Kommentar zum Thema „Ausscheidungen“ des Fachs „Pflegetechnik“
05.04.2026
Kommentar; Ein arabisches Sprichwort sagt: „Im Darm sitzen Tod und Leben“. Und es ist die Pflegeassistenz, die diese Zeichen als erste deutet.
Exkremente: diagnostische Indikatoren seit der Antike
„Wenn der Urin stinkt, gar zu dünn oder zu dick und schwarz von Farbe ist, so kann sich der Kranke allmählich auf seine letzte Reise vorbereiten“2). Schon in der Antike erkannte der griechische Arzt Hippokrates den diagnostischen Wert von Ausscheidungen. Urin galt ihm als eines der wichtigsten Anzeichen für den Krankheitsverlauf – extreme Veränderungen in Geruch, Konsistenz oder Farbe deuteten auf eine schlechte Prognose hin. Auch der persische Arzt Avicenna unterstrich die Bedeutung der Harnschau. Im „Kanon der Medizin“, seinem bedeutendsten medizinischen Werk, in dem er die Urindiagnostik systematisierte, hielt er fest: „Der Urin ist ein treuer Wegweiser zur Erkenntnis der Krankheit.“ 1)
Für den einen Pissprophetei, für die anderen diagnostische Meisterschaft
Die Ärzte der Antike waren die geistigen Wegbereiter ihrer mittelalterlichen Nachfolger. Im Mittelalter beurteilten die Ärzte den Urin mit derselben Sorgfalt – orientiert an den Vorgaben Avicennas. Diese Kunst hatte viele Bewunderer. Der Franziskaner Berthold von Regensburg (†1272) etwa pries die Fähigkeit der Ärzte, „an einem Glase des Menschen Nature und seinen Siechtum“ erkennen zu können3). So wurde der durchsichtige Uringlaskolben – die Matula18) – zum Attribut des mittelalterlichen Arztes. Sie galt als das Symbol schlechthin für die hohe Kunst der Diagnostik, die im damaligen Volksverständnis noch an Zauberei grenzte. Gelehrte Mediziner – bis ins Hochmittelalter meist Mönche – betrachteten den Urin in ihren Matulae, hielten ihn gegen das Licht und glichen ihn mit ausführlichen Harnschau-Tabellen ab, als ließe sich daraus mehr erkennen als nur das unmittelbar Sichtbare. Kleinste Farbnuancen wurden dabei unterschieden: von hellgelb über rotgold bis pechschwarz. Jede Farbe signalisierte ein anderes Leiden – pechschwarzer Urin galt dabei als sicheres Todeszeichen4).
Von der Salerno-Schule bis in die frühe Neuzeit wurde die Harnschau als Königsweg der Diagnostik gelehrt. Gleichzeitig regte dieser Fokus auf Urin aber auch Spott an. Paracelsus, der sich bewusst von der etablierten „gelehrten“ Medizin seiner Zeit abgrenzte, verspottete die Harnschauer des 16. Jahrhunderts und bezeichnete sie abfällig als „Pisspropheten“. Er sah sich als Reformator und stellte eigene Beobachtung über die antiken Lehrbücher.
Und auch wenn Paracelsus in vielem Recht hatte – etwa mit der Forderung nach direkter Beobachtung des Patienten anstelle der bloßen Betrachtung von Körperausscheidungen, mit dem Einbezug von Lebensumständen wie Ernährung, Umwelt und Arbeit sowie mit seinem chemisch-alchemischen Verständnis von Krankheit als Störung innerer Prozesse –, legte die über Jahrhunderte hinweg verfeinerte Harnbeobachtung dennoch den Grundstein für spätere wissenschaftliche Methoden1), etwa die Erkenntnis, dass Veränderungen des Urins Hinweise auf die Funktion von Organen wie der Niere geben können.
Von der Harnschau zum Labor – Übergang zur Moderne
Im 17. Jahrhundert begann die Medizin damit, die mittelalterliche Empirie durch naturwissenschaftliche Analyse zu ergänzen. Ärzte wie Thomas Willis erkannten den „wunderbar honigsüßen Geschmack des Urins“ als Anzeichen der Zuckerkrankheit – ein Befund, der zur Diagnose von Diabetes mellitus (= „honigsüßer Durchfluss“) führte5). Zugleich wurden erste chemische Untersuchungen des Urins entwickelt. Zucker und Eiweiß konnten nun erstmals im Harn nachgewiesen werden. Diese frühen Analysen markierten einen Wandel: Was als wahrsagerische Kunst begann, wurde nun zur Grundlage der Laboratoriumsmedizin1). Aus der esoterisch anmutenden Pisspropheterie wurde valide Wissenschaft. Rückblickend lagen die „Pisspropheten“ mit ihrer Harnschau richtiger, als man ihnen lange Zeit einräumen wollte. Schritt für Schritt entstand aus der Harn- und Stuhldiagnostik alter Schule eine immer exaktere Labordiagnostik.
Diagnostik von Stuhl und Urin in der Gegenwart
Heutzutage lassen sich zahlreiche Erkrankungen mithilfe moderner Urinanalysen zuverlässig diagnostizieren. Und dennoch werden auch weiterhin erstaunlich treffsichere Beobachtungen allein durch die Harnschau gemacht. So kann etwa dunkelbrauner, bierfarbener Urin mit hellem Schaum auf eine Hepatitis hinweisen (Bilirubinurie als Zeichen einer Leberentzündung9), schäumender, proteinreicher Urin wiederum auf Nierenschäden (z. B. ein nephrotisches Syndrom).
Auch der Stuhl des Patienten bleibt weiterhin ein wichtiger Untersuchungsgegenstand. Besonders in der Darmkrebs-Früherkennung spielt er eine wichtige Rolle: Moderne immunologische Stuhltests können unsichtbare Blutspuren im Kot nachweisen10). Neben okkultem Stuhl können Stuhlproben auch auf andere Marker untersucht werden – z. B. auf tumorbedingte Enzyme oder DNA-Veränderungen10). Bei Verdacht auf Infektionen dient die mikrobiologische Stuhluntersuchung dem Nachweis von Krankheitserregern. All diese Tests zusammen ergeben ein detailliertes Bild der Krankheit des Menschen.
Aus dem Bauch heraus – was der Darm mit der Psyche zu tun hat
Auch die psychische Gesundheit ist eng mit der Darmgesundheit verknüpft: Viele Patienten mit Autismus oder Schizophrenie leiden beispielsweise an chronischen Verdauungsproblemen. Anhaltender Stress oder Angststörungen können ein Reizdarmsyndrom auslösen12) und auch bei posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) rückt das Mikrobiom als möglicher Mitverursacher immer mehr in den Fokus – Studien legen nahe, dass eine veränderte Darmflora die PTBS-Symptome beeinflussen kann13). Neue Forschungen zur Darm-Hirn-Achse untermauern diese Zusammenhänge: Billionen von Darmbakterien kommunizieren mit dem Gehirn und beeinflussen dabei Gefühle und Verhalten*14).
Die Pflegeassistenz als PissprophetIn – MeisterIn im Zeichenlesen
Hinter der Tätigkeit der Pflegeassistenz verbirgt sich eine stille, aber hochsensible Form medizinischer Beobachtung. Die Pflegeassistenz ist oft die Erste, die Veränderungen in Urin und Stuhl bemerkt – und damit Hinweise auf Entzündungen, Infektionen oder Organversagen erkennt. Mit geschultem Blick und feinem Gespür für Abweichungen wird sie zur modernen PissprophetIn – einer Expertin für das Deuten der ersten Zeichen des kranken Körpers.
Erfahrene PflegeassistentInnen wissen, wenn „etwas nicht stimmt“ – noch bevor Ärztinnen oder Diagnostikgeräte es tun. Und auch, wenn die folgende Aussage für manch Lesenden jetzt esoterisch klingen mag: ihr Blick auf Ausscheidungen kann mit erstaunlicher Präzision den nahenden Tod anzeigen. Das mag unbequem klingen, ist aber Teil einer tiefen Kompetenz, die viel mit Nähe, Vertrauen, Wissen und Erfahrung zu tun hat. Wenn der Stuhl flüssig wird, dann sagt sie: „Der Mensch reinigt sich für seine letzte Reise.“ „Oft“, so sagt sie weiter, „kommt der Tod dann sehr schnell“. Denn wer langsam stirbt, hat wenig Stuhl.
Quellen:
*1) Looking at the Urine: The Renaissance of an Unbroken Tradition – American Journal of Kidney Diseases
*2) Krankheiten am Duft erkennen – Spektrum der Wissenschaft
*3) Uroskopie – Wikipedia
*4) Troubled Waters: Reading Urine in Medieval Medicine — The Public Domain Review
*5) Diabetes Testing: Evolving from Taste to Test
*6) Urinprobe: Was sagt der Test aus?
*7) Urintests verstehen | Gesundheitsinformation.de
*8) Urinkultur – Nachweis einer Harnwegsinfektion – ZAVA / Stuhluntersuchung auf Bakterien: Salmonellen und Co. | Apotheken Umschau
*9) Urintests verstehen | Gesundheitsinformation.de
*10) Darmkrebs-Früherkennung: Wie Stuhltests funktionieren – ZDFheute
*11) Stuhluntersuchung auf Bakterien: Salmonellen und Co. | Apotheken Umschau
*12) The Gut Microbiome and Mental Health: What Should We Tell Our Patients?: Le microbiote Intestinal et la Santé Mentale : que Devrions-Nous dire à nos Patients? – PMC
*13) The Emerging Role of the Gut Microbiome in Posttraumatic Stress Disorder – PMC
*14) The Gut Microbiome and Mental Health: What Should We Tell Our Patients?: Le microbiote Intestinal et la Santé Mentale : que Devrions-Nous dire à nos Patients? – PMC
*15) The Gut Microbiome and Mental Health: What Should We Tell Our Patients?: Le microbiote Intestinal et la Santé Mentale : que Devrions-Nous dire à nos Patients? – PMC
*16) Brain Energy: The Metabolic Theory of Mental Illness | Psychology Today
*17) Pilot study shows ketogenic diet improves severe mental illness
Beitragsbild: ©pixabay.com, @fernandozhiminaicela