Unterrichtsfach: Behindertenarbeit
08.11.25
Das Spiralmodell zur Trauer- und Krisenbewältigung nach Erika Schuchardt
Das Spiralmodell der Trauer- und Krisenbewältigung (auch das 8-Phasen-Modell der Trauerbewältigung) wird in drei Stadien gegliedert. Die einzelnen Phasen können auch nebeneinander bestehen:
1. Eingangsstadium
• Ungewissheit (Schutz der eigenen Psyche durch Verdrängung)
• Gewissheit (Eingeständnis, jedoch ohne emotionale Beteiligung)
2. Durchgangsstadium
• Aggression (Eingeständnis mit emotionaler Beteiligung, reagiert aggressiv auf die Tatsache, Wut- und Gefühlsausbrüche gegen alle)
• Verhandlung (Versuch, das Schicksal zu wenden, Verhandlung mit Gott)
• Depression (Realisation der Tatsache, dass das Schicksal nicht aktiv beeinflusst werden kann, Zukunftsängste, Trauer, Rückzug)
3. Zielstadium
• Annahme (Akzeptanz der Tatsache, Erschöpfung, Hoffnung, Anpassung an die Situation)
• Aktivität (man lernt mit der Situation umzugehen, wird aktiv und geht offener mit dem Thema um. Man macht das “Beste” daraus)
• Solidarität (Rückgliederung im gesellschaftlichen Leben. Erfahrungen mit Gleichgesinnten teilen. Nur wenige Betroffene erreichen in einer Krise diese Stufe.)
Das Spiralmodell der Trauer- und Krisenbewältigung ist ein theoretisches Modell, das beschreibt, wie Menschen Trauer, Verlust und Krisen verarbeiten. Es hilft Sozialbetreuerinnen und Sozialbetreuern dabei, Betroffene realistisch einzuschätzen und geeignete Unterstützungsangebote anzubieten.
Das Spiralmodell geht davon aus, dass Trauer kein einmaliger, abgeschlossener Prozess ist, sondern sich in Phasen oder in einer Spirale vollzieht. Dabei durchlaufen Betroffene bestimmte emotionale Zustände immer wieder, allerdings auf einer weiterentwickelten Ebene.
Das bedeutet, dass im Spiralmodell der Trauer- und Krisenbewältigung auch Phasen der Entlastung oder „Pausen“ vorkommen können. Trauer verläuft nach diesem Modell nicht kontinuierlich in einer Linie. Menschen fühlen sich zeitweise stabiler, bevor sie erneut von intensiveren Gefühlen eingeholt werden. Fortschritte und Rückschläge sind Teil des natürlichen Trauer- und Krisenverarbeitungsprozesses. Betroffene kommen nicht einfach „über etwas hinweg“, sondern integrieren Trauer und Krisen schrittweise.
Eingangsphase
Ungewissheit
• nicht akzeptieren können/wollen (seelische Schutzhaltung, Verdrängung)
Im Eingangsstadium steht die Ungewissheit. Die betroffene Person hat die Realität des Verlustes noch nicht vollständig akzeptiert. Es besteht eine Art seelische Schutzhaltung, in der das Bewusstsein vor der vollen emotionalen Wucht der Situation bewahrt werden soll. Verdrängung ist ein natürlicher unbewusster Abwehrmechanismus der Seele (Psyche), der belastende oder schmerzhafte Gefühle, Gedanken oder Erinnerungen aus dem bewussten Erleben fernhält. Sie werden sozusagen „weggeschoben“, damit die Person zunächst weiter funktionieren kann. Dieser Schutz ist meist nur vorübergehend.
Beispiel: Eine Person, die erstmals hört, dass sie möglicherweise an einer schweren psychischen Erkrankung leidet, klammert sich innerlich noch an die Vorstellung, dass ihre Erschöpfung nur vorübergehend oder stressbedingt sei.
Gewissheit
• Wissen darüber, dass es wirklich wahr ist, aber ohne emotionale Anteilnahme
• Abspaltung der Gefühle von der Realität (Dissoziation)
• Erleben der Gewissheit wie aus der Distanz
• „wie betäubt“
Die Stufe ähnelt der einer akuten traumatischen Situation, bei der es ebenfalls vorkommen kann, dass eine Person zwar „anwesend“ ist und das Geschehen kognitiv wahrnimmt (also die Gewissheit hat, dass etwas Schreckliches passiert), aber emotional nicht beteiligt ist. Dies kommt zustande, weil die Person ihre Gefühle von der Realität abspaltet. Dieses Phänomen wird in der Psychologie als Dissoziation bezeichnet.
Dissoziation ist ein Schutzmechanismus, der in extrem belastenden Situationen auftreten kann. Die Person erlebt das Geschehene wie aus der Distanz, fühlt sich wie betäubt oder „nicht richtig da“, um sich vor einer emotionalen Überflutung zu schützen. Für Außenstehende wirkt dies oft so, als ob es die Person „nicht kümmern würde“. Es entsteht ein Zustand, in dem jemand zwar weiß, was passiert, aber emotional nicht daran teilnimmt.
Beispiel: Nachdem der Arzt der Person eine psychiatrische Diagnose mitteilt, nickt er nur stumm. Sie hat die Worte zwar verstanden, doch innerlich fühlt es sich nicht richtig an.
Durchgangsphase
Aggression
• Emotionen treten in den Vordergrund
• unkontrollierte Reaktionen auf den erlittenen Kontrollverlust
• Wutausbrüche richten sich gegen alle, auch gegen sich selbst
• Ausdruck von Angst, Überforderung und Verzweiflung
In der Durchgangsphase der Aggression tritt die Emotion vollständig in den Vordergrund. Die betroffene Person hat den Schmerz und die Tragweite der Situation nun erkannt und beginnt, stark und oft unkontrolliert darauf zu reagieren. Diese Phase ist geprägt von heftigen Wutausbrüchen, die sich sowohl gegen das eigene Schicksal als auch gegen das Umfeld richten können.
Die Aggression kann sich auf unterschiedliche Weisen zeigen: in Form von lautem Protest, verbaler oder auch körperlicher Wut, Zorn auf andere Menschen oder sogar auf sich selbst. Oft richtet sich diese Wut auf diejenigen, die helfen wollen – nicht, weil sie etwas falsch machen, sondern weil die betroffene Person versucht, mit dem Kontrollverlust umzugehen. In dieser Phase wird das Unrecht der Situation lautstark und emotional beklagt. Es ist ein Ausdruck von Angst, Überforderung und Verzweiflung.
Beispiel: In ihrer Verzweiflung reagiert die Person mit Vorwürfen – an den Arzt, der ihr „so etwas“ sagt oder auf ihre Freunde, die „nichts verstehen“. Vor allem aber reagiert sie auch mit Selbstvorwürfen, weil sie glaubt, „versagt“ zu haben.
Verhandlung
• Suche nach einem Weg, um das Geschehene rückgängig zu machen
• Verhandlung mit Gott „Wenn ich dies oder jenes tue, bekomme ich eine zweite Chance.“
• Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung
Es entsteht der Wunsch, rückgängig zu machen, was geschehen ist, oder das Schicksal auf irgendeine Weise zu beeinflussen. Die Person hofft, dass sich durch bestimmte Maßnahmen, Versprechen oder Opfer doch noch eine Wendung zum Besseren ergeben könnte. Dies äußert sich oft in inneren „Deals“ oder Bitten – sei es mit einer höheren Macht, dem Leben selbst oder auch mit sich selbst. Typische Gedanken in dieser Phase können lauten: „Wenn ich dies oder jenes tue, bekomme ich eine zweite Chance“. Diese Phase ist oft von einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung geprägt. Es zeigt den tiefen Wunsch, Kontrolle zurückzugewinnen, und dient dem Versuch, das Unerträgliche erträglicher zu machen.
Beispiel: Nachdem sie seine Wut tagsüber erschöpfend ausgelebt hat, kniet sie abends am Bett und flüstert: „Gott, wenn du mir hilfst, diese Krankheit zu überwinden, verspreche ich dir, ein besserer Mensch zu werden und jeden Tag zu beten.“
Depression
• das Schicksal ist nicht mehr umkehrbar
• Hoffnungslosigkeit, Trauer, Schwere
• emotional betäubt
• sozialer Rückzug
• wirkt auf andere besonders besorgniserregend
• letzte Phase vor der ersten Zielphase der Verarbeitung
In der Durchgangsphase der Depression erkennt die betroffene Person, dass sie das Schicksal nicht mehr aktiv beeinflussen oder rückgängig machen kann. Die zuvor noch vorhandene Wut und der Versuch, durch Verhandlungen Kontrolle zurückzugewinnen, weichen nun der Hoffnungslosigkeit. Die Person zieht sich zunehmend aus sozialen Kontakten zurück, verliert an Antrieb und kann selbst alltägliche Aufgaben als unüberwindbare Belastung empfinden. Trauer und Schwere bestimmen das innere Erleben. Es ist nicht untypisch, dass sich Betroffene emotional betäubt fühlen und das Interesse an Dingen verlieren, die ihnen einst Freude bereitet haben. Oft wirkt diese Phase für das Umfeld besonders besorgniserregend, obwohl dies schon die letzte Phase ist, die, erst einmal überwunden, zur Zielphase der Verarbeitung führt. Dennoch bleiben Betroffene über viele Jahre in der Übergangsphase stecken – für manche ist die Zielphase überhaupt nicht erreichbar.
Beispiel: Die Person sitzt tagelang apathisch auf dem Sofa, meidet jeden Kontakt und spürt selbst bei den Dingen, die ihr früher Freude brachten, nur noch eine lähmende Leere.
Zielphase
Annahme
• „Kriegsende“ – „die Schlacht ist geschlagen“
• Frieden mit der Realität
• Wege entwickeln, um mit den veränderten Lebensumständen umzugehen
• „das Leben geht weiter“
In der Annahme findet die betroffene Person langsam Frieden mit der Realität. Die Person beginnt, sich mit der Situation auseinanderzusetzen, ohne sie länger zu bekämpfen, und entwickelt erste Wege, um sich an die veränderten Lebensumstände anzupassen. Dabei geht es nicht um das vollständige „Überwinden“ der Krise, sondern um ein inneres Einverständnis damit, dass das Leben trotz allem weitergeht.
Beispiel: Die Person nimmt die Diagnose an und sagt leise zu sich selbst: „Ich werde meinen Weg finden, damit umzugehen – entweder damit zu leben oder wieder gesund zu werden.“
Aktivität
• aktive Schritte zur Übernahme von Verantwortung und Selbstfürsorge
• Offenheit gegenüber anderen Menschen wächst
• Zuversicht
• das Leben trotz Herausforderung bewusst gestalten
In der Zielphase der Aktivität beginnt die betroffene Person, eigenständig Schritte zu setzen, um wieder Verantwortung zu übernehen. Sie nimmt aktiv Einfluss auf ihr Wohlbefinden. Dabei wächst ihre Offenheit gegenüber anderen Menschen. Diese Phase ist geprägt von Zuversicht, Selbstfürsorge und dem Willen, das Leben trotz aller Herausforderungen bewusst zu gestalten.
Beispiel: Die Person meldet sich zu einer Selbsthilfegruppe an und beginnt regelmäßig Sport zu treiben, weil er spürt, dass ihm diese neuen Routinen helfen, seine psychische Gesundheit zu stärken.
Solidarität
• Stabilisierung
• Reintegration in die Gesellschaft
• helfen anderen Betroffenen durch ihre Erfahrungen (Selbsthilfegruppen, Peer-Netzwerke,…)
• erleben Selbstwirksamkeit
• hilft mit, die Isolation von anderen zu durchbrechen
• neue Ressourcen
• wieder Teil von etwas zu sein
• Wechsel von der Defizitorientierung zur Ressourcenorientierung ist abgeschlossen
Hier gelingt Betroffenen die persönliche Stabilisierung, sondern die aktive Rückgliederung in gesellschaftliche Zusammenhänge. In dieser Phase entsteht ein wechselseitiger Prozess, in dem Betroffene ihre Erfahrungen einbringen, Anerkennung als kompetente Akteurinnen und Akteure erhalten und sich als wirksam erleben. In Selbsthilfegruppen, Peer-Netzwerken oder inklusiven Gemeinschaften. Das geteilte Erleben wirkt entlastend, weil es Isolation durchbricht und die eigene Geschichte in einen Verständniskontext stellt. Aus biografischen Brüchen werden Ressourcen: Die persönliche Krise wird zum Ausgangspunkt, um anderen Orientierung zu geben und kollektive Strategien im Umgang mit Belastungen zu entwickeln. Wer diese Stufe erreicht, beteiligt sich an Diskursen, engagiert sich in Vereinen, Projekten oder Interessenvertretungen und gestaltet Rahmenbedingungen aktiv mit. Das Gefühl, wieder „Teil von etwas“ zu sein, stärkt Selbstwirksamkeit und Identität.
Schuchardt betont, dass nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Betroffenen diese Stufe während einer akuten Krise erreicht. Das liegt weniger an mangelndem Willen, sondern an Hürden wie anhaltender Überforderung, fehlender sozialer Resonanz, Stigmatisierung oder strukturellen Barrieren. Solidarität braucht Zeit, sichere Beziehungen und verlässliche Räume. Nicht jede Biografie verläuft linear aufwärts; Rückschritte gehören zum Modell.
Fachlich begleitend bedeutet diese Stufe, von der Defizitorientierung zur Ressourcenorientierung zu wechseln.
Beispiel: Die Person wird als freiwilliger* Peer-Mentor* aktiv und begleitet Menschen, die ebenfalls eine psychiatrische Krise durchmachen. In dieser Rolle erlebt sie sich nicht mehr überwiegend als „Patient*“ oder „Hilfsbedürftiger*“, sondern als jemand, der* etwas zu geben hat. Die Person beteiligt sich an Sensibilisierungskampagnen für psychische Gesundheit, schreibt einen Beitrag für eine Lokalzeitung über das Leben mit Depression und nimmt an einer Diskussionsrunde einer sozialpsychiatrischen Fachveranstaltung teil. Sie ist gesellschaftlich sichtbar und wirksam.
Erika Schuchardt
• Deutschland
• Kultur- und Bildungswissenschaftlerin
• Professorin
• Sozialpsychiatrie
Erika Schuchardt ist eine deutsche Kultur- und Bildungswissenschaftlerin, Hochschulprofessorin und ehemalige Bundestagsabgeordnete (CDU).
Sie war Professorin für Bildungsforschung und Erwachsenenbildung an der Leibniz Universität Hannover und ist in der Sozialpsychiatrie tätig. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen in der Erwachsenenbildung, der Integrations- und der Krisenforschung.
Der richtige Umgang mit Menschen in Krisensituationen: Der 3-Schritte-Umkehrprozess „Kopf-barrierefrei“ der Gesellschaft
Auf Bild 1 werden zwei entgegengesetzte Bewegungen dargestellt: eine aufwärts, eine abwärts. Während die betroffene Person aufwärts durch acht Phasen der Bewältigung geht, bewegt sich die Gesellschaft abwärtsauf sie zu. Beide Bewegungen ergänzen sich („komplementär“). Die Abwärtsbewegung beschreibt, wie eine „nicht betroffene“ Umgebung (Familie, Freunde, Bekannte, Kollegenschaft) lernen kann, eine Person in der Krise nicht zusätzlich zu belasten, sondern zu begleiten – und selbst durch die Erfahrung menschlich, sozial und strukturell zu wachsen. Denn echte Krisenbewältigung gelingt nur im Dialog.
Die Person entwickelt Kompetenz – die Gesellschaft entwickelt Mitverantwortung.
| Phase ↓ | Gesellschaftliche Fehlreaktion ↓ | Gesellschaftliche Aufgabe ↓ | Gesellschaftliche Lernchance ↓ |
|---|---|---|---|
| 1. Ungewissheit | Verleugnung, Wegsehen | Solidarität | Wahrnehmen, Zuhören |
| 2. Gewissheit | Bagatellisieren („Wird schon!“) | Aktivität | Ernstnehmen, Information suchen |
| 3. Aggression | Schuldzuweisung, Distanz | Annahme | Verstehen, warum Abwehr entsteht |
| 4. Verhandlung | Ratschläge, Lösungen „über“ die Person hinweg | Depression | Zuhören, nicht urteilen |
| 5. Depression | Hilflosigkeit, Rückzug aus Angst | Verhandlung | Aushalten, Da-Sein, Respekt, Dialog |
| 6. Annahme | allein lassen, „braucht mich nicht mehr“ | Aggression | in die Aktivität kommen |
| 7. Aktivität | dem Betroffenen* alles abnehmen | Gewissheit | Feedback über Fortschritte geben |
| 8. Solidarität | Fürsorge komplett einstellen | Ungewissheit | Betroffener* übernimmt die aktive Rolle |
ℹ️ Mehr Infos zum Thema (Kommentarliteratur): Methoden zur Arbeit mit dem Spiralmodell zur Krisenbewältigung ℹ️
Quellen:
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Weiterführende Literatur zum Thema People First:
Die Mensch-zuerst-Bewegung in Österreich, Zeitschrift der Initiative Minderheiten, stimme.minderheiten.at
Grundsatzprogramm People First, Netzwerk People First Deutschland, menschzuerst.de
Goldene Regeln der People First e.V., Netzwerk People First Deutschland, https://www.menschzuerst.de
Bild: ©pixabay.com, @Henning_W
Bild 1: Prof. Erika Schuchardt, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons
