Kommentar, Verknüpfung der Fächer „Pflegetechnik“ und „Behindertenarbeit“ und der Themen „Atemstimulierende Einreibung“ und „Basale Kommunikation“
26.04.2026
Kommentar; Körperwahrnehmung, Atmung und Kommunikation stehen in einem engen Zusammenhang und beeinflussen sich wechselseitig. Basale Stimulation nimmt genau diese Verknüpfung auf und hat sich deshalb sowohl in der Pflege als auch in der sozialpädagogischen Betreuung etabliert. Sowohl die Pflegeassistenz als auch die Alten-, Behinderten- und Familienarbeit verfügen über die Kompetenzen, um entsprechende Maßnahmen zu setzen.
Fachsozialbetreuung: Ganzheitlich arbeiten zwischen Körper, Geist und Seele
Die Fachsozialbetreuung, die auch pflegerisch ausgebildet ist, sitzt von Berufs wegen zwischen zwei Stühlen. Einerseits muss sie pflegerische und sozialpädagogische Zugänge voneinander trennen, andererseits soll sie ein und denselben Ansatz sowohl in der pflegerischen als auch in der sozialpädagogischen Praxis umzusetzen – und ihn je nach Kontext entweder pflegerisch oder sozialpädagogisch bzw. geragogisch begründen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. SozialbetreuerInnen, die diesen Spagat bewältigen, können sich als eine der wenigen Berufsgruppen verstehen, denen es gelingt, den Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen und zu begleiten.
Einer dieser Zugänge, der sowohl in der Pflege als auch in der Sozialpädagogik von Bedeutung ist, ist die Basale Stimulation. Bereits in der Beschreibung des Ansatzes wird der Spagat zwischen beiden Disziplinen deutlich: Während bei der Vermittlung der Basalen Stimulation in der Pflege stärker die Körperwahrnehmung in den Fokus rückt, geht es in der Sozialpädagogik in erster Linie um Kommunikation. Wie aber finden diese beiden Zugänge zu ein und demselben Konzept?
Pflege betont Körperwahrnehmung, Sozialpädagogik Kommunikation
Um das zu verstehen, müssen wir uns zunächst die unterschiedlichen Zugänge der beiden Disziplinen genauer ansehen und die Frage beantworten, wie das Ziel einer verbesserten Körperwahrnehmung zugleich auch ein Ziel von Kommunikation sein kann.
Unter „Körperwahrnehmung“ versteht man die bewusste Wahrnehmung von Körpersignalen, also von Spannung, Lage, Bewegung, Atem, Herzschlag oder Schmerz im Körper. „Körperwahrnehmung“ umfasst z. B. Aussagen wie: „Ich spüre, dass meine Schultern angespannt sind“, „Mein Atem ist flach“ oder „Ich merke, dass ich hungrig bin“. Bei der Körperwahrnehmung geht es um das Spüren des Körpers im Hier und Jetzt. Die Körperwahrnehmung beeinflusst das Körperbild – und umgekehrt. Sie sind nicht voneinander zu trennen.
Das Körperbild ist die bewusste Wahrnehmung, die ein Mensch seinem eigenen Körper zuschreibt. Das umfasst Vorstellungen („So sehe ich aus“), Bewertungen („Ich bin zu dick / zu dünn“) und Gefühle („Ich mag meinen Körper / lehne ihn ab“). Es geht also um das Bild, das man von seinem Körper hat. Das Körperbild ist stark geprägt durch biografische Erfahrungen, soziale Rückmeldungen und kulturelle Normen, und steht damit in engem Zusammenhang mit der Kommunikation, denn ein Körperbild „entsteht“ nicht im Inneren, sondern wird sozial geformt. Kommunikation beeinflusst also den Körper – und in besonderem Maße das Körperbild.
Auch wenn unterschiedliche Disziplinen jeweils eher die eine oder die andere Perspektive betonen, beschreiben sie letztlich nur verschiedene Zugänge zu ein und demselben Phänomen. In Bezug zur Basalen Stimulation sind dies Kommunikation, Körperbild und Körperwahrnehmung. Drei unterschiedliche Zugänge, die aber untrennbar zusammen gehören. In dieser Verknüpfung liegt der Schlüssel zum Verständnis, wie das Ziel einer verbesserten Körperwahrnehmung zugleich auch ein Ziel von Kommunikation sein kann.
Basale Stimulation: Was ist das überhaupt?
Basale Stimulation versteht sich als ganzheitliche Förderung von Menschen mit beeinträchtigter Wahrnehmung. Sie arbeitet mit individuell angepassten Angeboten rund um Berührung und Bewegung, um die somatische Wahrnehmung zu fördern. Ursprünglich von Prof. Dr. Andreas Fröhlich[1] in der sozialpädagogischen Arbeit mit Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderungen entwickelt, wird die Basale Stimulation heute auch in der Pflege (Prof. Christel Bienstein)[2] als klassischer pflegerischer Ansatz vermittelt. Gerade dort, wo Menschen ihren Körper nur noch reduziert erleben, bietet die Basale Stimulation einen strukturierten Zugang über den Körper und ersetzt dadurch die herkömmliche Sprache. Eine klassische sozialpädagogische Maßnahme aus diesem Feld ist die Basale Kommunikation, eine klassische pflegerische Maßnahme die Atemstimulierende Einreibung. Alle Maßnahmen haben gemeinsam, dass sie darauf abzielen, die somatische Wahrnehmung zu stärken.
Basale Stimulation aus der Sicht der Pflege: Atemstimulierende Einreibung
Atmung ist nicht nur Gasaustausch. Sie ist auch Ausdruck von Bewegung, Wahrnehmung und Kommunikation. Wenn die Eigenwahrnehmung des Körpers nachlässt, geht auch Atemrhythmus, Brustkorbbewegung und muskuläre Spannung zurück – und das wirkt sich auf die Emotionen aus.
Wir alle kennen Vorstufen dieses Zusammenhangs aus dem Alltag. Unter Stress wird die Atmung schneller und flacher; bei Schmerzen kommt es zu einem kurzen Einatmen, Atemanhalten oder zu einer Schonatmung mit kleinen, oberflächlichen Atemzügen. Auch langes Liegen oder ein zusammengesunkener Sitz verändern die Atemmechanik, weil Lage und Haltung das Lungenvolumen und die Beweglichkeit des Zwerchfells beeinflussen. Der Zusammenhang von Körperwahrnehmung und Atmung ist also direkt erfahrbar.
Die Pflege argumentiert daher folgerichtig, dass sich eine reduzierte Körperwahrnehmung – insbesondere bei bettlägerigen Menschen – unmittelbar auf die Atmung auswirkt. Eine geringe Bewegungsaktivität trifft dabei auf ein ohnehin vulnerableres respiratorisches System. In Rückenlage verschlechtern sich die Bedingungen für die Lunge: Sie hat weniger Raum zur Entfaltung, wodurch die Atmung insgesamt weniger effektiv wird. Eine flachere Atmung, reduzierte Bewegungen des Brustkorbs, ein eingeschränkt arbeitendes Zwerchfell sowie angestautes Sekret führen dazu, dass Luft nicht mehr alle Lungenbereiche erreicht. Es kommt zu einer Minderbelüftung einzelner Abschnitte. In diesen Bereichen können die Lungenbläschen zusammenfallen (Atelektasen). Atelektasen erhöhen wiederum die Anfälligkeit für Pneumonien.
Nicht die reduzierte Körperwahrnehmung allein verursacht also die Pneumonie, sondern eine Kette aus reduzierter Körperwahrnehmung, Schonhaltung, Immobilität, geringerer Atemtiefe, Minderbelüftung, Atelektasen und eingeschränkter Sekretmobilisation. Das Risiko steigt weiter, je mehr Belastungsfaktoren hinzukommen. Gerade bei bettlägerigen Menschen, also alten Menschen oder Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung, aber auch bei inaktiven Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen ist dieser Verlauf besonders aufmerksam zu beobachten, denn die Zusammenhänge zeigen sich hier besonders deutlich.
Vor diesem Hintergrund kommt den Maßnahmen aus der Basalen Stimulation, insbesondere die Atemstimulierende Einreibung, eine besondere Bedeutung zu. Die Atemstimulierende Einreibung fördert die somatische Körperwahrnehmung und richtet sich an bettlägerige und bewegungseingeschränkte Menschen, bei denen der Zugang zum eigenen Körper reduziert ist.
Aber nicht nur die Pflegeassistenz, sondern auch die Fachsozialbetreuung mit pflegerischer Ausbildung wendet die Atemstimulierende Einreibung an. Zum Beispiel bei Menschen mit Zerebralparese, bei welchen die Wahrnehmung einer eingeschränkten Haltungskontrolle, einer restriktiven Thoraxmechanik, von Husten oder Dysphagie zu einer reduzierten Körperwahrnehmung führt.
Basale Stimulation aus der Sicht der Sozialpädagogik: Basale Kommunikation
Kommunikation ist nicht nur Austausch von Informationen. Sie ist auch Ausdruck von Körperbild, Atmung und Bewegung. Wenn der Zugang zum eigenen Körper nachlässt, verändert sich auch, wie wir kommunizieren – nonverbale Signale, Spannung und Atemrhythmus gehen verloren oder werden undeutlich, und das wirkt sich wiederum auf unser emotionales Erleben aus.
Auch hier können wir den Zusammenhang in unserem eigenen Alltag erkennen. Man denke etwa an eine Situation, in der man sehr angespannt oder unsicher ist: Die Schultern ziehen sich hoch, der Atem wird flach, die Stimme leiser oder gepresst. Obwohl inhaltlich vielleicht „alles in Ordnung“ gesagt wird, wirkt die Kommunikation unsicher oder brüchig. Umgekehrt kennen wir auch Situationen, in denen wir uns ruhig und sicher fühlen: Der Atem ist tief, die Stimme klar, die Haltung aufrecht und Bewegungen stimmig – genau das macht die Kommunikation überzeugend und präsent.
Die Sozialpädagogik argumentiert in erster Linie damit, dass Basale Stimulation die Kommunikation fördert. Besonders hervorgehoben wird dabei der Ansatz der Basalen Kommunikation – eine weitere Form der Basalen Stimulation, die zum Beispiel bei Menschen im ausgeprägten Autismus-Spektrum, Menschen im Wachkoma bzw. apallischem Syndrom oder Menschen mit Angst Anwendung findet. Durch Basale Kommunikation treten SozialpädagogInnen in Kontakt mit dem Menschen und versuchen, einen positiven Einfluss auf das Körperbild dieses Menschen zu nehmen. Durch bewusste Berührung, rhythmische Angebote oder gezielte Stimulation über Stimme und Vibration werden grundlegende Wahrnehmungskanäle angesprochen, die noch erhalten sind. So kann ein Zugang zur Person aufgebaut werden, wodurch sich das Erleben von körperlicher Präsenz – und dadurch von Beziehung und Selbstwirksamkeit – verbessert. Sozialpädagogisch ist das hoch relevant: Wer den eigenen Körper (wieder) besser spürt, kann auch seine Grenzen und Bedürfnisse besser spüren und sich dadurch besser regulieren.
Basale Stimulation bei Menschen mit psychischen Erkrankungen
Basale Stimulation kann auch bei Menschen mit psychischen Erkrankungen eingesetzt werden. Gerade in Situationen, in denen verbale Kommunikation den Menschen nicht mehr erreicht, kann der Zugang über die Körperwahrnehmung eine wichtige Brücke darstellen.
Atemempfindungen sind eng mit Angst verknüpft – Störungen der Atmung werden mit höherer Angst assoziiert. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen kann Atmung ein Zugang zur Stabilisierung sein – und Basale Stimulation in Form einer Atemstimulierenden Einreibung kann diesen Zugang ermöglichen, denn sie wirkt beruhigend und schlaffördernd.
Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben zudem oft eine veränderte Körperwahrnehmung. Hier kann die Atemstimulierende Einreibung helfen, Sicherheit durch Selbstwahrnehmung zurückzugeben und die Regulation zu unterstützen. Für sozialpädagogisch-sozialpsychiatrische Kontexte sind Maßnahmen aus dem Konzeptkreis der Basalen Stimulation daher sehr wertvoll – sofern sie alltagsnah ein- und verhältnismäßig ausgeführt werden.
Die Basale Stimulation spielt sowohl in der Pflege als auch in der sozialpädagogischen Betreuung eine Rolle. Aufgrund ihrer ganzheitlichen Ausbildung verfügt die Fachsozialbetreuung jedoch über ein breiteres Spektrum an Maßnahmen aus diesem Konzeptkreis. Sie setzt sowohl die Atemstimulierende Einreibung als auch die Basale Kommunikation ein und verbindet damit unterschiedliche fachliche Zugänge.
Quellen:
[1] Wikipedia, Andreas D. Fröhlich
[2] Wikipedia, Christel Bienstein
Beitragsbild: KI