Unterrichtsfach: Behindertenarbeit
18.12.2025
Wahrnehmung
Jeder Mensch hat eine andere Wahrnehmung!
Jeder Mensch nimmt seine Umwelt auf individuelle Weise wahr, und diese Unterschiede sind Teil menschlicher Vielfalt. Im Autismusspektrum kann die Wahrnehmung besonders intensiv, reduziert oder anders organisiert sein, etwa in Bezug auf Geräusche, Licht, Berührungen oder soziale Reize. Diese besondere Art der Wahrnehmung beeinflusst Denken, Fühlen und Handeln und prägt, wie Menschen im Autismusspektrum ihre Umwelt verstehen und mit ihr interagieren.
Was ist eine Autismus-Spektrum-Störung?
Tiefgreifende Entwicklungsstörung.
Defizite bzw. Einschränkungen in:
- Soziale Interaktion
- Soziale Kommunikation
- Repetetive, restriktive Interessen und Verhaltensauffälligkeiten
Im Bereich der sozialen Interaktion zeigen sich Auffälligkeiten wie ein kaum ausgeprägtes „So-tun-als-ob“-Spiel. Stattdessen wird häufig mit einzelnen Teilen von Spielsachen gespielt, das Spiel ist repetitiv, und ein Symbol- oder Phantasiespiel fehlt weitgehend. Zudem fällt ein fehlender aufsuchender Blickkontakt auf, begleitet von reduzierter Gestik und Mimik. Reaktionen auf den eigenen Namen sind nicht oder nur eingeschränkt vorhanden, ein soziales Lächeln bleibt aus, und es besteht kaum Eigeninitiative, Wünsche oder Bedürfnisse mitzuteilen. Darüber hinaus zeigt sich kein triangulärer Blickkontakt: Die Zeigegeste wird weder aktiv eingesetzt noch als Kommunikationssignal erkannt.
Im Bereich der sozialen Kommunikation zeigen sich Verzögerungen in den sprachlichen Fertigkeiten. Die Lautäußerungen wirken dabei häufig schrill, eintönig und wenig moduliert. Darüber hinaus ist die Fähigkeit zur Imitation nur gering ausgeprägt oder fehlt weitgehend.
Im Bereich der repetitiven und restriktiven Interessen sowie der Verhaltensauffälligkeiten zeigen sich häufig ausgeprägte sensorische Besonderheiten im Sinne einer Hochsensibilität. Dazu gehören stereotype Bewegungen wie das Drehen von Gegenständen, Händeflattern oder wiederholtes Hüpfen.
Oft besteht ein intensives Interesse an Licht- und Wasserspielen sowie an glänzenden oder sich bewegenden Objekten. Viele Betroffene reagieren zudem mit einer ausgeprägten auditiven und/oder sensorischen Überempfindlichkeit auf Umweltreize.
Weitere Auffälligkeiten betreffen die Raum- und Körperwahrnehmung. Dazu zählen beispielsweise Zehenspitzengang, eine häufig ungeschickte oder ungebremste Motorik, eine eingeschränkte Gefahreneinschätzung sowie eine ausgeprägte Weglauftendenz. Mitunter besteht wenig oder kein Interesse am Toilettengang, häufig verbunden mit einem fehlenden Bewusstsein für Harn- und Stuhldrang. Darüber hinaus zeigt sich nicht selten ein sehr selektives Essverhalten mit stark eingeschränkter und einseitiger Ernährung.
Die Autismus-Diagnose
Kanner-Autismus
Leo Kanner lebte von 1896 bis 1981 und war Kinderarzt aus Österreich, der später nach Amerika auswanderte. Er gilt als einer der Begründer der Autismusforschung. Im Jahr 1943 veröffentlichte er das Werk „Autistische Störungen des affektiven Kontakts“, in dem er erstmals systematisch autistische Verhaltensweisen bei Kindern beschrieb und damit einen wichtigen Grundstein für das heutige Verständnis von Autismus legte.
Asperger-Autismus
Hans Asperger lebte von 1906 bis 1980 und war ein österreichischer Arzt. Er war Direktor der Universitätskinderklinik in Wien.
Im Jahr 1944 veröffentlichte er die Arbeit „Die autistischen Psychopathen im Kindesalter“, in der er Kinder mit besonderen sozialen, kommunikativen und kognitiven Merkmalen beschrieb. Seine Beobachtungen trugen wesentlich zur späteren Einordnung des Asperger-Syndroms innerhalb des Autismus-Spektrums bei.
Autismus-Diagnosen heute
In den aktuellen Diagnoseklassifikationen werden Autismus-Spektrum-Störungen in Level (Unterstützungsgrade) eingeteilt, nicht nach Syndromnamen unterschieden. Im Mittelpunkt steht dennoch nach wie vor der individuelle Unterstützungs- und Hilfebedarf eines Menschen, der je nach Ausprägung sehr unterschiedlich sein kann.
Im DSM-5 werden drei Level unterschieden, die sich am Ausmaß des Unterstützungsbedarfs orientieren:
Level 1 („Unterstützung erforderlich“, ehemals Asperger-Autismus),
Level 2 („erhebliche Unterstützung erforderlich“) und
Level 3 („sehr erhebliche Unterstützung erforderlich“).
Im deutschsprachigen Raum wird mit dem ICD-11 gearbeitet. Dort wird Autismus ebenfalls als Spektrum verstanden, wobei der Unterstützungsbedarf und zusätzliche Merkmale wie Sprachfähigkeit oder Intelligenz beschrieben werden, die Level werden weniger explizit benannt.
Ursachen von Autismus
Die Ursachen der Autismus-Spektrum-Störung sind bislang nicht eindeutig geklärt.
Autismus-Spektrum-Störung gilt heute als multifaktoriell (Gene + Umwelt + deren Zusammenspiel), und viele Arbeiten zeigen Zusammenhänge/Risikofaktoren, aber nicht automatisch eine eindeutige Ursache bei einem einzelnen Kind.
Autismus entsteht nicht durch falsche Erziehung!
Ein Auszug der Erklärungsversuche der letzten 5 Jahre aus dem Bereich der Biomedizin:
- Genveränderungen. In einer Arbeit aus den USA werden genetische Mutationen diskutiert (2025)[1].
- Pränatale Exposition gegenüber Valproat (Antiepileptikum). Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus Indien berichtet ein deutlich erhöhtes ASD-Risiko bei Schwangerschaftsexposition gegenüber Valproat (2025)[2].
- Diabetes der Mutter in der Schwangerschaft (präexistent oder Gestationsdiabetes). Eine große systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus China (202 Studien; insgesamt 56,1 Mio. Schwangerschaften) berichtet Assoziationen zwischen mütterlichem Diabetes und neurodevelopmentalen Outcomes, einschließlich ASD (2025)[3].
- Schilddrüsenfunktionsstörungen in der Schwangerschaft (z. B. Hypo-/Hyperthyreose). Eine Übersichtsarbeit aus den USA diskutiert mütterliche Schilddrüsendysfunktion in der Schwangerschaft als möglichen ätiologischen Faktor und fasst Forschungsprobleme und Evidenzlage zusammen (2024)[4].
- Mütterliche Infektionen oder Fieber während der Schwangerschaft. Eine Meta-Analyse aus den USA findet eine statistisch signifikante, aber moderate Assoziation zwischen pränataler mütterlicher Infektion/Fieber und ASD-Risiko beim Kind (2021)[5].
- Pränatale Exposition gegenüber Organophosphat-Pestiziden. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus Frankreich wertet Studien zu Organophosphat-Exposition in der Schwangerschaft und ASD-Risiko aus (2022)[6].
- Luftverschmutzung in Schwangerschaft/Frühkindheit (z. B. PM2.5, NO₂). Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus Thailand untersucht die Assoziation zwischen früher Luftschadstoff-Exposition und ASD (2024)[7].
- Höheres mütterliches und/oder väterliches Alter bei Geburt. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse aus dem Iran berichtet erhöhte ASD-Risiken bei höherem Elternalter (2024)[8].
- Frühgeburtlichkeit (Geburt vor 37. SSW) als Risikokontext. Eine systematische internationale Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse fasst populationsbasierte Studien zu ASD-Risikofaktoren bei Frühgeborenen zusammen und ordnet Frühgeburtlichkeit als relevanten Risikokontext ein (2025)[9].
Ein Auszug aus der Erklärungsversuche der letzten 5 Jahre aus den Bereich der Sozialpsychiatrie und Soziologie:
- Schulpolitische Anreizsysteme („educational rewards“) erhöhen ASD-Diagnosen, weil Diagnose/Label Zugang zu Vorteilen/Unterstützung beeinflusst. — USA (2022)[10].
- Professionelle Diskurse/Kategorien („female autism“) prägen, wer als autistisch erkennbar wird (und damit Diagnosen). — UK (2024)[11]
- TikTok-Misinformation/Content-Qualität beeinflusst, was als „Autismus“ verstanden wird und kann Selbstzuschreibungen anstoßen. — USA (2024)[12].
- Soziale Medien als Informations- und Community-Infrastruktur fördern Autismus-Selbstverständnis/Identitätsfindung (auch ohne formale Diagnose). — Norwegen (2024)[13].
- TikTok-inspirierte Selbstdiagnosen entstehen durch Kurzform-Erklärmuster/Peer-Validierung und wirken auf Bildungs-/Beratungssettings zurück. — UK (2024)[14].
Therapien bei Autismus
Autismus-Spektrum-Störungen sind nicht heilbar. Dennoch können verschiedene therapeutische Ansätze Menschen im Autismus-Spektrum dabei unterstützen, hilfreiche Strategien zu entwickeln, um den Alltag und das Leben in der Gesellschaft besser zu bewältigen. Dabei stehen insbesondere das Erkennen und Äußern eigener Bedürfnisse sowie der Aufbau von individuellen Strategien im Umgang mit Überforderung im Mittelpunkt.
Pseudoautismus oder „virtueller Autismus“
Der Begriff Pseudoautismus oder „virtueller Autismus“ beschreibt Entwicklungsauffälligkeiten, die auf äußere Einflussfaktoren zurückgeführt werden.
Es handelt sich dabei nicht um einen offiziellen Diagnosebegriff, sondern eine Alltags- oder Fachumgangsbezeichnung für autismusähnliche Auffälligkeiten, die durch andere Ursachen erklärbar sind und sich bei veränderten Bedingungen teilweise deutlich bessern können. Zum „Pseudoautismus“ wird in der Praxis alles gezählt, das Autismus ähnlich sieht, aber wahrscheinlicher etwas anderes dahintersteht, zum Beispiel:
- Frühe schwere Deprivation/Institutionalisierung: Wenn in den ersten Lebensjahren sehr wenig verlässliche Bindung und Anregung vorhanden war, können soziale und kommunikative Muster entstehen, die wie Autismus aussehen.
- Bindungsstörungen (RAD/DSED): Auffälligkeiten in Nähe-Distanz, Beziehungsgestaltung und Emotionsregulation können autismusähnlich wirken, haben aber typischerweise einen anderen Kern.
- Sprachentwicklungsstörung oder schwere Sprachverzögerung: Wenn Sprache stark verzögert ist, wirken Blickkontakt, soziale Reaktionen und Spiel oft eingeschränkt, obwohl das Grundproblem primär sprachlich ist.
- Sozial-kommunikative Störung (pragmatische Kommunikationsstörung): Es bestehen deutliche Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation, ohne die typischen repetitiven/restriktiven Muster im Ausmaß von Autismus.
- Hör- oder Sehbeeinträchtigung: Reaktionen auf den Namen, geteilte Aufmerksamkeit oder „kommunikative Signale“ können fehlen, weil Reize nicht zuverlässig ankommen oder anders verarbeitet werden.
- Globale Entwicklungsverzögerung/Intelligenzminderung: Entwicklungsstand und Kommunikationsniveau können so niedrig sein, dass autismusähnliche Verhaltensweisen auftreten, ohne dass ein Autismus-Kern vorliegt.
- Trauma, chronischer Stress oder instabile Bezugssysteme: Rückzug, „Abschalten“, Übererregung oder scheinbar „kontaktarmes“ Verhalten kann eher eine Stressreaktion sein.
- Angststörungen, Zwangssymptome oder starke Reizüberflutung: Vermeidung, Ritualisierung und Rückzug können Autismus imitieren, sind aber anders motiviert.
- Extrem wenig soziale Interaktion/Anregung im Alltag: Bei sehr geringer gemeinsamer Spiel-, Sprach- und Beziehungserfahrung können Entwicklungsverzögerungen entstehen, die wie Autismus wirken.
- Sehr früher, sehr hoher Bildschirmkonsum als Kontextfaktor: Er wird manchmal in Debatten unter „virtueller Autismus“ gefasst, wobei meist eher von fehlender sozialer Stimulation und Sprachlerngelegenheiten die Rede ist als von „Autismus durch Screens“.
Auch die sozialen Medien spielen bei Pseudoautismus eine Rolle. Auf TikTok werden sehr allgemeine Erfahrungen als „Autismus-Symptome“ verkauft. Viele davon sind völlig normal oder können ganz andere Ursachen haben.
Typische Beispiele für Pseudoautismus:
- „Ich mag keine Smalltalks“ oder „Ich bin gern allein“: Das passt oft eher zu Introversion, sozialer Angst, Depression oder Erschöpfung.
- „Ich brauche Ordnung / Routinen“: Das kann Stressbewältigung, Angst oder Zwangstendenzen sein und ist nicht automatisch Autismus.
- „Ich bin schnell überreizt“: Das kann auch bei ADHS, Angst, Trauma, Burnout, Migräne, Schlafmangel oder allgemeiner Hochsensibilität vorkommen.
- „Ich stimme, wippe, fummle“: Das kann Nervosität, Selbstberuhigung oder Gewohnheit sein.
- „Ich verstehe Menschen manchmal nicht“: Das kann mit Pragmatik der Sprache, Bindung/Trauma, sozialer Unsicherheit, Hörproblemen oder fehlender Übung zu tun haben.
Woran man Autismus eher erkennt (und was TikTok nicht sauber abbildet):
- Die Besonderheiten bestehen seit früher Kindheit.
- Sie zeigen sich in mehreren Lebensbereichen (z. B. Familie, Schule/Arbeit, Freizeit), nicht nur in einem Bereich oder einer Phase.
- Es geht um ein Muster aus sozial-kommunikativen Besonderheiten und repetitiven/restriktiven Mustern (z. B. starke Gleichförmigkeit, besondere Interessen, wiederkehrende Handlungen), oft plus sensorische Besonderheiten.
- Es entsteht ein relevanter Leidensdruck oder deutliche Einschränkung im Alltag, nicht nur „ich bin halt so“.
Selbstdiagnosen aus TikTok sind daher als nicht valide einzustufen.
Es gibt Studien, denen zufolge eine signifikant hohe Zahl an Jugendlichen nach einer Mental Health Awareness Intervention glauben, Autismus oder ADHS zu haben. In einer Studie zum Beispiel glaubten nach einer Mental Health Awareness Intervention 58% aller Jugendlichen, sie hätten ADHS. „Nur“ 28% glaubten dies vorher. Keine*r von ihnen erfüllte die offiziellen Kriterien[15].
Quellen:
[1] Noncoding de novo mutations in SCN2A are associated with autism spectrum disorders, National Library of Medicine, pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[2] Gestational Exposure to Valproate and Autism Spectrum Disorder or Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Offspring: Systematic Review and Meta-Analysis, National Library of Medicine, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[3] Association between maternal diabetes and neurodevelopmental outcomes in children: a systematic review and meta-analysis of 202 observational studies comprising 56·1 million pregnancies, National Library of Medicine, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[4] Maternal Thyroid Dysfunction During Pregnancy as an Etiologic Factor in Autism Spectrum Disorder: Challenges and Opportunities for Research, National Library of Medicine, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[5] Prenatal maternal infection and risk for autism in offspring: A meta-analysis, National Library of Medicine, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[6] Prenatal exposure to organophosphate pesticides and autism spectrum disorders in 11-year-old children in the French PELAGIE cohort, National Library of Medicine, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[7] Exploring the association between early-life air pollution exposure and autism spectrum disorders in children: A systematic review and meta-analysis, National Library of Medicine, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[8] A assessment of the effects of parental age on the development of autism in children: a systematic review and a meta-analysis, National Library of Medicine, pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[9] Risk Factors for Autism Spectrum Disorder in Individuals Born Preterm: A Systematic Review and Meta-Analysis of Population-Based Studies, National Library of Medicine, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[10] The impact of educational rewards on the diagnosis of autism spectrum disorder, sciencedirect.com
[11] Constructions of “female autism” in professional practices: A Foucauldian discourse analysis, journals.sagepub.com (akademischer Verlag)
[12] A cross-sectional analysis of TikTok autism spectrum disorder content quality, sciencedirect.com
[13] Social media shaping autism perception and identity, National Library of Medicine, pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[14] TikTok-inspired self-diagnosis and its implications for educational psychology practice, tandfonline.com
(wissenschaftlicher Verlag)
[15] ADHD Awareness Campaigns Lead to Huge Jump in False Self-Diagnoses, madinamerica.com
Weiterführende Literatur mit sozialpsychiatrischem Blick auf Autismus:
https://madindeutschland.org
https://www.madinamerica.com
* Der Stern weist darauf hin, dass die im Text erwähnte Person beim Lesen als männlich, weiblich oder divers verstanden werden kann.
Beitragsbild: ©pixabay.com, @salisburysupportforautism