Kommentarliteratur zum Fach „Grundzüge und Prinzipien der Akut- und Langzeitpflege inklusive Pflegetechnik (GKPF)“ und „Anatomie“
04.02.2026
Sauerstoff ist der wichtigste Baustein, um Treibstoff für den Körper herstellen zu können. Der Körper benötigt Sauerstoff, um Energie aus Zucker (Glucose) zu gewinnen. Erst durch diese Energie – das sogenannte ATP – kann der Körper lebenswichtige Funktionen aufrechterhalten. Ohne ATP bekommen Muskel- und Nervenzellen keine Signale. Auch das Herz – der größte Muskel im Körper – benötigt ATP, um zu funktionieren. Sauerstoff hält also – salopp (und sehr einfach) gesagt – gemeinsam mit Glucose den gesamten Energiestoffwechsel am Laufen.
Die innere und die äußere Atmung
Durch die Atmung bringt der Körper Sauerstoff in den Körper – die äußere Atmung (Lunge) ist dafür verantwortlich, Sauerstoff aus der Umwelt aufzunehmen, die innere Atmung (Gewebe) transportiert den Sauerstoff zu den Zellen, in denen Glucose zu ATP umgebaut wird. Bei diesem Umbauprozess in den Zellen entsteht als Abbauprodukt Kohlendioxid. Dieses gelangt durch Diffusion aus den Zellen in die Blutkapillaren, wird über den venösen Blutkreislauf zur Lunge transportiert und dort mit der Ausatmung aus dem Körper ausgeschieden.
Von der Nase in die Zelle
Wenn wir uns das Atmungssystem als Haus vorstellen, dann ist die Nase das Eingangstor, über welches der Sauerstoff über die Atemluf in den Körper gelangt. Von dort aus gelangt der Sauerstoff weiter in den “Flur” – die Trachea, die ihn in die Lunge führt. Von dort aus wird der Sauerstoff über die beiden Stammbronchien, die in die rechten und linken Lungenflügel führen, in immer kleinere Verzweigungen transportiert, bis er schließlich die kleinsten Strukturen der Lunge – die Lungenbläschen (Alveolen) – erreicht. In den Alveolen findet schließlich der Gasaustausch statt: Der Sauerstoff wird durch Diffusion ins Blut aufgenommen, um über den arteriellen Kreislauf ins Gewebe weitertransportiert zu werden. Das Abfallprodukt Kohlendioxid wiederum tritt durch Diffusion von den Kapillaren in die Alveolen über, wird zur Nase transportiert und dort ausgeatmet. Ab dem Zeitpunkt, an dem der Sauerstoff aus den Alveolen ins Blut diffundiert – ist der Vorgang des Atmens (Ventilation) abgeschlossen und der Transport über den Blutkreislauf (Perfusion) beginnt. Jetzt wird der Sauerstoff über das Herz in den arteriellen Blutkreislauf zu Zellen in den Organen transportiert, wo er gemeinsam mit Glucose als Stoff zur Energiegewinnung (Umbau in ATP) dient.
🎬 Video: Das Atmungssystem – Aufbau und Funktionsweise der Lunge (Animation), Thomas Schwenke, youtube 🎬
Sauerstoff: Baustoff für Energie
Die Sauerstofftherapie ist unter diesen Gesichtspunkten nichts anderes als eine Unterstützung, um dem Körper genügend Energie zur Verfügung zu stellen. Der Sauerstoffgehalt im Blut wird erhöht, was dazu beiträgt, den Energiestoffwechsel der Zellen zu sichern und lebenswichtige Funktionen aufrechtzuerhalten. Das gelingt, solange die Zellen noch reagieren und genügend ATP produzieren können. Tun sie das nicht mehr, kommt es zum Zusammenbruch des Energiestoffwechsels der Zellen und dadurch zum Versagen lebenswichtiger Organfunktionen. Das passiert zum Beispiel bei COPD – auch wenn es sich bei dieser chronischen Erkrankung in der Regel um einen schrittweisen Prozess handelt und nicht um ein abruptes Geschehen. Es kann jedoch auch abrupt geschehen. Bei einem akuten Schock (z. B. hypovolämischer oder kardiogener Schock) tritt der Sauerstoffmangel plötzlich und massiv auf; die Zellen können in einem solchen Fall plötzlich kein ATP mehr bilden, woraufhin es zum Funktionsverlust lebenswichtiger Organe kommt – Gehirn und Herz (und andere Organe) versagen.
Deshalb ist Bewegung ein Element der Pneumonieprophylaxe
Bewegung verbessert die Aufnahme, den Transport und die Nutzung von Sauerstoff im Körper. Deshalb ist Bewegung ein wichtiges Element der Pneumonieprophylaxe. Gelangt mehr Sauerstoff in den Körper, kann dieser mehr Energie für den Betrieb seiner Organe zur Verfügung stellen. Wird tiefer und häufiger geatmet, entfalten sich die Lungen besser und bleiben die Alveolen geöffnet, was einem Kollaps von Lungenabschnitten (Atelektasen) entgegenwirkt. Die tiefere Atmung mobilisiert Schleim, die Bewegung sorgt dafür, dass leichter abgehustet werden kann. Bewegung verbessert auch die Durchblutung der Lunge, wodurch Abwehrzellen schneller wirken können. Um mehr Sauerstoff aufzunehmen, reicht schon allein das passive Bewegen von Händen und Beinen. Zwar wird dadurch deutlich weniger Sauerstoff aufgenommen als bei aktiver Bewegung – Atmung und Herzschlag beschleunigen sich kaum – dennoch ist es eine gute Methode, um bettlägerigen Patientinnen dabei zu helfen, ihre Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Passives Bewegen fördert die Durchblutung und das unterstützt wiederum den Gasaustausch.
Die Atmung als Vitalzeichen
Der erwachsene Mensch macht zwischen 12 und 20 Atemzüge in der Minute (= Ventilation) – mit dem dadurch aufgenommenen Sauerstoff kann das Herz 60 bis 80 Mal pro Minute schlagen, um den Sauerstoff in die Organe weiterzutransportieren. Das Verhältnis von Herz- zu Atemfrequenz beträgt bei Erwachsenen ca. 4:1. Jeder einzelne Atemzug sorgt dafür, dass das Herz bis zu vier Mal schlagen kann. Wie viel Sauerstoff sich im Blut befindet (Perfusion), kann mit dem Pulsoximeter als Sauerstoffsättigung (SpO₂) gemessen werden. Sie gibt an, wie viel Prozent des roten Blutfarbstoffs (Hämoglobin) mit Sauerstoff beladen ist. Bei gesunden Erwachsenen liegt dieser Wert bei etwa 95 % oder höher. Je mehr Prozent des Hämoglobins mit Sauerstoff beladen ist, desto besser sind Gewebe und Organe wie Gehirn, Muskulatur und Herz mit Sauerstoff versorgt. Je geringer der Anteil des mit Sauerstoff beladenen Hämoglobins ist, desto weniger leistungsfähig ist der Körper in der Ausführung seiner Funktionen.
Ohne Atmung kein Leben – das Atmen versorgt uns mit dem lebenswichtigen Treibstoff Sauerstoff. Und Sauerstoff hält jede einzelne Zelle des Körpers am Leben. Atmen bedeutet daher weit mehr als Luft holen – es ist die Grundlage allen Lebens. Mit nur wenigen Ausnahmen – aber die Antwort auf die Frage, warum auch Bakterien als Lebewesen bezeichnet werden, obwohl sie nicht atmen, ist eine andere Geschichte.
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