Unterrichtsfach: Behindertenarbeit
23.11.2025
Integration
Unterschiede zwischen Normalisierung und Integration
Normalisierung: flexibel, prozesshaft, zeit- und kulturabhängig, allgemein
Integration: fixiert (man ist integriert oder man ist es nicht), speziell
Definition
Integration ist das Vorgängerkonzept der Inklusion. Heute wird es als der erste Schritt in Richtung Inklusion betrachtet. Entstanden ist der Integrationsbegriff im Rahmen des Normalisierungsprinzip in den 1960er Jahren.
Integration holt den Menschen mit Behinderung in eine Gruppe, die von Menschen ohne Behinderung dominiert werden, und unterstützt sie so weit, dass sie sich diesen Strukturen anpassen können. Integration bedeutet also auch “Anpassung an das bestehende System”: es fordert eine Anpassungsleistung des Menschen mit Behinderung.
„Bisher wurde bei uns immer von Integration gesprochen und die Anpassungsleistung lag vor allem auf der Seite der Betroffenen.[3]„
Katholische Erziehergemeinschaft, Berufsverband für Lehrkräfte und Erzieher/innen
Integration als Wertbegriff
• unbedingte Bejahung vom Wert des Lebens mit Beeinträchtigung
• Bejahung menschlicher Grundbedürfnisse nach freier Teilhabe am sozialen Leben
• Aufhebung aller künstlichen Trennungen
• Erziehung zur Solidarität und Akzeptanz
Integration als Handlungsbegriff
Es existieren unterschiedliche Ebenen der Integration:
• räumliche Integration: Wohnen, Arbeiten, Freizeit
• funktionelle Integration: z.B. allgemeine Dienstleistungen in Anspruch nehmen
• soziale Integration: z.B. in der Schule, in der Teilnahme an Freizeitangeboten
• personale Integration: z.B. eigene Wünsche in der Gemeinschaft äußern können
• gesellschaftliche Integration: die Wahrnehmung rechtlicher Ansprüche, gleichberechtigte Bürger sein
• organisatorische Integration: Schaffung und Etablierung von Diensten und Strukturen, welche die anderen Ebenen der Integration unterstützen
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Aufgabenbereiche für die Heilpädagogik
Ein Sozialbetreuer, der integrativ arbeitet, unterstützt Menschen mit Behinderung dabei, sich an bestehende gesellschaftliche Strukturen anzupassen:
• mehr Förderung des Menschen mit Behinderung (Kommunikation, Kooperation,…)
• entwickelt mit Menschen mit Behinderung Konzepte, wie sie sich in ihrer Umwelt zurechtfinden
Beispiele aus dem Alltag integrativer Arbeit:
- der Klient lernt mit Begleitung, den Bus richtig zu benutzen
- der Bewohner übt, „im Café zu sitzen“
- „Du darfst teilnehmen.“
Kritik am Begriff Integration
- Sonderrolle: Die Person gilt als „anders“ und wird in die Norm hineingefügt.
- Rehabilitation statt Teilhabe: Ziel ist oft „Förderung“, damit die Person die Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft erfüllt.
- Koexistenz statt Gleichwertigkeit: Teilnahme ist möglich, aber die Unterschiede bleiben sichtbar und relevant.
- Gruppen bleiben getrennt: Es gibt Sonderklassen in Schulen, Tagesstätten, Fördereinrichtungen, etc.
lnklusion
Definition:
Bei der Inklusion geht es um eine komplett neue Art, Menschen mit Behinderung zu sehen – und im weiteren Sinne darum, das Humanistische Menschenbild ernsthaft so zu leben, wie es gedacht ist: „Alle Menschen sind gleich viel Wert. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Inklusion verankert diese humanistische Grundhaltung – sie löst sich vom Bild des Menschen als defizitäres Wesen und wendet sich hin zu einer Haltung, in der Menschen, egal, wie unterschiedlich sie auch sind, dieselben grundlegenden Bedürfnisse teilen, die jedoch nur erfüllt werden können, wenn die Gesellschaft bereit ist, sich entsprechend anzupassen, damit alle Menschen teilhaben können. Wird diese Haltung gelebt, „verschwindet“ der Mensch mit Behinderung – tritt die Behinderung als Unterscheidungsmerkmal in den Hintergrund. Der Mensch mit Behinderung wird zu einem selbstverständlichen Teil der gesellschaftlichen Vielfalt, in der er sich nicht darum bemühen muss, dazuzugehören, weil er in einer Welt lebt, die keine Barrieren erschafft, die ihn an der Teilhabe hindern.
Kurz: Bei Inklusion handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Vision, in der Vielfalt ganz selbstverständlich gelebt wird. In der Sozialbetreuung gilt Integration sowohl als Wert- als auch als Handlungsbegriff.
🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Grundsätze der professionellen Pflege: Das humanistische Menschenbild💡🧩 🪢
„Beim Integrations-Modell bleibt das Klassensystem gleich und Kinder mit Förderbedarf müssen sich anpassen; beim Inklusions-Modell muss das Bildungssystem selbst verändert werden, um den Bedürfnissen aller Kinder gerecht zu werden. Es braucht dazu eine deutliche Änderung des Haltungskurses und eine Reform des gesamten Systems.“
Mediterranean Journal of Education (2023) – „Key principles of inclusive education“[4]
Beispiel: Eine Stadt gestaltet ihre Infrastruktur von Anfang an so, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Sinnesbeeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten ohne zusätzliche Barrieren am öffentlichen Leben teilnehmen können. Sie setzt beispielsweise ausschließlich auf Ampelanlagen mit akustischen Leitsystemen, baut öffentliche Gebäude konsequent schwellenlos und stellt Informationsmaterial in einfacher Sprache bereit, sodass möglichst viele Menschen es verstehen und nutzen können.
Jeder Mensch ist unterschiedlich – das ist normal. Die Verschiedenheit der Menschen ist kein Problem, sorrdern bereichert eine Gesellschaft und macht sie stark.
Jedes Individuum hat das uneingeschränkte Menschenrecht, in die Gesellschaft inkludiert zu werden. Inklusion gilt daher als Basis eines fairen, gerechten und demokratischen Funktionierens einer Gesellschaft. lnklusive Gesellschaften räumen jedem Menschen die Möglichkeit ein, den Zugang zu allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens frei wählen zu können. (WHO)
Derzeit ist lnklusion in Österreich noch eine gesamtgesellschaftliche Vision, die jedoch Schritt für Schritt auch im Land umgesetzt wird (siehe „Design für Alle“[1] und das neue Barrierefreiheitsgesetz BaFG [Umsetzung des European Accessibility Act ab dem 28. Juni 2025])[2]. in einem Miteinander, in dem keine Person von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen wird. Jede Person ist ein selbstverständlicher, anerkannter und wertgeschätzter Teil der Gesellschaft, unabhängig von Herkunft, Behinderung, religiöser Überzeugung, sexueller Orientierung oder Lebensalter.
lnklusion meint mehr als bloße Akzeptanz von jedem Mitglied einer Gesellschaft. lnklusion begrüßt die Vielfalt des Lebens und die Unterschiedlichkeit von Menschen. Sie sieht darin eine Chance und eine Ressource: Alle Menschen können von der Besonderheit jedes Einzelnen lernen.
Merkmale der Inklusion
- Gleichwertigkeit: Niemand muss sich „anpassen“, um dazugehören zu dürfen
- Systemische Veränderung: Schule, Arbeitsplatz, Wohnform, Freizeit – alles wird so gestaltet, dass alle teilnehmen können
- Barrierefreiheit als Standard: physisch, kommunikativ, sozial und kulturell
- Partizipation statt Duldung: Menschen bestimmen mit, gestalten mit und verfügen über ihre Rechte
Folgen für die heilpädagogisch Tätigen
Im Kontext von Inklusion wandelt sich der Werte- und Handlungsbegriff der Sozialbetreuung grundlegend. Statt den Fokus in erster Linie auf das Training oder die Förderung von Menschen mit Behinderung zu legen, gewinnt die Sozialraumorientierung zunehmend an Bedeutung. Nicht mehr der einzelne Mensch soll sich an bestehende Strukturen anpassen, sondern die bestehenden Strukturen an den einzelnen Menschen.
- Mehr Interaktion mit Schulen, Gemeinden, Arbeitgebern und Politik, um diese in die Pflicht zu nehmen und um eine barrierefreie Gesellschaft mitzugestalten
- Wahrnehmen und rückmelden: fehlende Barrierefreiheit, schlechte Anbindung, fehlende Orientierungshilfen
- Konzepte werden gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickelt, um zu beantworten, wie ihre Umwelt gestaltet sein muss
Beispiele aus dem Alltag inklusiver Arbeit:
- der Betreuer sorgt dafür, dass Busse Rampen bekommen
- im Café werden barrierefreie Tische platziert, statt Klienten zu bitten, an den Rand zu gehen
- in der Schule werden Lernformen angepasst
- „Du bist Teil der Gemeinschaft.“
Quellen:
[1] Design für Alle, TU Wien, acin.tuwien.ac.at
[2] Barrierefreiheitsgesetz 2025, Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, sozialministerium.gv.at
[3] Jetzt umdenken! Inklusionspapier der Katholischen Erziehergemeinschaft (PDF), bistum-augsburg.de
[4] Mediterranean Journal of Education (2023) – „Key principles of inclusive education“[4] (PDF), Review of Science, Mathematics and ICT Education, Laboratory of Didactics of Sciences, Mathematics and ICT der University of Patras in Griechenland, resmicte.library.upatras.gr, S66
Weiterführende Literatur zum Thema Assistenz:
–
Bild: ©pixabay.com, @Vestita