Zum Inhalt springen
Startseite » Pathologie für die Pflegeassistenz » Schmerz: Ein komplexes biopsychosoziales Phänomen

Schmerz: Ein komplexes biopsychosoziales Phänomen

Aufbereiteter Lehrinhalt, Fach Pathologie


14.05.2026

Aufbereiteter Lehrinhalt: Das Thema Schmerz gehört nicht primär zur Pathologie, sondern ist ein Symptom bzw. Leitsymptom vieler Erkrankungen. Dennoch besteht ein enger Zusammenhang zur Pathologie und wird daher in der Pathophysiologie erklärt.

Definition

• unangenehme sensorische und emotionale Erfahrung (WHO)
• biopsychosoziales Phänomen
• man unterscheidet akuten und chronischen Schmerz
• akut: Warn‑ und Schutzfunktion für eine Gewebeschädigung, löst eine Verhaltensanpassung (Schonung) aus (WHO)
• chronisch: hat den direkten Bezug zum auslösenden Ereignis verloren
• die Einstufung der Schmerzintensität erfolgt immer durch den Patienten
• der Schmerz existiert, es ist unerheblich, ob er nachweisbar ist oder nicht

Schmerz ist ein biopsychosoziales Phänomen:
Biologische Ebene: Gewebeschädigung, Entzündungen und die Aktivierung von Nozizeptoren
Psychologische Ebene: Angst, Stress, Trauer, Verzweiflung, frühere Erfahrungen (z.B. chronische Schmerzkrankheit)
Soziale Ebene: Umfeld, kulturelle Einflüsse (z.B. somatoformer Schmerz, ist kein „eingebildeter Schmerz“)

Schmerz = Körper + Psyche + Umfeld

Arten von Schmerz

Schmerzformen

nach zeitlicher Dauer:
– akut
– chronisch
• nach Mechanismus:
– nozizeptiv (schmerzreizbedingt)
– neuropathisch (nervenbedingt)
– psychosomatisch (psychisch bedingt)

Nozizeptorschmerzen gehören zu den „klassischen“ (patho-)physiologischen Schmerzen.

Akuter Schmerz

• plötzlich beginnend
• zeitlich begrenzt
• in engem Zusammenhang mit einer aktuellen Gewebereizung oder ‑schädigung (z. B. Verletzung)
• Beispiel: Herzinfarkt (Myokardinfarkt); Gefäßverschluss → Ischämie → Nekrose von Herzmuskelgewebe → Brustschmerz

Chronischer Schmerz

> 3 Monate
• persistierend oder rezidivierend
• häufig wird chronischer Schmerz zum dominierenden klinischen Problem mit eigenem Behandlungsbedarf (= neuropathischer Schmerz)
• eigenständiges Krankheitsbild: chronisches Schmerzsyndrom

Unterschied chronischer – akuter Schmerz
Akuter Schmerz steht meist im direkten Bezug zu einer akuten Ursache (z. B. Wundschmerz) und wirkt als Warnsignal.
Chronischer Schmerz nicht. Chronischer Schmerz hält länger als 3 Monate an. Akuter Schmerz nicht.

Nozizeptiver Schmerz

wird in…
– somatische (Wunden, Knochenbrüche) und
– viszerale (Organe) Schmerzen
…unterteilt.

Somatischer Nozizeptorschmerz ist gut lokalisierbar und steht mit Gewebeschädigungen in Verbindung (Haut, Schleimhaut, Muskeln, Knochen, Gelenke). Viszeraler Nozizeptorschmerz ist schlecht lokalisierbar und steht mit der Gewebeschädigung von Organen in Verbindung.

Neuropathischer Schmerz

• entsteht infolge einer Schädigung im Nervensystem (Nervenfasern)
• Ursachen sind z.B. Diabetes (z.B. diabetische Neuropathie), Amputationen (Phantomschmerzen) oder eine Querschnittlähmung
• Neuropathische Schmerzen werden häufig chronisch

Psychosomatischer Schmerz

• hat psychologische, seelische und/oder soziale Faktoren als Ursache
• Emotionen aktivieren ähnliche Hirnareale wie somatisch bedingte Schmerzen

Körperliche Reaktionen auf Schmerz

• Schonhaltung / Schonatmung
• Unruhe
• vegetative Reaktionen: Schwitzen, Tachykardie
• Funktionsbeeinträchtigungen / Funktionsverlust (functio laesa)

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Wie heißen die 5 Entzündungszeichen?💡🧩 🪢

Pathogenese, Pathophysiologie von Schmerz

Ein Schmerzreiz wird über die Nervenbahnen zum Rückenmark und weiter zum Gehirn geleitet (afferent). Das Gehirn setzt Entzündungs‑ und Schmerzbotenstoffe frei (z.B. Serotonin, Histamin und Prostaglandine). Das gilt sowohl für nozizeptive als auch für neuropathische Schmerzen. Beim nozizeptiven Schmerz kommt es in weiterer Folge zu den klassischen Entzündungszeichen, was beim neuropathischen Schmerz nicht typisch ist (auch nicht beim psychosomatischen).

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Was sind afferente und was efferente Nerven?💡🧩 🪢

Diagnostik / Schmerzeinschätzung

Die Einstufung der Schmerzintensität erfolgt durch den Patienten

  • durch Schmerzskalen
  • Schmerz kann nicht beobachtet oder gemessen werden

Ausnahme: Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit – spezielle Beobachtungsskalen

Schmerzqualität

Oft gibt die subjektive Schmerzempfindung bereits einen Hinweis auf die Ursache.

• affektive Schmerzqualität (heftig, quälend, lähmend, vernichtend usw.)
• sensorische Schmerzwahrnehmung (stechend, brennend, drückend, ziehend usw.)

Nozizeptorschmerzen haben häufig eine drückende, stechende, bohrende oder ziehende Qualität. Nozizeptive, inflammatorisch bedingte Schmerzen sind charakteristischerweise pulsierend, pochend oder hämmernd.
Neuropathische Schmerzen werden hingegen meist als einschießend, kribbelnd, brennend oder elektrisierend beschrieben.
Psychosomatische Schmerzen werden oft mit sehr ausdrucksstarken affektiven Attributen beschrieben.

Beobachtungsmerkmale, die auf Schmerzen hinweisen

wichtig bei Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit:

• Veränderungen der Mimik
• Lautäußerungen
• Körpersprache
• Schonhaltung
• Schutz‑ bzw. Abwehrbewegungen
• Unruhe
• reduzierte Mobilität
• reduzierte Funktionsfähigkeit 

Schmerzunempfindlichkeit

• verändert die Interpretation von Schmerzberichten
• kann auf eine Erkrankung hinweisen, z.b. bei Diabetes‑bedingter Neuropathie reduziertes Schmerz- und Temperaturempfinden
• in seltenen Fällen angeboren (Analgesie)
• erhöht das Risiko unbemerkter Verletzungen

🫏 Eselsbrücke: Analgetika (Schmerzmittel) – Analgesie – Schmerzfreiheit (durch Medikamente), Schmerzunempfindlichkeit (Erkrankung) 🫏

Schmerzverhalten

Schmerzschwelle: der Punkt, ab dem ein Schmerzreiz als schmerzhaft empfunden wird
Schmerztoleranz: der Punkt, bis zu dem ein Mensch keine Analgetika benötigt, um mit den Schmerzen zurechtzukommen

Schmerzskalen

Für die Arbeit mit den Schmerzskalen ist gute Kommunikationsfähigkeit wichtig. 

Schmerzskalen für Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit

  • BESD (z.B. Demenzpatienten)
  • ECPA (eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit – z.B. Menschen mit Behinderung)

Schmerztherapie

Analgetika

  • schmerzstillende Medikamente („analgetische Wirkung“, „P/B wird analgetisch behandelt“)
  • Wirkung:
    • am Ort der Schmerzentstehung – „peripher“ (nicht-opioide Analgetika)
    • im Gehirn und Rückenmark – „zentral“ (Opioide) 

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Welches Risiko besteht bei der Einnahme von zentral wirkenden Analgetika? Auf wie viele Tage sollte die Einnahme deshalb beschränkt bleiben?💡🧩 🪢

Gruppen von Analgetika

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: In welche 3 Gruppen teilt die WHO Analgetika ein?💡🧩 🪢

Pflege und Schmerzmanagement

  • die Pflege:
    • dokumentiert Schmerzen, Schmerzcharakter, subjektive Schmerzerfahrung und Verlauf
    • evaluiert Maßnahmen
    • beobachtet Nebenwirkungen

🪢 🧩💡Erinnerungsknoten: Die 6-R-Regel beachten! Wie lautet diese?💡🧩 🪢

Ausscheidung beobachten

Nicht-opioide Analgetika
• z.B. Paracetamol
• Magen, Nieren und Leber beobachten:
Schädigung des Magens (Stuhlbeobachtung: Blut im Stuhl, Meläna, Nausea, Schmerzen im Abdomen)
Schädigung der Nieren (Harnbeobachtung: Oligurie, konzentrierter oder trüber Urin, Makrohämaturie)
Schädigung der Leber (Harnbeobachtung: bierbrauner bis dunkelbrauner Urin → Bilirubinurie
• bei längerfristiger Anwendung von Analgetika: regelmäßige Kontrolle von Leber- und Nierenwerten
nicht nüchtern einnehmen: nüchterne Einnahme begünstigt Magen-Darm-Beschwerden

Opioide

• z.B. Tramadol, Codein, Morphin
• Sedierung
• Obstipation
• Atemdepression (Notfall!)
• Beobachtung der Darmfunktion: sehr häufig opioidinduzierte Obstipation (deshalb werden zur Obstipationsprophylaxe oft gemeinsam mit Opiaten Laxanzien verabreicht)
• Obstipationsprophylaxe Basismaßnahmen

Dokumentation: Regelmäßige Schmerzerfassung

  • Element des Schmerzmanagements und Grundlage einer wirksamen Schmerztherapie
  • dokumentiert: Ausgangslage, Verlauf, Wirkung, Nebenwirkungen – daraus leitet sich ggf. die Notwendigkeit von Therapieanpassungen ab
  • daraus kann eine visuelle Darstellung (Schmerzkurve) abgeleitet werden
  • Basis von Therapieanpassung (z.B. Nebenwirkungen)
  • Qualitätssicherung und rechtliche Absicherung

Auch Positionierung und Mobilisation sind schmerzrelevant

  • Regelmäßige Positionierung und Mobilisation wirken direkt auf Gewebe, Gelenke und Nerven
  • Immobilität → Schmerzverstärkung bei chronischen Schmerzen – Mobilisation
  • Schonhaltung → Schmerzverstärkung
  • zu lange in einer Position → Schmerzverstärkung
  • Bewegung kann akute Schmerzen verstärken (z. B. bei Ischämie, Entzündung), chronische Schmerzen aber verbessern

Schmerzreduktion bei pflegerischen Maßnahmen
Schon das Spannen der Haut, das Stabilisieren der Vene sowie der seitliche Stich an der Fingebeere können schmerzbezogene Belastungen reduzieren. 

Persönliche Dokumentation: Das Schmerztagebuch

  • für Schmerzpatienten
  • erfasst die subjektive Schmerzintensität zu vorgesehenen Zeitpunkten und zu schmerzverstärkenden oder schmerzlindernden Aktivitäten (z.B. Einnahme von Schmerzmitteln)
BegriffBedeutung
akutplötzlich
AnalgetikaSchmerzmittel (Medikamente), Schmerzunempfindlichkeit (Erkrankung)
AtemdepressionAtemdämpfung
BESDSchmerz Beobachtungsskala Demenz
Codeinschwaches Opioid
diffusungenau begrenzt
DolorSchmerz
ECPASchmerz Beobachtungsskala Menschen mit Behinderung
Fentanylstarkes Opioid
HistaminGewebshormon
AnalgesieSchmerzfreiheit, auch Schmerzunempfindlichkeit (Erkrankung)
lokalörtlich
LaxanzienAbführmittel
Morphinstarkes Opioid
Makrohämaturiesichtbares Blut im Urin (Gegensatz: okkultes Blut = nicht sichtbar)
NeuropathieNervenschädigung
neuropathischnervenbedingt
nozizeptivschmerzreizbedingt
NozizeptorenSchmerzrezeptoren
NSARnichtsteroidale Antirheumatika
opioidinduziertdurch Opioide verursacht
Opioidezentralwirksame Schmerzmittel
Paracetamolnicht-opioides Analgetikum
ProstaglandineEntzündungsbotenstoffe
ProtonenpumpenhemmerMagensäureblocker
rezidivierendwiederkehrend
SedierungBeruhigung
sensorischdie Sinne betreffend
sensorische NeuronenSinnesnervenzellen
SerotoninBotenstoff
somatischden Körper betreffend
Tramadolschwaches Opioid
VASvisuelle Analogskala
vegetativunwillkürlich gesteuert
viszeraldie Eingeweide betreffend
WHO-Stufenschemadreistufiges Schmerzmodell

Bild: ©pixabay, @kiri856
Grafiken: KI