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Kein Geld für Inklusion: Online-Bibliothek bidok in Gefahr

Die zentrale Adresse für alle, die sich mit Behinderung, Inklusion und Teilhabe beschäftigen, verliert zentrale Förderung

24.11.25


Österreich / Tirol: Land der Kürzungsberge – die Täler der Teilhabe werden immer enger. Die barrierefreie Online-Bibliothek „bidok – behinderung inklusion dokumentation“ steht vor dem Ende: Mit Dezember 2025 stellt das Sozialministeriumservice Tirol seine Förderung ein. Während die Plattform vorerst online bleibt, fehlt dem Projekt künftig das Personal. Wissenschaft, Praxis und Selbstvertretung schlagen Alarm – und rufen zur Unterstützung auf.

Ein Knotenpunkt aus Wissenschaft, Aktivismus und Bildung – seit fast drei Jahrzehnten

bidok ist seit 1997 eine zentrale Adresse für alle, die sich mit Behinderung, Inklusion und Teilhabe beschäftigen. Herzstück des Projekts ist die barrierefreie digitale Bibliothek „bidokbib“. Dort werden wissenschaftliche und nicht-wissenschaftliche Texte zu den Themen Behinderung, Inklusion, Selbstvertretung, Geschichte der Behindertenbewegung und inklusiver Pädagogik kostenlos zur Verfügung gestellt – im Sinne von Open Access und konsequent barrierefrei im PDF/UA-Format.

Studierende und Lehrende an Sekundar- und Tertiärbildungseinrichtungen, Fachkräfte in Sozialbetreuung und Sozialarbeit sowie Berufsangehörige aus der Behindertenhilfe, der Sozialpsychiatrie und dem Gesundheitswesen zählen zu den Nutzergruppen von bidok. Auch politisch Interessierte, Stimmen aus der Selbstvertretung, Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen greifen auf die Plattform zurück.
Sie nutzen bidok zur Recherche für Prüfungen, Abschlussarbeiten, Publikationen oder Vorträge und als niedrigschwellige Quelle für Informationen in Leichter und Einfacher Sprache.

Neben der Bibliothek betreibt bidok weitere Projekte, etwa zur Geschichte der Behindertenbewegung in Österreich, die Plattform „bidok gegen Gewalt“, die „Plattform Arbeitswelt Tirol“ oder die Dokumentation von Jahrestagungen der Inklusionsforschung. Damit verbindet bidok wissenschaftliche Forschung, inklusive Praxis und behindertenpolitischen Aktivismus.

Ein Verein mit Geschichte, gegründet aus der Behindertenbewegung

Getragen wird das Projekt vom Verein bidok Österreich. Der Verein ist an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck (UIBK) sowie an der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (ULBT) angesiedelt. Gegründet wurde bidok 1997 vom Erziehungswissenschaftler und Behindertenaktivisten Volker Schönwiese, der Pionierarbeit in der österreichischen Behindertenbewegung und Inklusionsforschung leistete. Seit 2017 liegt die Projektleitung bei der Bildungswissenschafterin Lisa Pfahl.

Über viele Jahre hinweg hat ein kleines, hochspezialisiertes Team – darunter auch Menschen mit Behinderungen – Texte aufbereitet, barrierefrei umgesetzt, neue Materialien eingeworben, Projekte koordiniert und Anfragen aus Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit beantwortet. Dieses Team bildet das „Arbeitsgedächtnis“ des Projekts und hält die Bibliothek fachlich wie technisch lebendig.

Finanzierung: Wie bidok möglich wurde – und warum jetzt Schluss sein soll

Seit 2005 wurde das Projekt bidok vom Sozialministeriumservice (SMS) Tirol mit Personalkosten gefördert. Diese Förderung ermöglichte die kontinuierliche Pflege der Bibliothek, die Entwicklung neuer Projekte und die Beratung rund um barrierefreie Textgestaltung und Inklusion in Bildung und Arbeit. Die Universität Innsbruck und die Universitäts- und Landesbibliothek stellen zudem Infrastruktur und Kooperationen zur Verfügung.

Im Zuge massiver Einsparungen hat das Sozialministeriumservice Tirol nun entschieden, seine Förderpolitik umzustrukturieren und die Mittel künftig auf individuelle Leistungen der Arbeitsmarktintegration zu konzentrieren. Projektförderungen wie bidok fallen dieser Neuausrichtung zum Opfer. Das bedeutet konkret: Die Finanzierung der Stellen im Projekt läuft mit 31.12.2025 aus. Damit endet der Projektbetrieb, auch wenn der Verein bidok als Rechtsträger bestehen bleibt.

Kein Fortschritt mehr, nur Rettung des Bestehenden

Mit dem Ende der Förderung verliert bidok die gesamte projektbezogene Personalbasis. Das hat direkte Folgen:

  • bidok nimmt ab sofort keine neuen Aufträge mehr an,
  • es werden keine neuen Texte und Materialien mehr in die Bibliothek aufgenommen,
  • es findet keine kontinuierliche inhaltliche Pflege, Beratung und Weiterentwicklung des Projekts mehr statt.

In der verbleibenden Zeit bis Ende 2025 versucht das Team, die bestehenden Inhalte zu ordnen, zu archivieren und soweit möglich zu sichern. Die barrierefreie digitale Bibliothek bidokbib und die Website sollen vorerst online bleiben, da sie über den Verein in Kooperation mit der Universität Innsbruck und der ULBT technisch weiterbetrieben werden. Ohne finanzierte Fachstellen droht die Plattform jedoch zu einem „eingefrorenen Archiv“ zu werden, das nicht mehr wachsen und sich nicht mehr an neue Anforderungen der Inklusionspraxis anpassen kann.

Breiter Protest: Wissenschaft, Praxis und Selbstvertretung schlagen Alarm

Die Ankündigung des Förderstopps hat innerhalb kurzer Zeit eine Welle der Solidarität ausgelöst. Mit Stand 24. November 2025 haben bereits über 1.100 Personen die Liste zur Unterstützung des Projekts unterschrieben und zahlreiche persönliche Statements abgegeben – aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und darüber hinaus.

Stimmen aus Wissenschaft und Lehre betonen den einzigartigen Stellenwert von bidok:
„BIDOK stellt einen Leuchtturm der österreichischen Disability Studies und Inklusionsforschung dar“, schreibt etwa Prof. Dr. Tobias Buchner. Für Prof. Dr. Rebecca Maskos ist „Bidok unverzichtbarer Teil der Disability Studies Landschaft in deutschsprachigen Ländern“. Und Prof. Dr. Marianne Hirschberg hält fest: „Ohne bidok wäre nicht nur die wissenschaftliche Welt ärmer, meine Studierenden hätten eine fundierte Recherchequelle weniger – bidoks Aufklärungsleistung ist unersetzlich.“

Auch Selbstvertretungsorganisationen, Eltern von Kindern mit Behinderungen, Fachverbände der Sozialen Arbeit und zivilgesellschaftliche Initiativen kritisieren den Förderstopp als „Skandal“ und „Rückschritt für Inklusion“. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der Abbau barrierefreier Wissensinfrastruktur den Zielen der UN-Behindertenrechtskonvention widerspricht und ein fatales gesellschaftspolitisches Signal setzt.

Wie bidok gerettet werden könnte – und wie Sie helfen können

Der Verein bidok bemüht sich derzeit in Gesprächen mit der Universität Innsbruck, dem Land Tirol und weiteren möglichen Förderstellen darum, das Projekt in neuer Form weiterzuführen. Gesucht werden insbesondere Mittel zur Finanzierung von Personalkosten, damit die Bibliothek und die Projekte fachlich betreut, erweitert und aktualisiert werden können.

Wer den Erhalt von bidok unterstützen möchte, hat mehrere Möglichkeiten:

  1. Liste zur Unterstützung des Projekts unterzeichnen
    Mit Ihrer Unterschrift setzen Sie ein sichtbares Zeichen für den weiteren Bestand der Plattform. Die Liste finden Sie unter:
    https://tinyurl.com/bidok-unterschrift
  2. Kurze Online-Umfrage ausfüllen
    In einer etwa dreiminütigen Befragung können Sie angeben, wie sie bidok verwenden und warum die Plattform wichtig für sie ist. Diese Daten helfen bei der Beantragung neuer Fördermittel:
    https://tinyurl.com/bidok-umfrage
  3. Botschaften und Erfahrungsberichte schicken
    Persönliche Nachrichten, Erfahrungsberichte oder institutionelle Stellungnahmen können an folgende E-Mail-Adresse gesendet werden:
    integration-ezwi@uibk.ac.at
    Auch wenn nicht alle Zuschriften individuell beantwortet werden können, stärken sie die Argumentation für den weiteren Bestand von bidok.
  4. Öffentlichkeit herstellen und politisch Druck machen
    Fachhochschulen, Universitäten, Verbände, Selbstvertretungsgruppen, Initiativen und Einzelpersonen können das Thema in ihren Netzwerken sichtbar machen, Stellungnahmen veröffentlichen oder politische Entscheidungsträger:innen direkt ansprechen. Viele der bereits eingegangenen Statements zeigen, dass genau dies bereits geschieht.

Der Stand der in diesem Beitrag wiedergegebenen Informationen ist der 24. November 2025. Weitere Informationen zum Projekt, zu aktuellen Entwicklungen und zu Unterstützungsmöglichkeiten stellt der Verein bidok über seine Website und die oben genannten Kanäle zur Verfügung.

Weiterführende Informationen:
Willkommen in der bidokbib, der barrierefreien digitalen Bibliothek von bidok!, bidok.library.uibk.ac.at

Quellen:
Zum Ende der Finanzierung des Projekts bidok, bidok.uibk.ac.at


Bild: @pixabay