Was ist Gewalt? Was ist ein Gewalttäter? Ein Fachbeitrag.
Der Sozial- und Gewaltpädagoge Alexander Unterberger erklärt in seinem Fachartikel mit dem Titel „Gewalt an Schutzbefohlenen“, was Gewalt und was ein* Gewalttäter* ist. Zusätzlich geht er auf strukturelle Gewalt ein und erklärt, wie man diese erkennt und wie man in solchen Fällen handeln sollte.
Meine Zusammenfassung bezieht sich auf den Artikel “Gewalt an Schutzbefohlenen”, der im Magazin „Behinderte Menschen“, Ausgabe 1 des Jahres 2011, erschienen ist. Der Autor des Artikels arbeitet in einer Wohn- und Therapieeinrichtung für schwer verhaltensauffällige und gewalttätige Jugendliche bzw. junge Erwachsene. Ich habe mit demselben Klientel gearbeitet, daher mein Interesse an diesem Thema.
Die falsche Annahme über Gewalt
Unterberger beginnt seinen Artikel mit einer falschen Annahme über Gewalt. Viele denken, dass ein Mensch, der Gewalt ausübt, Macht demonstrieren will. In Wahrheit demonstriert er damit jedoch nicht Macht, sondern Ohnmacht. Wenn jemand respektvolle Handlungsvielfalt niemals erlernt hat, so steht sie ihm auch nicht zur Verfügung. Im Grunde zeigt Gewalt also nur die unterentwickelte Strategiekompetenz der Person, die die Tat begeht.
Auch subtile Gewalt ist Gewalt: Die Ausschaltung der Willentlichkeit als ausschlaggebender Faktor
Danach beschreibt Unterberger, warum Gewalt oft unauffällig wirkt. Schon die Aussage „Das kannst du nicht, ich muss dir helfen“ stellt, so harmlos sie auch klingen mag, eine Form subtiler Gewalt dar. Damit wird dem Menschen die Fähigkeit abgesprochen, selbst tätig sein zu können. Es wird dadurch in eine passive, abhängig gehaltene Rolle gedrängt. Wird dies womöglich auch noch vor unbeteiligten Dritten ausgesprochen, kann dies einen negativen Einfluss auf die zukünftige Interaktion mit dem Opfer haben.
Laut Unterberger tritt Gewalt häufig dort auf, wo sich ein Mensch nicht wehren kann, weil er in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, etwa zu den Eltern, zur Einrichtung oder zur Beurteilung durch die Betreuer. Dann kann Gewalt bereits bei subtilen Aussagen beginnen.
Gewaltlegitimation: Wie Gewalttäter* agieren
Als nächstes wendet sich Unterberger dem Thema der Gewaltlegitimation zu. Muss sich die Person, die die Tat begangen hat, rechtfertigen, verharmlost sie diese häufig. Sie kehrt die Schuld um oder sucht normative Rechtfertigung. Solche Formen der Legitimation sind gesellschaftlich tief verankert. Sie sollen dazu beitragen, dass Gewalt nicht als Grenzverletzung, sondern als akzeptables Verhalten wahrgenommen wird.
Als Beispiel für Gewaltlegitimation führt Unterberger ein Gespräch mit einem Strafgefangenen an, der seine Ehefrau totgeprügelt hatte. Auf die Frage, warum er das gemacht hätte, sagte dieser, er hätte ihr Hundertmal gesagt, dass er nicht will, dass sie zu Hause geschminkt herumläuft. Und dann sei es halt passiert. Der Ausführung des Täters nach lag die Schuld also beim Opfer, das sich nicht an die Anweisung des Täters gehalten hatte.
Strukturelle Gewalt: Wie Gewalttäter* in Totalen Institutionen agieren
In einer Totalen Institution finden alle Lebensbereiche – also Arbeiten, Wohnen und Freizeit – unter einer einheitlichen Autorität und festen Regeln statt. Aufgrund ihrer hierarchischen Abläufe sind Totale Institutionen dafür anfällig, einen geschützten Rahmen für Gewalttäter* zu bieten. Und damit sind nicht nur jene Gewalttäter gemeint, die in einer solchen Institution leben, sondern auch jene, die dort arbeiten. Auch sie können innerhalb dieses Systems zu Gewalttätern* werden.
In einer geschlossenen Struktur fällt es besonders leicht, sich seiner Verantwortung zu entziehen. Oft bedienen sich Betreuer* an Methoden, die auch von anderen angewendet werden und daher im Haus stillschweigend als legitim oder „normal“ betrachtet werden. Gewalt ist es aber laut Unterberger schon dann, wenn eine betreuungsbedürftige Person bestraft wird, ohne sicher zu gehen, dass diese die Zusammenhänge auch richtig verstanden hat. Diese subtilen Formen von Gewalt werden häufig verharmlost, durch Schuldumkehr relativiert oder mit scheinbar normativen Begründungen gerechtfertigt – etwa mit Aussagen wie: „Das machen alle so“, „Das war schon immer so“ oder “Die Opfer sind immer selbst schuld.“
Auswirkungen von Gewalt
Gewalt kann schwerwiegende Folgen für Schutzbefohlene haben. Häufig wird ihren Schilderungen lange Zeit kein Glauben geschenkt, weil die vorherrschende Gewaltlegitimation bereits dazu beigetragen hat, dass wir nicht mehr erkennen, dass es sich um Gewalt handelt. Vorwürfe werden oft tabuisiert oder relativiert, während die tatbegehende Person bemüht ist, ihr Verhalten zu rechtfertigen und als legitim darzustellen.
Auswirkungen auf das Opfer von Gewalt können von Angstörung über Impulsivität bis hin zu Persönlichkeitsstörung reichen. Auch psychosomatische Symptome wie chronische Bauchschmerzen, Durchfall oder Übelkeit können darauf hindeuten, dass man es hier mit einem Opfer von Gewalt zu tun hat.
Außenstehende Dritte sollten immer genau prüfen: Wird hier vor meinen Augen und Ohren gerade Gewalt bagatellisiert? Findet diese Tat in einem Abhängigkeitsverhältnis statt? Erfolgt eine Täter-Opfer-Umkehr? Oder wird das Verhalten durch vermeintlich normative Begründungen gerechtfertigt? Bei Unsicherheiten sollte man Vertrauenspersonen hinzuziehen und bei Bedarf weitere Schritte einleiten – ohne sich dabei von Angst leiten zu lassen. Denn: Wer Gewalt ausübt, der ist nicht mächtig, sondern ohnmächtig.
Bild: ©pixabay @Tama66