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Kompetenz der Sozialbetreuung: Unterstützte Kommunikation

Aufbereiteter Lehrinhalt, Unterrichtsfach: Behindertenarbeit


12.03.2026

Aufbereiteter Lehrinhalt: Grundlagen, Ziele, Formen und Einsatzbereiche der Unterstützten Kommunikation sowie ihre Bedeutung für pädagogische Arbeit, Förderdiagnostik und personenzentrierte Unterstützung.

Unterstützte Kommunikation: Definition

Unterstützte Kommunikation (UK) bezeichnet alle Hilfen, die Menschen beim Verstehen und Ausdrücken von Kommunikation unterstützen. Sie wird immer dann eingesetzt, wenn Lautsprache eingeschränkt oder nicht vorhanden ist.

Grundprinzipien der Unterstützten Kommunikation

  • Recht auf Bildung
  • Recht auf Arbeit
  • Recht auf selbstbestimmtes Wohnen
  • Recht auf Kommunikation
  • Recht auf gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe
  • Recht auf freie Meinungsäußerung, Meinungsfreiheit
  • Auch Menschen mit Behinderung haben ein Informationsrecht (und das nicht nur als PatientInnen, s. UN-BRK)
  • Der Auftrag der Sozialbetreuung ist es, die Selbstbestimmung zu fördern[1]

Kommunikation ist ein Menschenrecht.

Kommunikationsbedürfnisse von Menschen mit Behinderung

Jeder Mensch hat das Bedürfnis, sich mitzuteilen, verstanden zu werden und mit anderen in Beziehung zu treten. Wenn die Lautsprache eingeschränkt ist, können bei der Kommunikation Barrieren. Diese Barrieren sollen durch Unterstützte Kommunikation abgebaut werden.

Die Kommunikationsbedürfnisse von Menschen mit Behinderung unterscheiden sich grundsätzlich nicht von denen anderer Menschen. Auch sie möchten:

  • Bedürfnisse und Wünsche ausdrücken
  • Gefühle mitteilen
  • Entscheidungen treffen
  • Fragen stellen
  • Informationen erhalten
  • soziale Beziehungen gestalten
  • an Gesprächen und Aktivitäten teilnehmen

Bedeutung der UK für die pädagogische Arbeit

In der pädagogischen und sozialbetreuerischen Praxis ist es wichtig, Kommunikationsbedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Fachpersonen beobachten deshalb:

  • wie eine Person kommuniziert
  • welche Ausdrucksformen sie nutzt
  • in welchen Situationen Kommunikation gelingt oder schwierig ist

Auf dieser Grundlage können passende Kommunikationsformen oder Methoden der Unterstützten Kommunikation eingesetzt werden, um Verständigung zu erleichtern und Teilhabe zu ermöglichen.

Einsatzbereiche

Unterstützte Kommunikation wird häufig genutzt von Menschen mit:

  • geistiger Behinderung
  • Cerebralparese
  • Sprachentwicklungsstörungen
  • neurologischen Erkrankungen

Unterstützte Kommunikation kann – mit Einschränkungen – auch für autistische Menschen ein wichtiges Werkzeug sein, wird jedoch bei nonverbalen Menschen mit Autismus nicht grundsätzlich immer eingesetzt.

Ziel der Unterstützten Kommunikation

Das Ziel ist, dass Menschen:

  • Wünsche und Bedürfnisse äußern können
  • Entscheidungen treffen können
  • am sozialen Leben teilnehmen können
  • verstanden werden

Formen der Unterstützten Kommunikation

Körpereigene Kommunikation

  • Mimik
  • Gestik
  • Blickrichtung
  • Zeigen
  • Gebärden
  • Vokalisieren (Lautieren)

Nicht-technische Hilfsmittel

  • Bildkarten
  • Symbolkarten
  • Kommunikationstafeln
  • Kommunikationsbücher
  • Fotos

Technische Hilfsmittel

  • Sprachcomputer
  • Tablets mit Kommunikations-Apps
  • Taster mit Sprachausgabe
  • Talker

Pädagogische Förderdiagnostik Unterstützte Kommunikation

Die pädagogische Förderdiagnostik UK ist dafür da, die kommunikativen Voraussetzungen, den aktuellen Entwicklungsstand und den Unterstützungsbedarf einer Person systematisch einzuschätzen, damit daraus passende UK-Maßnahmen geplant werden können.

Beispiel: Einschätzen und Unterstützen, Irene Leber, 2012

Das Dokument ist kein Testbogen, sondern ein Instrument zur pädagogischen Förderdiagnostik und Förderplanung in der Unterstützten Kommunikation. Es hilft beim Einschätzen und beim konkreten Planen von Unterstützung im Alltag.

Ein diagnostischer Bogen ist in der Regel nach den Kommunikationsentwicklungsstufen aufgebaut. In den einzelnen Bereichen wird jeweils erhoben, was die Person versteht, wie sie sich äußert und welche kommunikativen Funktionen schon vorhanden sind, zum Beispiel Aufmerksamkeit fordern, protestieren, kommentieren, Gegenstände verlangen oder Fragen stellen.

Die pädagogische Förderdiagnostik ist in der Praxis nützlich, um
1. den Ist-Stand zu erfassen,
2. Förderziele abzuleiten,
3. geeignete Kommunikationsformen auszuwählen – etwa Laute, Wörter, Gebärden, Fotos, Bildsymbole oder Sprachausgabegeräte – und
4. die Umsetzung im Alltag im Team zu planen. Auf der letzten Seite gibt es dazu ausdrücklich einen „Situationskreis“ zur Umsetzung der UK-Intervention im Alltag sowie eine Tabelle mit „Was ist zu tun? Wer tut es? Bis wann?“.

Die 12 Wortschatzmodule

Die 12 Wortschatzmodule bilden eine Grundlage für den systematischen Aufbau von Kommunikationsmöglichkeiten in der Unterstützten Kommunikation. Sie können auch in der pädagogischen Förderdiagnostik eingesetzt werden.

  1. Erstes Steuern von Interaktionen
  2. Sich selbst, andere Personen und Besitzverhältnisse bezeichnen
  3. Widersprechen und Protes ausdrücken
  4. Zeitliche Aspekte einer Aktivität steuern
  5. Um eine Handlung bitten oder eine Handlung steuern
  6. Eine Handlung kommentieren oder beschreiben
  7. Gegenstände bemerken und darum bitten
  8. Positionen bestimmen oder bezeichnen
  9. Um eine Information bitten
  10. Befindlichkeiten oder Gefühle ausdrücken
  11. Spezifische Tätigkeiten bezeichnen oder steuern
  12. Erweiterte Zeitkonzepte ausdrücken

Das ICH-Buch

Das ICH-Buch ist ein persönliches Buch über einen Menschen, in dem wichtige Informationen über seine Biografie, Vorlieben, Bedürfnisse und Lebensbereiche gesammelt werden. Das Buch wird gemeinsam mit der Hauptperson gestaltet. In der Praxis hat es sich etabliert, die Begriffe „ICH-Buch“ und „Lebensbuch“ voneinander abzugrenzen. Der Begriff „ICH-Buch“ wird eher dann verwendet, wenn das Buch im Zusammenhang mit Unterstützter Kommunikation eingesetzt wird, von einem Lebensbuch wird hingegen dann gesprochen, wenn der Schwerpunkt stärker auf Biografiearbeit liegt.

Bei der Abgrenzung von „ICH-Buch“ und „Lebensbuch“ geht es darum, den Hintergrund und die Zielsetzung des Buches klarer voneinander abzugrenzen. Die unterschiedliche Bezeichnung hilft zu verdeutlichen, ob das Buch in erster Linie im Rahmen Unterstützter Kommunikation eingesetzt wird oder der Schwerpunkt auf der Biografiearbeit liegt.

Ziele

In der Sozialbetreuung unterstützt das ICH-Buch:

  • personenzentriertes Arbeiten
  • Biografiearbeit
  • pädagogische Planung
  • bessere Kommunikation im Team
  • die Hauptperson kann sich über das Medium mit anderen Kommunikationspartnern austauschen
  • unkomplizierte Informationsquelle
  • Förderung von Kommunikationsstrategien
  • Förderung der Selbstbestimmung
  • Beziehungsarbeit

Es hilft Fachpersonen, die betreute Person nicht nur über Diagnosen oder Akten zu sehen, sondern als individuelle Persönlichkeit mit eigener Lebensgeschichte.

NICHT-Ziele

  • dient nicht der Dokumentation
  • ist kein Hilfsmittel für Betreuende – die Hauptperson entscheidet darüber, wem sie ihr ICH-Buch zeigt

Inhalt

Ein ICH-Buch enthält persönliche Informationen wie zum Beispiel:

  • Wer ich bin
  • Meine Familie
  • Meine Geschichte / wichtige Lebensereignisse
  • Was ich gerne mache
  • Was ich nicht mag
  • Was mir wichtig ist
  • Wie ich kommuniziere
  • Wobei ich Unterstützung brauche
  • Was mir Sicherheit gibt
  • Meine Wünsche für die Zukunft

Das ICH-Buch wird häufig gemeinsam mit der Person erstellt und kann enthalten:

  • Fotos
  • Bilder oder Symbole
  • kurze Texte
  • Zeichnungen
  • Erinnerungsstücke

Gestaltung

  • Das Buch soll in der ersten Person und aus der Perspektive der Hauptperson erzählt werden.
  • Leichte Sprache
  • ressourcenorientiert und stärkenfokussiert
  • an die individuellen Fähigkeiten angepasst
  • Datenschutz einhalten (Adressen, Vor- und Nachnamen von Freunden,…)
  • mit einer Einverständniserklärung dürfen die Kontaktdaten (Tel., Name) der Bezugsperson enthalten sein
  • die Hauptperson ist die/der BesitzerIn des ICH-Buchs
  • das Buch bleibt im Besitz der Hauptperson – sie entscheidet darüber, wer es sehen darf

Material

  • Fragebögen
  • Symbole
  • Karten
  • Bilder aus Katalogen
  • Gebärdenbilder
  • buntes Papier
  • Klarsichthüllen
  • Mappe
  • Ordner
  • Kleber
  • Schere
  • be-greifbare Materialien
  • Zeichnungen
  • Fotos

Die letzten Seiten

In der Praxis hat es sich bewährt, die vorletzte Seite dafür zu verwenden, um die Vorstellungen zur Verwendung des Buchs und die Art des Umgangs mit der Person zu formulieren.

Beispiele:
– Gehe immer davon aus, dass ich alles, was du in meiner Anwesenheit über mich redest, verstehe!
– Sprich immer mit mir und nicht über mich!
– Sage mir immer genau, was als nächstes (mit mir) passiert!
– Beziehe mich überall mit ein und lass mich nicht daneben stehen!
– Gestatte mir, dass ich mich manchmal ärgere, wenn ich mich unverstanden fühle!

Die allerletzte Seite enthält oft:
– die Personen, die am ICH-Buch mitgearbeitet haben
– einen Satz, in dem nochmal festgehalten wird, dass die Inhalte mit der/m BuchbesitzerIn abgesprochen sind und sie/er damit einverstanden ist
– einen Satz, der ausdrückt, dass Veränderungen im Buch nur mit dem Einverständnis der Hauptperson vorgenommen werden dürfen
– einen Satz, der darauf hinweist, dass die Person selbst jederzeit Wünsche zur Änderung und Umgestaltung äußern darf

Unterstützte Kommunikation trägt dazu bei, Barrieren in der Verständigung abzubauen und Menschen Teilhabe, Selbstbestimmung und soziale Beziehungen zu ermöglichen. Für die Sozialbetreuung bedeutet dies, kommunikative Ausdrucksformen wahrzunehmen, passende Unterstützungsformen auszuwählen und Kommunikation im Alltag aktiv zu fördern.

Quellen:
[1] RIS: Vereinbarung gem. Art. 15a B-VG zwischen Bund und Ländern über Sozialbetreuungsberufe, Anlage 1, Punkt 3.1 (Aufgaben von Fach-Sozialbetreuer:innen)

Weiterführende Literatur:
uk-couch.de
metacom-symbole.de
die-uk-kiste.de


Bild: ©pixabay, @Alexandra_Koch, weiterbearbeitet