Unterrichtsfach: Behindertenarbeit
26.11.2025
Das Normalisierungsprinzip
„Das Normalisierungsprinzip beinhaltet, allen Menschen mit geistiger Behinderung Lebensmuster und Alltagsbedingungen zugänglich zu machen, die den üblichen Bedingungen und Lebensarten der Gesellschaft soweit als möglich entsprechen.[3]“ Bengt Nirje
Das Normalisierungsprinzip ist ein Reformkonzept aus den 1960er-Jahren, das ursprünglich auf die Lebensbedingungen von Menschen mit geistiger Behinderung ausgerichtet war. Im Laufe der Zeit wurde sein Anwendungsbereich jedoch adaptiert, und findet inzwischen auch Anwendung in der Arbeit mit Menschen mit psychischer Beeinträchtigung[1] sowie in der Altenarbeit[2]. Es schafft Rahmenbedingungen, die es Menschen mit Behinderungen erlauben, ein Leben zu führen, das dem ihrer Mitmenschen ohne Behinderung gleicht.
Was das Normalisierungsprinzip NICHT ist:
Das Normalisierungsprinzip hat nichts mit einem Aufzwingen von „normal sein“ oder von Leistungsnormen zu tun. Ganz im Gegenteil will es die Menschen dafür sensibilisieren, individuelle „Verschiedenartigkeit“ wertzuschätzen und sie als natürlichen Bestandteil menschlicher Vielfalt zu verstehen. Es verteidigt die positive Darstellung von Menschen, die Gefahr laufen, negativ dargestellt zu werden. Normalisierung steht nicht für Anpassung, sondern für Gleichberechtigung.
Die Geschichte des Normalisierungsprinzips
Von Dänemark ausgehend eroberte das Normalisierungsprinzip ganz Europa.
1959: Erste schriftliche Formulierung durch Niels Erik Bank-Mikkelsen im dänischen Fürsorgegesetz.
1968: Bengt Nirje führt den Begriff in die Fachliteratur ein.
1969: Es wird gesetzlich vorgeschrieben, dass die Gemeinden umfassende Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung anbieten müssen.
1972: Wolf Wolfensberger legt eine systematische Zusammenfassung vor, unter Berücksichtigung theoretischer Gesichtspunkte, und führte das Normalisierungsprinzip in den USA und Kanada ein.
Die Normalisierungstherorie nach Bengt Nirje
Bengt Nirje (Schweden, 1924–2006) formulierte 1969 als einer der Ersten eine präzise Fachdefinition des Normalisierungsprinzips. Seine Version wurde international zum Standard und beeinflusste später Wolfensberger.
Nirje beschreibt Normalisierung als Bereitstellung von Lebensbedingungen, die den üblichen Lebensmustern der Gesellschaft so weit wie möglich entsprechen.
Kein „Normalmachen“, keine Anpassung – sondern Zugang zu normalen Lebenskontexten.
Er betonte:
„Es geht darum, das Leben von Menschen mit Behinderung so normal wie möglich zu gestalten – nicht darum, den Menschen selbst zu normalisieren.“
Für die Sozialbetreuung bedeutet das:
- Fokus auf Lebensbedingungen, nicht auf die „Normalität“ der Person.
- Menschen mit Behinderung haben Anspruch auf gleichwertige Lebensmuster.
- Ziel ist Selbstbestimmung, nicht Anpassung.
- Einrichtungen müssen Strukturen schaffen, die „Normalität“ ermöglichen.
- Grundlage für moderne Inklusion, Empowerment, personenzentriertes Arbeiten.
Die 8 Elemente des Normalisierungsprinzips nach Nirje
Nirje formulierte acht konkrete Lebensbereiche, die Menschen mit Behinderungen selbstverständlich offenstehen müssen:
- Normaler Tagesrhythmus
(Struktur, Aufstehen, Anziehen, Mahlzeiten, Ruhezeiten,…)
Der Rhythmus nichtbehinderter Menschen gilt auch für Menschen mit Behinderung. Der Tagesablauf in Institutionen ist oft durch strukturelle Vorgaben (z. B. Dienstwechsel) bestimmt, dabei kommen die persönlichen Bedürfnisse des Einzelnen zu kurz. Ein individuell gestalteter Tagesablauf, der sich an den persönlichen Bedürfnissen der einzelnen Menschen orientiert, führt von Fremdbestimmung zu Selbstbestimmung.
- Trennung von Arbeit, Freizeit und Wohnen
(normaler Wochenrhythmus, Arbeitszeit, Freizeit,…)
Arbeit, Freizeit und Wohnen soll bei Menschen mit Behinderung ebenso getrennt sein wie bei Menschen ohne Behinderung. Im Leben von Menschen ohne Behinderung gibt es tägliche Arbeitsphasen. Menschen mit Behinderung sollte daher ebenso die Möglichkeit gegeben werden, ihren Alltag durch einen Ortswechsel und einen Wechsel der Kontaktpersonen zu gestalten, um – wie Menschen ohne Behinderung – zwischen Arbeit, Freizeit und Wohnen klar unterscheiden zu können. Während das eigene Zuhause ein Ort ist, an dem man sein Leben zu einem großen Teil nach eigenem, individuellem Muster gestalten kann, ist der Arbeitsbereich ein Ort, an dem andere Anforderungen gestellt werden. Er erfordert viel mehr Anpassung an andere Menschen und Gegebenheiten.
- Normaler Jahresrhythmus
Ferien, Familienfeste, Besuche oder Reisen müssen auch für Menschen mit Behinderung stattfinden. Solche Anlässe und „Höhepunkte“ im Jahresrhythmus ermöglichen eine zeitliche Orientierung und geben dem Leben Sinn und Halt.
- Normaler Lebenslauf
(normale Erfahrungen im Ablauf des Lebenszyklus)
Menschen mit Behinderung benötigen Angebote, die auf ihr jeweiliges Lebensalter und ihre Entwicklungsstufe abgestimmt sind. Je nach ihrer aktuellen Lebensphase möchten sie die jeweils damit verbundenen Rollen einnehmen und ausfüllen, etwa indem sie Aufgaben und Pflichten innerhalb einer Gemeinschaft übernehmen, Verantwortung tragen, eine Liebesbeziehung führen, in eine eigene Wohnung ziehen, heiraten oder eine Familie gründen.
- Respekt vor den Bedürfnissen
Entscheidungen, Willensäußerungen und Wünsche von Menschen mit Behinderungen werden berücksichtigt.
Sie sollen dazu ermutigt werden, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen, denen – soweit möglich – Rechnung getragen und Respekt entgegengebracht wird. - Angemessene Kontakte zwischen den Geschlechtern
Zuwendung, Freundschaft, Partnerschaft und Sexualität gehören zu den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen. Sie begleiten uns alle ein Leben lang. Die Pflege von Freundschaften und Beziehungen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Entwicklung. Dadurch lernen wir uns selbst besser kennen und können soziale Beziehungen zu anderen Menschen erleben. - Normaler wirtschaftlicher Standard
Ein normaler finanzieller Standard soll sichergestellt werden. Für Menschen mit Behinderung soll ein gewisser Geldbetrag zur Verfügung stehen, um persönliche Ausgaben tätigen zu können. In manchen Fällen kann der selbständige Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Geldbetrag eine Zielsetzung im Rahmen der Erwachsenenbildung sein. - Standards der alltäglichen Wohn- und Lebensbedingungen
Ausstattung, Größe und Lage einer Wohnung – ebenso wie alle anderen Aspekte, die zum Wohnen und Leben gehören – sollen denselben Maßstäben entsprechen, die auch für alle anderen Menschen als angemessen gelten. Diese Forderung gilt auch für den öffentlichen Bereich: Der ungehinderte Zugang zu öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln, sowie die Teilnahme an unterschiedlichen Aktivitäten (Feste, Konzerte …) sind zu ermöglichen.
Die Normalisierungstheorie nach Wolf Wolfensberger
Wolf Wolfensberger (1934–2011) war Psychologe und Sozialwissenschaftler und einer der einflussreichsten Wissenschaftler der modernen Behindertenarbeit und Sozialpädagogik. Er gilt als der Reformdenker des 20. Jahrhunderts schlechthin im Bereich Intellectual Disability, Normalisierung und Soziale Rollen.
Er übernahm das skandinavische Normalisierungsprinzip von Bank-Mikkelsen und Bengt Nirje, systematisierte es wissenschaftlich und machte es in den USA und Kanada bekannt. Sein bedeutendstes Werk: Social Role Valorization (SRV) untersucht, wie gesellschaftliche Rollen Menschen stärken oder schwächen. Die Kernidee dabei ist, dass Menschen mit Behinderung sozial wertgeschätzte Rollen brauchen, um nicht ausgegrenzt zu werden.
Social Role Valorization
Menschen ändern sich nicht „von selbst“ – die Umgebung muss sich ändern (Verhältnisprävention). Wolfensberger zeigte wissenschaftlich auf, dass Großeinrichtungen Menschen entmündigen, entpersönlichen und ihre Entwicklung hemmen. Sein berühmter Ansatz war die Analyse von sozialen Rollen, die Menschen mit Behinderungen zugeschrieben werden. Oft sind diese Rollen negativ und abwertend, z. B.:
- „das ewige Kind“
- „der ewige Kranke“
- „der ewig Belastende“
- „der ewig Unfähige“
Solche Rollen tragen dazu bei, dass Menschen entmündigt werden. Die Umwelt behandelt sie dann tatsächlich so, als wären sie unfähig oder nicht erwachsen.
Nach Wolfensberger ist Normalisierung kein Wohlfühlprinzip, sondern ein dezidiertes Dienstleistungs- und Strukturprinzip für Menschen in der Sozialbetreuung. Im Mittelpunkt steht die Frage: Welche gesellschaftlich üblichen (kulturell üblichen) Lebensbedingungen werden Menschen mit Behinderung vorenthalten – und wie können wir diese herstellen?
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Verhaltensprävention versus Verhältnisprävention💡🧩 🪢
Normalisierung bedeutet für Wolfensberger: Macht zurückgeben
Wolfenbergs Forschung trug zur Deinstitutionalisierung in vielen Ländern bei.
Quellen:
[1] Das Normalitätsverständnis im sozialpsychiatrischen Alltag — Expertendiskurse im Kontext von Enthospitalisierungsprojekten, Hans-Josef Ingenleuf, Jutta Haneberg & Susanne Hellweg, Springer Nature, link.springer.com
[2] Normalisierung im Altenheim, Susanne Angela Dettmers, Uni Frankfurt, uni-frankfurt.de
[3] Das Normalisierungsprinzip und seine Mißverständnisse, Lebenshilfe Österreich, Bengt Nirje und Burt Perrin, bidok – behinderung inklusion dokumentation, bidok.uibk.ac.at, S.2
Weiterführende Literatur zum Thema Normalisierungsprinzip:
Digitale Sammlung zum Thema Normalisierungsprinzip, bidok – behinderung inklusion dokumentation, bidok.library.uibk.ac.at
Bild: ©pixabay.com, @RosZie