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Mit der ICF gegen vorschnelle ADHS-Zuschreibungen


Der Blick auf Förderfaktoren und Barrieren wird die Arbeit an Österreichs Schulen verändern


Avatar von Claudia Bauer

Erstellt am: 14.10.2026
Aktualisiert am: –

Fachbeitrag / Sozialbetreuung: In letzter Zeit mehren sich die wissenschaftlichen Hinweise auf ADHS-Über- und Fehldiagnosen.[1] Das heißt nicht, dass es ADHS nicht gäbe. Aber es heißt, dass nicht jedes auffällige Verhalten automatisch ADHS ist. Zukünftig sollen Fachpersonen das Umfeld mitdenken und ein auffälliges Kind nicht automatisch zum alleinigen Träger des Problems erklären.

Der rein biomedizinische Blick reicht nicht mehr aus

„Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“ – Diese Frage stand lange Zeit im Mittelpunkt der Überlegungen von Lehrpersonen. Im Mittelpunkt der Betrachtung standen biomedizinische Ursachen – also Funktionsstörungen aufgrund von Krankheiten oder Schädigungen. Heute wird die Funktionsfähigkeit des Menschen zunehmend im Zusammenhang mit seiner Umwelt gesehen. Der Frage „Was stimmt mit diesem Menschen nicht?“ wird in modernen Settings eine zusätzliche, psychosoziale Dimension hinzugefügt: „Welche Faktoren behindern diesen Menschen – und unter welchen Bedingungen kann dieser Mensch handeln?“ Daraus entsteht ein völlig neues Bild vom Menschen – ein biopsychosoziales Gesamtbild.

Der biopsychosoziale Blick auf den Menschen löst zunehmend die alleinige Dominanz der rein biomedizinischen Sichtweise ab. Das gilt nicht mehr nur für die Sozialbetreuung, die bereits seit Langem in diesen Zusammenhängen denkt und arbeitet, sondern immer stärker auch für Gesundheits- und Erziehungsberufe. Das neue Modell von Funktionsfähigkeit verwirft Pathologie dabei keineswegs, sondern erweitert sie um ein wichtiges Element: Sie wird gemeinsam mit Umweltbedingungen betrachtet. Diese Verbindung – die WHO bezeichnet sie als biopsychosoziale Synthese – soll zukünftig die Basis für eine gemeinsame Sprache zwischen Fachkräften aus Gesundheits-, Sozial- und Bildungsberufen sein.[2]

Die ICF als gemeinsame Sprache von Fachkräften aus Sozial-, Gesundheits- und Bildungsberufen

Diese gemeinsame Sprache soll mithilfe der „Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“, kurz ICF, abgebildet werden. Die ICF fungiert dabei gewissermaßen als „biopsychosoziales Sprachmodell“, das es Fachpersonen unterschiedlicher Disziplinen ermöglichen soll, sich auf Basis eines gemeinsamen Nenners auszutauschen.

Auch die Rolle von Lehrpersonen wurde bei der Entwicklung der ICF von der WHO berücksichtigt[2] – und das gleich in dreifacher Hinsicht. Einerseits beurteilen Lehrpersonen die Fähigkeiten und Leistungen eines Kindes, andererseits beobachten sie dessen Verhalten im schulischen Alltag. Gleichzeitig sind sie jedoch selbst Teil der sozialen Umwelt, deren Einfluss auf die Funktionsfähigkeit und Teilhabe des Kindes berücksichtigt werden soll.

Eine Lehrperson beobachtet aggressives Verhalten bei einem Kind. Dieses Verhalten kann ein gravierendes Problem darstellen, sowohl für das betroffene Kind selbst als auch für seine Mitschülerinnen und Lehrkräfte. Aber das bedeutet nicht gleich, dass bei diesem Kind eine Störung vorliegt. Dasselbe Kind kann zu Hause ruhig arbeiten, längere Zeit bei einer Sache bleiben und Aufgaben selbstständig erledigen, während es in der Schule unruhig, unkonzentriert oder aggressiv erscheint.

Ein anderes Kind spricht in der Schule kein einziges Wort. Auch dieses Verhalten ist problematisch, denn es verhindert, dass Lehrkräfte die Fähigkeiten des Kindes beurteilen können. Dennoch muss auch diesem Verhalten nicht zwangsläufig eine Störung zugrunde liegen. Dasselbe Kind kann sich innerhalb seiner Familie völlig unauffällig ausdrücken, frei und flüssig sprechen und sich problemlos an Gesprächen beteiligen, während es in seiner Schulklasse kaum ein Wort von sich gibt.

Umweltfaktoren können Förderfaktoren oder Barrieren sein.[2] Für eine Person im Rollstuhl beispielsweise kann die bauliche Umwelt ein erhebliches Hindernis für die gesellschaftliche Teilhabe darstellen. Dieselbe Logik lässt sich auch auf die soziale Umwelt übertragen. So können zum Beispiel auch die Einstellungen von Lehrpersonen Förderfaktoren oder Barrieren sein. Im Handbuch „How to use the ICF“ fordert die WHO daher ausdrücklich, dass auch die Überzeugungen und Einstellungen von Lehrkräften in eine ICF-orientierte Betrachtung einbezogen werden müssen.[2]

In beiden oben skizzierten Beispielen besteht die Aufgabe der Lehrperson darin, sich die Frage zu stellen, welche Faktoren das Kind an der Teilhabe hindern und unter welchen Bedingungen es seine Fähigkeiten entfalten und am schulischen Alltag teilhaben kann. Dabei muss sie auch ihre eigene Rolle kritisch hinterfragen und berücksichtigen, welchen Einfluss ihr Verhalten, ihre Einstellungen und die Gestaltung ihres Unterrichts auf das Kind haben können. Darüber hinaus gilt es, weitere Umweltfaktoren zu untersuchen, die das Verhalten des Kindes beeinflussen könnten. Gibt es Mitschülerinnen, die das Kind mobben oder ausgrenzen? Welche Bedingungen innerhalb der Klasse könnten dazu beitragen, dass das Kind nicht spricht oder aggressives Verhalten zeigt? Und vor allem: Welche Veränderungen sind notwendig, damit dem Kind die Teilhabe am schulischen Alltag gelingt?

Nicht jedes auffällige Verhalten ist eine Störung

Nun beweisen Umwelteinflüsse weder das Vorliegen noch das Nichtvorliegen einer Erkrankung. Studien zeigen aber, warum sie diagnostisch und pädagogisch nicht ausgeblendet werden dürfen. Dass schulischer Kontext tatsächlich Einfluss darauf haben kann, wer eine ADHS-Diagnose erhält, zeigen drei voneinander unabhängige Studien, die in unterschiedlichen Ländern durchgeführt wurden.

  1. Eine große britische Kohortenstudie mit mehr als einer Million Kindern stellte fest, dass die jüngsten Kinder eines Schuljahrgangs eine um etwa 36 Prozent höhere Rate an ADHS-Diagnosen aufwiesen als die ältesten[12]. Das zeigt eindrucksvoll, dass es einen Zusammenhang zwischen der relativen Reife innerhalb eines Klassenzimmers und der Wahrscheinlichkeit einer Diagnose gibt.
  2. Eine deutsche Studie untersuchte 2012 die diagnostischen Entscheidungen von Fachpersonen anhand standardisierter Fallbeispiele. 473 psychiatrisch tätige Fachpersonen nahmen teil. In der Studie erfüllten drei der vier Fallbeispiele die diagnostischen Kriterien für ADHS ausdrücklich nicht. Trotzdem diagnostizierten die Fachpersonen ADHS. Die Diagnose wurde bei Jungen ungefähr doppelt so häufig gestellt wie bei Mädchen. Die Einschätzung der Fachpersonen wurde zum einen also vom Geschlecht des Kindes und zum anderen durch vereinfachte Denkmuster beeinflusst[11].
  3. Noch deutlich umfangreicher ist eine veröffentlichte systematische Scoping-Review aus Australien. Die Autorinnen werteten 334 Studien aus verschiedenen Ländern aus, darunter auch aus Europa. Sie kamen zu dem Schluss, dass es überzeugende Hinweise auf Überdiagnose und Überbehandlung von ADHS bei Kindern und Jugendlichen gibt. Besonders kritisch sahen sie zusätzliche Diagnosen bei Kindern mit milderen Symptomen, bei denen Nutzen und mögliche Schäden einer Diagnose sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen.[12]

Diese Studien sind keinesfalls dahingehend zu interpretieren, dass ADHS lediglich ein Produkt schlechter Schulen, Fachpersonen oder gesellschaftlicher Zuschreibungen sei. Auch die aktuellste Debatte aus Großbritannien bestätigt diese Differenzierung. Eine im Oktober 2026 veröffentlichte Regierungsüberprüfung kommt nicht zu dem Ergebnis, dass es flächendeckend zur Überdiagnostik von ADHS und Autismus kommt. Gleichzeitig warnen die Forschenden jedoch, dass das Risiko von Fehl- und Überdiagnosen zunimmt, und empfehlen einen Wechsel von einem diagnoseabhängigen zu einem bedarfsorientierten Unterstützungssystem. Hilfe soll also nicht erst dann beginnen, wenn ein diagnostisches Etikett vorhanden ist[13].

Auffälliges Verhalten wird vorschnell pathologisiert

Es ist fachlich höchst problematisch, Schwierigkeiten eines Schulkindes vorschnell mit ADHS zu erklären und die Untersuchung der Lern- und Lebensumwelt zu vernachlässigen. Das WHO-Handbuch „How to use the ICF“ hält für den Bildungsbereich ausdrücklich fest, dass Schwierigkeiten beim Lernen nicht nur mit einem körperlichen Problem, sondern auch mit sozialer Benachteiligung oder einen unzureichenden Unterricht zusammenhängen können[2]. Genau das kann mit der ICF strukturiert analysiert und beschrieben werden. Dadurch wird die vorschnelle Gleichung „auffälliges Verhalten = Störung im Kind“ erheblich schwieriger aufrechtzuerhalten.[2] Das ist auch für die Schulassistenz von erheblicher Bedeutung. Sie bekommt mit der ICF ein Instrument an die Hand, mit dem sie z.B. Klassenklima, Unterrichtsgestaltung, Lärm, Leistungsanforderungen, Beziehungen zu Mitschülerinnen, Mobbing, die Haltung von Lehrkräften oder familiäre Belastungen sichtbar machen kann. Damit wird die Sichtweise sozialbetreuerischer Arbeit erstmals systematisch und fachübergreifend sichtbar.

Lehrkräfte sind – ebenso wie Sozialbetreuerinnen – keine Diagnostikerinnen und sollten sich mit Verdachtsäußerungen zurückhalten. Ihre Aufgabe ist nicht, ADHS zu diagnostizieren oder auszuschließen. Ihre Aufgabe ist es, genau hinzusehen und die konkrete Lebens- und Lernumwelt des Kindes ernst zu nehmen – und nicht Verhalten vorschnell zu pathologisieren. Fragen wie „Was gelingt zu Hause, aber in der Schule nicht? Was verändert sich in einer Kleingruppe? Was passiert in einer großen Klasse? Bei welcher Lehrperson tritt ein Problem auf, bei welcher nicht? Welche Mitschülerinnen wirken unterstützend, welche stellen eine Barriere dar?“ liefern fachlich wichtige Hinweise darauf, welche Umstände und Zusammenhänge genauer betrachtet werden müssen. Und mithilfe der ICF lassen sich diese Fragen systematisch untersuchen, die Zusammenhänge analysieren und die gewonnenen Erkenntnisse in einer gemeinsamen Fachsprache beschreiben. Die von den Lehrpersonen ausgemachten förderlichen und behindernden Umweltfaktoren sollten gemeinsam mit den Eltern besprochen werden und gegebenenfalls auch in einen möglicherweise notwendigen diagnostischen Prozess einfließen.

Die ICF leitet eine neue Form von Unterstützung, Betreuung und Erziehung ein

Bislang begegnet die ICF dem Bildungsbereich besonders häufig dort, wo Kinder bereits Entwicklungsschwierigkeiten, Beeinträchtigungen oder einen ausgewiesenen Unterstützungsbedarf haben[5]. Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, die ICF sei grundsätzlich nur für Menschen mit Behinderungen entwickelt worden. Das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte weist in seiner offiziellen deutschen ICF-Fassung ausdrücklich auf dieses Missverständnis hin: Die ICF kann auf alle Menschen bezogen werden.[14] Auch bei einem Kind ohne Behinderung kann die Schule nicht mehr gedanklich aus der Gleichung verschwinden, sobald es Schwierigkeiten zeigt. Das Verhalten des Kindes muss gemeinsam mit den Anforderungen der Schule und der Qualität seiner Umwelt betrachtet werden. Das verhindert, dass eine medizinische Diagnose zum bequemsten Zugang zu Unterstützung wird.

Die ICF bietet einen Zugang, der im schulischen Alltag bisher dringend gefehlt hat: eine systematische Möglichkeit, den Menschen nicht mehr von seiner Umwelt zu trennen. Je mehr sich die ICF in der Praxis etabliert, desto mehr wird in Fachkreisen ein Umdenken einsetzen, das nicht nur die Schulen zu grundlegenden Veränderungen herausfordern wird.

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Quellen:
[1] Overdiagnosis of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents, Luise Kazda (Zugriff: 10.10.26)
[2] How to use the ICF, WHO (Zugriff: 10.10.26)
[3] Bedarfsplanung von Einrichtungen für Menschen mit intellektueller Behinderung in Niederösterreich, Selma Sprajcer, WU Wien im Auftrag des Landes NÖ (Zugriff: 12.10.26)
[4] Multimodales Therapiekonzept nach ICF, BBRZ MED, Zentrum für seelische Gesundheit, Vorteile der ambulanten Rehabilitation (Zugriff: 12.10.26)
[5] ICF-PLAN – ICF-gestützte Förder- und Entwicklungspläne in Schulen, InfoPro – Im Auftrag des Projekt-Konsortiums „Common Inclusive Language“ (Zugriff: 12.10.26)
[6] Weitere Angebote – ICF-Dokumentation, Wohnhaus Wernberg (Zugriff: 12.10.26)
[7] Weitere Angebote – ICF-Dokumentation, Tagesstätte Wernberg (Zugriff: 12.10.26)
[8] ICF-Handbuch (Land Kärnten) – Planung und Dokumentation im Bereich Menschen mit Behinderungen, Diakonie de La Tour / Akademie de La Tour (Zugriff: 12.10.26)
[9] ICF & gemeinsame Sprache, ASSIST Wien & Niederösterreich (Zugriff: 12.10.26)
[10] Chancengleichheitsprogramm für die Hauptleistung Frühförderung gemäß § 10 Oö. ChG, Verordnung der Oö. Landesregierung, RIS (Zugriff: 12.10.26)
[11] ‘Is ADHD diagnosed in accord with diagnostic criteria? Overdiagnosis and influence of client gender on diagnosis’, Bruchmüller, K., Journal of Consulting and Clinical Psychology. (Zugriff: 13.10.26)
[12] Association of Relative Age in the School Year With Diagnosis of Intellectual Disability, Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder, and Depression, Adrian Root et al, jamanetwork (Zugriff: 13.10.26)
[13] ‘Not everyone with ADHD and autism traits needs a diagnosis, major review finds’, Thomas, R. (2026), The Independent (Zugriff: 13.10.26)
[14] Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit – Geltungsbereich der ICF, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (Zugriff: 13.10.26)
[15] Towards a Common Language for Functioning, Disability and Health: ICF, World Health Organization (WHO) (Zugriff: 13.10.26)


Beitragsbild: ©pixabay, @TyliJura

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