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Menschen mit Behinderung in der Mittelsteinzeit: Ein Platz in der Sippe

Der Fund der Schamanin von Dürrenberg zeigt, dass Menschen mit Behinderung in nomadischen Jäger- und Sammler:innengesellschaften der Vor- und Frühgeschichte oft wichtige Rollen zugeteilt wurden

Kommentar


Inklusion ist kein Konzept, sondern ein Grundprinzip des Zusammenlebens. Das beweist der Fund der Schamanin von Dürrenberg. Die Frau hatte eine körperliche Besonderheit, die auch Menschen aus zeitgenössischen Gesellschaften dazu bringen könnte, sie aus Angst oder Unsicherheit aus der Gesellschaft auszuschließen. In der mittelsteinzeitlichen Sippe der Schamanin geschah jedoch genau das Gegenteil: Sie blieb nicht nur Teil der Gemeinschaft, sondern nahm darin eine bedeutsame Rolle ein.

Mittelsteinzeit in der heutigen Region Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt: Eine Zeit, die in Mitteleuropa grob in den Zeitraum zwischen dem 9. und 6. Jahrtausend v. Chr. datiert wird. Rund um die Region von Bad Dürrenberg erstreckte sich damals ein weites Flusstal, durchzogen von Auenlandschaften und von Waldinseln geprägt, die sich wie grüne Rückzugsräume zwischen Wasserläufen und offenen Flächen erhoben. Dort lebte eine kleine Sippe, in deren Mitte sich eine Frau mit besonderer Stellung befand: eine Schamanin.

Aus einem besonderen Kind wurde eine außergewöhnliche Frau

Die Schamanin von Dürrenberg

Die Schamanin – ich nenne sie Helyen und erkläre weiter unten im Text warum – wurde mit 30 oder 40 Jahren in Bad Dürrenberg mit einer außergewöhnlich reichen Grabausstattung (Kopfschmuck aus Rehgeweih, Tierzahngehänge, diverse Spezialobjekte) beigesetzt[12]. Noch Jahrhunderte später wurden in der Nähe ihrer Grabstätte wertvolle rituelle Objekte wie etwa Hirschgeweihmasken niedergelegt[13], was dafür spricht, dass man sich an die Schamanin von Dürrenberg noch lange nach ihrem Tod erinnerte. All das deutet darauf hin, dass Helyen wie eine spirituelle Autorität verehrt worden war.

​​In der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) waren menschliche Gemeinschaften auf Kooperation angewiesen, wenn sie überleben wollten. Jede Person, die eine für das Überleben der Gruppe wichtige Aufgabe übernehmen konnte, war ein selbstverständlicher Teil der Sippe – auch Menschen mit Behinderungen. Ihnen wurden besondere, auf ihre Fähigkeiten zugeschnittene Rollen innerhalb der Gemeinschaft zugewiesen. Inklusion war damals kein moralisches Konzept, sondern gelebte Normalität.  

Es ging nicht nur um Stärke, sondern auch um gemeinschaftsstiftende Rollen

Das Überleben von Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften hing nicht allein von körperlicher „Leistungsfähigkeit“ im heutigen Sinn ab, sondern ebenso von Wissen und Erfahrung. Helyen verkörperte vermutlich genau dies – sie war die wissenstragende Figur der Sippe. Wahrscheinlich übernahm sie Aufgaben wie die Weitergabe von Wissen über Tiere und Pflanzen und das Ausführen ritueller Handlungen und heilkundlicher Praktiken. Möglicherweise hatte sie auch eine führende Rolle inne, wenn es um die Orientierung in der Landschaft ging. Aber auch der soziale Aspekt nahm in solchen Gemeinschaften einen hohen Stellenwert ein. Bindung und Vertrauen waren evolutionär mindestens genauso wichtig wie Jagderfolg oder technische Fähigkeiten – der soziale Zusammenhalt war eine Überlebensstrategie.

Helyen übernahm vielleicht das Hüten und Beruhigen der Kinder, das Bewachen des Feuers, das Beobachten von Wetter und Tierverhalten, die Begleitung sozialer Übergänge innerhalb der Gruppe und die Pflege von Verwundeten oder Kranken. All diese Tätigkeiten waren nicht an körperliche Stärke gebunden und dennoch von hoher Bedeutung für steinzeitliche Gemeinschaften – nicht zuletzt deshalb, da sich nur wenige Gruppenmitglieder neben der zeitintensiven Nahrungsbeschaffung überhaupt die Möglichkeit leisten konnten, sich solchen Aufgaben dauerhaft zu widmen.

Die Behinderung von Helyen stellte dabei keine Barriere dar, obwohl sie aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten tatsächlich „anders“ war als die übrigen Mitglieder der Gruppe: Ihre zwei obersten Halswirbel (Atlas und Axis) und das Hinterhauptsloch (Foramen magnum) am Schädel waren ungewöhnlich ausgebildet. Diese anatomische Variation könnte unkontrollierte Augenbewegungen (Nystagmus), Schwindel, Doppeltsehen oder unkoordinierte Bewegungen ausgelöst haben. Möglicherweise führte sie bei Helyen auch dazu, dass bei bestimmten Kopfhaltungen, etwa beim Zurücklegen des Kopfes, Blutgefäße zeitweise abgedrückt wurden, was zu physiologischen Reaktionen wie epileptischen Anfällen oder veränderten Bewusstseinszuständen geführt haben und sie in tranceähnliche Zustände versetzt haben könnte.

Wenn dem so war, dann bedeutete dies für den Alltag von Helyen, dass sie Situationen mied, in denen ein plötzliches Wegtreten lebensgefährlich geworden wäre. Riskante Jagdmomente, Klettern, hastiges Springen über Totholz oder das Tragen schwerer Lasten über lange Strecken kamen für sie als Aufgaben nicht infrage. Daher ist es nur naheliegend, anzunehmen, dass sie Tätigkeiten übernahm, die im Lager möglich waren und trotzdem als unverzichtbar galten. 

Warum ich die Schamanin von Dürrenberg Helyen nenne

Forscher:innen gehen davon aus, dass die frühesten Namen häufig aus Naturbegriffen, Tierbezeichnungen oder charakterlichen Eigenschaften abgeleitet wurden. Menschen der Mittelsteinzeit haben einander vielleicht Namen benannt, die „Wolf“, „Bär“, „Rothaariger“ oder „Starker“ bedeuteten – also Begriffe aus ihrer Umgebung und Erfahrung.

Tatsächlich haben viele der ältesten bekannten Namen aus späterer Zeit ursprünglich solche Bedeutungen: In frühen indoeuropäischen Sprachen waren einfache Personennamen oft substantivische Begriffe wie „Bär“ oder „der Große“. Auch in anderen Sprachfamilien finden sich alte Namen, die auf Tierarten, Körpermerkmale oder Tugenden zurückgehen.

Da wir über die Sprache der Schamanin von Bad Dürrenberg nichts wissen, kann man höchstens mit sprachlichen Annäherungen arbeiten, würde man ihr einen Namen geben wollen. Eine solche Annäherung ist die rekonstruierte proto-indogermanische Wortform hel(y)-en-. Diese wird heute in der historischen Sprachwissenschaft als sehr alte Bezeichnung[7] aus dem Bedeutungsfeld „Hirsch/Elch“ bzw. „großes Hirschwild“ diskutiert[6]

Zu dieser Wortassoziation passt für mich der Fundkontext: Helyen trug einen Kopfschmuck aus Rehgeweih, und zudem wurden ihr zwei Masken aus Hirschgeweih beigegeben[4]. Der Hirsch war also vermutlich ihr Seelentier[5]

Fürsorge in prähistorischen Gemeinschaften ist gut belegt

Helyen ist kein Einzelfall, der zeigt, dass Menschen mit Beeinträchtigungen in prähistorischen Gemeinschaften integriert waren und ein im Vergleich hohes Lebensalter erreichen konnten. In der Paläoanthropologie finden sich wiederholt gut belegte Beispiele dafür, dass Menschen mit schweren Verletzungen, chronischen Erkrankungen oder angeborenen Besonderheiten über lange Zeiträume hinweg überlebten. Solche Befunde lassen sich nur dadurch erklären, dass diese Menschen in ihre Gemeinschaft sozial eingebunden waren und von ihr versorgt wurden:

1. Shanidar 1 (Shanidar-Höhle, Irak)

Der Neandertaler Shanidar 1 zeigte mehrere schwere, teils dauerhaft einschränkende Verletzungen und Erkrankungen, u. a. Schädel-/Gesichtsverletzungen, ausgeprägte Veränderungen an Arm und Schulter sowie Gelenkverschleiß, und lebte dennoch bis in ein für Neandertaler relativ hohes Alter. In der Forschung wird dies als Hinweis gewertet, dass die Gruppe sein Überleben durch Schutz, Nahrungsteilung und Anpassung der Rolle zumindest mit ermöglicht hat[9].

2. Dmanisi D3444/D3900 („Frühester Fund eines zahnlosen menschlichen Schädels“, Georgien, ca. 1,77 Mio. Jahre)

Dmanisi D3444/D3900 hatte bis auf einen alle Zähne verloren und deutliche Kieferknochen-Umbauten, die zeigen, dass er noch mehrere Jahre ohne funktionelles Gebiss lebte. Die Autor:innen diskutieren, dass dies nur möglich war, wenn er dauerhaft Nahrung zu sich nahm, die kein starkes Kauen erforderte – was zumindest indirekt auf Unterstützung im sozialen Umfeld hindeutet[10]

3. Romito 2 (Süditalien, Spätpaläolithikum/Epigravettien, ca. 10.000+ Jahre alt)

Romito 2 ist ein sehr bekanntes Beispiel für stark ausgeprägten Kleinwuchs[11]. Er erreichte trotzdem die späte Jugend und wurde zudem bestattet, was zeigt, dass er einen sozialen Platz in der Gruppe hatte. In der Fachliteratur wird dieser Fall häufig als wichtiges Beispiel für die Diskussion um Unterstützung, Anpassung und soziale Einbindung herangezogen. 

Es gab also bereits in frühen, mobilen Gemeinschaften Formen von Fürsorge und sozialer Einbindung. Und manchmal konnten – wie im Fall der Schamanin von Bad Dürrenberg – gerade jene Merkmale, die als „auffällig“ wahrgenommen wurden, mit einem besonderen Status verknüpft sein[1]. Auffällig ist auch, dass Helyen eine Frau war. Was in späteren Epochen häufig sozial abgewertet wurde, scheint hier keinerlei Bedeutung gehabt zu haben. Bleibt nur noch die Frage, ab welchem Zeitpunkt Menschen mit Behinderungen zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Begann dieser Wandel bereits mit den ersten Hochkulturen und ihren strenger werdenden Normen? Verfestigte er sich im Mittelalter durch religiöse Deutungen und soziale Stigmatisierung? Oder setzte er erst mit der ersten industriellen Revolution ein, als Produktivität, Taktung und „Leistungsfähigkeit“ zum Maßstab wurden? Das ist eine spannende Frage, der ich mich ein anderes Mal widmen werde.

Quellen:
[1] Calculated or caring? Neanderthal healthcare in social context, World Archeology, Whiterose Research Online, University of Leeds 
[2] The Ornaments of the Arma Veirana Early Mesolithic Infant Burial, PubMed; National Library of Medicine – USA, pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[3] Where Did Our Names Come From? The Origins May Surprise You, Discover Magazine, discovermagazine.com
[4] Hirsch und Reh sind zwar zwei unterschiedliche Tierarten, gehören jedoch beide zur Familie der Hirsche. 
[5] Das Seelentier kommt in Ethnologie/Sozialanthropologie und Religionswissenschaft vor, wenn dort schamanische oder animistische Praktiken beschrieben werden.
[6] Weil die zugrundeliegende Wortfamilie für „Hirsch/Elch“ in mehreren weit auseinanderliegenden indogermanischen Zweigen reflektiert wird (z. B. in griechischen, armenischen, balto-slawischen und germanischen Formen), muss sie schon vor der großen geografischen Streuung Teil des gemeinsamen Wortschatzes gewesen sein.
[7] grob in einen Rahmen von ca. 5.500–8.000 Jahren vor heute datiert (je nach Modell), was ungefähr 3500–6000 v. Chr. entspricht
[8] Mittelsteinzeit/Mesolithikum (ca. 9.000-5.450 v. Chr.), Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, global.museum-digital.org
[9] Trauma among the Shanidar Neandertals, National Library of Medicine – USA, Pubmed,  pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[10] Anthropology: the earliest toothless hominin skull, National Library of Medicine – USA, Pubmed, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[11] Dwarfism in an adolescent from the Italian late Upper Palaeolithic, National Library of Medicine – USA, Pubmed, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[12] Bestattung von Bad Dürrenberg, Wikipedia
[13] Zwei Hirschgeweihmasken beim ältesten Grab Sachsen-Anhalts entdeckt, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, lda-lsa.de

Weiterführende Videos und Literatur zur Schamanin von Dürrenberg:
Filme zur Schamanin, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, mediathek.landesmuseum-vorgeschichte.de


Beitragsbild: ©pixabay.com, @LMX5Fotografie
Bild 1: Von Sebastian Brant (1457–1521) – Scan einer Kopie des in Basel liegenden Orginals von 1499, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3052822