Oder: Wie sich die Psychiatrie der Vererbungslehre verschrieb
Erstellt am: 27.10.2026
Aktualisiert am: –
Fachbeitrag / Sozialpsychiatrie: Mit dem Aufkommen der akademischen Psychiatrie im Zuge der Ersten Industriellen Revolution wurden die ursprünglich sozialen Erklärungsansätze für psychische Erkrankungen nach und nach verdrängt. Dies ist die Quintessenz der hier zusammengefassten Studie. Was nach der Beschäftigung mit der Studie bleibt, ist die Frage: Ist die Psychiatrie im Grunde Eugenik?
Bevor sich die akademische Psychiatrie etablierte, war das Verständnis psychischer Erkrankungen klar von sozialen Zusammenhängen geprägt. Es war eine allgemein akzeptierte Tatsache, dass Armut, Trauer, Gewalt und soziale Ausgrenzung zur Entstehung psychischer Erkrankungen beitragen können. Die psychiatrischen Anstalten Großbritanniens Mitte des 19. Jahrhunderts arbeiteten mit genau diesen Ursachen. Doch je stärker die Psychiatrie in den Vordergrund rückte, desto weiter rückten die sozialen Ursachen psychischer Erkrankungen in den Hintergrund.
Zu diesem Ergebnis kommen die Psychologinnen Fritz Handerer, Peter Kinderman und Sara J. Tai gemeinsam mit dem Medizin- und Wissenschaftshistoriker Carsten Timmermann. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen wurden am 3. November 2020 in der Fachzeitschrift History of Psychiatry unter dem Titel „How did mental health become so biomedical?“[1] veröffentlicht.
Kein Zuwachs an Wissen, vielmehr zunehmende Machtinteressen
Die Forscherinnen untersuchten die historischen Aufnahmeregister des Rainhill Asylums, einer psychiatrischen Anstalt in Großbritannien, und verglichen diese mit der heutigen psychiatrischen Dokumentationspraxis. Dabei stellten sie fest, dass soziale Erklärungsansätze für die Entstehung psychischer Gesundheitsprobleme zunehmend an Bedeutung verloren, während biomedizinische Erklärungsmodelle immer stärker in den Vordergrund rückten. Am Ende ihrer Untersuchungen waren sie zu der Auffassung gelangt, dass sich das Verständnis psychischer Erkrankungen unter dem Einfluss beruflicher, wirtschaftlicher und politischer Interessen verändert hatte – und dass dieser Wandel weniger durch einen Zuwachs an Wissen als vielmehr durch zunehmende Machtinteressen vorangetrieben wurde.
Das Rainhill Asylum wurde im Jahr 1851, zu Beginn der Ersten Industriellen Revolution, in Rainhill, Merseyside, eröffnet. Den Aufnahmeregistern dieser Zeit ist zu entnehmen, dass psychische Erkrankungen in erster Linie auf die sozialen Lebensumstände der Betroffenen zurückgeführt wurden. Die in den Registern angeführten Ursachen spiegelten die sozialen Lebensumstände der Patientinnen wider.
Das Verständnis psychischer Gesundheitsprobleme beruhte zu dieser Zeit noch auf allgemein verständlichen Vorstellungen. Vergleichbare Patientenregister der Berliner Charité aus den 1830er-Jahren zeigen, dass dieses Verständnis auch andernorts verbreitet war. In wissenschaftlichen Fachartikeln jener Zeit spiegelte sich diese Schwerpunktsetzung ebenfalls wider: Im Mittelpunkt der Betrachtungen standen vor allem psychosoziale Zusammenhänge. Der Assistenzarzt John Hawkes erklärte beispielsweise in einem Artikel, dass unzureichende Ernährung und der Verlust des Arbeitsplatzes zu den häufigsten Ursachen psychischer Erkrankungen unter armen Menschen gehörten.
Ab 1870: Der Aufstieg der Statistik
Ab den 1870er-Jahren nahm die Kontrolle psychiatrischer Einrichtungen kontinuierlich zu, und damit auch der Umfang der Jahresberichte: Während der Bericht im Jahr 1851 lediglich 41 Seiten umfasste, war er bis Ende der 1870er-Jahre auf 443 Seiten angewachsen. Diese Entwicklung fiel mit dem Aufschwung eines statistischen Ansatzes zum Verständnis von Krankheiten zusammen, der von den Autoritäten als Lösung für die Frage der Geisteskrankheit in ihren verschiedenen Aspekten beschrieben wurde.
Mit dem zunehmenden Einfluss statistischer Ansätze veränderte sich die Art und Weise, wie psychische Erkrankungen in den Aufnahmeregistern dokumentiert wurden. Da frei formulierte Einträge für die Statistik ein Problem darstellten, wurden die Erklärungen für psychische Erkrankungen zu abstrakten Kategorien zusammengefasst. So konnte aus der konkreten Ursache „Sah, wie der Leichnam eines Kindes aus dem Brunnen gezogen wurde, und erkannte, dass es sich um ihr eigenes Kind handelte“ die abstrakte Kategorie „widrige Lebensumstände“ werden. Dennoch war man in den Anstalten zu dieser Zeit weiterhin bemüht, die Ursachen psychischer Erkrankungen durch die neu geschaffenen Kategorien möglichst differenziert zu dokumentieren.
1906: Das Erstarken der Vererbungslehre
Durch gezielte Lobbyarbeit gelang es der Ärzteschaft, eine weitere Änderung des Aufnahmeregisters durchzusetzen. Dieses Mal wurde das Aufnahmeregister in zwei separate Bereiche aufgeteilt: einen zivilen und einen medizinischen. Aus den ehemals frei formulierten Aufzeichnungen über die vermuteten Ursachen wurden 53 ätiologische Codes. Ab diesem Zeitpunkt war es für medizinische Laien nicht mehr möglich, die Einträge zu verstehen. Durch die Einführung dieser Codes und die Verwendung einer spezialisierten Fachsprache festigten Psychiater*1) ihre Deutungshoheit. Das Zeitalter der Vererbungslehre war angebrochen.
Was angeblich die statistische Auswertung ein weiteres Mal erleichtern sollte, führte dazu, dass soziale Faktoren weiter an Bedeutung verloren. Die individuellen Erfahrungen der Patientinnen verschwanden nahezu vollständig aus den Aufnahmeregistern. Ausgebaut hingegen wurden die Kodierungen zu biologischen Faktoren, zu denen „Vererbung“, „toxische Einflüsse“, „Erkrankungen des Nervensystems“ und „sonstige körperliche Leiden“ zählten. Aus den Statistiken konnte eine starke Betonung der Vererbungslehre herausgelesen werden. „Erbliche Geisteskrankheit“ entwickelte sich zur am häufigsten kodierten Ursache.
1907: Der Siegeszug der Eugenik
Im Jahr 1907 wurde die Eugenics Education Society gegründet, deren Präsident ein Cousin von Charles Darwin war: Sir Francis Galton betrachtete psychische Erkrankungen als rein biologisch vererbbare Phänotypen. Sein Ansatz legte das Fundament für die psychiatrische Genetik, die soziale und biographische Faktoren völlig ausblendete.
„Es muss wie eine neue Religion im nationalen Bewusstsein verankert werden.“
Francis Galton[2]
Zur gleichen Zeit wurde damit begonnen, mit Fotografien zu arbeiten. Die Idee dahinter war, Geisteskrankheiten anhand des Aussehens zu erkennen. Galton setzte gezielt Bildmaterial ein, um biologische Phänotypen visuell sichtbar zu machen. Die Eugenik zog in die Köpfe der Psychiaterinnen – und damit in die Psychiatrien – ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden den Aufnahmeregistern Fotografien hinzugefügt.
Eine königliche Kommission wurde eingesetzt, um sich mit der unter Eugenikern verbreiteten Befürchtung auseinanderzusetzen, dass sich „Schwachsinnige“ schneller fortpflanzen könnten als die gesunde Arbeiterbevölkerung. Galton setzte sich für die lebenslange institutionelle Festhaltung und die Zwangssterilisation ein[3].
„In der Sterilisation der Versager und nicht in der Auswahl der Erfolgreichen zur Fortpflanzung liegt die Möglichkeit einer Verbesserung des menschlichen Bestandes.“
Dr. Robert Hutchison[2]
Der königlichen Kommission gehörten mehrere Mitglieder der Eugenics Education Society an. Auch der Vorsitzende der Kommission war Eugeniker. In dem Bericht „On the Care and Control of the Feeble-Minded“[3] sprach sich die Kommission zwar gegen die Zwangssterilisation aus, doch bedeutete dies keineswegs, dass ihre Arbeit nicht zutiefst von eugenischen Vorstellungen geprägt war. Vielmehr stimmte sie in ihrem Bericht den Spekulationen über die Vererbbarkeit geistiger Beeinträchtigungen zu und unterstützte die Behauptung, dass zwischen Beeinträchtigungen, Kriminalität, Armut und Alkoholismus ein genetischer Zusammenhang bestehe.
Die Kommission schlug eine Einteilung der Betroffenen in neun Kategorien vor:
- Persons of unsound mind – Personen mit psychischen Erkrankungen, die nach damaliger Auffassung nicht in der Lage waren, für sich selbst zu sorgen oder ihre Angelegenheiten zu regeln.
- Persons mentally infirm – Personen mit geistigen Beeinträchtigungen infolge hohen Alters oder eines Nachlassens ihrer geistigen Fähigkeiten.
- Idiots – „Idioten“: Personen mit schwerwiegenden, seit der Geburt oder der frühen Kindheit bestehenden geistigen Beeinträchtigungen, die sich nicht selbst vor alltäglichen Gefahren schützen konnten.
- Imbeciles – „Schwachsinnige“: Personen, die sich zwar vor alltäglichen Gefahren schützen konnten, aufgrund ihrer geistigen Beeinträchtigung jedoch als nicht fähig galten, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen.
- Feeble-minded persons – „geistig Minderbegabte“: Personen, die unter günstigen Bedingungen möglicherweise ihren Lebensunterhalt verdienen konnten, aber als nicht fähig galten, gleichberechtigt mit anderen zu konkurrieren oder ihre Angelegenheiten angemessen zu regeln.
- Moral imbeciles – „moralisch Schwachsinnige“: Personen, denen geistige Beeinträchtigungen in Verbindung mit ausgeprägten lasterhaften oder kriminellen Neigungen zugeschrieben wurden und bei denen Strafen angeblich kaum abschreckend wirkten.
- Epileptics – Beeinträchtigte Personen mit Epilepsie.
- Inebriates – Beeinträchtigte Personen mit Alkoholabhängigkeit.
- Deaf-and-dumb or blind persons – Gehörlose beziehungsweise damals als „taubstumm“ bezeichnete oder blinde Menschen, sofern sie zusätzlich als geistig beeinträchtigt eingestuft wurden.
1913: Das endgültige Verschwinden des sozialen Verständnisses
Nach dem Bericht der königlichen Kommission wurde im Parlament der Mental Deficiency Act von 1913 verabschiedet. Das neue Gesetz legte den Schwerpunkt auf erblichen und biologischen Determinismus und gab das von Galton geprägte eugenische Gedankengut wieder. Auf dieser Grundlage sollten die Fürsorge, Beaufsichtigung und Unterbringung der institutionalisierten Menschen reformiert werden. Von den neun im Bericht vorgeschlagenen Personengruppen wurden schließlich vier in das Gesetz übernommen:
- „Idioten“ (Idiots)
- „Schwachsinnige“ (Imbeciles)
- „geistig Minderbegabte“ (Feeble-minded persons)
- „moralisch Schwachsinnige“ (Moral Imbeciles)
Menschen, die einer dieser Personengruppen zugeordnet wurden, brachte man in Einrichtungen unter, in denen sie nach Geschlechtern getrennt wurden, um ihre Fortpflanzung zu verhindern.
Nach Verabschiedung des Mental Deficiency Acts veränderten sich die Aufnahmeregister des Rainhill Asylums abermals. Die Spalte im zivilen Teil des Registers, in der bislang noch immer die „vermutete Ursache“ dokumentiert wurde, wenn auch nur in kodierter Form, entfiel nun vollständig. Auch die Spalte, in die das „Alter beim ersten Auftreten der Anfälle“ eingetragen wurde, verschwand. An deren Stelle trat ein fragwürdiges Sammelsurium an Diagnosen, die nun im medizinischen Teil des Aufnahmeregisters ausführlich verzeichnet wurden. Die Verdrängung des psychosozialen Verständnisses von psychischer Erkrankung war abgeschlossen.
Mit dem Verschwinden des sozialen Verständnisses von psychischer Erkrankung verschwand auch das Konzept der psychosozialen Anstalt. Aus den ehemaligen Anstalten wurden „Krankenhäuser“, aus der Hilfe wurde eine „medizinische Behandlung“. Die Diagnose selbst wurde zur „Ursache“. Im Jahr 1950 wurde das Aufnahmeregister im Rainhill-Krankenhaus um die Angaben zur Blutchemie, zum Liquorwasser und zum Urin ergänzt. Der Fragenkatalog zur Auswertung von Zwillingsstudien wurde erweitert. Diese Studien waren aus eugenischer Sicht von besonderer Bedeutung, da sie die Vererbbarkeit psychischer Erkrankungen nachweisen sollten.
Im Jahr 1955 kam eine Untersuchung zu dem Schluss, dass die Erhebung der psychosozialen Faktoren den Rahmen einer Untersuchung auf Grundlage bestehender Krankenhausakten sprengen würde.
Hinweis: Dieser Artikel wurde im generischen Femininum verfasst. Sämtliche Personenbezeichnungen beziehen sich selbstverständlich auf alle Geschlechter gleichermaßen.
Fußnoten:
*1) Eine Beteiligung der damals tätigen Psychiaterinnen an der Verdrängung psychosozialer Ursachen aus den psychiatrischen Aufnahmeregistern ist bislang nicht belegt.
Quellen:
[1] How did mental health become so biomedical? / Fritz Handerer / Sage Journals
[2] Eugenics: Its Definition, Scope, and Aims / Galton, F. (1904) / American Journal of Sociology
[3] Segregation / Galton, F. (1909), S 79ff / in: The Problem of the Feeble-Minded: An Abstract of the Report of the Royal Commission on the Care and Control of the Feeble-Minded / Wellcome Collection
[4] The Problem of the Feeble-Minded: An Abstract of the Report of the Royal Commission on the Care and Control of the Feeble-Minded / Wellcome Collection
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