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Behindertenarbeit: Lebenswelt Wohnen

Aufbereiteter Lehrinhalt, Fach Behindertenarbeit


11.03.2026

Eine professionelle Begleitung im Wohnbereich fördert die Selbstbestimmung und die Entwicklung von Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag.

Wohnformen

In Ă–sterreich sind Wohnangebote fĂĽr Menschen mit Behinderungen Ländersache. Träger sind typischerweise gemeinnĂĽtzige oder kirchliche Träger wie Lebenshilfe, Caritas, Diakonie oder regionale Organisationen/Vereine/Stiftungen.

Betreute Wohnformen

• vollzeitbetreut
• teilzeitbetreut
• Wohngruppe
• Wohnheim

Weitere Träger neben den wohlbekannten:
Ă–HTB Wien (đź”— Externer Link)
Verein GIN Wien (đź”— Externer Link)
pro mente Burgenland (đź”— Externer Link)

Wohnassistenz

• individuelle Assistenz in der eigenen Wohnung (Alltagsorganisation, Behördenwege, HaushaltsfĂĽhrung,…)

FĂĽr Wohnassistenz bzw. Assistenz im eigenen Wohnraum sind die Bundesländer zuständig. Das Sozialministerium hält ausdrĂĽcklich fest, dass Persönliche Assistenz auĂźerhalb der Arbeitswelt Sache der Länder ist. Trägerorganisationen sind z.B. Lebenshilfe, Caritas, Diakonie oder andere regionale Anbieter. Sie erbringen die Leistung, während die Finanzierung ĂĽberwiegend ĂĽber das jeweilige Bundesland laufen. 

Weitere Träger, die Wohnassistenz anbieten:
Assist gemeinnĂĽtzige GmbH Wien (đź”— Externer Link)
Auftakt GmbH Wien (đź”— Externer Link)
KoMiT Wien, NĂ–, Szbg (đź”— Externer Link)

Wohntraining

• Übergangsform zum selbstständigen Wohnen
• Ziel: Alltagsfähigkeiten lernen (Kochen, Haushalt, Geldverwaltung)

Kurzzeitunterbringungen

• vorübergehende Betreuung (z. B. Entlastung von Angehörigen)
• Aufenthalt für einige Tage oder Wochen

Probewohnen

• zeitlich begrenztes Wohnen in einer Einrichtung
• dient dazu, eine passende Wohnform zu finden

Inklusive Wohnformen

• Menschen mit und ohne Behinderung leben gemeinsam
• Betreuung erfolgt bedarfsorientiert

Träger, Beispiele:
Steinbacherhof in Steinbach bei Ernstbrunn (NĂ–) (đź”— Externer Link)
Jugend am Werk / Inklusive Wohngemeinschaft Augarten, Wien (🎬 Video)
Jugend am Werk Steiermark â€“ in den ELER-Wohnhäusern (đź”— Externer Link)

Anforderungen an die BegleiterInnen im Wohnbereich

• Beständigkeit
• „Overprotection“ fĂĽhrt zu UnmĂĽndigkeit
• Weg von „Aufsichtspflicht- und Haftungsdenken“
• Das Chaos ertragen
• Den Lebensstil des anderen akzeptieren

Kontinuität

Je mehr Kontinuität desto mehr Lebensqualität. Das gilt vor allem auch für die Begleitperson.

Dieser Gedanke enthält mehrere Konzepte:
• Beziehungsgestaltung
• Bezugspersonensystem

„Overprotection“ fĂĽhrt zu UnmĂĽndigkeit

Overprotection stellt eine unprofessionelle Haltung dar. Übermäßige Fürsorge kann dazu führen, dass die/der KlientIn vorhandene Fähigkeiten nicht (oder nicht mehr) nutzt. Werden Aufgaben dauerhaft abgenommen, besteht die Gefahr, dass bestehende Kompetenzen verloren gehen. Ein solcher Fähigkeitsverlust infolge übermäßiger Betreuung ist als fachlicher Betreuungsfehler zu bewerten.

Hinter dieser Aussage stehen folgende Konzepte der Behindertenarbeit:
• Selbstbestimmung
• Empowerment
• Ressourcenorientierung / Stärkenfokussierung

Weg von „Aufsichtspflicht- und Haftungsdenken“

Betreuung darf nicht ausschlieĂźlich von der Angst vor Fehlern, Unfällen oder rechtlicher Verantwortung bestimmt sein. Wenn Betreuungspersonen versuchen, immer alle Risiken zu vermeiden, fĂĽhrt dies dazu, dass KlientInnen viele Dinge nicht selbst ausprobieren dĂĽrfen. Dadurch werden neue Erfahrungen verhindert. Dies schränkt die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Person ein.

Der richtige Ansatz in der professionellen Behindertenarbeit: Betreuungspersonen sollen zwar fĂĽr Sicherheit sorgen, gleichzeitig aber auch Lern- und Handlungsspielräume ermöglichen:

  • Risiken realistisch abwägen statt sie vollständig zu vermeiden
  • Verantwortung schrittweise ĂĽbertragen
  • Selbstständigkeit aktiv fördern

Hinter dieser Aussage stehen folgende Konzepte der Behindertenarbeit:
• Selbstbestimmung
• Empowerment
• Ressourcenorientierung / Stärkenfokussierung

Das Chaos ertragen

Betreuungspersonen mĂĽssen akzeptieren, dass Selbstständigkeit nicht sofort geordnet und perfekt verläuft. Wenn Menschen mit Behinderungen mehr Freiheit erhalten, entsteht oft zunächst „Chaos“: Diese Phase ist jedoch ein notwendiger Teil von Lernprozessen. Nur durch eigene Erfahrungen lernen Menschen:

  • Verantwortung zu ĂĽbernehmen
  • Entscheidungen zu treffen
  • mit Konsequenzen umzugehen

Greifen Betreuungspersonen zu frĂĽh korrigierend ein, verhindern sie diese Lernprozesse.

In der professionellen Behindertenarbeit bedeutet „Chaos ertragen“

  • Fehler zulassen
  • Dinge ausprobieren, die nicht sofort funktionieren
  • nicht sofort eingreifen
  • Entwicklung priorisieren
  • unkonventionelle Entscheidungen treffen
  • Aufgaben langsamer oder anders erledigen
  • die Haltung der BetreuerIn sollte sein: â€žDu kannst es!“

Dieses Konzept steht in enger Verbindung mit den fachlichen Ansätzen:
• Empowerment
• Selbstbestimmung

Den Lebensstil des anderen akzeptieren

Betreuungspersonen mĂĽssen respektieren, wie ein/e KlientIn leben möchte, auch wenn diese Lebensweise nicht den eigenen persönlichen Vorstellungen oder Werten entspricht. Dazu gehören beispielsweise:

  • individuelle Tagesrhythmen
  • Kleidung, Musik oder Freizeitinteressen
  • Essgewohnheiten
  • soziale Kontakte oder Partnerschaften
  • persönliche Ordnung oder Wohnstil

Professionelle BegleiterInnen dĂĽrfen ihre eigenen Werte, Geschmäcker oder Moralvorstellungen nicht zum MaĂźstab machen, solange keine Gefährdung fĂĽr die Person oder andere besteht.

Die Aufgabe der Fachperson besteht vielmehr darin,

  • die individuellen WĂĽnsche und Entscheidungen der Person ernst zu nehmen
  • sie bei der Umsetzung ihres eigenen Lebensstils zu unterstĂĽtzen
  • nicht normierend oder bevormundend einzugreifen

In der Behindertenarbeit steht diese Haltung in engem Zusammenhang mit diesen Konzepten:
• Selbstbestimmung
• Personenzentrierung
• Normalisierungsprinzip

Bedarfserhebung im Wohnbereich

Die Bedarfserhebung im Wohnbereich dient dazu, festzustellen, welche UnterstĂĽtzung eine Person im Bereich Wohnen benötigt und welche Fähigkeiten sie in diesem Bereich bereits selbstständig bewältigen kann. Sie erfasst, in welchen Bereichen sie Anleitung, Begleitung oder praktische Hilfe braucht und wo Möglichkeiten zur Förderung von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung bestehen. Ziel der Bedarfserhebung ist es, eine möglichst genaue Grundlage fĂĽr die weitere UnterstĂĽtzung zu schaffen.

  • HaushaltsfĂĽhrung
  • Haushaltsbudget
  • Wohnsituation
  • Selbständigkeit / Selbstbestimmung
  • Einkaufen
  • Zubereiten und Einnehmen von Mahlzeiten
  • Ordnung
  • Körperpflege
  • Hygiene
  • Mobilität / öffentliche Verkehrsmittel
  • hauswirtschaftliche Tätigkeiten

Ablauf einer Bedarfserhebung im Wohnbereich

Die Bedarfserhebung im Wohnbereich ist ein strukturierter Prozess, bei dem festgestellt wird, welche UnterstĂĽtzung eine Person beim Wohnen benötigt und welche Fähigkeiten sie selbstständig ausfĂĽhren kann. Ziel ist es, eine passende UnterstĂĽtzung zu planen, die die größtmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Person ermöglicht.

Ablauf einer Bedarfserhebung

1. Gespräch mit der betroffenen Person

Die Person beschreibt, wie sie aktuell lebt, welche Tätigkeiten sie selbst erledigt und in welchen Bereichen sie Unterstützung benötigt. Es werden Wünsche, Gewohnheiten, Interessen und bisherige Erfahrungen im Wohnalltag erhoben.

Beispiele für Themen im Gespräch:

  • Wie wird der Haushalt organisiert?
  • Wer wäscht?
  • Wie wird das Wäsche waschen organisiert?
  • Wer erledigt Einkäufe und Haushaltsaufgaben?
  • Wie werden Mahlzeiten zubereitet?
  • Wie wird mit Geld umgegangen?
  • Wie werden Termine oder Behördenwege organisiert?

2. Beobachtung im Alltag

Beobachtung des tatsächlichen Alltags. Dabei wird festgestellt, wie die Person bestimmte Tätigkeiten praktisch durchfĂĽhrt. Die Beobachtung hilft zu erkennen, welche Fähigkeiten vorhanden sind und wo UnterstĂĽtzung notwendig ist.

3. Analyse der Wohnsituation

Auch die konkrete Wohnumgebung wird betrachtet. Dabei wird geprĂĽft, ob die Wohnsituation selbstständiges Leben unterstĂĽtzt oder erschwert.

Beispiele:

  • Größe und Ausstattung der Wohnung
  • Barrierefreiheit
  • Orientierungsmöglichkeiten im Wohnraum
  • Sozialraumorientierung; Zugang zu Geschäften, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Freizeitangeboten

4. Festlegung des UnterstĂĽtzungsbedarfs

Auf Grundlage der Gespräche, Beobachtungen und Analysen wird festgelegt, welche UnterstĂĽtzung notwendig ist und in welchen Bereichen Lern- oder Fördermöglichkeiten bestehen. Diese Ergebnisse bilden die Grundlage fĂĽr die Hilfeplanung im Wohnbereich.

4. Dokumentation

Die Ergebnisse der Bedarfserhebung werden schriftlich festgehalten. Sie dienen als Grundlage für Betreuungsplanung und Evaluierung der Förderziele.

Beispiel einer Bedarfserhebung / Bedarfsermittlung (PDF)

Sozialpädagogische Analyse des Lebensfeldes Wohnen nach den fünf Hauptfunktionen der Wohnung nach Thesing

Analyse- bzw. Reflexionshilfe fĂĽr Wohnsettings in der Behindertenarbeit.

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Die 5 Hauptfunktionen des Wohnens💡🧩 🪢

1. Geborgenheit, Schutz und Sicherheit

  • Einzelzimmer? Zwang, sich im Tagesraum aufzuhalten?
  • Eigenes Zimmer als Ort der Selbstbestimmung?
  • eigener SchlĂĽssel fĂĽr das eigene Zimmer?
  • wird an der TĂĽr angeklopft?
  • Erlaubnis, den Raum selbst zu gestalten?

2. Beständigkeit und Vertrautheit

  • Persönlicher Besitz möglich?
  • Möglichkeit, Besitz / Sachen aus frĂĽherem Lebensbereich mitzubringen?
  • Kontinuität der Wohngruppe, der Bewohner, der Betreuer?
  • Lässt die Gruppe Vertrautheit zu?
  • Fördert die Gruppe Anonymität?

3. Selbstverwirklichung

  • Gestaltung der WG individuell veränderbar?
  • Einfluss auf die Auswahl der Möbel?
  • Normen und Regeln des Zusammenlebens am Prinzip der Individualisierung oder der Uniformität ausgerichtet?
  • Entscheidungen können von den Bewohnern selbst getroffen werden? Welche?
  • Selbst kochen?
  • Mitbestimmung möglich?
  • Mitwirkung möglich?
  • Partnerschaft (Sexualität) möglich?

4. Kommunikation

  • Unkontrollierter Empfang von Besuchen möglich?
  • Ort, an dem persönliche Gespräche gefĂĽhrt werden können?
  • Kontakte zur Umwelt möglich?
  • Welche Kommunikationsformen?
  • Informationen ĂĽber die AuĂźenwelt? (Freizeitangebote, Bildungsangebote, usw.)

5. Selbstdarstellung und Demonstration von sozialem Status

  • Wohngemeinschaft von auĂźen als Institution erkennbar?
  • Innenbereich wirkt privat oder institutionell?
  • Eindruck von „typisch Persönlichem“?
  • Welche Wohnleit- und somit Menschenbilder spiegeln sich in der Wohngruppe?

Jeder Mensch mit Behinderung hat das Recht auf individuelle und angemessene Unterstützung bei einer höchstmöglich selbstbestimmten Gestaltung des eigenen Lebens. Die Förderung von Abhängigkeit sollte grundsätzlich vermieden werden.

Aspekte selbständigen Handelns

Bei diesen Aspekten handelt es sich um die pädagogische Grundhaltung zur Förderung von Selbstständigkeit und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung im Alltag.

• Selbstständigkeit
• Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit
• Soziale Verantwortung
• Normalisierung des Alltags
• Anregung und Gestaltung von Lernprozessen im Alltag
• Zugang zu einer echten Auswahl an Begegnungs-, Kontakt-, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten
• Zugang zu allen Abläufen des Lebens
• Möglichkeit zur Entscheidung, was man lernen, was man selbst tun will und was nicht
• Zugang zu den Freiheiten, die aus erlernten Fähigkeiten erwachsen

Die aktuellen Zielsetzungen und Vereinbarungen (mit der KlientIn) mĂĽssen unter den BetreuerInnen kommuniziert werden.

Selbständigkeit

BetreuerInnen haben die Aufgabe, das richtige MaĂź des Tuns und Lassens, der Hilfe, UnterstĂĽtzung und Begleitung zu finden.

Selbstbestimmung und Verantwortlichkeit

BetreuerInnen leiten ihre KlientInnen an, sich kritisch mit der Verantwortung auseinanderzusetzen, die mit Selbständigkeit einhergeht.

  • zur Selbstbestimmung gehört Verantwortung
  • BewohnerInnen entscheiden im Haushalt mit, ĂĽbernehmen aber auch Aufgaben, z.B. Abwaschen oder MĂĽllentsorgung
  • sie entscheiden ĂĽber die Organisation in der Gemeinschaft mit, beteiligen sich aber auch an Besprechungen, z.B. in denen Regeln des Zusammenlebens besprochen werden
  • sie ĂĽbernehmen die Gestaltung ihres Zimmer, aber auch die Verantwortung fĂĽr die Hygiene im Zimmer
  • sie beteiligen sich an der Planung von Speiseplänen, ĂĽbernehmen aber auch Aufgaben, z.B. Kochen oder Tischdecken
  • sie sind bei Aktivitäten dabei, ĂĽbernehmen aber auch Aufgaben bei gemeinsamen Aktivitäten, zum Beispiel beim Vorbereiten eines Festes

Soziale Verantwortung

BetreuerInnen unterstützen Menschen mit Behinderung dabei, sich in verschiedenen Rollen auszuprobieren und sich darin als aktiv tätig und verantwortlich zu erleben.

StreitschlichterIn, KritikerIn, Oppositionelle, Widersprechende, LehrerIn (z.B. eines neuen Spiels), PartnerIn, Affäre, SexualpartnerIn, EntscheiderIn, Nicht-Mitwirkende, FreundIn, …

Normalisierung des Alltags

Im Wohnbereich bedeutet dies zum Beispiel:

  • Menschen leben in Wohnformen, die Teil eines normalen Wohnumfeldes sind
  • sie haben einen eigenen SchlĂĽssel und können selbst entscheiden, wann sie ihr Zimmer betreten oder verlassen
  • sie können Besuche empfangen
  • der Tagesablauf orientiert sich an individuellen BedĂĽrfnissen und nicht an institutionellen Abläufen

Anregung und Gestaltung von Lernprozessen im Alltag

BetreuerInnen integrieren individuelle Lernerfahrungen praktisch in den Alltag. Auf diese Weise entstehen Lernprozesse in realen Alltagssituationen des täglichen Lebens. Ziel ist es, vorhandene Fähigkeiten zu erhalten, neue Kompetenzen aufzubauen und Menschen mit Behinderungen dabei zu unterstützen, ihr Leben möglichst selbstständig und selbstbestimmt zu gestalten. Dazu strukturieren BetreuerInnen Inhalte und vermitteln sie verständlich. Im Bereich Wohnen bedeutet dies zum Beispiel:

  • Einteilen von Geld
  • Organisieren von Terminen, z.B. Arzttermine

Zugang zu einer echten Auswahl an Begegnungs-, Kontakt-, Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten

Im Wohnbereich bedeutet dies zum Beispiel:

  • BewohnerInnen können selbst einkaufen gehen
  • Es bestehen Kontakte zur Nachbarschaft, etwa durch Begegnungen im Wohnumfeld
  • BewohnerInnen können Freizeitangebote auĂźerhalb der Einrichtung nutzen, zum Beispiel CafĂ©s oder Kino
  • BewohnerInnen können selbst entscheiden, welche Freizeitaktivitäten sie interessieren

Zugang zu allen Abläufen des Lebens

Im Wohnbereich bedeutet dies zum Beispiel:

  • BewohnerInnen haben Zugang zu Informationen ĂĽber Termine, Aktivitäten oder organisatorische Abläufe im Wohnbereich

Möglichkeit zur Entscheidung, was man lernen und selbst tun will und was nicht

Im Wohnbereich kann dies zum Beispiel bedeuten:

  • BewohnerInnen entscheiden selbst, welche Alltagsfähigkeiten sie weiterentwickeln möchten, z.B. wie man mit Geld umgeht
  • sie entscheiden selbst, ob sie ihre Freizeit mit Zeichnen, Handarbeiten, TV gucken oder Nichtstun verbringen
  • sie dĂĽrfen sagen, wenn sie eine bestimmte Tätigkeit nicht ĂĽbernehmen möchten

Der zentrale Gedanke ist, dass Lernen nicht fremdbestimmt erfolgt, sondern an den persönlichen Entscheidungen der BewohnerInnen orientiert ist.

Zugang zu den Freiheiten, die aus erlernten Fähigkeiten erwachsen

Im Wohnbereich kann dies zum Beispiel bedeuten:

  • Wenn eine Person gelernt hat, einkaufen zu gehen, kann sie selbstständig persönliche Dinge besorgen
  • Wenn sie den Umgang mit Geld gelernt hat, kann sie ihr eigenes Budget verwalten
  • Wenn sie gelernt hat, Ă¶ffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, kann sie selbstständig Wege zurĂĽcklegen

Der zentrale Gedanke ist, dass erlernte Fähigkeiten nicht nur geĂĽbt, sondern auch im Alltag angewendet werden dĂĽrfen. Dadurch entstehen neue Freiheiten, mehr Selbstständigkeit und größere Möglichkeiten, das eigene Leben aktiv zu gestalten.

Die pädagogische Grundhaltung in Bereich Wohnen verbindet mehrere Konzepte der Behindertenarbeit:
• Teilhabe
• Soziale Integration
• Selbstbestimmung
• Empowerment
• Normalisierungsprinzip
• Ressourcenorientierung / Stärkenfokussierung
• Alltagspädagogik
• Milieutherapie

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Alltagspädagogik💡🧩 🪢

Wohnraumgestaltung

Wohnraumgestaltung fĂĽr Menschen mit Sehbehinderung

Gestaltungsmöglichkeiten:

  • akustische und taktile Orientierungselemente im Raum (z. B. tastbare Zimmernummern, Stockwerksansagen im Aufzug)
  • klar strukturierte, rechtwinkelige Raumformen (der rechte Winkel unterstĂĽtzt die räumliche Orientierung)
  • Nutzung des Hörsinns zur Orientierung (z. B. Wahrnehmung von Nähe und Distanz, Richtungsänderungen sowie Umgebungsgeräuschen wie das Plätschern eines Zimmerbrunnens oder das Ticken einer Uhr)
  • blendfreie, gleichmäßige Beleuchtung des Raumes, kontrastreiche Gestaltung sowie deutlich spĂĽrbare Materialunterschiede
  • gut sichtbare und eindeutig erkennbare Griffe
  • tastbare Leitlinien im Raum (z. B. Erhöhungen, unterschiedliche Bodenstrukturen oder Ăśbergänge), die mit dem Langstock gut wahrgenommen werden können (auch im AuĂźenbereich oder Garten)
  • ertastbare Beschilderungen, Bedienelemente, Lagepläne oder Modelle
  • taktile Leitsysteme an den Handläufen (z. B. zur Kennzeichnung von Treppenanfang, Treppenende oder Stockwerkswechsel)
  • deutliche Kennzeichnung der Treppenkanten (z. B. durch rutschfeste Markierungsstreifen an der Vorderkante der Stufen)
  • Achtung! TĂĽren, die geöffnet in den Raum hineinragen, können fĂĽr Menschen mit Sehbehinderung schwer erkennbare Hindernisse oberhalb des Tastbereichs des Langstocks darstellen und dadurch Verletzungen verursachen.
Taktiles Leitsystem auf Handlauf
Taktile Leitsysteme an Treppen

Wohnraumgestaltung für Menschen mit Hörbehinderung

Gestaltungsmöglichkeiten:

  • Aufzug: Hinweisschilder anbringen, z. B. mit der Information „Knopf drĂĽcken – Hilfe kommt“
  • wichtige Informationen zusätzlich visuell bereitstellen
  • TĂĽrklingel – optisches Blinksignal
  • Feueralarm – visuelle Signallampe
  • Weckalarm – Kissen mit Vibrationsfunktion

Wohnraumgestaltung für Menschen mit Körperbehinderung

Gestaltungsmöglichkeiten:

  • barrierefreier Zugang zum Gebäude (z. B. ĂĽber Rampen oder automatisch öffnende TĂĽren)
  • ausreichend groĂźe Bewegungsbereiche in Zimmern und Fluren
  • breite TĂĽren und Durchgänge fĂĽr die Nutzung mit dem Rollstuhl
  • Ăśbergänge zwischen Räumen ohne Schwellen
  • rutschhemmende Bodenbeläge
  • unterfahrbare Waschbecken und Arbeitsflächen
  • Halte- und StĂĽtzgriffe im Bad und WC
  • höhenverstellbare Einrichtungen (z. B. Waschbecken oder Arbeitsflächen)
  • Lichtschalter, Steckdosen und Bedienelemente in gut erreichbarer Höhe
  • passende Möblierung mit genĂĽgend Platz fĂĽr Bewegungsfreiheit
  • AufzĂĽge oder Treppenlifte bei Gebäuden mit mehreren Stockwerken

Wohnraumgestaltung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung

Gestaltungsmöglichkeiten:

  • ĂĽbersichtlich gestaltete und klar strukturierte Räume
  • einfache und gut verständliche WegefĂĽhrung innerhalb der Wohnung oder Einrichtung
  • Orientierungsmöglichkeiten durch Symbole, Farben oder bildliche Darstellungen
  • deutlich erkennbare Beschriftungen und Kennzeichnungen
  • eindeutige Zuordnung der Räume zu ihren jeweiligen Funktionen
  • möglichst konstante Anordnung von Möbeln und Gegenständen
  • visuelle UnterstĂĽtzung fĂĽr Abläufe (z. B. Piktogramme fĂĽr Alltagstätigkeiten)
  • geringe Reizbelastung durch eine ĂĽbersichtliche Gestaltung
  • vertraute Gegenstände und persönliche Dinge zur UnterstĂĽtzung von Sicherheit und Orientierung

Wohnraumgestaltung fĂĽr Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen

Gestaltungsmöglichkeiten:

  • Hilfsmittel fĂĽr den Wechsel der Inkontinenzversorgung im Raum (z. B. Schutz der Intimsphäre durch geschlossene TĂĽren, zugezogene Vorhänge, geeignete Liegen und den Einsatz eines Liftes)
  • breite TĂĽr zwischen Wohn- und Schlafzimmer, sodass beide Räume mit dem Pflegebett erreichbar sind (beeinflusst den Ablauf des Tages)
  • anregende Deckengestaltung fĂĽr ĂĽberwiegend liegende Personen, z. B. ein Baldachin in Greifhöhe ĂĽber dem Bett (ermöglicht flexible und abwechslungsreiche Gestaltung)
  • ausreichende Bewegungsflächen im KĂĽchenbereich, damit eine Beteiligung am Kochen möglich ist (z. B. durch HandfĂĽhrung)
  • bei der Einrichtung auf eine möglichst geringe Unfallgefahr achten, z. B. durch durchgehende Bodenbeläge zur Vermeidung von Stolperstellen
  • Wohnräume oder zusätzliche Bereiche fĂĽr basale Angebote schaffen (z. B. Liegeflächen, Wasserbett, Hängeschaukel, Materialien zur Wahrnehmungsförderung)
  • Gartenbereiche gestalten, die RĂĽckzug, Bewegung und Naturerfahrungen ermöglichen, z. B. durch Liegemöglichkeiten im Gras oder auf Heuflächen
  • AufzĂĽge können durch farbliche Veränderungen an der Decke die verschiedenen Stockwerke anzeigen und so Orientierungsschwierigkeiten reduzieren

Professionelle Behindertenarbeit im Wohnbereich bedeutet, Lebensräume so zu gestalten, dass Selbstständigkeit, Teilhabe und individuelle Lebensgestaltung ermöglicht werden.


Bild: KI