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Personenzentrierte Lebensplanung auf Basis der ICF-Kodierung


Kompetenz der Diplom-Sozialbetreuung: Zukunftsplanung auf Basis der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

Erstellt am: 10.10.2026
Aktualisiert am: –

Fachbeitrag / Diplom-Sozialbetreuung: Eine mögliche Methode zur Umsetzung der personenzentrierten Lebensplanung besteht darin, das ICF-Kodierungssystem der WHO als Grundlage heranzuziehen.

Das muss die Diplom-Sozialbetreuung wissen / können:
➤ schätzt mithilfe eines Leitfadens, Erhebungsinstrumentes oder eines anderen Beobachtungstools den Entwicklungsstand eines Menschen in unterschiedlichen Entwicklungsbereichen (z.B. motorisch, kognitiv, sozial, psychosexuell…) ein

Aus: Schulartenspezifischer Bildungsstandard in der Berufsbildung, Bundesministerium für Bildung (2017)

Die Kompetenzen der Fachsozialbetreuung:
• Mitgestaltung der Lebenswelt von Menschen mit Behinderung oder Menschen in anderen schwierigen Lebenslagen
• lebensweltorientierte Begleitung (Lebenswelten Wohnen, Arbeit, Freizeit, Bildung)
• pflegen (nur Behindertenarbeiterinnen)
• Bedarf ermitteln
• Hilfe realisieren
• interdisziplinäre Zusammenarbeit
• anleiten
• beraten
• assistieren
• fördern
• intervenieren
• trainieren
• weitergehende oder gänzliche stellvertretende Durchführung von Verrichtungen
• Interessensabklärung im Bereich Arbeit
• Arbeitstraining
• Unterstützung bei Kontakten zu anderen Menschen
• Förderung der Teilnahme am sozialen Leben
• Begleitung in Fragen der Partnerschaft und Sexualität
• Freizeitgestaltung
• Entspannung und Erholung
• Feste und Feiern organisieren
• Förderung der Persönlichkeitsentfaltung (Bildung)
• Einsatz musisch-kreativer Mittel und Bewegung
• Förderung von Wahrnehmung, Kreativität, Sinnesschulung und ästhetischer Bildung
• Begleitung bei Krankheit, Trauer, Tod (z. B. von Angehörigen) mit dem Ziel der Sinnstiftung
• Sterbebegleitung

Die Kompetenzen der Diplom-Sozialbetreuung:
• dieselben wie die der Fachsozialbetreuung, aber mit höherer Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit, und zusätzlich:
• leiten
• koordinieren
• planen
• konzipieren
• evaluieren
• fachliche Weiterentwicklung des Dienstleistungsangebots der eigenen Organisation oder Einrichtung
• Durchführung von Maßnahmen und Prozessen der Qualitätsentwicklung
• Entwicklung von Konzepten und Projekten auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und eigenverantwortliche Durchführung
• eigenverantwortliche Durchführung der „Personenzentrierten Lebensplanung“
• eigenverantwortliche Anwendung der aktuell anerkannten und wissenschaftlich fundierten Konzepte und Methoden der Basalen Pädagogik, wie z. B. Basale Stimulation, Basale Kommunikation, Basale Aktivierung
• eigenverantwortliche Anwendung unterstützender, erweiternder und alternativer Kommunikationsmittel (z. B. Gebärden und Symbole) unter Einsatz elektronischer Hilfsmittel
• realisieren bzw. koordinieren insbesondere auch Maßnahmen und Projekte der Integration in den Bereichen Wohnen, Arbeit, Freizeit und Bildung

Vereinbarung gemäß Art. 15a B-VG zwischen dem Bund und den Ländern über Sozialbetreuungsberufe

Personenzentrierte Lebensplanung

Die „Personenzentrierte Lebensplanung“ nach der Art.-15a-Vereinbarung ist ein beruflicher Planungsauftrag der Diplom-Sozialbetreuung BA/BB. Dabei handelt es sich nicht um ein gesetzlich festgelegtes Einzelverfahren. Es können unterschiedliche Methoden zur Anwendung kommen.

Auch die Fachsozialbetreuung führt auf Anweisung Ziel- und Zukunftsplanungen durch. Bei der Diplom-Sozialbetreuung kommt aber die darüberliegende eigenverantwortliche konzeptive und planerische Ebene hinzu.

Daraus entsteht ein fortlaufender Prozess:

Lebenssituation (mit unterschiedlichen Beobachtungshilfen und Erhebungsmethoden) erfassen → Wünsche und Bedürfnisse erheben → gemeinsam Ziele festlegen → Unterstützung planen → Maßnahmen umsetzen → Evaluation → ggf. Planung anpassen / ggf. Unterstützung abschließen

Zwei Methoden der personenzentrierten Zukunftsplanung

Aktuell werden mit der personenzentrierten Lebensplanung vor allem zwei Methoden in Verbindung gebracht: die Persönliche Zukunftsplanung und die ICF-Klassifikation.

Bei der personenzentrierten Zukunftsplanung stehen derzeit zwei Methoden im Vordergrund:

Der Unterschied zwischen persönlicher Zukunftsplanung und ICF-Klassifikation

Persönliche Zukunftsplanung: Gemeinsam mit der Klientin werden Wünsche, Zukunftsvorstellungen und Ziele erarbeitet.

ICF-Klassifikation: Die Feststellung der Ressourcen und des Unterstützungsbedarfs wird zur Grundlage für die personenzentrierte Lebensplanung.

Was ist die ICF-Klassifikation?

Definition: Die ICF ist ein Kodierungssystem der Weltgesundheitsorganisation. Sie macht das biopsychosoziale Modell praktisch anwendbar.

ICF steht für International Classification of Functioning, Disability and Health – auf Deutsch „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“. Die deutsche Fassung wird vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bereitgestellt[1].

Mit der ICF führte die WHO 2001 ein ganzheitliches Klassifikationsverfahren ein. Damit markiert sie einen grundlegenden Wandel – weg von einer überwiegend defizit- und krankheitsorientierten Klassifikation hin zu einer biopsychosozialen Betrachtung von Funktionsfähigkeit.

Beispiel:
Eine Person hat die Diagnose Schizophrenie. Die Erkrankung allein sagt noch nicht, wie stark sie im Alltag beeinträchtigt ist, denn dieselbe Diagnose kann bei zwei Menschen zu sehr unterschiedlicher Teilhabe führen. Mit der ICF-Klassifikation schaut man sich daher zusätzlich zur Diagnose die Aktivitäten, die Teilhabe und die beeinflussenden Umweltfaktoren an.

Die ICF ist in erster Linie ein Beschreibungs-, Analyse- und Dokumentationssystem. Es hilft dabei, systematisch festzuhalten:

  • wie die Person in verschiedenen Lebensbereichen zurechtkommt,
  • wo Aktivitäten oder Teilhabe eingeschränkt sind,
  • welche Ressourcen vorhanden sind,
  • welche Umweltfaktoren fördern oder behindern,
  • und in welchen Bereichen Unterstützungsbedarf besteht.

Aufbauend auf der ICF kann in einem nächsten Schritt gemeinsam mit der betroffenen Person eine personenzentrierte Lebensplanung abgeleitet werden.

Grundsätzlich ist das ICF-Kodierungssystem bei allen Menschen anwendbar, nicht nur bei Menschen mit Behinderungen.

„Es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis, die ICF gelte nur für Menschen mit Behinderungen; tatsächlich kann sie jedoch auf alle Menschen bezogen werden. Mit Hilfe der ICF können der Gesundheitszustand und die mit Gesundheit zusammenhängenden Zustände in Verbindung mit jedem Gesundheitsproblem beschrieben werden. Mit anderen Worten, die ICF ist universell anwendbar.
Bundesinstitut für Arzneimittel für Medizinprodukte, zit. n. Bickenbach JE, Chatterji S, Badley, EM, Üstün, TB. Models of disablement, universalism and the ICIDH. Social Science and Medicine, 1999, 48:1173-1187

Ein Beispiel aus dem Schulalltag:
Eine Schülerin kann grundsätzlich gut sprechen. In einem wertschätzenden Gespräch mit der Schulassistenz spricht sie ohne Schwierigkeiten. In einer Gruppe, in der sie gemobbt wird, spricht sie kaum. In solchen Situationen kann es schnell passieren, dass das rein biomedizinische Modell Anwendung findet. Der Arzt erfährt von der Lehrerin, dass die Schülerin in der Klasse nicht spricht. Daraufhin wird er sich fragen: „Hat diese Schülerin eine Störung des Sprechens?“

Die Lehrerin erzählt dasselbe auch der Schulassistenz. Die Schulassistenz fragt sich: „Wie funktioniert das Sprechen in unterschiedlichen Lebenssituationen? Welche Umweltfaktoren fördern oder behindern die Person?“ Die ICF kann diese Frage beantworten.

In Deutschland ist die ICF gesetzlich verankert – in Österreich (noch) nicht

In Deutschland ist die ICF bereits als Grundlage für die Bedarfsermittlung verankert:

§ 118 Abs. 1 SGB IX: „Die Ermittlung des individuellen Bedarfes des Leistungsberechtigten muss durch ein Instrument erfolgen, das sich an der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit orientiert.“[2]

In Österreich ist die Behindertenhilfe Ländersache. Deshalb gibt es in Österreich auch kein bundesweites Pendant zum deutschen SGB IX. Einzelne Bundesländer verwenden die ICF dennoch sehr konkret:

  • Kärnten hat ein eigenes ICF-Handbuch entwickelt[3]. Darin wird die ICF-Klassifikation als Planungs- und Dokumentationssystem bezeichnet, das bundesweit eingesetzt werden soll.
  • In der StBHG Leistungs- und Entgeltverordnung (Anlagen 4[5] und 4B[6]) der Steiermark befindet sich ein offizielles Einstufungsformular, in dessen Erläuterungen ausdrücklich steht, dass die wissenschaftliche Grundlage die ICF bildet.
  • Das Land Niederösterreich verwendete für seine „Bedarfsplanung von Einrichtungen für Menschen mit intellektueller Behinderung“ ausdrücklich die ICF[4]. Viele Einrichtungen in NÖ arbeiten bereits mit dem ICF-Kodierungssystem, z.B. ASSIST in Amstetten[7]. Hinzu kommt noch ein anderer Bereich: Gemeinsam mit der Bildungsdirektion Niederösterreich wurde inzwischen eine ICF-basierte Förder- und Entwicklungsdokumentation für den Einsatz in Schulen entwickelt[8].

Wofür kann die ICF verwendet werden?

  • gemeinsame Sprache im multidisziplinären Team[10]
  • Bedarfsermittlung (inkl. Ressourcen- bzw. Unterstützungsplanung)[11]
  • Lebensplanung / messbare Zielplanung[11]

Gemeinsame Sprache im multidisziplinären Team

Ohne ICF:
Arzt sagt: „Epileptische Anfälle verhindern!“
Betreuerin sagt: „Selbständig einkaufen gehen trainieren!“
Betroffene sagt: „Mehr soziale Kontakte!“

Mit ICF:
Gemeinsames Ziel: „Betroffene kann in 3 Monaten gemeinsam mit mind. 1 WG-Kollegin selbständig einkaufen gehen.“
Arzt trägt bei: epileptische Anfälle verhindern
Betreuerin trägt bei: Einkaufen gehen trainieren
Betroffene trägt bei: sich trauen, andere anzusprechen

Bedarfsermittlung (inkl. Ressourcen- bzw. Unterstützungsplanung)

„The ICF model and classification can support eligibility assessment, service planning, and system-based data generated by administrative processes. In particular, the focus on environmental factors makes it possible to articulate clearly whether the needs of the individual require environmental changes or the provision of personal support.“

World Health Organization, How to use the ICF[11]

Lebensplanung / messbare Zielplanung

„ICF can provide a basis for goal-setting through supporting integration of assessment information from diverse sources, settings and perspectives.“

World Health Organization, How to use the ICF[11]

Für welche Berufsgruppen eignet sich die Arbeit mit der ICF?

Die ICF ist ein interprofessionelles Klassifikationsinstrument. An der ICF arbeiten Sozialbetreuerinnen, Sozialpädagoginnen, Ärztinnen, Therapeutinnen und DGKPs im multidisziplinären Team zusammen[12]. Es ist ein Instrument, das unter anderem in Wohngruppen[13], Tagesstätten[14], Rehabilitationseinrichtungen[15], sozialpsychiatrischen Einrichtungen[16] und Schulen[17] angeboten werden kann.

„For communication among physicians, nurses, physiotherapists, occupational therapists and other health works, social service works and community agencies.“

Towards a Common Language for Functioning, Disability and Health ICF, WHO[12]

Die Praxis: Wie wird mit der ICF gearbeitet?

1. Die ICF besteht aus 4 Komponenten

  1. Klassifikation der Körperfunktionen (Komponente b)
  2. Klassifikation der Körperstrukturen (Komponente s)
  3. Klassifikation der Aktivitäten und Partizipation (Komponente d)
  4. Klassifikation der Umweltfaktoren (Komponente e)

2. Jede Komponente besteht aus mindestens 2 und maximal 4 Ebenen (bei den Komponenten d und e gibt es maximal 3 Ebenen)

  • Komponente b – „Körperfunktionen“
    1. Ebene: b2 – Sinnesfunktionen und Schmerz
    2. Ebene: b210 – Funktionen des Sehens
    3. Ebene: b2102 – Qualität des Sehvermögens
    4. Ebene: b21022 – Kontrastempfindung

3. Jede Komponente besteht aus mehreren Kapiteln

  • Komponente „Aktivitäten und Partizipation“ besteht aus 9 Kapiteln:
    1. Kapitel d1: Lernen und Wissensanwendung
    2. Kapitel d2: Allgemeine Aufgaben und Anforderungen
    3. Kapitel d3: Kommunikation
    4. Kapitel d4: Mobilität
    5. Kapitel d5: Selbstversorgung
    6. Kapitel d6: Häusliches Leben
    7. Kapitel d7: Interpersonelle Interaktionen und Beziehungen
    8. Kapitel d8: Bedeutende Lebensbereiche
    9. Kapitel d9: Gemeinschafts-, soziales und staatsbürgerliches Leben

4. Jedes Kapitel besteht aus mehreren Kategorien:

  • Komponente „Aktivitäten und Partizipation“
    • Kapitel Lernen und Wissensanwendung besteht aus 5 Kategorien:
      1. Kategorie: d199 – Lernen und Wissen anwenden, nicht näher bezeichnet
      2. Kategorie: d110-d129 – Bewusste sinnliche Wahrnehmungen
      3. Kategorie: d130-d159 – Elementares Lernen
      4. Kategorie: d160-d179 – Wissensanwendung
      5. Kategorie: d198 Lernen und Wissen anwenden, anders bezeichnet

Die Aktivitäten- und Partizipations-Kodierung

In der ICF beschreiben Leistung und Leistungsfähigkeit zwei unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Aktivität.

Leistung: tatsächliche Durchführung im Alltag

Damit wird beurteilt, wie die Person eine Aktivität in ihrer gegenwärtigen realen Lebensumwelt tatsächlich ausführt. Alle vorhandenen Umweltfaktoren wirken mit – z.B. Unterstützung durch andere Menschen, Hilfsmittel oder bauliche Unterstützung.

Leistungsfähigkeit: die Fähigkeit, allein betrachtet

Damit wird beurteilt, was die Person grundsätzlich leisten kann, wenn die Einflüsse ihrer konkreten Umwelt möglichst ausgeblendet oder standardisiert werden. Es geht also darum, welches Leistungsniveau die Person bei einer bestimmten Aufgabe grundsätzlich erreichen kann.

Leistung = Person + Umwelt
Leistungsfähigkeit = Person

Die Differenz zwischen den beiden Sichtweisen ist für die ICF wichtig, weil damit sichtbar wird, welchen Einfluss die Umwelt auf die Teilhabe einer Person hat. Wenn Leistung und Leistungsfähigkeit stark voneinander abweichen, kann man daran erkennen, ob Umweltfaktoren fördernd oder hindernd wirken.

Ein Beispiel: d450 Gehen
Eine Klientin ist körperlich in der Lage, 100 Meter zu gehen. Ihre Leistungsfähigkeit wäre entsprechend relativ gut. Im Alltag wohnt sie aber in einem Gebäude mit vielen Stufen, ohne Geländer und ohne Aufzug. Dadurch kann sie sich dort kaum selbstständig bewegen. Ihre Leistung ist daher deutlich schlechter. Die Lösung des Problems wäre z.B. ein Aufzug oder ein Treppenlift.

Umgekehrt kann es auch sein:
Eine Person kann aufgrund einer starken Gehbeeinträchtigung nicht selbstständig gehen. Ihre Leistungsfähigkeit ist stark eingeschränkt. Sie verwendet aber einen elektrischen Rollstuhl und kann sich damit im Alltag selbstständig fortbewegen. Dann ist ihre tatsächliche Leistung im Bereich Mobilität durch die unterstützende Umwelt deutlich besser als ihre körperliche Leistungsfähigkeit ohne diese Unterstützung.

Bei der Leistung wird berücksichtigt, wie eine Person eine Aktivität in ihrer tatsächlichen Umwelt mit den dort vorhandenen Unterstützungen und Barrieren ausführt. Bei der Leistungsfähigkeit wird beurteilt, was die Person unter möglichst standardisierten Bedingungen und ohne besondere Unterstützung leisten kann.

Ein sehr deutliches Beispiel: d110 – Zuschauen
Eine Person kann normal sehen und beobachten. Bei einer standardisierten Situation wird ihr eine Handlung gut sichtbar gezeigt und sie kann problemlos zuschauen. → Leistungsfähigkeit: 0 – keine Beeinträchtigung. In ihrer tatsächlichen Umgebung werden relevante Handlungen aber immer außerhalb ihres Sichtfeldes gezeigt, sie sitzt hinter einer Trennwand, die räumliche Situation verhindert vollständig, dass sie überhaupt sehen kann, was geschieht. Obwohl sie grundsätzlich zuschauen könnte, kann sie es dort faktisch nicht tun. → Leistung: 4 – vollständige Beeinträchtigung.

Dieses Beispiel zeigt, wozu die ICF die beiden Werte trennt: Die Person kann es – aber ihre Umwelt verhindert vollständig, dass sie es tatsächlich tun kann.

Eine so extreme Differenz von „0 = keine Beeinträchtigung“ bei Leistungsfähigkeit zu „4 = vollständige Beeinträchtigung“ bei Leistung wäre allerdings ein sehr ausgeprägter Fall. Dann müsste man sehr genau prüfen, welcher Umweltfaktor diese massive Einschränkung verursacht.

Eine Schulsituation, die zeigt, was die ICF kann: d330 – Sprechen
Die ICF-Klassifikation, die von den Eltern vorgenommen wird: Ein Kind spricht zu Hause frei, flüssig und ohne erkennbare Beeinträchtigung. Die Leistung wird bewertet mit: 0 – keine Beeinträchtigung. In der Schule spricht sie jedoch kaum, bricht Sätze ab oder vermeidet das Sprechen ganz. Die Leistungsfähigkeit in diesem konkreten Umfeld ist deutlich beeinträchtigt, obwohl sie grundsätzlich sprechen kann.

Die ICF-Klassifikation, die von der Schule vorgenommen wird: Das Kind wird in der Schule als sprachbehindert wahrgenommen. Die Pädagogin vergibt bei Leistung eine 3 – erhebliche Beeinträchtigung.

Dann besucht die Schulassistenz die Familie und stellt fest: In diesem Setting spricht das Kind frei, flüssig und ohne erkennbare Beeinträchtigung. Die Schulassistenz bewertet die Leistung mit: 0 – keine Beeinträchtigung.

Arbeitsauftrag 1:
Sie sind Schulassistenz und beobachten bei einem Kind neu auftretendes aggressives Verhalten in der Schule. Ihnen fällt auf, dass es unkonzentriert ist. Im Laufe der nächsten Tage müssen Sie den Jungen an alle Arbeitsschritte einzeln erinnern. Oft kann es Ihrer Anleitung nicht folgen. Es kommt Ihnen so vor, als höre das Kind nicht aufmerksam zu. Dann besuchen Sie dasselbe Kind zu Hause. Dort beobachten Sie, dass es ruhig arbeiten, längere Zeit bei der Sache bleiben und Aufgaben selbstständig erledigen kann. Falls Sie doch etwas erklären müssen, kann Ihnen das Kind gut folgen. Von Aggressivität ist zu Hause keine Spur. Im Einzelgespräch verhält sich das Kind ruhig und hört aufmerksam zu.

Beschreiben Sie Ihre Beobachtungen anhand der ICF-Klassifikation und überlegen Sie, welche fiktiven Umweltfaktoren das unterschiedliche Verhalten des Kindes in der Schule und zu Hause erklären könnten.

Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

Die Umwelt-Kodierung

Beispiel:
Bleiben wir bei dem Beispiel mit dem gemobbten Kind. Im nächsten Schritt erfolgt die Umwelt-Kodierung (e). Nachdem die Schulassistenz festgestellt hat, dass das Kind zu Hause frei und flüssig spricht, in der Schule jedoch kaum ein Wort herausbringt, begibt sie sich auf die Suche nach den Umweltfaktoren. Dabei stellt sich heraus, dass das Kind in der Schule von Mitschülerinnen und Mitschülern gemobbt, eingeschüchtert und abgewertet wird.

Die ICF ermöglicht nun, diese negativen Umwelteinflüsse als Barrieren und unterstützende Einflüsse als Förderfaktoren zu kodieren. Sie werden dabei auf einer Skala von 0 bis 4 bewertet. Ein Punkt (.) kennzeichnet eine Barriere, ein Pluszeichen (+) einen Förderfaktor.

e425 – Individuelle Einstellungen von Bekannten, Seinesgleichen (Peers), Kollegen, Nachbarn und anderen Gemeindemitgliedern: .3 – erheblich ausgeprägte Barriere
Die Mitschülerinnen werten das Kind ab, schüchtern es ein und mobben es. Diese negativen Einstellungen stellen eine erhebliche Barriere für das Sprechen in der Schule dar.

e310 – Engster Familienkreis: +3 = erheblich ausgeprägter Förderfaktor
Die Eltern unterstützen ihr Kind und beteiligen sich aktiv an der Ursachenforschung. 

e340 – Persönliche Hilfs- und Pflegepersonen: +2 = mäßig ausgeprägter Förderfaktor
Die Schulassistenz unterstützt das Kind beziehungsweise die Familie bei der Klärung der unterschiedlichen Sprechleistungen. 

Zusammenführung der beispielhaften ICF-Kodierungen

ICF-CodeBeobachtungBewertung
d330.0Sprechen zu HauseKeine Beeinträchtigung der Leistung
d330.3Sprechen in der SchuleErhebliche Beeinträchtigung der Leistung
e425.3Mobbing und Abwertung durch MitschülerErhebliche Barriere
e310+3Unterstützung durch die ElternErheblicher Förderfaktor
e340+2Unterstützung durch die SchulassistenzMäßiger Förderfaktor

Was zeigt die Umweltkodierung?

Die Gegenüberstellung zeigt, dass das Kind grundsätzlich sprechen kann, seine Sprechleistung jedoch vom jeweiligen Umfeld beeinflusst wird. Die ICF macht damit sichtbar, dass die erhebliche Einschränkung der Sprechleistung nicht auf eine Sprachbehinderung zurückzuführen ist, sondern im Zusammenhang mit Barrieren der sozialen Umwelt steht. Die daraus folgende Frage lautet nicht nur, welche Unterstützung das Kind beim Sprechen benötigt, sondern auch, welche Umweltbarrieren beseitigt werden müssen, damit es seine vorhandenen Fähigkeiten in der Schule einsetzen kann.

Die nächste Frage, die sich Fachpersonen dann stellen müssen, ist: Was ist in diesen unterschiedlichen Umwelten jeweils anders? Welche Personen wirken fördernd, welche wirken als Barriere?

Arbeitsauftrag 2:
Diese Aufgabe dient ausschließlich Ihrem Selbststudium. Denken Sie an ein persönliches Problem und beschreiben Sie Ihre eigene Situation anhand der ICF-Kriterien. Berücksichtigen Sie dabei sowohl die Komponente „Aktivitäten und Partizipation“ als auch die „Umweltfaktoren“.

Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

🔗 Tipp für Lehrerinnen: Die Universität Erfurt stellt eine kostenlose Lernplattform zum WHO-Standard ICF zur Verfügung: https://icf-lernen.de 🔗

Personenzentrierte Lebensplanung auf Basis der ICF

Die ICF ist ein Kodierungssystem und keine eigenständige Methode der personenzentrierten Lebensplanung. Sie kann jedoch als Grundlage zur Umsetzung einer personenzentrierten Lebensplanung genutzt werden.[11]

Umsetzung in vier Schritten

  1. Erfassung der Lebenssituation
  2. Ermittlung des Unterstützungsbedarfs
  3. Entwicklung von Teilhabezielen
  4. Evaluation

Erfassung der Lebenssituation

Die individuelle Lebenssituation der Klientin wird mithilfe der ICF systematisch erfasst. Durch den Vergleich von Leistung und Leistungsfähigkeit können Umwelteinflüsse erkannt werden.

Ermittlung des Unterstützungsbedarfs

Mittels ICF können vorhandene Ressourcen und der individuelle Unterstützungsbedarf festgestellt werden. Mögliche Ansatzpunkte sind beispielsweise die Förderung bestimmter Fertigkeiten, Assistenzleistungen, die Bereitstellung von Hilfsmitteln, die Veränderung von Umweltbedingungen oder die Unterstützung beim Zugang zu gesellschaftlichen Angeboten.

Entwicklung von Teilhabezielen

Am Anfang der personenzentrierten Lebensplanung stehen die Wünsche, Interessen und Zukunftsvorstellungen des betroffenen Menschen. Dabei geht es beispielsweise darum, wie die Person künftig wohnen, arbeiten, lernen, ihre Freizeit gestalten oder ihre sozialen Beziehungen leben möchte[20]. Die gewonnenen Erkenntnisse aus der ICF können helfen, diese Vorstellungen den entsprechenden Lebensbereichen zuzuordnen, um gemeinsam mit der betroffenen Person individuelle Teilhabeziele zu entwickeln und deren Umsetzung zu planen. Die Auswahl der Maßnahmen ergibt sich allerdings nicht automatisch aus den vergebenen ICF-Kodes. Im Vordergrund stehen die Wünsche der betroffenen Person.

🔗 Beispiel: MIT – Modularisierte ICF-basierte Teilhabeplanung in den Segeberger Wohn- und Werkstätten 🔗

Evaluation

Die ICF kann als Evaluationsinstrument der personenzentrierten Lebensplanung herangezogen werden. Die Entwicklung der individuellen Lebenssituation sowie die Erreichung der vereinbarten Teilhabeziele lassen sich damit systematisch überprüfen. Hierzu wird die Ausgangssituation mit einer späteren Einschätzung verglichen und Veränderungen analysiert. Die Überprüfung sollte sich nicht ausschließlich auf Zahlenwerte beschränken. Entscheidend ist, ob die angestrebte Lebenssituation aus Sicht der Klientin tatsächlich erreicht wurde beziehungsweise ob Fortschritte in die gewünschte Richtung stattgefunden haben.

Ethische Leitlinien der ICF

„Jedes wissenschaftliche Werkzeug kann falsch gebraucht oder missbraucht werden. Es wäre naiv zu glauben, ein Klassifikationssystem wie die ICF könnte nie in einer Weise verwendet werden, die für Menschen verletzend oder schädlich ist.“

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte[19]

  1. Keine Abwertung: der Wert der Person soll geschätzt werden
  2. Keine Etikettierungen: ein Mensch darf nicht mittels ICF identifiziert werden, Individuen mit gleicher ICF-Klassifizierung unterscheiden sich dennoch in vielerlei Hinsicht voneinander
  3. Datenschutz: die kodierten Informationen stellen besonders schützenswerte personenbezogene Daten dar
  4. Keine Kodierung ohne Mitwirken der betroffenen Person: die betroffene Person soll die Gelegenheit erhalten, die Beurteilung zu bestätigen oder zu hinterfragen
  5. Keine Kodierung ohne offizielles Ziel: die ICF soll dafür eingesetzt werden, die Teilhabe der betroffenen Person zu fördern
  6. Weiterverbreitung: ICF-Informationen sollten für Weiterentwicklung von Gesetzgebungen und politische Veränderungen eingesetzt werden, welche die Teilhabe von Individuen erhöhen
  7. Keine Kodierung zur Einschränkung von Rechten: die aus der ICF abgeleiteten Informationen sollten nicht dazu benutzt werden, Rechte zum Nutzen anderer Individuen oder Gruppen einzuschränken
  8. Keine Annahme von Homogenität: Gesetze und Regelungen, die sich auf die ICF beziehen, sollten keine größere Homogenität annehmen
  9. Ressourcen in den Vordergrund stellen: Die ICF wurde nicht dafür entwickelt, um die Defizite zu klassifizieren
  10. Vertraulichkeit: Die im Rahmen der ICF-Klassifikation erhobenen Informationen sind vertraulich zu behandeln und vor dem Zugriff unbefugter Personen zu schützen

aus: How to use the ICF – Ethical guidelines for the use of ICF[11]

Quellen:
[1] Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, Version 2005, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
[2] Sozialgesetzbuch Neuntes Buch – Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen – (Artikel 1 des Gesetzes v. 23. Dezember 2016, BGBl. I S. 3234) (Neuntes Buch Sozialgesetzbuch – SGB IX), § 118 Instrumente der Bedarfsermittlung, gesetze-im-internet.de
[3] ICF-Handbuch Kärnten, Diakonie Akademie de LaTour
[4] Bedarfsplanung von Einrichtungen für Menschen mit intellektueller Behinderung in Niederösterreich, noe.gv.at
[5] StBHG Leistungs- und Entgeltverordnung, Anlage 4, „Grad der Beeinträchtigung und Pflege- und Betreuungszuschlag“, ris.bka.gv.at
[6] StBHG Leistungs- und Entgeltverordnung, Anlage 4B, „Beiblatt für den Assessmentbogen/Erhebung des Grades der Beeinträchtigung“, verwaltung.steiermark.at
[7] ICF & GEMEINSAME SPRACHE, assist4you.at
[8] ICF angepasste Entwicklungsdokumentation nach Vorgaben der Bildungsdirektion Niederösterreich, icf-plan.eu
[9] Verordnung der Oö. Landesregierung, mit der das Chancengleichheitsprogramm für die Hauptleistung Frühförderung gemäß § 10 Oö. ChG erlassen wird, ris.bka.gv.at
[10| Ziele der ICF, ICF Version 2005, klassifikationen.bfarm.de
[11] How to use the ICF, who.int
[12] Towards a Common Language for Functioning, Disability and Health ICF, WHO
[13] Wohnhaus Wernberg, Weitere Angebote
[14] Tagesstätte Wernberg, Weitere Angebote
[15] BBRZ MED, Zentrum für seelische Gesundheit, Phase II – Rehabilitation – Behandlung
[17] ICF Plan, InfoPro – DI Wilhelm Stadler (im Auftrag des Projekt-Konsortiums „Common Inclusive Language“)
[18] Betreuungsdetails nach ICF, Konzept pro mente Burgenland, Betreuungsdetails nach ICF
[19] Anhang 6: Ethische Leitlinien zur Verwendung der ICF, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
[20] Sabine Kraxberger, ICF-basierte Zielvereinbarung mit Menschen mit Beeinträchtigungen, wissenschaftliche Fachzeitschrift R&E-SOURCE – Open Online Journal for Research and Education der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich


Bild: ©pixabay, @Vilkasss

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