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Die Schamanin von Dürrenberg: Inklusion als Selbstverständlichkeit

Ein Kommentar zur Geschichte der Inklusion


Erstellt am: 15.11.2025
Aktualisiert am: 29.06.2026

Kommentar: Inklusion ist kein Konzept, sondern ein Grundprinzip des Zusammenlebens. Das beweist der Fund der Schamanin von Dürrenberg. Die Frau hatte eine körperliche Besonderheit, die Menschen noch heute dazu bringen könnte, sie aus der Gesellschaft auszuschließen. In der steinzeitlichen Sippe von Dürrenberg geschah jedoch genau das Gegenteil: Sie blieb nicht nur Teil der Gemeinschaft, sondern nahm darin eine besondere Rolle ein.

Mittelsteinzeit in der heutigen Region Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt: eine Zeit, die in Mitteleuropa grob in den Zeitraum zwischen dem 9. und 6. Jahrtausend v. Chr. datiert wird. Rund um die Region von Bad Dürrenberg erstreckte sich damals ein weites Flusstal, durchzogen von Auenlandschaften und geprägt von Waldinseln, die sich zwischen Wasserläufen erhoben. Dort lebte eine kleine Sippe, in deren Mitte sich eine Frau mit besonderer Stellung befand.

Aus einem besonderen Kind wurde eine außergewöhnliche Frau

Die Schamanin von Dürrenberg

Die Schamanin – ich nenne sie Helyen und erkläre weiter unten im Text, warum – wurde in Bad Dürrenberg mit einer außergewöhnlich reichen Grabausstattung beigesetzt[12]. Zum Zeitpunkt ihres Todes dürfte sie zwischen 30 und 40 Jahre alt gewesen sein. Noch Jahrhunderte später wurden in der Nähe ihrer Grabstätte wertvolle rituelle Objekte niedergelegt[13]. Alles deutet darauf hin, dass man sich noch lange nach ihrem Tod an sie erinnerte.

In der Steinzeit waren Gemeinschaften auf Kooperation angewiesen, wenn sie überleben wollten. Jede Person, die eine für das Überleben der Gruppe wichtige Aufgabe übernehmen konnte, war ein selbstverständlicher Teil davon – auch dann, wenn sie eine Behinderung hatte. Ihnen wurden besondere, auf ihre Fähigkeiten zugeschnittene Rollen zugewiesen.

Es ging nicht nur um Stärke, sondern auch um gemeinschaftsstiftende Rollen

Das Überleben von Jäger- und Sammler-Gemeinschaften hing nicht allein von körperlicher „Leistungsfähigkeit“ ab, sondern ebenso von Wissen und Erfahrung. Helyen verkörperte vermutlich genau das – sie war die wissenstragende Figur der Sippe. Wie ihr Leben ausgesehen haben mag, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht gab sie Wissen über Tiere und Pflanzen weiter. Möglicherweise hatte sie auch eine führende Rolle inne, wenn es um die Orientierung in der Landschaft ging.

Das Hüten der Kinder, die Pflege von Verwundeten oder Kranken oder das Bewachen des Feuers könnten zu ihren Aufgaben gehört haben. Mit dieser Rolle hätte die Gruppe Helyen die große Verantwortung übertragen, den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Aus evolutionärer Sicht  war diese Verantwortung mindestens genauso wichtig wie der Jagderfolg; Zusammenhalt war eine Überlebensstrategie.

Behinderung als schicksalhafte Berufung

Die Behinderung von Helyen stellte dabei kein Hindernis dar. Und das, obwohl sie aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten tatsächlich „anders“ war als die anderen: Ihre Halswirbel und das Hinterhauptsloch am Schädel waren ungewöhnlich ausgebildet. Diese anatomische Variation könnte unter anderem – so wird spekuliert – unkontrollierte Augenbewegungen (Nystagmus) und unkoordinierte Bewegungen ausgelöst haben. Möglicherweise führte das bei Helyen auch dazu, dass bei bestimmten Kopfhaltungen, etwa beim Zurücklegen des Kopfes, Blutgefäße zeitweise abgedrückt wurden. Das wiederum könnte zu epileptischen Anfällen und tranceähnlichen Zuständen geführt haben.

Wenn dem so war, bedeutete dies für den Alltag von Helyen, dass sie Situationen mied, in denen ein plötzliches Wegtreten lebensgefährlich geworden wäre. Riskante Jagdmomente, Klettern, hastiges Springen über Totholz oder das Tragen schwerer Lasten über lange Strecken kamen für sie als Aufgaben nicht infrage. Daher ist es nur naheliegend, anzunehmen, dass sie Tätigkeiten übernahm, die im Lager möglich waren und trotzdem als unverzichtbar galten.

In der spirituellen Wirklichkeit, in der Helyen lebte, konnten tranceähnliche Zustände als Verbindung zur Unterwelt verstanden werden. Die Überreste Helyens erlauben die Annahme, dass Helyen eine Seherin, Heilerin oder Schamanin war: eine Vermittlerin zwischen den Welten, die rituelle Handlungen ausführte und in Trance Botschaften von den Ahnen, den Tieren oder den Bäumen erhielt. Ihre körperlichen Besonderheiten konnten innerhalb dieser Deutung als Bestätigung ihrer Autorität verstanden worden sein.

Helyen

ForscherInnen gehen davon aus, dass die frühesten Namen häufig aus Naturbegriffen und charakterlichen Eigenschaften abgeleitet wurden. Menschen der Steinzeit haben einander vermutlich Namen wie „die Wölfin“, „die Rothaarige“ oder „die Starke“ gegeben. Tatsächlich haben viele der ältesten bekannten Namen ursprünglich solche Bedeutungen: In frühen indoeuropäischen Sprachen waren einfache Personennamen oft Begriffe wie „die Bärin“ oder „der Große“.

Da wir über die Sprache der Schamanin von Bad Dürrenberg jedoch nichts wissen, kann man höchstens mit sprachlichen Annäherungen arbeiten. Eine solche Annäherung ist die rekonstruierte proto-indogermanische Wortform hel(y)-en-. Diese wird heute in der historischen Sprachwissenschaft als sehr alte Bezeichnung[7] aus dem Bedeutungsfeld „Hirsch/Elch“ beziehungsweise „großes Hirschwild“ diskutiert[6]. Zu dieser Wortassoziation passt auch der Fundkontext: Helyen trug einen Kopfschmuck aus Rehgeweih, zwei Masken aus Hirschgeweih waren weitere Grabbeigaben[4]. Das Rotwild könnte für sie eine ähnliche Bedeutung wie ein Seelentier gehabt haben.[5]

Fürsorge in prähistorischen Gemeinschaften ist gut belegt

Helyen ist kein Einzelfall. Mehrere Funde zeigen, dass Menschen mit Behinderungen in steinzeitlichen Gemeinschaften integriert waren und sogar ein hohes Lebensalter erreichen konnten. In der Forschung finden sich wiederholt gut belegte Beispiele dafür, dass Menschen mit schweren Verletzungen, chronischen Erkrankungen oder angeborenen Besonderheiten über lange Zeiträume hinweg überlebten:

1. Shanidar 1 (Shanidar-Höhle, Irak)

Der Neandertaler Shanidar 1 zeigte mehrere schwere, teils dauerhafte Einschränkungen. Dazu gehören Schädel- und Gesichtsverletzungen, ausgeprägte Veränderungen am Arm und an der Schulter sowie Gelenkverschleiß. Trotzdem erreichte er ein für Neandertaler relativ hohes Alter. In der Forschung wird dies als Hinweis gewertet, dass die Gruppe sein Überleben ermöglicht hat[9].

2. Dmanisi D3444/D3900 („Frühester Fund eines zahnlosen menschlichen Schädels“, Georgien, ca. 1,77 Mio. Jahre)

Dmanisi D3444/D3900 hatte bis auf einen Zahn alle Zähne verloren. Deutliche Umbauvorgänge am Kieferknochen weisen darauf hin, dass er noch mehrere Jahre ohne funktionstüchtiges Gebiss lebte und Nahrung vermutlich mithilfe seines Kiefers zerkleinerte[10]

3. Romito 2 (Süditalien, Spätpaläolithikum/Epigravettien, ca. 10.000+ Jahre alt)

Romito 2 ist ein Beispiel für stark ausgeprägten Kleinwuchs in der Steinzeit[11]. Er starb im späten Jugendalter und wurde bestattet, was zeigt, dass er einen sozialen Platz in der Gruppe hatte.

Bereits in frühen Gemeinschaften gab es Formen von Fürsorge und sozialer Einbindung. Manchmal konnten – wie im Fall der Schamanin von Bad Dürrenberg – gerade jene Merkmale, die als anders wahrgenommen wurden, mit einem besonderen Status verknüpft sein[1].

Bleibt noch die Frage, ab welchem Zeitpunkt Menschen mit Behinderungen zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Ob dieser Wandel bereits mit den ersten Hochkulturen und ihren strenger werdenden Normen begann, sich im Mittelalter durch religiöse Deutungen und soziale Stigmatisierung verfestigte oder erst mit der ersten industriellen Revolution einsetzte, als Produktivität, Taktung und „Leistungsfähigkeit“ zum Maßstab wurden, ist unbekannt.

Quellen:
[1] Calculated or caring? Neanderthal healthcare in social context, World Archeology, Whiterose Research Online, University of Leeds 
[2] The Ornaments of the Arma Veirana Early Mesolithic Infant Burial, PubMed; National Library of Medicine – USA, pmc.ncbi.nlm.nih.gov
[3] Where Did Our Names Come From? The Origins May Surprise You, Discover Magazine, discovermagazine.com
[4] Hirsch und Reh sind zwar zwei unterschiedliche Tierarten, gehören jedoch beide zur Familie der Hirsche. 
[5] Das Seelentier kommt in Ethnologie/Sozialanthropologie und Religionswissenschaft vor, wenn dort schamanische oder animistische Praktiken beschrieben werden.
[6] Weil die zugrundeliegende Wortfamilie für „Hirsch/Elch“ in mehreren weit auseinanderliegenden indogermanischen Zweigen reflektiert wird (z. B. in griechischen, armenischen, balto-slawischen und germanischen Formen), muss sie schon vor der großen geografischen Streuung Teil des gemeinsamen Wortschatzes gewesen sein.
[7] grob in einen Rahmen von ca. 5.500–8.000 Jahren vor heute datiert (je nach Modell), was ungefähr 3500–6000 v. Chr. entspricht
[8] Mittelsteinzeit/Mesolithikum (ca. 9.000-5.450 v. Chr.), Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, global.museum-digital.org
[9] Trauma among the Shanidar Neandertals, National Library of Medicine – USA, Pubmed,  pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[10] Anthropology: the earliest toothless hominin skull, National Library of Medicine – USA, Pubmed, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[11] Dwarfism in an adolescent from the Italian late Upper Palaeolithic, National Library of Medicine – USA, Pubmed, pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
[12] Bestattung von Bad Dürrenberg, Wikipedia
[13] Zwei Hirschgeweihmasken beim ältesten Grab Sachsen-Anhalts entdeckt, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, lda-lsa.de

Weiterführende Videos und Literatur zur Schamanin von Dürrenberg:
Filme zur Schamanin, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, mediathek.landesmuseum-vorgeschichte.de


Beitragsbild: KI
Bild 1: Von Sebastian Brant (1457–1521) – Scan einer Kopie des in Basel liegenden Orginals von 1499, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3052822