereich psychische Gesundheit in Einklang mit der UN-Behindertenrechtskonvention, indem sie die Mitgliedstaaten auffordern, Politiken, Gesetze und Praktiken zu übernehmen, umzusetzen, zu aktualisieren oder zu stärken, um Diskriminierung, Stigmatisierung, Gewalt und Missbrauch im Bereich der psychischen Gesundheitsversorgung zu beseitigen (24–27). Darüber hinaus betonen Berichte der UN-Sonderberichterstatter*innen für das Recht auf Gesundheit und für die Rechte von Menschen mit Behinderungen den dringenden Bedarf an einem Paradigmenwechsel. Sie rufen Staaten dazu auf, Maßnahmen zu ergreifen, die Stigma, Stereotype, negative Einstellungen und schädliche Zwangspraktiken gegenüber Menschen mit psychischen Gesundheitsbedingungen und psychosozialen Beeinträchtigungen bekämpfen, sowie Maßnahmen zu setzen, um die Achtung der rechtlichen Handlungsfähigkeit und die vollständige Inklusion und Teilhabe in der Gemeinschaft zu gewährleisten (2, 37–39). Diese Forderungen wurden weiter gestärkt durch die Resolution der UN-Generalversammlung zu psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung, die im Juni 2023 verabschiedet wurde (28).

Eine Politikausrichtung auf einem menschenrechtsbasierten Ansatz erfordert eine ausdrückliche Bezugnahme auf die in der UN-Behindertenrechtskonvention dargelegten Rechte und Prinzipien, einschließlich Gleichberechtigung, rechtlicher Handlungsfähigkeit, Nicht-Zwang, Teilhabe, gesellschaftlicher Inklusion und einem Recovery-Ansatz (40). Diese sollten jeden Aspekt der Reform durchziehen – von der übergeordneten Vision und den Werten bis hin zu konkreten Politikbereichen, Leitlinien, Strategien und Maßnahmen. Ein menschenrechtsbasierter Ansatz darf nicht auf einen eigenen Abschnitt innerhalb der Politik beschränkt bleiben, sondern muss durchgängig integriert werden.

Rechtliche Handlungsfähigkeit

Viele Menschen mit psychischen Gesundheitsbedingungen und psychosozialen Beeinträchtigungen stehen vor erheblichen Herausforderungen, wenn sie ihr Recht auf rechtliche Handlungsfähigkeit ausüben möchten, einschließlich der Fähigkeit, Entscheidungen über ihre Behandlung und Betreuung zu treffen. Gesellschaftliche Annahmen und Stigmatisierung führen häufig zu Fehlannahmen über die Entscheidungsfähigkeit von Menschen, was dazu führt, dass andere Entscheidungen in ihrem Namen treffen – bekannt als ersetzende Entscheidungsfindung –, sei es durch formale Systeme wie rechtliche Betreuung oder medizinische Notfallregelungen oder informell innerhalb von Familien und Haushalten.

Unter der UN-Behindertenrechtskonvention behalten Menschen jedoch das Recht, ihre rechtliche Handlungsfähigkeit auszuüben, und dieses Recht kann nicht entzogen werden. Die Konvention definiert rechtliche Handlungsfähigkeit als die Fähigkeit, Rechtsinhaber*in zu sein und als rechtsfähige Person zu handeln, was bedeutet, dass Individuen Anspruch auf vollständigen Schutz ihrer Rechte haben und als Personen anerkannt werden, die rechtliche Handlungen setzen, Verträge schließen und rechtliche Beziehungen eingehen können.

S.4

Im Einklang mit diesem Recht verpflichtet die UN-Behindertenrechtskonvention Länder dazu, Praktiken wie unfreiwillige Aufnahme und Behandlung abzuschaffen, da sie die Fähigkeit der Menschen einschränken, ihre Rechts- und Handlungsfähigkeit auszuüben. Die Umsetzung dieses Paradigmenwechsels entspricht nicht nur dem internationalen Recht, sondern stärkt auch die Autonomie der Menschen, ihre psychische Gesundheit und ihr allgemeines Wohlbefinden.

Länder müssen vom ersetzenden Entscheidungssystem zu unterstützter Entscheidungsfindung übergehen, bei der Personen selbst eine Person ihres Vertrauens auswählen können, die ihnen hilft, Optionen abzuwägen und Entscheidungen zu kommunizieren. Vorsorgeplanungen können ebenfalls genutzt werden, um die Versorgungswünsche einer Person festzuhalten, um sicherzustellen, dass ihre Vorstellungen beachtet werden, falls sie später nicht mehr kommunikationsfähig sein sollte.

Nicht-zwingende (nicht-koerzitive) Praktiken

Zwangspraktiken wie unfreiwillige Aufnahme, unfreiwillige Behandlung, Isolation sowie der Einsatz körperlicher, mechanischer oder chemischer Zwangsmaßnahmen sind weltweit in Diensten der psychischen Gesundheit verbreitet. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass diese Praktiken irgendeinen Nutzen haben, während es erhebliche Evidenz dafür gibt, dass sie körperlichen und psychischen Schaden verursachen, entmenschlichen, traumatisieren und die psychische Gesundheit verschlechtern sowie das Vertrauen in Dienste untergraben. Diese Praktiken können sich auch negativ auf Familienangehörige und Fachkräfte im Bereich psychische Gesundheit auswirken, indem sie junge Fachkräfte davon abhalten, in das Arbeitsfeld einzusteigen, und diejenigen entmutigen, die bereits dort tätig sind.

Die UN-Behindertenrechtskonvention enthält wesentliche Artikel, die Zwang verbieten und Regierungen verpflichten, aktive Maßnahmen zu ergreifen, um ihn zu verhindern. Politik spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung zwangfreier Dienste. Sie sollte die Schulung von Fachkräften im Bereich psychische Gesundheit vorsehen, um das durch Zwang verursachte Leid zu verstehen und ihre Fähigkeiten zur Umsetzung nicht-zwingender Ansätze zu stärken, etwa Deeskalationstechniken und wirkungsvolle Kommunikation – auch in Krisensituationen. Politik kann auch die individuelle Planung fördern, einschließlich Krisenplänen und Vorausverfügungen, die Schaffung von Einsatzteams unterstützen, die mit herausfordernden Situationen kompetent umgehen können, sowie Qualitätssicherungsmechanismen und wirksame Beschwerdesysteme für Zwangspraktiken sicherstellen.

Partizipation

Historisch gesehen wurden Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und psychosozialen Unterstützungsbedarfen nicht nur von Entscheidungen über ihre eigene Gesundheit und ihr Leben ausgeschlossen, sondern auch von breiteren gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen, in denen ihre Erfahrungen und ihr Wissen oft übersehen oder ignoriert wurden.

Im Gegensatz dazu erkennt die UN-Behindertenrechtskonvention das wertvolle Wissen, die Perspektiven und Beiträge von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen und psychosozialen Unterstützungsbedarfen an. Sie verpflichtet zur vollständigen und wirksamen Beteiligung dieser Menschen an Entscheidungsprozessen zu sie betreffenden Angelegenheiten. Zusätzlich erkennt sie an, dass Kinder mit Behinderungen das Recht haben, ihre Meinung frei zu äußern zu allen Themen, die sie betreffen. Eine sinnvolle Partizipation sollte integraler Bestandteil aller Bereiche der Reform der psychischen Gesundheit sein – einschließlich Governance, Politikentwicklung, Umsetzung und Bewertung.

Dieser Ansatz umfasst auch die Nutzung der Expertise von Menschen mit eigener Erfahrung bei der Gestaltung, Bereitstellung und Überwachung von Diensten, einschließlich Peer-Support-Rollen, dem Betrieb von Peer-geleiteten Unterstützungsgruppen, Krisendiensten und Führungsfunktionen. Die Förderung solcher Beteiligung gewährleistet, dass Maßnahmen von den Perspektiven und Bedürfnissen jener geprägt sind, die über eigene Erfahrung verfügen, sowie ihrer Interessenvertretungsorganisationen.

S5

Gemeindebasierte Inklusion

Hunderttausende Menschen weltweit leben noch immer in Einrichtungen der psychischen Gesundheit oder in sozialen Betreuungseinrichtungen, wo sie häufig unmenschlichen Bedingungen und schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind. Diese Situation hat verheerende Auswirkungen auf ihre körperliche und psychische Gesundheit sowie ihr Wohlbefinden. Der Mangel an gemeindenahen Diensten und Unterstützung verstärkt ihre Isolation und lässt sie ausgegrenzt und marginalisiert zurück.

Die UN-Behindertenrechtskonvention begegnet diesem Problem, indem sie Staaten verpflichtet, Menschen dabei zu unterstützen, unabhängig zu leben und in ihre Gemeinschaften eingebunden zu sein. Länder sind verpflichtet, Politiken und andere Maßnahmen umzusetzen, um Einrichtungen zu schließen, psychische Gesundheitsversorgung in gemeindenahe Dienste zu integrieren und Menschen die notwendige Unterstützung bereitzustellen, die erforderlich ist, um ihre Isolation und Segregation zu verhindern. Politische Maßnahmen sollten sicherstellen, dass Dienste zur psychischen Gesundheit aktiv gemeinschaftliche Inklusion fördern, indem sie den Zugang zu wesentlichen Diensten, Unterstützung, Organisationen und Aktivitäten erleichtern – auch für Menschen mit komplexen Bedürfnissen. Dies umfasst den Zugang zu sozialer Absicherung, Wohnen sowie beruflichen und Bildungsangeboten, unter anderem.

Die Entwicklung gemeindenaher Dienste kann auch durch Stigmatisierung und negative Einstellungen in lokalen Gemeinschaften behindert werden. Daher sind klare Öffentlichkeitsarbeit, Sensibilisierung und die Einbindung der Gemeinschaft wesentlich, um Akzeptanz und Inklusion im Kontext gemeindebasierter Dienste zu fördern.

Recovery-Ansatz

Der Recovery-Ansatz, der seit den 1990er-Jahren von Menschen mit eigener Erfahrung vorangetrieben wird, hat eine zentrale Rolle bei der Förderung von Menschenrechten im Bereich der psychischen Gesundheit gespielt. Er hat breite Unterstützung aus vielen Ländern erhalten, was sich in Initiativen wie dem WHO-Aktionsplan für psychische Gesundheit 2013–2030 (20, 21) und dem WHO-Rahmenwerk für integrierte, personenzentrierte Dienste im Bereich psychische Gesundheit (20, 21) widerspiegelt, die von den Mitgliedstaaten weithin angenommen wurden.

Trotz dieser wachsenden Aufmerksamkeit und der breiten Anerkennung der UN-Behindertenrechtskonvention bleibt eine erhebliche Lücke zwischen den Zielen des Recovery-Ansatzes und dessen tatsächlicher Umsetzung in Politiken und Aktionsplänen im Bereich psychische Gesundheit. Während Recovery selbst möglicherweise nicht ausdrücklich als Menschenrecht definiert ist, teilen der Recovery-Ansatz und menschenrechtsbasierte Ansätze zentrale Prinzipien, darunter die Notwendigkeit, hin zu einem unterstützenden Modell zu wechseln, das Vielfalt, Autonomie, Verbundenheit und gemeinschaftliche Inklusion wertschätzt. Recovery-orientierte Dienste erkennen die komplexe Natur psychischer Gesundheit, die bedeutende Wirkung sozialer und struktureller Faktoren (siehe unten) sowie die Wichtigkeit einer ganzheitlichen Perspektive an, die das gesamte Leben einer Person betrachtet. Dieser Ansatz hilft Menschen, ihre eigenen Ziele zu setzen, Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen und Hoffnung, Sinn und Zweck durch Arbeit, Bildung, Beziehungen, Engagement in der Gemeinschaft oder andere sinnstiftende Tätigkeiten zu finden. Durch die Übernahme des Recovery-Ansatzes können Dienste im Bereich psychische Gesundheit besser mit menschenrechtlichen Prinzipien in Einklang stehen und eine stärkende und personenzentrierte Unterstützung fördern.

Für weitere Informationen und Orientierung zu den oben genannten Themen verweise ich auf das WHO-QualityRights-E-Training zu psychischer Gesundheit, Recovery und gemeinschaftlicher Inklusion (49) sowie auf das QualityRights-Training zum Umgang mit Zwang (29), die Guidance on community mental health services: promoting person-centred and rights-based approaches (40) und die WHO/OHCHR-Publikation Mental health, human rights and legislation: guidance and practice (31).

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1.3 Soziale und strukturelle Determinanten der psychischen Gesundheit

Es gibt zunehmend globale Belege dafür, dass psychische Gesundheit und Wohlbefinden erheblich von sozialen und strukturellen Faktoren beeinflusst werden. Strukturelle Faktoren umfassen den sozioökonomischen und politischen Kontext, einschließlich der Normen, Praktiken, Politiken und Institutionen, die die Verteilung von Macht und Ressourcen prägen und zur sozialen Schichtung innerhalb der Gesellschaft beitragen, was wiederum die Gesundheit der Bevölkerung beeinflusst. Soziale Determinanten beziehen sich auf die verschiedenen Bedingungen, in die Menschen hineingeboren werden, aufwachsen, leben, arbeiten und altern, die allesamt eine entscheidende Rolle bei der Beeinflussung der Gesundheit der Bevölkerung spielen.

Box 1: Beispiele für soziale und strukturelle Determinanten der psychischen Gesundheit

Soziale und strukturelle Determinanten umfassen (sind jedoch nicht darauf beschränkt):
Stigmatisierung, Diskriminierung und Rassismus, die auf dem Status oder der Identität einer Person beruhen;
Armut;
Geschlecht (beispielsweise Ungleichheit und schädliche Geschlechternormen);
fehlende, geringe oder unterbrochene Bildung;
Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzunsicherheit oder Einkommensungleichheit;
Wohnungsverlust oder unsichere Wohnverhältnisse;
Ernährungsunsicherheit (hinsichtlich Verfügbarkeit und Art der Nahrung);
öffentliche Gesundheitsnotlagen (zum Beispiel COVID-19);
Klimawandel, Naturgefahren, Umweltverschmutzung und industrielle Katastrophen;
humanitäre Krisen (wie Krieg, bewaffnete Konflikte, Vertreibung, Naturkatastrophen, menschengemachte Katastrophen und andere komplexe Notlagen) sowie erzwungene Migration und Vertreibung;
Gewalt und Missbrauch; und
Einsamkeit und soziale Isolation.

Soziale und strukturelle Determinanten beeinflussen die psychische Gesundheit aller Menschen. Personen mit höherer Bildung, finanziellen Ressourcen und höherem sozialem Status sind besser in der Lage, Risikofaktoren zu vermeiden und ihre psychische Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu schützen. Im Gegensatz dazu stehen Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzunsicherheit und Stress am Arbeitsplatz im Zusammenhang mit höheren Raten von Depressionen und Suizidgedanken oder suizidalem Verhalten, während schwere Einsamkeit und soziale Isolation, die häufig als Folge von Ausgrenzung und Marginalisierung auftreten, mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung psychischer Gesundheitsprobleme sowie einer schlechteren Genesung bei Menschen mit bereits bestehenden psychischen Gesundheitsproblemen verbunden wurden.

Armut, schlechte Wohnverhältnisse und unzureichende Ernährung erhöhen das Risiko für psychische Gesundheitsprobleme, während Missbrauch und Gewalt mit akuten und langfristigen negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit in Verbindung stehen. Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen, psychosozialen Beeinträchtigungen und andere Personen, die aufgrund von Faktoren wie Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Migrations- und Flüchtlingsstatus, „Rasse“ und ethnischer Zugehörigkeit, indigener Identität oder Wohnungsverlust Diskriminierung ausgesetzt sind, sind besonders betroffen. Wenn der Zugang zu Ressourcen eingeschränkt oder nicht vorhanden ist, sind sie mehr Risikofaktoren ausgesetzt und nicht in der Lage, Schutzstrategien umzusetzen. Dadurch wird ihre psychische Gesundheit weiter beeinträchtigt.

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Dieses erhöhte Risiko macht es unerlässlich, dass Fachkräfte im Bereich psychische Gesundheit die Auswirkungen sozialer und struktureller Determinanten auf das Leben der Menschen verstehen. Sie sollten mit Nutzer*innen von Unterstützungsangeboten über diese Themen sprechen und sie mit notwendigen Unterstützungen wie Wohnen, Bildung, Einkommenssicherung und sozialer Absicherung verbinden.

Psychische Gesundheit erfordert einen gesamtstaatlichen und gesamtgesellschaftlichen Ansatz. Daher ist es wesentlich, dass psychische Gesundheitsdienste mit mehreren Sektoren – einschließlich der sozialen Absicherung – zusammenarbeiten und kooperieren, um die vielfältigen Bedarfe von Menschen mit psychischen Gesundheitsbedingungen und psychosozialen Beeinträchtigungen wirksam anzugehen.

1.4 Staatliche Politik und strategische Aktionspläne für psychische Gesundheit und Wohlbefinden

Viele Länder verfügen nach wie vor nicht über Politiken und Pläne für psychische Gesundheit, die vollständig mit internationalen Menschenrechtsstandards übereinstimmen und die breiteren gesellschaftlichen Probleme berücksichtigen, die die psychische Gesundheit beeinflussen. Länder, die den umfassenden WHO-Aktionsplan für psychische Gesundheit 2013–2030 unterstützen, haben sich verpflichtet, nationale Politiken und Strategien für psychische Gesundheit zu entwickeln, zu aktualisieren und umzusetzen. Das globale Ziel besteht darin, dass 80 % der Länder ihre Politiken bis 2030 an internationalen Menschenrechtsinstrumenten ausrichten. Nach dem Mental Health Atlas 2020 ist dieses Ziel bei weitem noch nicht erreicht.

Staatliche Politik ist entscheidend, um die Vision eines Landes für psychische Gesundheit, die Werte, die diese Vision tragen, und die dafür erforderlichen politischen Vorgaben festzulegen. Sie dient zudem als wichtiges Instrument zur Koordinierung von Maßnahmen und zur Optimierung des Einsatzes begrenzter Ressourcen. Durch die Entwicklung und Umsetzung einer Politik können Akteurinnen und Akteure ein gemeinsames Verständnis und Engagement für die Bearbeitung vorrangiger Themen im Bereich der psychischen Gesundheit schaffen.

Psychische Gesundheit als eigenständige Politik oder integriert in eine umfassendere Gesundheitspolitik

Die Politik zur psychischen Gesundheit kann je nach Größe eines Landes, Regierungsform und Verwaltungsstrukturen stark variieren. Eine zentrale Frage ist, ob psychische Gesundheit in die allgemeine Gesundheitspolitik integriert wird oder als eigenständige Politik behandelt wird.

Integration kann helfen, fragmentierte Dienste zu vermeiden, indem sichergestellt wird, dass psychische Gesundheit Teil eines kohärenten Versorgungssystems ist. Sie kann jedoch auch die Sichtbarkeit psychischer Gesundheitsprobleme verringern und die detaillierte Aufmerksamkeit einschränken, die zur Bewältigung komplexer Herausforderungen erforderlich ist. Beide Ansätze – der eigenständige und der integrierte – sind wertvoll und können innerhalb eines Landes nebeneinander bestehen. Unabhängig vom Ansatz muss die Politik zur psychischen Gesundheit über alle Regierungssektoren hinweg integriert sein, um wirklich wirksam zu sein.

Schwerpunktbereiche der Politik

Politik zur psychischen Gesundheit sollte ein breites Spektrum an Themen abdecken, wobei der zentrale Fokus darauf liegt, ein umfassendes Netzwerk von Unterstützungs- und Versorgungsleistungen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Gesundheitssektors aufzubauen. Dazu gehört die Umsetzung von interventionsbasierten Maßnahmen, die auf Menschenrechten und wissenschaftlicher Evidenz beruhen und die sozialen und strukturellen Determinanten der psychischen Gesundheit adressieren.

Während Dienste im Bereich der psychischen Gesundheit Menschen helfen können, Herausforderungen zu bewältigen, reichen sie allein nicht aus. Regierungen müssen auch die Ursachen psychischer Gesundheitsprobleme angehen, von denen viele außerhalb des Gesundheitssektors liegen (siehe Kasten 2 für wichtige Regierungssektoren).

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Der Bereich der psychischen Gesundheit kann seine Fachkompetenz nutzen, um eine koordinierte Anstrengung über verschiedene Regierungssektoren hinweg zu führen, und so eine enge Zusammenarbeit zwischen seinen Diensten und jenen in den Bereichen Wohnen, Bildung, Beschäftigung, soziale Absicherung, Rechtsbeistand und anderen essenziellen Bereichen sicherzustellen. Eine Politik zur psychischen Gesundheit kann diesen kooperativen Ansatz ausdrücklich darlegen. Darüber hinaus erfordert eine wirksame Umsetzung von Politiken eine solide Entwicklung von Personalressourcen sowie einen Governance-Rahmen, der Koordination, Finanzierung, Überwachung und Rechenschaftspflicht für alle Maßnahmen gewährleistet.

Box 2: Regierungssektoren mit Einfluss auf die psychische Gesundheit
Diese nicht abschließende Liste hebt Sektoren hervor, die eine Rolle beim Schutz und bei der Förderung der psychischen Gesundheit spielen können:
• Kultur, Kunst und Sport;
• Verteidigung und Veteranendienste;
• Bildung;
• Beschäftigung;
• Umwelt, Naturschutz und Klimaschutz;
• Finanzen und Staatskasse;
• Gesundheit;
• Inneres;
• Justiz;
• soziale Absicherung; und
• Stadt- und Landentwicklung.

Diese Leitlinie skizziert mögliche Rollen, Strategien und Maßnahmen, die der Sektor psychische Gesundheit und der Gesundheitssektor ergreifen können, um die sozialen und strukturellen Determinanten, die die psychische Gesundheit beeinflussen, zu adressieren. Um die Politik zur psychischen Gesundheit weiter in anderen Sektoren zu verankern und zu integrieren, entwickelt die WHO derzeit die Guidance on policy and strategic actions to protect and promote mental health and well-being across government sectors, die 2025 veröffentlicht werden soll.

Politik auf unterschiedlichen Regierungsebene

Länder können Politik zur psychischen Gesundheit auf verschiedenen Regierungsebenen entwickeln. In föderalen Ländern oder solchen mit großen Bevölkerungen und geografischer Ausdehnung können Politiken auf nationaler, regionaler, provinzieller, Bezirks- und sogar Unterbezirksebene erstellt werden. Dies erkennt an, dass Politiken auf spezifische Kontexte zugeschnitten werden müssen. Dennoch ist es essenziell, über alle Ebenen des Systems hinweg Kohärenz zu wahren.

Unterschiedliche Strukturen für Politik zur psychischen Gesundheit

In einigen Ländern veröffentlicht die Regierung ein Politikdokument, das allgemeine politische Richtungen skizziert, die dann von einem separaten, detaillierten strategischen Aktionsplan unterstützt werden. In anderen Ländern werden diese politischen Richtungen, Strategien und Maßnahmen in einem einzigen, umfassenden Dokument zusammengeführt. Unabhängig davon, welchen Weg ein Land wählt, können Länder zusätzliche Politikdokumente entwickeln, die sich auf spezifische Themen konzentrieren. Zum Beispiel kann es eigenständige Politiken geben, die sich auf die psychische Gesundheit älterer Menschen, junger Menschen, auf Suizidprävention und ähnliche Bereiche konzentrieren.

Psychische Gesundheit innerhalb umfassenderer politischer und gesetzlicher Rahmenwerke

Politik zur psychischen Gesundheit operiert – gemeinsam mit zugehörigen Strategien und Aktionsplänen – innerhalb eines breiteren Systems miteinander verbundener Politiken, Gesetze und Vorschriften, die ihre Umsetzung beeinflussen und gestalten. Kohärenz innerhalb dieser Rahmenwerke ist essenziell, um eine konsistente und wirksame Versorgung im Bereich psychische Gesundheit sicherzustellen. Beispielsweise wirken sich allgemeine gesundheitspolitische Vorgaben direkt auf die Versorgung im Bereich psychische Gesundheit aus, und Politiken zur sozialen Absicherung bestimmen häufig die Einrichtungen der Langzeitpflege, in denen Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen leben. Darüber hinaus können Politiken, die sich auf Privatisierung beziehen, die universelle Gesundheitsversorgung beeinträchtigen, indem sie Prioritäten hin zu gewinnorientierten Interventionen verschieben statt hin zu interventionsbasierten und menschenrechtsbasierten Diensten. Umgekehrt können übermäßig rigide Politiken, die häufig Innovation und gemeindenahe Initiativen von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs), die oft spezialisierte oder gemeindefokussierte Interventionen anbieten, einschränken, die Versorgung ebenfalls behindern. Solche Politiken können auch die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Organisationen behindern, Regierungen daran hindern, lokales Fachwissen zu nutzen, Gemeinschaftsvertrauen zu stärken und sicherzustellen, dass Dienste zur psychischen Gesundheit zugänglich und akzeptabel sind, insbesondere für Gruppen, die Diskriminierung ausgesetzt sind. Damit Reformen wirksam sind, müssen sie Kohärenz und Ergänzung über relevante Politiken und Sektoren hinweg sicherstellen.

Typischerweise bieten Gesetze und Vorschriften die rechtliche Grundlage zur Durchsetzung der Politik zur psychischen Gesundheit, während Politikdokumente operative Leitlinien enthalten. Jedoch variiert diese Beziehung; in einigen Fällen fungieren Gesetze als faktische Politiken, oder neue Gesetze werden geschaffen, um bestehende politische Vorgaben zu verstärken. Unabhängig vom Ansatz sollten sowohl Politik als auch Recht durch und im Einklang mit den internationalen Menschenrechtsverpflichtungen eines Landes informiert werden – wie sie in internationalen und regionalen Menschenrechtsinstrumenten dargelegt sind. Diese Kohärenz stellt sicher, dass die Politik zur psychischen Gesundheit nicht nur nationale Ziele unterstützt, sondern auch grundlegende menschenrechtliche Verpflichtungen wahrt.

Erfordernisse für die Umsetzung von Politik

Politischer Wille

Anhaltender politischer Wille ist entscheidend für eine erfolgreiche Politikumsetzung. Er stellt langfristige Investitionen, Engagement, Ressourcen und die notwendige Unterstützung für eine wirksame Umsetzung sicher. Dies sollte im Politikdokument reflektiert sein, das klar darlegen sollte, was die Regierung umzusetzen beabsichtigt, indem es klare Formulierungen wie „wird“ statt „sollte“ oder „könnte“ verwendet, um dieses Engagement zu bekräftigen.

Politische Maßnahmen sollten auf der höchstmöglichen Ebene unterstützt werden und einen klaren Mechanismus für die Berichterstattung über Fortschritte auf hoher politischer Ebene beinhalten. Mindestens sollte dies die Gesundheitsministerin bzw. den Gesundheitsminister einbeziehen, aber bei expliziten multisektoralen Ansätzen oder Initiativen auf hoher Ebene können Berichtsstrukturen bis hin zum Regierungschef reichen, wie etwa beim Taskforce zu psychischer Gesundheit in Kenia oder dem „Mental Health Pact Catalonia“ im Königreich Spanien.

Einbindung von Akteurinnen und Akteuren für Politikentwicklung, Umsetzung und Evaluierung

Breite Unterstützung und Zustimmung durch verschiedene Akteurinnen und Akteure sind entscheidend für politischen Erfolg (siehe Kasten 3 für eine Liste wichtiger Akteure und Organisationen). Dies erfordert eine aktive Einbindung von Stakeholdern während des gesamten Entwicklungs- und Umsetzungsprozesses. Vorrang sollte Menschen mit eigener Erfahrung von psychischen Gesundheitsproblemen und psychosozialen Beeinträchtigungen sowie ihren Organisationen gegeben werden, insbesondere jenen, die intensiv mit bestehenden Diensten und Unterstützungsangeboten interagiert haben. Stakeholder-Einbindung ist essenziell, um sicherzustellen, dass die Politik an den sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und gemeinschaftlichen Kontext der Region oder des Landes angepasst ist.

Jede Akteurin und jeder Akteur bringt wertvolle Perspektiven ein. Menschen mit eigener Erfahrung verstehen, welche Dienste und Interventionen hilfreich sind oder Schaden verursachen. Familien und unterstützende Personen bieten Einblick in eigene Unterstützungsbedarfe. Fachkräfte im Bereich der psychischen Gesundheit und sozialarbeiterisches Personal tragen Expertise aus Jahren von Ausbildung und Erfahrung bei und kennen die bürokratischen, administrativen, kapazitätsbezogenen und sonstigen Herausforderungen bei der Bereitstellung hochwertiger, menschenrechtsbasierter Dienste.

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NGOs und Organisationen von Menschen mit Behinderungen leisten Gemeindearbeit und verfügen über Wissen, das sie durch den direkten Kontakt mit Menschen mit eigener Erfahrung gewonnen haben, und können wichtige Dienste wie Peer-Unterstützung und Rechtsbeistand anbieten. Menschenrechtsverteidigerinnen, Anwältinnen, Polizei und andere Interessengruppen bieten ebenfalls einzigartige Perspektiven und Beiträge.

Box 3: Zentrale Akteur*innen und Gruppen/Organisationen, die einbezogen werden sollten

Zentrale Akteurinnen*:
• Menschen mit eigener Erfahrung von psychischen Gesundheitsproblemen und psychosozialen Beeinträchtigungen;
• politische Entscheidungsträger* und leitende Personen aus dem Gesundheits- und Sozialbereich;
• Politikerinnen* (zum Beispiel Ministerinnen*, Stadt- und Ortsbürgermeister*);
• Vertreter* von Gruppen, die Diskriminierung erfahren;
• Gemeindevorsteherinnen* und Gatekeeper*, wie lokale Chiefs oder Dorfführerinnen*, traditionelle und glaubensbasierte Heilerinnen*;
• Fachkräfte für psychische Gesundheit und allgemeine Gesundheitsfachkräfte sowie andere relevante und verwandte Berufsgruppen auf allen Ebenen der Gesundheitsversorgung;
• Familien und andere Betreuungspersonen;
• Menschen mit Expertise und Fachleute für Recht und Menschenrechte;
• Akademiker* und Forschende;
• Philanthropen*

Zentrale Gruppen und Organisationen:
• Regierungssektoren/-abteilungen (siehe Box 2);
• Organisationen von Menschen mit Behinderungen;
• Organisationen von Menschen mit eigener Erfahrung;
• andere Organisationen von Gruppen, die Diskriminierung erfahren;
• lokale zivilgesellschaftliche Gruppen;
• nichtstaatliche Organisationen (NGOs);
• wohltätige und freiwillig basierte Organisationen;
• glaubensbasierte Organisationen;
• Organisationen, die Fachkräfte im Bereich psychische Gesundheit, allgemeine Gesundheitsfachkräfte und andere multidisziplinäre Fachkräfte vertreten;
• Organisationen, die Familien und Betreuungspersonen vertreten;
• akademische und Forschungseinrichtungen;
• Organisationen für Rechtsbeistand und Menschenrechte.

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Finanzielle Ressourcen

Die Kostenplanung für Politik zur psychischen Gesundheit ist wesentlich, um das notwendige Budget einzufordern. Länder sollten ein Budget für psychische Gesundheit bereitstellen, das mit ihren politischen Zielen sowie den vorgeschlagenen Strategien und Maßnahmen übereinstimmt. Unzureichende Ressourcen können die Motivation der Stakeholder schwächen, die an der Entwicklung von Diensten beteiligt sind, und die beabsichtigten Ergebnisse behindern. Umgekehrt kann eine weniger ehrgeizige Politik und ein weniger ambitionierter Aktionsplan mit angemessener Finanzierung zu größerem Engagement und wirksamerer Nutzung der Ressourcen führen. Das Budget sollte parallel zum Prozess der Politikentwicklung ausgearbeitet werden, um die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Umsetzung zu erhöhen. Modul 3 beschreibt Schritte für eine Kostenanalyse.

Rechenschaftsmechanismen

Die Politik und der strategische Aktionsplan sollten klare Strategien, Zeitpläne für die Umsetzung und messbare Ziele enthalten. Verschiedene Gruppen von Akteurinnen und Akteuren können am besten geeignet sein, unterschiedliche Strategien und Maßnahmen umzusetzen, daher sollten ihre Rollen und Verantwortlichkeiten berücksichtigt und klar definiert werden. Zusätzlich sollten Mechanismen eingerichtet werden, um die Umsetzung der Politik, des Plans und der zugehörigen Maßnahmen zu überwachen sowie über Fortschritte und Ergebnisse zu berichten. Die Erhebung und Nutzung zuverlässiger, aktueller Daten hilft dabei, Bedürfnisse zu erkennen, den Fortschritt zu verfolgen und sicherzustellen, dass die Politik reale Herausforderungen adressiert. Dies unterstützt die Rechenschaftspflicht und hilft, etwaige Hindernisse zu identifizieren und anzugehen.

2. Zweck, zentrale Mandate und Bedeutung, Umfang und Entwicklung der Leitlinie

2.1 Zweck

Diese Leitlinie ist eine Ressource für alle, die an Reformen der Politik zur psychischen Gesundheit beteiligt sind, einschließlich politischer Entscheidungsträger*innen, die damit betraut sind, Politiken und strategische Aktionspläne im Bereich psychische Gesundheit innerhalb des Gesundheitssektors zu entwickeln, zu aktualisieren, zu reformieren und umzusetzen.

Sie ist auch eine hilfreiche Ressource und ein Werkzeug für viele andere wichtige Akteurinnen, sowohl Einzelpersonen als auch Organisationen, die an Reformbemühungen und Interessenvertretung im Bereich psychische Gesundheit beteiligt sind (siehe Kasten 3). Diese Leitlinie kann diesen Akteurinnen helfen, ein besseres Verständnis von Systemen der psychischen Gesundheit, Reformprozessen sowie zentralen Themen zu erlangen, die bei der Entwicklung und Umsetzung einer menschenrechtsbasierten Politik und strategischer Maßnahmen zur psychischen Gesundheit berücksichtigt werden müssen.

Die Leitlinie adressiert fünf wesentliche Politikbereiche, die oft reformbedürftig sind:

  • Führung, Governance und andere Ermöglicher*innen;
  • Organisation und Entwicklung von Diensten;
  • Entwicklung von Personalressourcen und Arbeitskräften;
  • personenzentrierte, recovery-orientierte und menschenrechtsbasierte Einschätzung, Interventionen und Unterstützung;
  • Beiträge des Gesundheitssektors zur Bewältigung sozialer und struktureller Determinanten und gesellschaftsweiter Themen, die psychische Gesundheit und Wohlbefinden beeinflussen.

Innerhalb jedes Bereichs bietet das Dokument eine Auswahl an politischen Vorgaben, Strategien und Maßnahmen zur Unterstützung von Reformbemühungen und hilft politischen Entscheidungsträger*innen und Planenden, Politiken gemäß ihrem spezifischen Kontext sowie ihren verfügbaren Ressourcen oder Organisationsstrukturen zu priorisieren und anzupassen.

2.2 Zentrale Mandate und Bedeutung

Der internationale Menschenrechtsrahmen, verstärkt durch mehrere Resolutionen des UN-Menschenrechtsrats zu psychischer Gesundheit und Menschenrechten sowie durch die Resolution der UN-Generalversammlung 2023 zu psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung (24–28), fordert Länder auf, Menschenrechte in Politiken, Programmen und Diensten zur psychischen Gesundheit zu schützen.

Der umfassende WHO-Aktionsplan für psychische Gesundheit 2013–2030
👉 https://www.who.int/publications/i/item/9789241506021

und der World Mental Health Report: transforming mental health for all
👉 https://www.who.int/publications/i/item/9789240049338

fordern zudem verstärkte Führung und Governance im Bereich psychische Gesundheit, einschließlich der Entwicklung, Implementierung, Stärkung und Aktualisierung relevanter Politiken, Strategien und Maßnahmen im Einklang mit internationalen Menschenrechtsinstrumenten.

Im Einklang mit diesen Forderungen drängt diese Leitlinie Länder dazu, Politiken und Praktiken umzusetzen, die im internationalen Menschenrechtsrahmen verankert sind, insbesondere in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK). Die UN-BRK ist entscheidend für die Transformation der Praxis im Bereich psychische Gesundheit sowie für die Bewältigung von Stigmatisierung, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen, denen Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen und psychosozialen Beeinträchtigungen häufig ausgesetzt sind.

Das Ziel besteht darin, sicherzustellen, dass Politiken, Systeme und Dienste zur psychischen Gesundheit menschenrechtsbasiert sind und hochwertige Versorgung im gesamten Lebensverlauf bereitstellen (Säuglingsalter, Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und höheres Alter).

Diese Leitlinie erkennt auch die wichtige Rolle von Familien und Betreuungspersonen an, die Menschen in Belastungssituationen, psychosozialen Beeinträchtigungen oder psychischen Gesundheitsproblemen unterstützen. Betreuungspersonen sollten die notwendigen Informationen und Unterstützung erhalten, während gleichzeitig die Autonomie und die Rechte der unterstützten Personen respektiert werden.

Weitere zentrale Merkmale werden in Box 4 hervorgehoben.

Diese neue WHO-Leitlinie ersetzt die WHO-Leitlinie von 2004 Mental health policy and service guidance package
👉 https://iris.who.int/handle/10665/43062

und unterscheidet sich auf drei wesentliche Arten:

  1. Die neue Leitlinie integriert den internationalen Menschenrechtsrahmen in sämtliche Politik- und Handlungsoptionen, anstatt ihn als isolierten, getrennten Bestandteil zu behandeln.
  2. Sie adressiert spezifische Herausforderungen im Bereich psychische Gesundheit, einschließlich Stigmatisierung, Diskriminierung, Zugang zu qualitativ hochwertiger Versorgung, Übergang von institutioneller zu gemeindenaher Versorgung, Umstellung auf einen personenzentrierten, recovery-orientierten und menschenrechtsbasierten Ansatz sowie den Aufbau starker Kooperationen mit dem Sozialsektor und anderen Regierungssektoren, um soziale Verbundenheit und gesellschaftliche Inklusion zu fördern.
  3. Sie verfolgt einen umfassenden Ansatz zur Reform der Politik zur psychischen Gesundheit und legt den Schwerpunkt auf Prävention und Förderung über alle fünf Politikbereiche hinweg.

Die Leitlinie betont die Rolle des Gesundheitssektors bei der Bewältigung gesellschaftsweiter Themen und sozialer Determinanten der psychischen Gesundheit. Sie bietet zudem Strategien für die Zusammenarbeit mit anderen Regierungssektoren zur Bereitstellung ganzheitlicher Versorgung, Behandlung und Unterstützung für Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen sowie zur Umsetzung von Präventionsstrategien und zur Förderung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung.

Die Bewältigung sozialer und struktureller Determinanten der psychischen Gesundheit erfordert koordinierte Anstrengungen von staatlichen Stellen, Zivilgesellschaft und Privatsektor. Diese Elemente sind in Politikbereich 1–5 integriert, mit besonderem Fokus auf Bereich 5. Zusätzlich zur psychischen Gesundheit sollten alle Regierungssektoren und Akteur*innen das ergänzende Dokument konsultieren:

Guidance on policy directives and strategic actions to protect and promote mental health and well-being across government sectors (2025)
👉 https://www.who.int/publications/i/item/9789240080638

Obwohl sich Länder in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien ihrer Systeme zur psychischen Gesundheit befinden, sollten alle Schritte unternehmen, um den Fortschritt von ihrem aktuellen Stand aus voranzubringen. Die erfolgreiche Umsetzung der Reformen in dieser Leitlinie erfordert anhaltende Bemühungen, politischen Willen, öffentliche Investitionen sowie die Einhaltung der fortschreitenden Verwirklichung des Rechts auf Gesundheit – ein in der UN-Konvention über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verankertes Recht:
👉 https://www.ohchr.org/en/instruments-mechanisms/instruments/international-covenant-economic-social-and-cultural-rights

Box 4: Zentrale Merkmale dieser Leitlinie

Hervorgehoben in allen Bereichen:
Menschenrechte;
personenzentrierter und recovery-orientierter Ansatz;
soziale und strukturelle Determinanten der psychischen Gesundheit;
sinnvolle Beteiligung von Menschen mit eigener Erfahrung;
Bekämpfung von Stigmatisierung und Diskriminierung;
Veränderung von Einstellungen, Denkweisen und Dienstleistungskultur im Bereich psychische Gesundheit.

Besondere Berücksichtigung unterschiedlicher Gruppen:
Kinder und Jugendliche;
ältere Erwachsene;
Frauen sowie Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten;
Menschen der LGBTIQ+-Community;
Menschen mit Behinderungen;
Migrant*innen und Geflüchtete;
Personen aus marginalisierten rassischen und ethnischen Gruppen;
Indigene Bevölkerungsgruppen;
Menschen ohne festen Wohnsitz oder in instabilen Wohnverhältnissen.

Hinweis: Das WHO-Dokument Guidance on policy and strategic actions to protect and promote mental health and well-being across government sectors (siehe oben) enthält ebenfalls Überlegungen für die genannten Gruppen sowie weitere Gruppen (z. B. Menschen im Strafvollzug, Militärangehörige und Veteran*innen).

Die Leitlinie baut auf den Ressourcen, Leitlinien und Werkzeugen aus der WHO-QualityRights-Initiative auf, die einen personenzentrierten, recovery-orientierten und menschenrechtsbasierten Ansatz im Bereich psychische Gesundheit fördern. Diese ergänzenden Ressourcen bieten detaillierte Unterstützung, von der Förderung von Haltungs- und Verhaltensänderungen auf lokaler Ebene bis hin zu systemweiten Reformen.

Box 5: QualityRights-Materialien und -Werkzeuge

WHO QualityRights E-Training zur psychischen Gesundheit, WHO Academy:
https://www.who.int/teams/mental-health-and-substance-use/policy-law-rights/qr-e-training
https://whoacademy.org/

QualityRights-Materialien für Training, Anleitung und Transformation:
https://www.who.int/publications/i/item/who-qualityrights-guidance-and-training-tools

Leitfäden und Fachpakete zu community-basierten Diensten der psychischen Gesundheit:
https://www.who.int/publications/i/item/guidance-and-technical-packages-on-community-mental-health-services

Psychische Gesundheit, Menschenrechte und Gesetzgebung: Leitfaden und Praxis:
https://www.who.int/publications/i/item/9789240080737

2.3 Umfang

Die WHO fördert integrierte, umfassende Versorgung für Menschen mit unterschiedlichen gesundheitlichen Herausforderungen. Diese Leitlinie konzentriert sich auf psychische Gesundheit und unterstützt politische Reformen, die die Rechte aller Menschen schützen, die mit Diensten und Systemen der psychischen Gesundheit in Kontakt kommen – unabhängig von Zustand, Diagnose, psychosozialem Behinderungsstatus oder Selbstidentifikation.

Sie schließt Personen ein mit:

  • psychischen Gesundheitsproblemen,
  • psychosozialen Beeinträchtigungen,
  • temporären oder länger anhaltenden Belastungszuständen oder Krisen,
  • intellektuellen oder kognitiven Beeinträchtigungen (sofern sie Dienste der psychischen Gesundheit nutzen),
  • neurologischen Erkrankungen (soweit sie Dienste der psychischen Gesundheit nutzen),
  • Verwendung von Alkohol oder psychoaktiven Substanzen, soweit sie dadurch mit psychischen Gesundheitsdiensten in Kontakt stehen.

In vielen Ländern werden Dienste der psychischen Gesundheit, neurologischer Versorgung sowie der Versorgung bei Alkohol- und Substanzgebrauch gemeinsam am Versorgungsort angeboten.

Während diese Leitlinie Menschen mit den genannten Bedingungen berücksichtigt – ebenso wie Suizidprävention und psychosoziale Unterstützung in humanitären Kontexten – liegt detaillierte Anleitung zu diesen Themen außerhalb ihres direkten Umfangs.

Für weiterführende Informationen siehe Kasten 6.

Box 6: Quellen von Leitlinien zu Themen der psychischen Gesundheit außerhalb des Rahmens dieses Dokuments

Suizid
• Nationale Strategien zur Suizidprävention: Fortschritte, Beispiele und Indikatoren
https://iris.who.int/handle/10665/279765
• LIVE LIFE: Ein Implementierungsleitfaden für Suizidprävention in Ländern
https://iris.who.int/handle/10665/341726
• Suizid verhindern: Toolkit für Community-Einbindung
https://iris.who.int/handle/10665/272860

Kognitive und intellektuelle Beeinträchtigungen sowie neurologische Erkrankungen
• Globaler Aktionsplan zur gesundheitlichen Antwort auf Demenz 2017–2025
https://iris.who.int/handle/10665/259615
• Intersektoraler globaler Aktionsplan zu Epilepsie und anderen neurologischen Störungen 2022–2031
https://iris.who.int/handle/10665/371495
• Toolkit zur Umsetzung des intersektoralen globalen Aktionsplans zu Epilepsie und neurologischen Störungen 2022–2031
https://www.who.int/publications/i/item/9789240096356
• Globaler Bericht zu Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen: von den Rändern in den Mainstream
https://iris.who.int/handle/10665/372864
• Auf dem Weg zu einem Demenzplan: ein WHO-Leitfaden
https://iris.who.int/handle/10665/272642

Alkoholkonsum und Gebrauch anderer psychoaktiver Substanzen
• Strategien zur Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums
https://iris.who.int/handle/10665/2354
• Globaler Aktionsplan zu Alkohol 2022–2030
https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/376939/9789240091011-eng.pdf?sequence=1
• Das SAFER-Technikpaket: fünf Interventionsbereiche auf nationaler und subnationaler Ebene
https://iris.who.int/handle/10665/330053
• Internationale Standards für die Behandlung von Drogengebrauchsstörungen
https://www.who.int/publications/i/item/international-standards-for-the-treatment-of-drug-use-disorders
• Internationale Standards zur Prävention von Drogenkonsum. Zweite Auflage, 2018
https://www.who.int/publications/i/item/international-standards-for-drug-use-prevention-second-edition-2018
• Gemeindenahe Maßnahmen zum Management von Opioidüberdosierungen
https://iris.who.int/handle/10665/137462
• Leitlinien für die psychosozial unterstützte pharmakologische Behandlung von Opioidabhängigkeit
https://www.who.int/publications/i/item/9789241547543

Humanitäre Notlagen
• IASC-Leitlinien zu psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung in Notsituationen, 2007
https://interagencystandingcommittee.org/mental-health-and-psychosocial-support-emergency-settings-0/documents-public/iasc-guidelines-mental
• Psychische Gesundheit und psychosoziales Unterstützungs-Mindestversorgungs­paket (MHPSS MSP)
https://www.mhpssmsp.org/sites/default/files/2021-10/MHPSS%20MSP%20Field%20Test%20Version_1.pdf
• Handbuch zur Koordinierung von psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung
https://interagencystandingcommittee.org/iasc-reference-group-mental-health-and-psychosocial-support-emergency-settings/iasc-handbook-mental-health-and-psychosocial-support-coordination

Soziale und strukturelle Determinanten der psychischen Gesundheit sektorenübergreifend
• WHO-Weltbericht zu sozialen Determinanten gesundheitlicher Chancengleichheit (erscheint demnächst)
• Leitfaden zu politischen Vorgaben und strategischen Maßnahmen zum Schutz und zur Förderung von psychischer Gesundheit und Wohlbefinden über alle Regierungssektoren hinweg (erscheint demnächst), verfügbar unter:
https://www.who.int/activities/promoting-rights-based-policy-and-law-for-mental-health

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2.4 Entwicklung

Die WHO entwickelte diese Leitlinie zwischen Februar 2022 und Dezember 2024 durch einen iterativen, kollaborativen Prozess. Dieser umfasste Literaturrecherchen, Analysen internationaler Menschenrechtsrahmen, Materialien zur psychischen Gesundheit sowie nationale Politiken und strategische Aktionspläne. Mehrere Runden konsultativer Treffen wurden mit politischen Entscheidungsträgerinnen, UN-Expertinnen, Menschen mit eigener Erfahrung, Fachkräften der psychischen Gesundheit, Wissenschaftlerinnen sowie Vertreterinnen der Zivilgesellschaft, einschließlich OPDs, durchgeführt.

Im Juli und August 2024 veröffentlichte die WHO einen Aufruf zur schriftlichen Rückmeldung zum vollständigen Entwurf an ein breites Netzwerk internationaler Expertinnen, Regierungsvertreterinnen und Organisationen der Zivilgesellschaft. Dieses Feedback bildete die Grundlage für die Finalisierung der Leitlinie.

Externe Beitragende und Gutachter*innen reichten bei der WHO Interessenerklärungen ein, in denen mögliche Interessenkonflikte offengelegt wurden, die ihre Objektivität und Unabhängigkeit in Bezug auf die Inhalte der Leitlinie beeinträchtigen könnten oder als potenzielle Interessenkonflikte wahrgenommen werden könnten. Die WHO prüfte jede dieser Erklärungen und kam zu dem Schluss, dass keine einen potenziellen oder angemessen wahrgenommenen Interessenkonflikt darstellte.

2.5 Hinweis zur Sprache

Sprache ist nicht neutral, und sie entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter. Begriffe wie „psychische Krankheit“, „psychische Störung“, „psychische Gesundheitsprobleme“ und „psychische Gesundheitszustände“ werden häufig verwendet, um mentale und emotionale Erfahrungen zu beschreiben.

Während sich einige Menschen mit medizinischer Terminologie identifizieren, empfinden andere bestimmte Begriffe als stigmatisierend oder lehnen die Medikalisierung von Belastungen, Trauma oder Diversität ab. Manche bevorzugen Begriffe wie „Personen mit eigener Erfahrung“, „Nutzer*innen von Unterstützungsdiensten“ oder „psychiatrieerfahrene Menschen“.

Individuen müssen selbst entscheiden können, welche Begriffe, Ausdrucksweisen und Beschreibungen ihrer eigenen Erfahrungen, Situationen oder Belastungen sie verwenden. Politische Entscheidungsträgerinnen und Beamtinnen sollten sich sinnvoll mit den Zielgruppen auseinandersetzen, um für jeden Kontext während der Reformprozesse angemessene Sprache zu bestimmen.

Diese Leitlinie verwendet die Begriffe:

  • Personen mit psychosozialen Beeinträchtigungen,
  • Personen mit psychischen Gesundheitsproblemen,
  • Menschen mit eigener Erfahrung
  • und Menschen, die Dienste der psychischen Gesundheit nutzen.

Während Individuen bestimmte Begriffe zur Selbstbezeichnung wählen können, gelten Menschenrechte für alle, überall.

Über allem steht: Eine Diagnose im Bereich psychische Gesundheit oder ein Behinderungsstatus darf niemals eine Person definieren; jede Person hat ihren eigenen sozialen Kontext, ihre Persönlichkeit, Autonomie, Träume, Ziele, Bestrebungen und Beziehungen.

Weiterführende Informationen

Quellen:
[1] Original Artikel: New WHO Guidance Calls for Paradigm Shift in Mental Health Policy, madinamerica.com
[2] WHO: Guidance on Mental Health Policy and Strategic Action Plans


Bild: KI